Aleks Buda: Polyglotter Gelehrter und albanischer Patriot

WEIMAR. (fgw) Am 6. Juli 1993 jährt sich zum 25. Mal der Todestag von Aleks Buda; geboren im Sommer 1910 in der damals noch osmanisch besetzten Stadt Elbasan. Wer war dieser Aleks Buda? Welches sind seine Verdienste? Was ist von seinem Werk noch heute lebendig? Diesen und anderen Fragen geht Thomas Kacza in seiner dieser Tage erschienenen Monographie über „einen albanischen Gelehrten in Zeiten widriger Umstände“ nach.


(Bildquelle: sq.wikipedia.org)

Das große Manko von Kaczas Schrift soll ausnahmsweise gleich an erster Stelle genannt werden: Er hat die 42 Textseiten bedauerlicherweise nicht in Kapitel untergliedert. Das ist nicht nur in Sachen Lesbarkeit und Verständlichkeit hinderlich. Mehr noch: Dadurch vermischen sich Lebenslauf und politisch-akademisches Wirken mit Werk(en) sowie Wertungen aus dem In- und Ausland. Leider wird dieses Manko auch nicht durch die große und detailreiche Faktenfülle aufgewogen. Zu bemängeln wäre außerdem, daß Kacza dem deutschen Leser nicht ein einziges Foto von Buda präsentiert.

 

Der Rezensent will deshalb Kaczas Monographie nicht „bloß" besprechen, sondern mit dieser auch etwas Struktur in das Porträt eines außergewöhnlichen Albaners im 20. Jahrhundert bringen.

 

Biographisches & Familiäres

Hineingeboren wurde Aleks Buda in eine wohlhabende bürgerliche Familie, vermutlich jüdischer Herkunft. Weil aber im Osmanischen Reich die Personenstandsregistrierung nachlässig gehandhabt wurde, werden als Geburtstag mal der 28. August, mal der 7. September 1910 angegeben. Budas Großvater war einer der wenigen (im Ausland ausgebildeten) Ärzte Albaniens, der Vater (ebenfalls im Ausland ausgebildeter) Apotheker. Budas Schwester wurde, das erwähnt Kacza nebenbei, standesgemäß verheiratet. Ihr Sohn, also Budas Neffe, Pirro Dodhiba war - trotz großbürgerlicher Herkunft - von 1965 bis 1976 Landwirtschaftsminister der Volksrepublik. Die soziale Herkunft mußte also im Hoxha-Sozialismus kein Makel sein.

 

Seine Familie konnte Aleks Buda eine für einen Albaner in der Zeit vor 1945 außergewöhnlich exzellente Ausbildung ermöglichen: Grundschule im Heimatort, dann weiterführende Schule in Italien, schließlich mit seinen beiden Brüdern Gymnasium in Salzburg, schließlich Studium der Philosophie und Literatur an der Universität Wien.

 

In Wien kam er nicht nur mit anderen albanischen Studenten in Kontakt, sondern dort erlebte er sowohl sozialdemokratische Kommunalpolitik als auch Austrofaschismus. Und so verstand er sich durch seine Wiener Zeit als „humanistisch verwurzelter linker Demokrat" (S. 3).

 

Im Februar 1939 kehrte Buda ins Albanien des König Zogu zurück, doch schon im April d.J. überfiel das faschistische Italien dieses kleine Land und okkupierte es. Buda arbeitete ab September 1939 als Gymnasiallehrer zunächst in Korca, dann in Tirana. Ende 1941 ging er für ein Jahr an die Universität Padua (Italien), um sich weiter auf dem Gebiet der Sprachwissenschaft des Balkans zu qualifizieren.

 

Politisches und akademisches Wirken

Als „humanistisch verwurzelter linker Demokrat" und Antifaschist schloß sich Aleks Buda (wie auch sein Bruder Sofokli) der 1942 von der jungen und kleinen Kommunistischen Partei gegründeten und geführten Nationalen Befreiungsfront an. 1944 wurde er sogar zum Stellvertretenden Vorsitzenden des Rates dieser Front für seinen Heimatbezirk gewählt.

