Alptraumhaftes rund ums Blockhaus in der finnischen Tundra

WEIMAR. (fgw) Die Edition 211 im Bookspot-Verlag hat heuer ein doch etwas ungewöhnliches Buchprojekt vorgelegt: Haben sich doch die beiden Pensionäre Michael Böhm und Dieter Hentzschel gefunden und ein durchaus wild zu nennendes Schreibabenteuer in fiktiver finnischer Landschaft gestartet. Einer von beiden (wer ist leider nicht bekannt) fing spontan mit den ersten sechs Seiten an, der andere setzte fort und so weiter und so fort – man ergänzte sich so auf gekonnte Weise.


Doch wer nun irgendwann auch die Beschreibung eines festlichen Dinners mit Elch, so der Buchtitel, erwartet, der dürfte enttäuscht werden. Auch Elche in freier Wildbahn kommen ebenso wenig vor.

 

Stattdessen erwartet den Leser folgendes - und an dieser Stelle möchte der Rezensent den wirklich treffenden Klappentext für sich sprechen lassen:

 

„In einem Blockhaus an einem idyllischen See mitten im tiefsten finnischen Winter, weitab von jeder Zivilisation trifft sich eine Gruppe von Männern und Frauen. Die kleine Gemeinschaft will fern vom Alltagsstress ein schönes Wochenende verbringen. Fehlanzeige! Schon am ersten Morgen findet man einen Gast mit dem Kopf in der Müslischale - tot. Ganz offensichtlich wurde er ermordet. Doch das ist nur der Auftakt für diese turbulenten Tage. Niemand von außerhalb kann sich eingeschlichen haben, doch auch innerhalb der Hütte hatte der Tote genug Feinde. Wer unter ihnen ist der Mörder? Eine rasante Hetzjagd beginnt, bei der niemand so genau weiß, wer der Jäger und wer der Gejagte in diesem grausamen Spiel ist. Gelingt es, den Mörder zu fassen, bevor er noch mehr Menschen umbringen kann?"

 

Die oben erwähnte Gruppe besteht aus Vater Olov und Sohn Göran, beide Inhaber einer PR-Agentur. Regelmäßig feiern sie in ihrem Blockhaus in der Tundra feuchtfröhliche Wochenenden. So auch ab diesen Freitag. Eingeladen haben sie ihren Texter Erik, dessen Freundin Nadja (auf die Göran scharf ist) und deren Freundin Alina. Doch dieses Mal ist alles anders. Denn ein anhaltender Schneesturm hält sie im Blockhaus fest. Man macht es sich zwar bequem, doch es brechen schon bald mehr oder minder offen diverse Konflikte aus.

 

Am zweiten Tag begibt sich Olov aus unbekannten Grund nach draußen und wird verletzt aufgefunden. Angeblich ist er gestürzt und hat sich dabei blutig geschlagen. Doch Göran entdeckt draußen mysteriöse Fußspuren. So wird ganz über Nacht aus dem feuchtfröhlichen Wochenende mit Saunafreuden ein Alptraum. Ein Alptraum, der einfach nicht enden will und der fast täglich an Intensität gewinnt...

 

Denn am Sonntag trifft ein gewisser Abel Faller ein, der vorgeblich durch den Schneesturm irrt und sein eigentliches Ziel verfehlt hat. Er gibt sich als Hamburger Kaufmann aus. Und man bekommt irgendwie mit, daß er und Göran sich kennen, was aber keiner wissen soll.

 

Am Montag spitzt sich die Lage zu: Olov verstirbt während des Frühstücks. Und trotz Schneesturm stapft Abel davon, kehrt aber bald darauf zurück - mit einer Pistole in der Hand. Nun erfährt man, daß er auch Olov kannte und daß dieser sich nicht an Abmachungen gehalten habe. Da kommen erste Vermutungen auf, daß der sehr sportlich Olov nicht einfach so verstorben ist, sondern daß er ermordet worden sein muß. Doch von wem? Natürlich tippen Erik und die Frauen auf diesen Abel. Diese drei stellen immer öfter die Frage, was ist Wahrheit, was Lüge? Und auch sie selbst müssen sich diesbezüglich befragen. Macht doch jeder jedem etwas vor, beruflich wie privat.

