„Aktfotografie 1965-1989“ - Begegnungen stets auf Augenhöhe

WEIMAR. (fgw) Bereits im Jahre 2015 ist im Verlag Bild und Heimat der Bildband „Aktfotografie 1965-1989“ des Geraer Fotografen-Ehepaares Angelika und Frank Schenke erschienen. Dieser Band vereint - konsequent in schwarz-weiß - 22 Arbeiten von Angelika Schenke und 39 von Frank Schenke. Zu sehen sind - in unterschiedlichen Formaten - weibliche Voll-, Halb-, Teil- und Doppelakte; mal in freier Natur aufgenommen, mal in alltäglichen Innenräumen.


Die Darstellung nackter Körper ist eigentlich so alt wie die bildende Kunst selbst. Das gilt auch für das Aufkommen der Fotografie als neues künstlerisches Medium. Hier bekam aber die Darstellung menschlicher Nacktheit einen neuen Stellenwert. Denn neben handwerklich-technischem Können und dem gekonnten Umgang mit dem Gestaltungsmittel Licht (egal ob Sonne oder Kunstlicht) verlangt sie vom Menschen hinter der Kamera ganz besonders die Fähigkeit zur Kommunikation mit seinem Modell - als seinem ebenbürtigen Gegenüber und Partner. Und deshalb gilt die Aktfotografie wie die auch Porträt-Fotografie zu recht als hohe Schule der Fotografie.

 

Bereits zu Beginn der 1950er Jahre schrieb einer der Altmeister der DDR-Fotografie, Werner Wurst, in einem Lehrbuch dazu: „Aktaufnahmen sind ohne Zweifel ein sehr heikles Gebiet, denn nirgends ist die Gefahr, daß aus dem guten Wollen ein entsetzlicher Mißgriff wird, so groß wie beim Aktfoto. Vor einem falschen Hintergrund, in unechter Stellung und Gebärde kann ein unbekleideter Mensch allzu leicht nur «ausgezogen» wirken..." Von einem anderen Altmeister aus der DDR, dem international wohl bekanntesten (Akt-)Fotografen Günter Rössler, ist dieser Ausspruch überliefert: „Bei Helmut Newton dominiert die Pose, bei mir geht es um die höchstmögliche Authentizität der Mädchen." Und eben das unterscheidet das Kunstgenre Aktfotografie von erotischer Fotografie, erst recht von „pin-ups" und auch von dilettantischen Nacktfotos.

 

Wurst und Rössler, wie auch anderen namhaften Fotografen in der DDR, zu denen seit den 1960er Jahren das in Gera - also in der „Provinz" - wirkende Ehepaar Schenke gehört, ging/geht es um zurückhaltende, die Natürlichkeit betonende Aktfotografie. Die Schenkes zeigen die in zarter Schwarzweiß-Ästhetik abgelichteten Frauen, egal welchen Alters, nicht vordergründig nackt, sondern zuallererst als selbstbewußte Persönlichkeiten, unverkrampft, ohne falsche Scham und keinesfalls aufreizend. Aber, wenn das Gesicht mit im Spiel ist, stets versonnen den Betrachter anblickend, und so diesem - wie den Fotografen - auf Augenhöhe begegnend.

 

Denn Aktfotografien - als Kunstwerk - beabsichtigen ja im Gegensatz zu „pin-ups", Werbebildchen oder „softer" oder gar „hardcore" Pornografie keinesfalls sexuelle Erregung des umworbenen Kunden/Käufers. Sind sie doch, neben dem bereits erwähnten ästhetischen und handwerklichen Anspruch, zuallererst durch menschliche Achtung gekennzeichnet.

 

Die Modelle der Schenkes stehen für Selbstbewußtsein, Selbstachtung und Selbstwertgefühl von Frauen in der DDR, die eben ökonomisch nicht vom Mann als Ernährer abhängig sind, die sich daher nicht als Aktmodell billig verkaufen müssen. Sie stehen nicht minder für die natürliche Freude am eigenen Körper und für ihre natürliche und selbstbewußte Sexualität. Und beinhalten so auf viel subtilere Weise ansprechende Sinnlichkeit. Welch ein Kontrast zum andernorts künstlichen - und im Prinzip sterilen - Posieren totretuschierter Körper, die letzlich nur leere Hüllen zum gewollten Aufreizen des männlichen Betrachters - also nur Objekte anstelle von Subjekten - zur Schau stellen! Nebenbei, zur Natürlichkeit der Frauenkörper bei den Schenkes gehört auch, daß sie sich mit ihrer gewachsenen Schambehaarung zeigen, und nicht, wie es seit einigen Jahren Pflicht zu sein hat, im Intimbereich glatter als glatt rasiert.

 

Ja, beim Betrachten dieser Schenke-Auswahl begegnet der (männliche) Betrachter den als Akt porträtierten Frauen immer auf Augenhöhe. Das ist viel wert. Sehr viel wert. Für den Rezensenten selbst kommt das im Halbakt „Gloria" aus dem Jahre 1976 am sinnfälligsten zum Ausdruck.

 

Eine Empfehlung für Buchkäufer soll noch geäußert werden: Das eingehende Vorwort von Günther Linsel sollte man erst nach der Betrachtung der Fotos lesen. So geht man einfach unbefangener ans Schauen heran. Und kann auf diese Weise eigene Eindrücke mit der Be-Wertung Linsels vergleichen. Wobei Linsel das vom Rezensenten eingangs Gesagte unterstreicht, so das Können der Schenkes hoch würdigend.

 

Und auch das sollte, ja muß, unbedingt erwähnt werden: Der unschlagbar günstige Preis von nur 9,99 Euro für eine solch gediegene Verlags-Publikation wie die vorliegende.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Angelika und Frank Schenke: Aktfotografie 1965-1989. Mit einem Vorwort von Günther Linsel. 80 S. Hardcover im Format 21 x 26. Verlag Bild und Heimat. Berlin 2015. 9,99 Euro. ISBN 978-3-95958-025-0

 



 
09.07.2017

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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