Als Privatdetektiv hat man's nicht leicht auf Martinique

WEIMAR. (fgw) Wer hierzulande kennt die karibische Insel Martinique, einst französische Kolonie, heuer ein sogenanntes Übersee-Departement? Etliche Touristen sicherlich. Wer aber kennt das Literaturschaffen der kreolisch-sprachigen überwiegend schwarzen Bevölkerung? Wer gar den Schriftsteller Raphael Confiant? Wohl kaum jemand! Es ist das großer Verdienst des Trierer Litradukt-Verlages, dieser Unkenntnis zu begegnen.


Denn der Trierer Verlag hat jetzt Confiants Roman „Unbescholtene Bürger" in deutscher Übersetzung auf den deutschen Buchmarkt gebracht. Dieser Roman ist der erste Krimi um den Privatdetektiv Jack Teddyson. Und, das sei schon jetzt hinzugefügt, Confiant ist nicht nur ein begnadeter Geschichtenerzähler. Es gelingt ihm nicht nur, exotisches Lokalkolorit „herüber zu bringen", vielmehr liefert er ein sehr ausdrucksstarkes Bild der realen gesellschaftlichen Verhältnisse, ein überaus spannendes Sittengemälde. Was sich eben in einem Krimi vielleicht sogar am besten darstellen läßt. Und nicht zuletzt hat er mit seinem Privatdetektiv einen faszinierenden Protagonisten kreiert - der aber eigentlich sogar ein Anti-Held ist.

 

Dieser Jack Teddyson heißt eigentlich Raymond Vauban und ist Nachfahre schwarzer Plantagensklaven. Seine kleinbürgerlichen Eltern ermöglichten ihm ein Jura-Studium in Paris. Damit wäre eigentlich eine gutbürgerliche Karriere möglich gewesen. Doch das ist nicht Teddysons Welt. Er wollte und will unbedingt Privatdetektiv sein, sieht sich als karibischen Sherlock Holmes. Wobei ein Vergleich mit Chandlers Philip Marlowe wohl zutreffender wäre. Mittlerweile ist er 44 Jahre alt und schlägt sich in seinem Traumjob bereits seit zwölf Jahren mehr schlecht als recht durchs Leben. Er ist ein Tagträumer und scharf auf Frauen zumeist zwielichtiger Profession; will sich daher auch keinesfalls fest binden. Sich selbst stellt er im ersten Kapitel so vor:

 

„Jeder wird verstehen, daß ein angelsächsischer Name am geeignetsten ist, wenn man als Privatdetektiv tätig sein will. Das ist ein beschissener Job in einer beschissenen Stadt. Schön ist nur das Umland: Kolibris, Flammenbäume, Sonnenuntergänge, blaues Meer. (...) Ich kümmere mich um alles, was die Herren in Uniform nicht interessiert." (S. 7-8)

 

Eines Tages nun scheint ihm nun doch endlich das Glück hold zu sein! Gleich zwei Menschen aus der Oberklasse beauftragen ihn mit Recherchen, winken mit satten Honoraren. Allein schon der Vorschuß der einen Auftraggeberin ist für seine finanziellen Verhältnisse, die nur aus Schulden bestehen, exorbitant hoch.

 

Worum geht es? Zum einen hat ihn ein uralter französischer Plantagenbesitzer, Nachfahre der einstigen Kolonialherren, beauftragt, unbedingt einen seiner unzähligen illegitimen Söhne, gezeugt mit einer Schwarzen, ausfindig zu machen. Zum anderen wird bei ihm die Witwe eines der erfolgreichsten schwarzen neureichen Unternehmer Martiniques vorstellig. Er soll das tragische Ende dieses Mannes aufklären, der nicht nur in den Armen einer Geliebten - einer Prostituierten - sein Leben aushauchte, sondern zusätzlich dabei auch noch kastriert worden ist.

 

Was könnte das Mordmotiv gewesen sein? Eifersucht? Blutige Voodoo-Rituale? Politische Intrigen? Unsaubere Geschäfte, sprich Verwicklung ins organisierte Verbrechen (Glücksspiele, Drogen, Prostitution)? Vieles deutet im Laufe von Teddysons Recherchen auf einen Mix aus alledem hin. Aber es gibt keine Beweise, höchsten Indizien. Und alle Personen, egal ob vorgeblich unbescholtene Bürger, oder Typen aus Halb- und Unterwelt mauern. Mögliche Zeugen sterben plötzlich und unerwartet oder verschwinden spurlos. Und sogar Teddyson wird Opfer von mindestens zwei Überfällen, Mordanschlägen. Die Polizei ist aber keine Hilfe, abgesehen von einem Inspektor, einem langjährigen Freund.

 

Was im einzelnen geschieht, wer die Gegenspieler sind, wie sich alles zueinander verhält und wie sich alles schließlich zu einem kompakten Bild fügt, wie der Fall aufgeklärt und aufgelöst wird, das soll an dieser Stelle aber nicht verraten werden. Ja, es gibt durchaus ein „happy end", schließlich soll ja Privatdetektiv Jack Teddyson eine literarische Zukunft haben.

 

Aber ein gekürztes Zitat auf den beiden letzten Seiten des letzten Kapitels soll dennoch einen kleinen Hinweis geben:

 

„Ich spürte, daß der Epilog des Falles herannahte, dieses bis zum Gehtnichtmehr verworrenen Falles, der eigentlich aus mehreren, mehr oder minder verzahnten Fällen bestand. So hing die (...)-Episode nicht direkt mit der Episode (...) zusammen, und die wiederum nicht mit der (...)- oder der (...)-Episode. Allerdings gab es eine Person, eine einzige, die alle oder fast alle kannte: (...)." (S. 193-194)

 

Ja, es ist Confiant meisterlich gelungen, diese ungewöhnliche Verquickung verschiedenster Fälle (auch die beiden oben erwähnten lukrativen Aufträge hingen indirekt zusammen, ohne daß er je ahnte) glaubhaft zu erzählen. Auch dürfte es dem Übersetzer gelungen sein, die originäre kreolische Fabulierfreude voll erfaßt zu haben. Zumindest spricht die deutsche Übersetzung dafür eine beredte Sprache, sie ist nicht nur vergnüglich zu lesen und voller Humor - schwarzen Humors im doppelten Wortsinne!

 

Erfreulich ist, daß sich weder Autor noch Übersetzer einer sterilen literarischen „Hochsprache" bedienen, sondern sich einer für die kreolische Welt authentischen: also einer durchaus derben Sprache, teilweise zotig, vor allem aber nicht deutsch-gutmenschelnden politisch-korrekten Sprachregelungen folgend. Der schwarze Protagonist, wie auch seine Landsleute, bezeichnen sich selbst als Neger. Und das mit Stolz!

 

Dieses Buch, dieser überaus farbige, facettenreiche Krimi spricht an, überzeugt und macht vor allem neugierig auf mehr. Auf mehr aus Confiants Feder!

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Raphael Confiant: Unbescholtene Bürger. Kriminalroman. A.d.Franz.v.Peter Trier. 194 S. Taschenbuch. Litradukt-Verlag. Trier 2018. 13,80 Euro. ISBN 978-3-940435-21-7

 



 
08.11.2018

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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