 

1950 wurde Buda erstmals (als Vertreter seiner Heimatstadt) und als Parteiloser (!) in das Parlament der Volksrepublik gewählt - und behielt diesen Sitz bis 1991. Also auch das gab es in der „vom Westen" als (übrigens grammatikalisch falsch) „kommunistischer Einparteienstaat" inkriminierten frühsozialistischen Volksrepublik.

 

Er beurteilte als Patriot die „neuen Herrschaftsverhältnisse nicht als Diktatur (...), sondern als eine aus dem Nationalen Befreiungskampf hervorgegangene demokratisch legitimierte Macht, die die Unabhängigkeit und den allseitigen Fortschritt des Landes garantiert" (S. 8).

 

Aber Buda verschloß keinesfalls die Augen vor den undemokratischen und willkürlichen Repressionen der neuen Staatsmacht gegenüber echten und vermuteten „Feinden des Volkes". Von Repressalien waren nicht wenige seiner Freunde und sogar einige seiner Familienmitglieder betroffen (so sein Bruder Stas, die Familie seiner Frau oder sein Schwager Viktor). Er übte hier nicht nur private Solidarität, sondern setzte sich mit Eingaben auch für Freilassung bzw. Rehabilitierung der Repressierten ein. Dank seiner international anerkannten wissenschaftlichen Reputation und dank des Ansehens, das er beim Parteiführer Enver Hoxha genoß, konnte er dies ohne Gefahr sein eigenes Leben tun.

 

Nach 1945 sollte sich Buda vor allem aber „als einer der Organisatoren und maßgeblichen Akteure des sich entwickelnden Wissenschaftsbetriebes" (S. 6) erweisen. Zunächst wirkte er für ein Jahr als Direktor der Nationalbibliothek, dann ab 1946 als Leiter des Institutes der Wissenschaften. Dieses bestand aus drei Sektionen, der linguistisch-historischen, der gesellschaftswissenschaftlichen und der naturwissenschaftlichen. Dort legte er den Grundstein für eine eigenständige albanische Mediavistik, insbesondere verschrieb er sich der Skanderbeg-Forschung.

 

1959 wurde Buda mit der Eröffnung der ersten albanischen Universität überhaupt, der in Tirana, zum Professor an der Fakultät für Geschichte und Philologie berufen und wurde so neben Stefanaq Pollo „zum prägenden Gestalter der albanischen Geschichtswissenschaft in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts" (S. 11).

 

Außerdem wirkte er bei der Vereinheitlichung der albanischen Literatursprache mit, die im November 1972 verbindlich beschlossen wurde.

 

Einen Meilenstein in Budas Laufbahn bildete unbestreitbar die 1972 erfolgte Gründung der Akademie der Wissenschaften Albaniens, die die seinerzeit bereits bestehenden 25 Forschungsinstitute zusammenfaßte und nicht bloß eine Gelehrtengesellschaft darstellte. Und schon fast selbstverständlich wurde Aleks Buda zum ersten Akademiepräsidenten berufen. In diesem Amt blieb er trotz Alter, Krankheit und Systemwechsel bis zu seinem Tode 1993.

 

Kacza zählt akribisch auch all die internationalen Auftritte Budas auf. Seine Teilnahmen an wissenschaftlichen Konferenzen, die Zahl seiner Vorträge sind schon fast Legion zu nennen. Hier erwies er sich als anerkannter Repräsentant seines Landes. Buda kam dabei seine Sprachgewandtheit zugute, konnte er doch hier in vielen Sprachen parlieren: Deutsch, Italienisch, Französisch, Englisch, Russisch, Griechisch. Dazu in kurzen Beiträgen noch auf Latein, Serbokroatisch und Bulgarisch. Wahrlich ein polyglotter albanischer Patriot!

