Aller guten Dinge sind... in diesem Falle mindestens vier

WEIMAR. (fgw) Jetzt liegt er endlich vor, der langerwartete vierte Thriller um das (beamtete) sehr unkonventionelle, aber darum um so effektivere Ermittler-Duo Nicolas Eichborn und Helen Wagner. V.S.Gerling (das ist der Autoren-Name von Volker Schulz) gab diesem Band den rätselhaften Titel „Die Farm“. Aber es geht darin keineswegs um Agrarisches...


Vielmehr könnte man diesen Thriller als eine sehr freie Abwandlung von Bert Brechts genialer Fragestellung „Was ist der Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?" („Die Dreigroschenoper") betrachten. Nur geht es in diesem Falle um keine Bank im klassischen Sinne und auch nicht um dort getätigte Geldeinlagen. „Die Farm" ist, „auf den Punkt gebracht" jedoch nichts anderes als eine ganz spezielle Bank, nur mit völlig anderen „Einlagen" und mit exorbitant höheren Profitraten (Wie heißt es doch in einer Fußnote im „Kapital" von Karl Marx: „Mit entsprechendem Profit wird Kapital kühn. Zehn Prozent sicher, und man kann es überall anwenden; 20 Prozent, es wird lebhaft; 50 Prozent, positiv und waghalsig; für 100 Prozent stampft es alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß; 300 Prozent, und es existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert, selbst auf Gefahr des Galgens.") Doch das alles wird erst im späteren Verlaufe des Geschehens immer offenkundiger.

 

Zunächst aber geschieht dieses lt. Klappentext: In Deutschland werden innerhalb weniger Monate acht Geldtransporter überfallen, wobei die jeweils zwei Täter stets je mehr als zwei Millionen Euro erbeuten konnten. Bankräuber und Beute verschwinden auf Nimmerwiedersehen. Und somit wird das ein Fall für das inzwischen vom zum Kriminalrat beförderten Eichborn geleitete „Amt für innere Sicherheit".

 

Das Ganze erweist sich zunächst als ein Rätsel, denn Überwachungskameras zeigen, daß es sich bei den so erfolgreichen Tätern um überaus ängstliche Amateuere handeln muß. Es ist dann Eichborns genialer Analytiker Günther Maria Helmes, dem auffällt, daß sich alle acht Fälle ähneln: Eine Woche vor den Überfällen verschwanden jeweils die Ehefrauen der Männer, welche die Geldtransporter ausraubten. Es folgen noch ein mißlungener Überfall sowie zwei Entführungen ohne Überfälle, die etwas Aufklärung bringen: Denn als Eichborn und Wagner die Ermittlungen aufnehmen, stellt sich schnell heraus, daß es hier um weit mehr als um Raub geht...

 

Diese Überfälle sind lediglich das rein private Nebengeschäft des erfolgreichen Akquisiteurs für das Unternehmen „Die Farm", Stefan Weigel, und haben mit der eigentlichen Geschäftsidee nichts zu tun. Es sind dann zwei Umstände, die Eichborn stutzig machen: Zum einen stellt er fest, daß der Präsident einer anderen Bundesbehörde seine Ermittlungen mit allen möglichen Tricks und Intrigen behindert. Zum anderen kommt ihm der LKA-Beamte Krüger in die Quere, der auf eigene Faust ermittelt, weil dessen Bruder ebenfalls verschwunden ist. Mit Krüger entwickelt sich dann jedoch eine enge Zusammenarbeit.

 

Im Laufe der Ermittlungen kommen mehrere Beteiligte bzw. Mitwisser um das Unternehmen „Die Farm" (eigentlich heißt das Unternehmen „Oktogon") auf rätselhafte Weise ums Leben. Das veranlaßt Weigel, der jetzt selbt um sein Leben zu fürchen beginnt, sich mit den „nebenbei" verdienten Millionen auf eine von ihm gekaufte Malediven-Insel abzusetzen.

 

Aber worum geht es? Und vor allem, wer steckt hinter „Oktogon"? Und warum torpediert ein anderer Behördenchef die Ermittlungen? Fragen über Fragen, aber so gut wie keine Antworten für die Ermittler um Nicolas Eichborn.

 

Es ist schließlich Fjodor Semjonow, ein früherer Boss der Russen-Mafia, den Eichborn in einem früheren Fall dingfest machen konnte, der entscheidend zu Aufklärung des Falles beiträgt. Allerdings nur gegen einen „Deal": Aussage gegen Entlassung aus dem Strafvollzug und freie Ausreise auf die Malediven. Die zuständigen Stellen signalisieren Einverständnis und so beginnt für Eichborn, Wagner, Helmes und die anderen Ermittler bei Semjonows Informationen das kalte Grauen. Denn ursprünglich sollte dieser die Aufgabe des „Akquisiteurs" übernehmen. Doch solche Geschäftsidee war selbst für diesen eiskalten Kriminellen, der keine Probleme mit Zwangsprostitution, Drogen- und Waffenhandel und Mord hatte, zu perfide.

