175 Jahre organisierter Humanismus in Baden-Württemberg

WEIMAR. (fgw) Im September 1845 wurde auf der Silberburg in Stuttgart der Vorläufer des heutigen Verbandes „Die Humanisten Baden-Württemberg“ gegründet und zwar unter dem Namen „Deutschkatholische Gemeinde“; ab 1847 „Freie christliche Gemeinde“, ab 1859 „Freireligiöse Gemeinde“, ab 1914 „Württembergischer Freidenker- und Monistenbund“ als Zusammenschluss mit den 1882 gegründeten „Freidenkerbund“ und dem „Monistenbund“.


Vorangegangen war vom 15. bis 17. September 1845 die „erste deutschkatholische Synode der süd- und westdeutschen Kirchenprovinz" in Stuttgart mit einem Besuch von Johannes Ronge. Ronge wurde „begeistert gefeiert am Abend des 17. Septembers durch mehrere tausend Menschen vor seiner Unterkunft auf dem Dorotheenplatz, um ihm eine Nachtmusik darzubringen. Von seinem Gastgeber Carl Mercy erhielt Ronge an diesem Tag ebenfalls ein Geschenk", ein Kelch mit Eingravierungen, der sich heute als Exponat in der Dauerausstellung „Landesgeschichten" im Haus der Geschichte Baden-Württemberg befindet.

 

Johannes Ronge gilt als Gründer der „Deutschkatholischen Bewegung". Protestantische „Lichtfreunde" ab 1841 und die gemischtkonfessionellen „Deutschkatholiken" ab 1844 sammelten die bis dahin größte Kirchenaustrittsbewegung in „Freien Gemeinden", bis 1848 mit über 100.000 Mitgliedern.

 

Schon im März 1845 hatten sich schon in Stuttgart und Esslingen durch Initiative von Heinrich Loose (1812-1862) eigene Ortsgemeinden gegründet. Die „Landesgemeinde" wuchs an und beschäftigte einen einzigen hauptamtlichen „Prediger", Johann Friedrich Albrecht (1818-1890) von 1846 bis 1885, der den verbandseigenen Versammlungsraum in Ulm und die Gemeinden in Stuttgart, Ulm, Esslingen, Friedrichshafen und Biberach betreute. Albrechts „Einweihung" vollzog 1846 Heinrich Loose. Eine gedruckte Broschüre (Basel 1846) dokumentierte die „Antrittspredikt von Friedrich Albrecht, deutsch-katholischer Pfarrer zu Ulm bei seiner durch Heinrich Loose, deutsch-katholischer Pfarrer in Esslingen vollzogenen Einweihung nebst der Einweihungs-Rede des Letztern". Loose wie Albrecht sollten in der Revolution 1848/1849 aktive Rollen spielen und als politische Gefangene den Hohenasperg von innen kennenlernen müssen (Loose 1850/51 und Albrecht wegen „Pressevergehen" 1866).

 

Heinrich Ludwig Loose

Heinrich Ludwig Loose, der am Anfang unserer Organisationsgeschichte in Baden-Württemberg steht, sollte daher etwas genauer dargestellt werden. Der spätere Theologe, Dissident, Freireligiöse Prediger, Dichter, Journalist und Redakteur, Autor, Lehrer, Revolutionär und politische Gefangene, Chronist der Revolution, zum Tod verurteilt und zum Exil gezwungen, wieder Redakteur und Lehrer u.a. - wurde geboren am 16. Mai 1812 in Stuttgart. Sein Vater war Hofschlosser und ein Anhänger des französischen Frühsozialisten Charles Fourier (1772-1837), der im deutschen Südwesten beachtlich viele Anhänger hatte. Gleichzeitig blieb der Vater aber „gläubiger Lutheraner, kam dem Vorschlag des Pfarrers nach und bestimmte, dass sein erstgeborener Sohn Priester werden müsse." Loose besuchte Klosterschulen und studierte evangelische Theologie und deutsche Literatur in Tübingen bis 1843. Seine Neigungen lagen aber eher auf den Gebieten Mathematik und Geschichte. Als ein recht „sinnenfroher" Mensch, war ihm die strenge Disziplin im Tübinger Stift völlig fern. Er schrieb und publizierte Gedichtbände. Als Mitglied einer revolutionären Burschenschaft nahm er am 6. Juni 1833 in Tübingen an einer Gedenkfeier für die Opfer des Pariser Aufstands teil. Die Polizei verhaftete 94 Teilnehmer, darunter auch Loose. Er konnte zwar sein Studium noch abschließen und Vikar werden, stand aber fortan unter misstrauischer Beobachtung. Die Kirchenleitung schikanierte ihn dadurch, dass sie ihn elf Jahre lang keine gesicherte berufliche Existenz bot und ständig in abgelegene Dörfer versetzte. In dieser Zeit war er auch insgesamt über drei Jahre arbeitslos und lag der Familie auf der Tasche. An eine Heirat mit der Verlobten war unter dieser unsicheren Existenz nicht zu denken. Die zunehmende psychische Belastung führte zu einem Nervenzusammenbruch.

