5000 Jahre Mythos und Macht: Von ISIS zu Jesus und Maria

WEIMAR. (fgw) Eine Ägypten-Reise führte den Naturwissenschaftler Harald Specht vor mehr als einem Dutzend Jahren auch zum Isis-Tempel von Philae. Und dort hatte Specht ein Erlebnis, das ihn für lange Zeit nicht mehr in Ruhe lassen sollte: Im Allerheiligsten der altägyptischen Göttin Isis waren christliche Symbole in deren Reliefs eingemeißelt worden und damit eine Jahrtausende alte Kulturaussage vernichtet. Und erstaunt mußte Specht vor Ort dazu noch dies feststellen: daß die christliche Ikone der Maria mit dem Jesus-Kind nichts anderes als eine Kopie der viel älteren Darstellung der Göttin Isis und ihres Sohnes Horus ist. Harald Specht begab sich also auf Spurensuche, in deren Ergebnis das Buch „Von Isis zu Jesus“ entstanden ist; in erster Auflage bereits 2004 im Leipziger Universitätsverlag ediert.


Zunächst führt der Autor hier in die Geschichte der alten Hochkultur am Nil ein. Ausführlich geht er mit Blick auf die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen auf das Werden der altägyptischen Religion(en) ein und stellt im Detail die Götterfamilie(n) vor. Diese entwickelten sich regional, verschmolzen zu einer Reichs-Religion und absorbierten in nicht geringem Maße Einflüsse aus den benachbarten vorderasiatischen Hochkulturen. Welche religiösen Vorstellungen gab es? Welche Rolle übten die Priester aus? Welches war der Status des Königs/des Pharaos? Welche Rolle spielten eigentlich Naturbeobachtungen (Nil und Gestirne) bei der Herausbildung von Religion und Götterfamilie? Welche Rituale gab es? Dies vor allem in Bezug auf den Tod und das Danach? Wirkten sich altägypische Mythologien und Riten auf andere Religionen aus? Wenn ja, wie z.B. auf Judentum, antikes Griechenland und Christentum?

 

Spechts gefundene Antworten detailliert vorzustellen, würde den Rahmen einer Rezension sprengen. Deshalb mögen für die quellenbasierten Inhalte vieler Kapitel nur deren Titel und einige der Zwischenüberschriften stehen:

 

2. Ägypten - Heimat einer Göttin: Der Nil - alles Gute kommt vom Wasser. Schöpfung auf ägyptisch.

3. Inzest auf höchster Ebene - Isis' göttliche Herkunft: Würfelspiel um die Zeit. Alles nur Mythos?

4. Von der Muttergöttin zur Gottkönigin: Magna Mater. Jungfrau - Mutter - Greisin, Isis als dreifaltige Mondgöttin. Isis lactans, Gebärende und Stillende.

5. Ein Klassiker unter den Krimis - Der Tod des Osiris: Osiris der Kulturbringer. Brudermord am Nil [Vorbild für den Mythos von Kain und Abel; SRK]. Isis und Osiris, vom Königspaar zum Götterduo?

6. Wie im Himmel also auch auf Erden: Sternbilder auch auf unserer Erde? Das Goldene Zeitalter der Himmelsgötter.

7. Ein göttlicher Liebesakt - Die Zeugung des Horus: Das mysteriöse Liebesleben der Götter. Hinter verschlossenen Tempeltüren.

8. Eine ungewöhnliche Gerichtsverhandlung

9. Knorrige Verzweigungen im Familienstammbaum - Auch die Götter hatten keine weißen Westen.

10. Von der Gottkönigin zur Universalgöttin: Osiris und der Totenkult. Was bleibt, ist Isis.

11.Gemischtwaren für Athen und Rom - Isis und der große Göttermix: Auch Alexander will Gott sein. Kleopatra, die lebende Isis.

Diese Kapitel vermitteln kurz gefaßt, aber sehr präzise, ein doch recht umfassendes und komplexes Bild vom Alten Ägypten. Sie sind auch für normalgebildete Menschen im Hier und Heute verständlich und dürften zu vertiefenden Studien anregen. Und sie dürften auch esoterischen Anmutungen heutiger Sekten Paroli bieten. Etwas ausführlicher sollen nun aber die Kapitel betrachtet werden, die mit der Eingliederung Ägyptens in das Römische Reich beginnen.