 

Und es stellt sich heraus, daß nicht nur die Reichen und Mächtigen im In- und Ausland „Klienten" der „Farm" sind, sondern nicht minder Regierende und Spitzenbeamte. Daher die Intrigen des einen Behördenchefs. Eichborn bedarf deshalb nicht nur der Rückendeckung durch den vorgesetzten Innenminister. Er darf im Bundeskanzleramt dem Kanzler höchstpersönlich Vortrag halten und bekommt von diesem volle Rückendeckung, muß doch größter Schaden von der „politischen Klasse" abgewendet werden.

 

Doch so einfach ist das nicht. Der flüchtige Weigel wird auf den Malediven von einem Killertrupp, gedungen vom „Oktogon"-Boss, ermordet. Weigel ist aber mit Semjonow befreundet und somit entschließt sich dieser, dem bösen Treiben selbst ein Ende zu bereiten. Aber wie Eichborn bedient er sich dabei äußerst unkonventioneller Mittel, was beim Leser (wie auch bei Eichborn) die Frage aufkommen läßt, welches Spiel dieser Semjonow wirklich spielt. Schließlich bringt er dabei Helen Wagner in höchste Lebensgefahr. Mittlerweile zerfleischen sich die höchst geldgierigen Beteiligten des „Oktogon"-Netzwerkes selbst. Aber es gelingt trotz aller Widrigkeiten, den Boss von „Oktogon" festzunehmen. Allerdings bekommen die Ermittler keine Aussagen. Vor allem bleibt offen, wo genau sich diese ominöse „Farm" befindet und wer diese betreibt...

 

Dieser Fall bringt Eichborn an seine Grenzen als Beamter, auch wenn er zum erfolgreichen Abschluß sogar noch zum Kriminaldirektor befördert werden wird. Aber die Berliner „politische Klasse" erwartet von ihm, daß die ganze Angelegenheit, nachdem die kriminellen Akteure nicht mehr am Leben sind, still und leise unter den Teppich gekehrt werden sollte. Und daß sich Eichborn in seiner Position künftig in das übliche Politiker- und Beamtengeflecht einfügt. Wichtiger als die Aufdeckung von Verbrechen soll für ihn das Vermeiden öffentlicher politischer Skandale sein...

 

Wie schafft man es bloß, anhaltend gute Qualität zu schreiben? Und diese sogar noch zu steigern? Wie „man" es schafft, das kann hier nicht beantwortet werden. Doch daß V.S. Gerling dieses schafft, das kann vom Rezensenten ohne Wenn und Aber bestätigt werden. Das liegt nicht nur an den immer brisanter werdenden Fällen, die alle durchaus Bezüge zur wirtschaftlichen und politischen Realität aufweisen und keinesfall Kopfgeburten sind. Nein, das liegt auch im Handwerklichen begründet:

 

Bereits in früheren Rezensionen zu dieser Reihe wurde dazu hervorgehoben, daß es gerade die spitzenmäßigen Dialoge sind, die für diese Qualität sprechen. Und daß V.S. Gerling es überaus gekonnt vermag, Spannung mit Humor, Ironie und Sarkasmus (sogar mit Situationskomik) zu verbinden. Ohne daß es irgendwann peinlich wird. Nein, diese „Elemente" unterstützen den Thrill sogar noch.

 

Und nicht zuletzt liegt es an der Zeichnung seiner Figuren. Diese entwickeln sich von Fall zu Fall weiter, so daß selbst die ungewöhnlichen Allianzen auf Zeit, die Eichborn mit Semjonow und sogar mit Weigel eingeht, plausibel wirken. Selbst Nebenfiguren und insbesondere auch Eichborns Gegenspieler werden als lebendige Menschen dargestellt und kommen keinesfalls als „hölzerne" emotionslose Klischees herüber.

 

Wer die literarischen Figuren Eichborn und Wagner liebgewonnen hat, der darf sich über einen Nebensatz im Klappentext freuen: „weitere Bände sind in Arbeit". Ja, es ist wirklich löblich, daß V.S. Gerling von seiner ursprünglichen Planung - vier Bände und dann finis - Abstand genommen hat. Es wird bestimmt spannend werden, wenn der dann Ex-Beamte Eichborn wieder ermittelt und welchen Fällen sich als „Freier" zuwenden kann und darf...

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

V.S.Gerling: Die Farm. Thriller. 432 S. Klappenbroschur. Edition 211 im Bookspot-Verlag. München 2017. 14,80 Euro. ISBN 978-3-95669-088-4

 

 

 



 
15.10.2017

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
<- Zurück zu: Freigeist Weimar

Das könnte auch andere interessieren? Informieren Sie Ihre Freunde:

meinVZ