 

Jetzt geht es rasanter werden hin und her. Immer wieder taucht Faller auf, verschwindet wieder, kommt erneut zurück. Man erfährt von kriminellen Geschäften... Dann wird auch noch Olovs Leiche im See entsorgt. Dazu treffen rings um das Blockhaus mal Soldaten (angeblich im Manöver) oder verdächtige Wildhüter ein. Ein Anruf Görans bei der Polizei wird zunächst nicht für voll genommen. Weitere Kontakte sind nicht möglich, da Faller dieses Handy konfisziert. Schließlich flieht Faller in die nahe Kleinstadt, will in die Heimat abfliegen. Dennoch taucht er abermals beim Blockhaus auf.

 

Und so wäre es wohl noch eine ganze Weile hin und her gegangen, wäre da nicht der Sami-finnische Polizist Sulo, der am Mittwoch während seines morgendlichen Frühsportes verdächtige Spuren entdeckt. Jetzt beginnt die Fahndung nach Faller, dieser kann auch gefaßt werden, legt sogar ein Geständnis ab. Die PR-Agentur diente ihm als Briefkastenadresse und Umschlagplatz für hochprofitable „Deals". Nun soll auch Göran verhaftet werden...

 

Doch unterdes erfahren die Blockhaus-Gäste, daß Olov und Göran noch viel krimineller sind als bis jetzt gedacht. Sie haben etwas gestohlen, was für die finnische Nation unermeßlichen Wert hat. Damit ist jetzt der Staatsschutz am Zuge.

 

Damit könnte die Geschichte ein Ende finden, doch das Autoren-Duo setzt noch eins drauf: Denn am Freitag taucht wie aus heiterem Himmel noch ein Mann im Blockhaus auf. Ein gewisser Kasper, angeblich ein Nachbar. Dieser wird aber bald als Filmstar und Erfolgsautor erkannt. So ganz beiläufig erzählt er Erik, Nadja und Alina das Konzept für eine Film-Idee... Diese sind „geplättet", denn es handelt sich im Kern um das von ihnen erlebte Geschehen im Blockhaus... Ist Kasper ein Hellseher, ein Mitwisser und gar ein Mittäter? Immerhin kann er zum Ablageort von Olovs Leiche führen.

 

Und dann kommt erneut ein Umschwung, denn das letzte Kapitel ist überschrieben mit „Freitag eine Woche zuvor": Wieder bereiten sich Olov und Göran auf das gemeinsame Wochenende mit Gästen im Blockhaus vor. Doch da geschieht etwas, das nicht als Rückblende geeignet ist, das einen ganz anderen Verlauf, vor allem ein ganz anderes Ende (und das schon am Anfang) impliziert.

 

Dieses Schreibabenteuer dürfte nicht jedermanns Geschmack sein, ist es doch vielleicht zu „abgehoben" für Otto Normalverbraucher. Reales und Mysteriöses sind hier nun mal eine ungewöhnliche Paarung eingegangen. Alptraumhaftes überwiegt, es kommt sogar in diesem Alptraum zu Alpträumen (so nächtens bei Erik) oder mit bzw. durch Kaspers „Vortrag". Absurdes verbindet sich gekonnt mit schwarzem Humor, garniert noch mit einer kleinen Prise Erotik. Und nicht zuletzt gelingt es Böhm und Hentzschel, den Leser immer wieder zu irritieren... Nicht nur mit dem Buchtitel!

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Michael Böhm und Dieter Hentzschel: Dinner mit Elch. Kriminalroman. 154 S. geb.m.Schutzumschl. Edition 211 im Bookspot-Verlag. Planegg 2018. 12,95 Euro. ISBN 978-3-956691-08-9

 



 
31.08.2018

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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