 

Vom Alten Ägypten zur hellenistisch-römischen Antike

Das 12. Kapitel („Aus den verborgenen Schriften - Vom Tempelmädchen zur Mutter Gottes") beginnt mit dem Suizid Kleopatras, der letzten Pharaonin, und der vorgeblich etwa zeitgleichen Geburt von Jesus. Erstere eine reale und historisch nachweisbare Persönlichkeit. Zweiter dagegen nur ein nicht nachweisbares Phänomen, für dessen Historizität es trotz aller krampfhaften Bemühungen von Klerikern keinerlei „handfeste" Belege gibt. Denn die Evangelien können nicht als solche gelten. Nichtsdestotrotz nimmt sich Specht die einzelnen Evangelien, die sogenannten kanonischen wie auch die apokryph genannten, vor. Er macht, was die frommen Legenden über Maria und Jesus betrifft, auf Unterschiede, mehr noch aber auf Widersprüchlichkeiten und Absurditäten in den christlichen Geschichten aufmerksam. Und darauf, daß vieles davon, wie Jungfrauengeburt („Der ungewöhnliche Lebenslauf einer ewigen Jungfrau") oder die Jesus-Geburt selbst („Die Gottesgeburt in der Grotte"), von deren Verfassern, den so genannten Evangelisten, einfach nur aus älteren Mythen/Religionen „abgekupfert" worden ist.

 

„Isis im Römischen Reich - vom Gottesdienst zur Orgie", so ist das 13. Kapitel überschrieben; die Zwischentitel lauten: Isis auf dem Weg in die Antike. Zustände wie im alten Rom. Isis und die Kaiser. Die Mysterien der Isis. Zwei Zitate aus diesem Kapitel mögen zur Verdeutlichung beitragen:

 

„Obwohl man die antike Moralauffassung vergangener Jahrhunderte nicht mit den ethischen Maßstäben des späteren abendländischen Europas messen kann [und darf; SRK], ist es aus letzter Sicht eindeutig daß viele der Mysterienfeste, kultischen Handlungen und Tempeldienste den ursprünglichen religiösen Aspekt verloren hatten und zu Deckmäntelchen sexueller Zügellosigkeiten wurden." (S. 224) Dennoch habe aus ihnen heitere Weltgewandtheit und frohe Sinnenlust sowie eine tolerante religiöse Einstellung gesprochen.

 

Weiter heißt es: „Erst der Fanatismus einer neuen religiösen Strömung vermag den weiteren Aufstieg der Isis aufzuhalten, ihn am Ende gar zu stoppen. Im vierten Jahrhundert gewinnt das Christentum mehr und mehr an Macht. Fanatisierte Anhänger der neuen Religion zerstören immer häufiger die ihnen 'heidnischen Heiligtümer' und die Horte 'heidnischen' Gedankengutes. Im Jahre 391 werden der berühmte Serapis-Tempel in Alexandria und eine der größen Bibliotheken der antiken Welt zerstört." (S. 238-239)

 

Doch noch ist das Christentum nicht die alleinseligmachende Staatskirche, denn zwischen Isis und Jesus steht im Römischen Reich noch und zuvörderst der Mithras-Kult, wie das Christentum eine sogenannte Erlösungsreligion. Auf beider Vormarsch geht Specht im 14. Kapitel „Vom Osten viel Neues - Die Erlösungsreligionen des Mithras und des Jesus" ein. Und wer unvoreingenommen ist, der wird feststellen, daß das spätere Christentum insbesondere vom Mithras-Kult sehr, sehr viel „abgekupfert" hat, dies allerdings später ohne mit der Wimper zu zucken als originär christlich ausgab... Deshalb geht Specht hier erneut auf den Jesus-Mythos samt aller Widersprüche und Ungereimtheiten in den Evangelien ein und er wendet sich hier auch dem „ungleichen Apostelpaar" Petrus und Paulus zu.

 

Kommen wir ins Heute: Die christliche Priesterkaste, egal welcher der zahlreichen Konfessionen, säuselt ungebrochen von der Kirche der Armen, von Nächstenliebe, Toleranz und davon, daß die christliche Kirche - also konkret sie selbst - der alleinigen Urheber von Menschenrechten und Freiheit sei... Doch war bzw. ist dem tatsächlich so? Warum also dieses klerikale salbungsvolle Gesäusel?