 

Abschied von der Kirche

Nach seiner Genesung begann er sich von der reformunfähigen evangelischen Kirche zu lösen. Anfang 1845 brach er mit der evangelischen Kirche und trat der deutschkatholischen Bewegung von Johannes Ronge bei. Hatte er als Theologe noch national-patriotische Überzeugungen („Unser ursprüngliches Volk, frisch und gesund an Leib und Seele, mit tiefer unerschöpflicher Lebenskraft, erst eingetreten in das Mannesalter, eingestandenermaßen Kopf und Herz, Spiegel und Schule der anderen Völker, der geistige Repräsentant der Menschheit, hat die Bestimmung, die Menschheit christlich zu vollenden ...") fand Loose nunmehr seine weltanschauliche Heimat bei den freireligiösen Demokraten, die über die Veränderung der Religion die Gesellschaft demokratisieren wollten. In den folgenden Jahren arbeitete er als freireligiöser Prediger, Lehrer und Journalist. Seine Auseinandersetzung mit der überwundenen Kirche fand Ausdruck in seinen Schriften „Geschichte des deutschen Christenthums und der Volkskirche von den Anfängen des germanischen Lebens bis auf heute. Eine Rede an das Volk" (Breslau 1845) und in „Der moralische und wissenschaftliche Selbstmord des Katholischen Reformators Dr. Th. Anton Theiner" (Breslau 1846). Der 1822 ordinierte katholische Priester Johann Anton Theiner (1799-1860) in Breslau war gemeinsam mit Johannes Ronge Kirchenreformer und wechselte zur deutschkatholischen Bewegung. Nach 1848 zog er sich aus der Bewegung zurück und wurde Bibliothekar.

 

In dieser Zeit erfolgte auf Looses Initiative im März 1845 die Gründung der „Deutschkatholischen Gemeinden" in Stuttgart und Esslingen (trotz des Namensbestandteils „katholisch" waren die meisten Mitglieder ehemals evangelisch gewesen und sprachen von der Notwendigkeit einer „neuen Reformation").

 

Zeitungsmacher

Heinrich Loose arbeitete als Journalist und Redakteur, gab 1845 in Stuttgart die Zeitschrift „Schwäbisches Museum. Familienblatt zur Unterhaltung und Belehrung und zur Besprechung vaterländischer Interessen" heraus und 1846 in Esslingen „Die neue Zeit. Volksblatt zur Unterhaltung, Belehrung und Besprechung vaterländischer Interessen". Anlässlich einer Reise durch Schlesien auf Einladung Ronges und angesichts des Elends der Hausweber dort(welches er auch schon vorher in der Gegend von Nagold kennengelernt hatte) erkannte Loose die dringende Notwendigkeit die soziale Frage zu lösen. In Esslingen gab Loose ab 1846 die Zeitschrift „Die neue Zeit" heraus. Das Blatt erschien fünf Mal in der Woche und stand auf demokratischer und freireligiöser Grundlage. Autoren, die später Berühmtheit erlangen sollten, wie Hermann Kurz (1813-1873, damals noch mit ‚tz‘ geschrieben) und Johannes Scherr (1817-186) und der utopische Kommunist Christoph Friedrich Grieb (1810-1861) aus Sindelfingen, der in der „Neuen Zeit" als Fortsetzungsreihe seine politische Schrift „Die Organisazion der Arbeit betreffend" (siehe Abb.) veröffentlichte. Grieb hatte in Texas ein sozialistisches Siedlungsprojekt Fouriers unterstützt und dort gelebt. Nach dem Scheitern des Projekts war er nach Stuttgart zurückgekehrt und unterstützte den ersten Arbeiterbildungsverein in Stuttgart und den Zentralverband der württembergischen Handwerkervereine in Esslingen.