 

Budas wichtigste wissenschaftliche Arbeiten

Ab Ende der 1950er Jahre profilierte sich Aleks Buda neben seiner Lehrtätigkeit auch als sehr produktiver Autor bzw. als Mitautor und Leiter von Autorenkollektiven oder als Herausgeber von wissenschaftlichen Standardwerken.

 

So verantwortete er als Chefredakteur und Leiter des Autorenkollektivs das Großprojekt der Akademie der Wissenschaften, das 1985 herausgegebene erste „Albanische enzyklopädische Wörterbuch".

 

Von seinen Buchpublikationen ist unbedingt diese zu nennen: „Schriften zur Geschichte in vier Bänden" (Bände 1 und 2 erschienen 1986, Bände 3 und 4 posthum 2000 bzw. 2002).

 

Legion sind seine wissenschaftlichen Fachartikel in Zeitungen und Zeitschriften sowie Konferenz-Dokumentationsbänden.

 

Aleks Buda im Widerstreit der Meinungen

Der Untergang des frühsozialistischen (rohen vulgär-sozialistischen) albanischen Staates, die Restauration kapitalistischer (und teils sogar archaischer) Verhältnisse führte nicht zuletzt auch zu Angriffen gegen die Persönlichkeit und die Integrität des trotz Parteilosigkeit marxistischen Wissenschaftlers und Patrioten Aleks Buda. Angriffe kamen insbesondere aus ausländischen antikommunistischen Kreisen sowie von Neidern und „Wendehälsen".

 

Aber, und das hebt Kacza hervor: „Leute, die mit Aleks Buda zusammengearbeitet haben, beschreiben ihn als einen toleranten, uneitlen, kommunikativen Menschen und heben seinen unkomplizierten Charakter hervor" (S. 16).

 

Kacza wird sehr deutlich, wenn er zu den Kontroversen um diesen integren Menschen schreibt:

 

„Wer Buda als 'stalinistischen Akademiepräsidenten' abstempelt, ihn darauf reduziert, ein 'extrem nationalistisches und xenophobes Geschichtsbild' geprägt zu haben, setzt die routiniert eingeflochtenen, den Vorstellungen der PPSH genüge tuenden Floskeln auf gleiche Höhe mit seiner wissenschaftlichen Argumentation" (S. 25-26).

 

Oder wenn er gerade dieses hervorhebt:

 

„Budas Geschichtsauffassung gründet auf materialistisch-historischem Denken. Den Marxismus schätzte er als hervorragendes analytisches und praktisches Arbeitsinstrument. (...) Die Zurückführung politischer Aktionen und Prozesse auf ökonomische und soziale Verhältnisse ist keineswegs ein blickverengendes Dogma, sondern eine durchaus fruchtbare Arbeitsmethode" (S. 26-27).

 

Und nur auf solcher Grundlage kann man verstehen, warum der frühsozialistische Aufbruch in Albanien politisch-administrativ und ideologisch zu einer autoritären (und vormodernen) Herrschafts-Ordnung degenieren konnte!

 

Was die unseriösen Attacken, insbesondere aus dem deutschsprachigen Ausland angeht, dazu ist bei Kacza, neben einer gut parierten Entgegnung, u.a. dieses zu lesen:

 

„Dieser Blick auf einen marxistischen Zunftkollegen ist weder differenziert noch vorurteilsfrei. Damit steht Schmitt nicht allein. Auch andere degradieren die albanischen Historiker zu lediglich Dienern des totalitären Staates, sind der Meinung, daß die albanische Historiographie 'nicht über die nötige Autonomie verfügte, um ihre Arbeit gemäß ihrer genuinen wissenschaftlichen Aufgabe zu verrichten. Sie diente durchaus nicht der wissenschaftlichen Vernunft; ihre Aufgabe war es, ein Instrument der staatlichen Politik zu sein.'

 

Niemals und nirgends erfolgen historische Studien voraussetzungslos und in Zeiten der Blockkonfrontation zweier sozial-ökonomischer Systeme (...) war das erst recht der Fall" (S. 31-32).