 

Wie aus Hirten Herren wurden

Eine von vielen Antworten kann man im vorliegenden Buch finden, konkret schon im 15. Kapitel mit dem alles sagenden Titel: „Vom Kult zum Glauben - wie aus Hirten Herren wurden". Oder um mit dem auf S. 261 zitierten Goethe zu sprechen: „Es ist die ganze Kirchengeschichte / Mischmasch von Irrtum und Gewalt".

 

Was trug zum Aufstieg des Christentums bei? So u.a., daß diese Sekte sich straff organisiert hatte und nicht bloß die freien Männer der Sklavenhalter-Gesellschaft ansprach. Und auch weil sie einen Märtyrer-Mythos pflegte, und dies ungebrochen bis heute zur Begründung ihrer Machtansprüche: Die armen, verfolgten Christen, die für ihren Glauben sogar sterben... Neben der Behauptung eines paradiesischen Lebens nach dem Tode, also DEM Heilsversprechen, gingen die Missionare mit frommen Legenden hausieren. Specht faßt diesbezüglich zusammen, daß es „die von vielen Laien wunschfavorisierte 'Gemeinschaft der Gläubigen, die hierarchiefrei in demokratischer Ordnung' zusammengelebt habe", zu keiner Zeit gab. Und: „Die allselige Urgemeinde ist Phantasie und entspricht auch nicht der damaligen kulturellen Gepflogenheit." (S. 266)

 

Warum aber machten nun Kaiser wie Konstantin und Theodosius (in Etappen) das angeblich staatsfeindliche Christentum zu Staatskirche? Was hatte diese Religion, was andere nicht hatten? Nun, sie war am besten geeignet, im langsam sterbenden Reich die da unten zu hindern, sich gegen die da oben aufzulehnen, wurde ja nun sogar den Sklaven das Himmelreich versprochen. Und weil diese „frohe Botschaft" Anklang fand, ließen sich die Kaiser das gerne auch etwas kosten. Wie sich der Klerus seine Dienste vergüten ließ, wie er Reichtümer (auch durch Urkundenfäschungen) ansammelte, wie er Reichtum und Macht in seiner Hand vereinte, das ist u.a. im Abschnitt „Christliches Establishment" skizziert. Doch die christlichen Wortführer der einzelnen, noch selbständigen Gemeinden, waren uneins nicht nur in der Auslegung der sogenannten heiligen Schriften, sondern auch uneins, was ihre persönliche Machtansprüche betraf. Nur in einem waren sie sich einig: Uns allein gehört alle Macht.

 

Daher „galt es, das Mosaik einer gefügten Religion zu ordnen und die entstehenden Risse zu kitten. Und so war es auch die große Zeit des Erklärens, Verbiegens und des gegenseitigen Verbannens aus der Kirche; die Zeit des Zurechtrückens, des Aussonderns und sogar des Fälschens. (...) Aber, alles hatte sich letztlich gefügt. Aus dem einstigen Kult waren Kirche und Staatsreligion gewachsen, aus den früheren Hirten waren Herren geworden." (S. 274)

 

Und wie das im einzelnen geschah, was vereinnahmt und für eigene Zwecke um- bzw. zurechtgebogen wurde, das wird u.a. im 16. Kapitel aufgezeigt, das trefflich so überschrieben ist: „Cocktail für einen Gottessohn - Die Rezeptur für eine Religion".

 

Da ging es zunächst um das Finden eines Geburtstages für Jesus. Und dies schlicht und ergreifend nach dem Vorbild anderer „Göttersöhne". Spitzfindig okkupierten die christlichen Priester so die überlieferten Geburtstage des ägyptischen Horus und des persischen Mithras, die beide an einem 25. Dezember geboren sein sollen, und beide sogar auch noch von einer Jungfrau. Noch waren ja diese Kulte in der Volksreligiosität nicht ganz in Vergessenheit geraten. Weitere Beispiele für Übernahmen aus der ägyptischen Kultur und Religion werden auf den Seiten 291 und 293 mit diesem Fazit benannt: „In der Liturgie und selbst im Habitus gibt es gerade in der christlichen Tradition und Religionsausübung mehr Übernommenes als Originäres." Im Abschnitt „Weihnachten für alle" heißt es zusammenfassend: „In den ersten drei Jahrhunderten nach Christus kannte die Christenheit den Geburtstag ihres Heilands nicht; erst im 4. Jahrhundert diskutierte man über ein mögliches Datum..." (S. 297)