 

Demokratischer Verein 1848

Loose engagierte sich für die sozialistischen Ideen Fouriers und das freie religiöse Denken. Als 1848 die revolutionäre Bewegung in Schwung geriet, trat Loose mit anderen entschiedenen Republikanern in Stuttgart dem „Demokratischen Verein" bei und wurde hier einer der hervorragendsten Volksredner. Schon im Sommer 1848 wurde der Verein durch die Staatsgewalt aufgelöst. Im Oktober 1848 erhielt Loose eine Berufung als deutschkatholischer Prediger und Lehrer einer Freien Schule in die (damals noch bayerische) Pfalz nach Neustadt an der Haardt (heute „an der Weinstraße").

 

Revolution in Pfalz und Baden

Als die Revolution in den meisten deutschen Ländern schon niedergeschlagen war - und der prominente Freireligiöse Robert Blum (1807-18489), der als Repräsentant des Parlament trotz Immunität in Wien am 9. November 1848 standrechtlich erschossen wurde -, erhob sich im Frühjahr 1849 noch einmal eine „Reichsverfassungskampagne", die die Verfassung des Parlaments in der Frankfurter Paulskirche durchsetzen wollte. Im Frühjahr 1849 erhob sich die Pfalz und Mitte Mai das Volk und die Armee in Baden. Loose wurde zum Anführer des entschlossenen radikalen Flügels der Bewegung und organisierte in Neustadt die Arbeiter. Am 27. April 1849 forderte Loose „zur Ergreifung der Waffen" auf. Mit Philipp Hepp (1797-1867, Arzt und bereits als Festredner beim Hambacher Fest 1832, „Finanzminister" der Revolutionsregierung in der Pfalz) und anderen rief Loose am 2. Mai 1849 in Kaiserslautern „mit einer roten Fahne" die „Republik" aus. Loose gab eine sozialistische Zeitung heraus, der „Pfälzer Volksmann. Ein demokratisches Kreuzerblatt". Am 12. Juni 1849 wurde er zum „Zivilkommissär" ernannt und sollte mit 1.000 Mann badischer Volkswehr die Stadt Wimpfen besetzen. Doch viel Zeit blieb den Demokraten nicht. Im Juni 1849 überrannte die Konterrevolution in Form preußischen Militärs die Demokratiebewegung und die „Demokraten-Armee" musste übr den Rhein nach Baden fliehen - und von dort nach der Schweiz. Heinrich Loose verarbeitete seine Erfahrungen der deutschen Revolution in seiner anonymen Satire „Die wandernde Barrikade oder: die württembürgische, pfälzische und badische Revolution. Wohlgeleimt und gereimt in drei Aufzügen mit der ganzen türkischen Musik. Von einem Schock ungehängter Hochverräter" (Bern 1849) und in seinem umfangreichen Buch "Der deutsche Reichsverfassungskampf. Schlachtenbilder" (Reutlingen, Leipzig 1852).

 

Am Freiheitskampf der Pfälzer und Badener - und an deren Niederlage - nahmen zahlreiche prominente Freigeister teil, die dann auch Gefangenschaft, Repressionen und Exil zu tragen hatten: Adolf Wislicenus (1803-1875), Eduart Baltzer (1814-1887), Julius Rupp (1809-1884), Theodor Hofferichter (1815-1887), Otto von Corvin (1812-1886, der Autor des Pfaffenspiegel, 1845) u.a. Johannes Ronge musste nach England fliehen. Im Südwesten waren es Amalie (1824-1862) und Gustav Struwe (1805 -1870), Friedrich Hecker (1811-1881), Josef Fickler (1808-1865), Ludwig Schaller (1824-1860), Ludwig Pfau (1821-1894), Georg Herwegh (1817-1875) u.a.