 

Und später geht Kacza nochmals auf solche Umwerter, Diffamierer ein:

 

„Nun, ja - auch diejenigen, die ein [antikommunistisches; SRK] Urteil über Aleks Buda abgeben, sind Personen 'ihrer Zeit' und im Zeichen des 'Sieges über den Kommunismus', den man nach dem Zerfall des staatssozialistischen Systems in Europa glaubt, endgültig errungen zu haben, artikulieren sie entsprechenden 'Zeitgeist'" (S. 38-39).

 

Schauen wir doch bloß mal nach Bundes-Deutschland, wie sich hier nach dem Ende der DDR regierungsamtliche „akademische Aufarbeiter" über das andere System auslassen. Der gewesene Sozialismus muß da auf Deibel-komm-raus diffamiert und delegitimiert werden...

 

Kaczas objektive Würdigung des albanischen Gelehrten fällt gänzlich anders aus:

 

„Buda zeichnete sich als Gelehrter der Synthese und als Analytiker großer Ereignisse im Leben des albanischen Volkes aus, die er aus dem Blickwinkel der Geschichtsphilosophie betrachtete. Viele Ideen, Fragestellungen, Gesichtspunkte strömten ihm zu, er blieb nicht an der Oberfläche hängen, sondern hat in der Tiefe gelotet" (S. 27). - Er war also alles andere als ein beamteter talartragender Kathederprofessor alten Schlages!

 

Und es heißt bei Kacza auch, dem ist ohne Wenn und Aber zuzustimmen (man halte doch mal den akademischen Apologeten des real existierenden Kapitalismus einen Spiegel vor Augen!):

 

„Was den Historiker Buda insbesondere heutzutage kritikwürdig macht, besonders bei bürgerlichen nichtalbanischen Wissenschaftlern, ist, daß seine Erkenntnisse und Schlußfolgerungen insgesamt in ein 'marxistisch-materialistisches Gewand' gekleidet sind. Die Geschichtsschreibung dieser Art sei grundlegendes Mittel zur ideologischen Absicherung der kommunistischen Diktatur gewesen. Das ist nun allerdings eine rein politische Auslegung. (...) Aleks Buda orientierte auf die Subjekte des Geschichtsprozesses, auf das Studium der historisch-konkreten Lebensbedingungen des Volkes, der Interessen der Menschen, der durch die gesellschaftliche Stellung bedingten Bestrebungen verschiedener Klassenkräfte, aus deren Aktion er die historische Bewegung hervorgehen sah" (S. 41-42).

 

Und Kacza versäumt es deshalb nicht auf die heutzutage und hierzulande sogenannte „herrschende Meinung" (die sich als Wissenschaft tarnt) einzugehen:

 

„Die historische Entwicklung in einen sozialen, politischen, ökonomischen und kulturellen Kontext zu stellen gilt weithin als obsolet. In der marxistischen Geschichtsschreibung sieht die tonangebende Historikergilde nicht das innovative Potential, das zum Fortschritt wissenschaftlicher Erkenntnisse beitragen könnte" (S. 42).

 

Man kann abschließend Kacza nur zustimmen, wenn er kurz und bündig und schlicht so resümiert:

 

„Es ist wohl einfach so, daß Aleks Buda als Patriot im besten Sinne des Wortes seinem Land als Wissenschaftler diente. (...) Und einige Zeilen später heißt es: Er blieb in der Diktatur, in der rechts und links von ihm Unrecht geschah (...): polyglott, integer, freundlich, hilfsbereit..." (S. 34).

 

Danke, lieber Thomas Kacza, für diese profunde Würdigung Aleks' Budas. Der Rezensent hatte bei der Lektüre wieder Beiträge im Westfernsehen vor Augen und im Gehör, in denen dieser Gelehrte eloquent und im schönsten Weanerisch zu Wort kam.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Thomas Kacza: Aleks Buda (1910-1993) - ein albanischer Gelehrter in Zeiten widriger Umstände. 44 S. brosch. Privatdruck. Berlin 2018. Bezug über: t.kacza(at)web.de

 



 
25.06.2018

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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