 

Isis, Maria, Marienkult

Und was wurde aus der populären Göttin Isis, was aus Maria, der Mutter des Jesus? Negieren konnte die patriarchalische Kirche die Frauen nicht, also mußten sie „umgewandelt" werden: „(Bloß) Keine Frauen auf den Gottesthron" war da die Devise. Wie das geschah, ist im 17. Kapitel „Isis und Maria - Von der Muttergöttin zur Mutter Gottes" beschrieben. Dabei standen die Kleriker nun aber vor einem wirklichen Dilemma. Denn „die Göttlichkeit des Jesus durfte ebenso wenig wie seine verkündete Auferstehung angezweifelt werden, waren sie doch das Rückgrat der gesamten Lehre, die wichtigsten Pfeiler in einem immer größer werdenden Gebäude, das ohne diese Stützen zusammenbrechen müßte!" (S. 303) Und dieses Gebäude war ja keinesfalls das religiöse Leben, sondern einzig und allein die Macht- und Geldgier der Priesterkaste, die dies nur mit religiösen Dogmen bemänteln konnte.

 

Ein Konzil wußte da guten Rat und so wurde anno 431 per Dekret die Mutter Gottes geschaffen, aber: „In dem Moment, da Maria zur Mutter Gottes erhoben worden war, hatte man sie gleichzeitig auch degradiert." (S. 306) Da aber der Isis-Kult sich nach wie vor als beständig zeigte, „entschlossen sich die christlichen Führer (...) eine Entsprechung der Isis zu erschaffen und damit die Beliebtheit der Isis auf das Christentum zu übertragen. (...) Und so setzt man Jesus als Kind auf den Schoß der Maria, wie einst Horus an den Brüsten der Göttin auf dem Schoß der Isis zu sehen war. (...) Schließlich wurde Maria zur einzig tolerierten Frau bei den männlichen Geistlichen. Ja, sie wurde und wird von den Klerikern geradezu inbrünstig geliebt und begehrt! Und je mehr die Frauen aus der maskulinen Kirche gedrängt wurden, um so höher stieg Maria auf." (S. 308-309)

 

Specht geht dann noch kurz auf den sich ausbreitenden Marienkult ein: „Nachdem Maria 431 als 'Gottesgebärerin' tituliert wurde, erhielt sie 451 den Titel 'Ewig-Jungfrau'. 649 wurde die immerwährende Jungfräulichkeit Marias zum Dogma. Seit 1954 gilt das Dogma von der Unbefleckten Empfängnis, nach der Maria von ihrer Mutter Anna 'unbefleckt', das heißt ohne Erbsünde empfangen wurde. (...) Somit war sie 5.000 Jahre nach der ägyptischen Göttin auch dem Wort nach der 'Himmelsgöttin Isis' ähnlicher denn je." (S. 310)

 

Alles ganz nach dem bewährten Kunstgriff geschehen, der da lautet: Wenn man etwas nicht verhindern kann, dann muß man es eben vereinnahmen und für eigene Zwecke ummodeln. Solche Umfunktionierungen sollte es im Laufe der weltweiten Missionierungen noch viele geben...

 

Abschließend geht der Autor im 18. Kapitel noch auf den sogenannten „Schleier der Isis" ein, also auf die späteren Einvernahmen dieser Göttin durch diverse Sekten, okkulte Geheimbünde, Freimaurer oder Esoteriker. Und er beleuchtet hier auch kurz das Entstehen und Werden der christlichen Marien-Ikonographie.

 

Mehr als 50 Abbildungen und zwei Karten tragen zum besseren Verständnis des primär kulturwissenschaftlich gehaltenen Lesestoffes bei. Gerade diese Betrachtungsweise hebt sich von „theologisierenden" positiv ab, so daß Harald Specht mit seiner Arbeit ein wirklich großer Wurf gelungen ist. Und nicht zu vergessen: eine umfangreiche Bibliographie lädt nicht nur Alt-Ägypten-Interessierte zu vertiefenden Studien ein.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Harald Specht: Von Isis zu Jesus - 5000 Jahre Mythos und Macht. 336 S. kart. m.Abb. 2.überarb.Aufl. Engelsdorfer Verlag. Leipzig 2011. 19,90 Euro. ISBN 978-3-86268-169-3

 



 
05.08.2016

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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