 

Schweizer Exil und Hohenasperg

Nach einem halben Jahr im Exil in der Schweiz kehrte Loose im März 1850 nach Württemberg zurück. Er wurde verhaftet und auf dem Hohenasperg vom 15. März 1850 bis 14. Juli 1851 inhaftiert. In einem Fahndungsbuch stand: „Loose gehört zu den Anhängern der Republik in gefährlichster Fraktion, ist flüchtig." Am 29. Juni 1850 wurde Loose wegen „Hochverrat und Landesverrat" in Zweibrücken angeklagt und zur Todesstrafe verurteilt. Der Vollzug wurde unter der Bedingung ausgesetzt, dass er Württemberg umgehend verlassen und nach den USA auswandern müsse. In seiner Zeit als Gefangener hatte er an „Der deutsche Reichsverfassungskampf" geschrieben und an seinem religionskritischen Werk „Der Prophet von Nazareth der politische und sociale Reformator seines Volks. Ein unpartheiisches Geschichtsbild aus den vier Evangelien erhoben" (Tübingen 1852).

 

In Amerika

Als Geflüchtete fanden sich als in den USA viele Mitkämpfer der südwestdeutschen Revolution wieder: Mathilde Franziska Anneke (1817-1884, bekannte Frauenrechtlerin und Leiterin einer Freien Schule), Fritz Anneke (1818-1872), Carl Schurz (1829-1906, wurde in den USA General und Innenminister), Friedrich Hecker, Gustav und Amalie Struwe, Otto von Corvin und August Willich. In der amerikanischen Freidenkerbewegung spielten von diesen freigeistigen „Fourty-Eighters" dann weiterhin eine wichtige Rolle: Karl Heinzen (1809-1880), Carl Lüdeking (1819-1885), Eduard Schröter (1811-1888), Friedrich Schünemann-Pott (1826-1891), sowie die Württemberger Rudolph Puchner (1829-1913) aus Beutelsbach, Johann Straubenmüller (1814-1897) aus Schwäbisch Gmünd und Edmund Märklin (1816-1892) - die letzten drei hatten ähnliche Verfolgungsgeschichten wie Heinrich Loose durchleben müssten und wurden in Amerika vielbeachtete Dichter und Publizisten.

 

In den USA betätigte sich Loose wieder als freireligiöser Prediger, Lehrer und Redakteur. 1852 wurde er Gründer und Sprecher des „Verein der freien Menschen" in Williamsburg (Brooklyn, New York). 1853 erhielt er das Amt eines Sprechers bei der Freien Gemeinde in Milwaukee (Wisconsin). Zusätzlich übernahm er ab dem 22. Mai 1853 die Herausgabe der Zeitschrift „Der Humanist: Ein Organ für die Freien Gemeinden und Freien Schulen, die Pflegerinnen der Humanität".

 

Finanzielle Probleme führten aber bereits am 16. Oktober 1853 zur Einstellung der Zeitschrift. Loose wurde jetzt Lehrer bei der „Freien Schule". Ab 1855 gab Loose die sozialistische Zeitung „Der Arbeiter" in Milwaukee heraus. Mit dem Arbeiterführer August Willich (1810-1878, ebenfalls ein ehemaliger Führer der Aufständischen während der Badischen Revolution und später General der Unionsarmee im Sezessionskrieg) hatte er bereits 1853 den „Sozialistischen Turnverein" in Milwaukee gegründet.

 

Ende in Krankheit

Die Entbehrungen und die Haftzeit hatten Heinrich Loose aber erschöpft und seine Gesundheit dauerhaft untergraben. Sein altes Nervenleiden kehrte zurück, sodass er von 1856 bis zu seinem Tod am 15. August 1862 in einem „Armen- und Irrenhaus" in Flatbush verbringen musste. - Ein kurzes aber ereignisreiches und lehrreiches Leben.

 

 

Heiner Jestrabek

 

 

(Anmerkung: Auf Fußnoten, Quellen und weiterführende Literatur wurde wegen besserer Lesbarkeit hier verzichtet.)

 

 



 
07.06.2020

Von: Heiner Jestrabek
 
 
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