Altägypische Mysterien. Drei Texte aus der Zeit der Aufklärung

WEIMAR. (fgw) Jürgen Sorge lebt und arbeitet als freier Journalist in Sachsen. Seit mehr als zwanzig Jahren beschäftigt er sich in seiner Freizeit mit der alt-ägyptischen Kultur. Bei diesbezüglichen Recherchen stieß er auf wenig bekannte Werke aus der Zeit der europäischen Aufklärung; zwei aus der Feder von Christoph Martin Wieland und eines von Ignaz von Born (1742-1791). Wie er selbst schreibt, sei es für ihn sehr reizvoll gewesen, daß beider Ägypten-Texte auf den ersten Blick kaum etwas miteinander zu tun hatten, daß sie sich schließlich aber doch gut ergänzen würden.


Den drei Texten von Wieland und Born hat Jürgen Sorge eine ausführliche „Vorbemerkung" vorangestellt, auf die hier zum besseren Verständnis der Autoren und ihrer Schriften etwas näher eingegangen werden soll.

 

Hierin schreibt er eingangs: „Der Schriftsteller und Universitätsprofessor Christoph Martin Wieland (1733-1813) schildert 1770 seinen ägyptischen Priester Abulfauaris und die Verhältnisse am ägyptischen Königshof mit beißendem Spott. Er zielt jedoch nicht auf die historischen Gegebenheiten des Alten Ägypten, sondern auf die philosophischen und politischen Auseinandersetzungen seiner Gegenwart. Ignaz von Born (1742-1791) singt in der ersten Hälfte der 1780er Jahre ein Hohelied auf die altägyptische Vergangenheit. Der Mineraloge und Freimaurer denkt dabei jedoch ebenfalls zuallererst an die politischen Zustände in der Kaiserstadt Wien..." (S. 7)

 

Dann geht Sorge kurz auf die damalige Zeit ein: europäische koloniale Eroberungen mit Versklavung der indigenen Völker, beginnende Industrialisierung, Aufklärung und bürgerliche Revolutionen. Wobei er aber schreibt, daß letztendlich die Revolution in Frankreich das Ende der Aufklärung in Europa markiert habe. (S. 9) Hinzu komme, daß man sich seinerzeit nicht nur auf die antike griechisch-römische Kultur besonnen habe, sondern daß nun auch die einstige Hochkultur am Nil in den Blickpunkt von Gelehrten und Künstlern geraten sei. Hierzu nennt Sorge verschiedene Namen, bevor er sich konkret Wieland zuwendet. Er weist bei diesem sofort auf dessen „Kritik der Missionstätigkeit in seiner Gegenwart [... hin], die die Grundlage für die Beherrschung, Ausbeutung und Auslöschung der Naturvölker legt". (S. 15)

 

Übrigens, gerade für Thüringer dürfte interessant sein, was Sorge über Wielands Leben und Wirken in Erfurt und Weimar herausgefunden hat. (S. 17-20)

 

Ausführlicher widmet Sorge sich dem hierzulande wohl völlig unbekannten Born und der von ihm geleiteten Wiener Freimaurerloge „Zur Wahren Eintracht". Borns Logen-Vortrag „Über die Mysterien der Aegyptier" habe das Wissen seiner Zeit über das Alte Ägypten zusammengefaßt und damit einen wesentlichen Beitrag zur wissenschaftlichen Beschäftigung mit dieser frühen Hochkultur geleistet. (S. 20) Für Born habe das Alte Ägypten durchaus als Maßstab für neuzeitliche Lebensvorstellungen gegolten. Ferner wird Borns Lebenslauf nach- und das Schicksal der Wiener Freimaurer aufgezeichnet.

 

Abgeschlossen wird die „Vorbemerkung" mit einem Blick auf die napoleonische Expedition nach Ägypten (1798-1801) und dem Beginn der ägyptischen Archäologie.

 

Wielands erster Text „Reise des Priesters Abulfaris ins innere Afrika" liest sich für den Heutigen wie eine sehr realitätsnahe Schilderung europäischer Landnahme (nicht nur) in Afrika, einschließlich der damit untrennbar einhergehenden Missionierung/Moralverkündigung („Ihre Unschuld war das Erste, was darüber verloren ging."; S. 35 bzw. „daß er den Schwarzen eine Moral beigebracht habe, die den ägyptischen Manufakturen so vorteilhaft war."; S. 39).

 

Sprichwörtlich ist ja geworden, daß die Europäer den Indigenen Glasperlen etc. aufschwatzten und sich dafür Gold und Edelsteine geben ließen... Auch bei Abulfaris ging es nur vordergründig moralisierend darum, die Afrikaner zum Bedecken ihrer schamlosen natürlichen Nacktheit zu bringen, was vielmehr jedoch den Unternehmen der Kolonisatoren trefflichen Profit beschere. (S. 32)

 

Wieland beläßt es nicht bei diesem fiktiven historischen Bericht. In einem zweiten Text läßt er seinen Protagonisten altersweise sich selbst reflektierend zu Worte kommen: „Die Bekenntnisse des Abulfauaris gewesenen Priesters der Isis in ihrem Tempel zu Memfis in Nieder-Ägypten".

 

Was der Isis-Priester hier über seine Religion äußert, das ist eigentlich eine Kritik aller Religionen - Religionen als Herrschaftsinstrument über das „einfache Volk": „In der ersten schlaflosen Nacht war mein Plan fertig. Unsere Polizey [das meinte seinerzeit die Staatspolitik; SRK] ist auf unsere Religion gebaut; und so sollte es auch bei meinen Negern sein." (S. 57)

 

Für Wieland sind Priester zuvörderst Heuchler, die sich den „Schein der vollkommensten Tugend" (S. 61) geben. Deshalb, so auch Abulfauaris', finales Reuebekenntnis: „Zittert, meine Brüder, vor all dem Bösen, das ein Priester tun kann!" (S. 62)

 

Leider gilt das auch noch 200 Jahre nach Wieland in der „christlich-abendländischen Welt" ungebrochen.

 

Ignaz von Borns Vortrag „Über die Mysterien der Aegyptier" ist zuallererst ein Beleg dafür, was unsere Altvorderen vor gut einem Vierteljahrtausend bereits wußten. Wußten über Geschichte und Geschichtsschreibung, die immer eine Geschichtsschreibung im Solde der ökonomisch und politisch Herrschenden sei.

 

Im ersten Teil des Vortrages geht Born, am Beispiel der altägypischen Religion, auf das Entstehen von Religionen (und auch von Staaten) ein: Vor allem auf das Warum und Wie! Dazu heißt es sehr deutlich bei ihm u.a.: „Immer aber ward die Religion mit eingemengt, weil diese von jeher der mächtigste Zaum war, das Volk nach den Absichten der Regenten zu lenken." (S. 74)

 

Im zweiten Abschnitt wendet Born sich, teilweise idealisierend, der Verfassung, den Pflichten und Kenntnissen der ägypischen Priester zu. Allerdings seien diese recht bald zu einer „eigenen Klasse Menschen geworden, die ein gemeinschaftliches Interesse in Verbindung gebracht habe" (S. 81) Und dieses „gemeinschaftliche Interesse" seien weniger die geistigen/geistlichen Dinge gewesen... Denn „der Staat sorgte reichlich für ihre Verpflegung, (...) Sie hatten ihr eigentümliches Feld (...) Diese Besitzungen waren so ansehnlich, daß sie den dritten Teil Aegyptens ausmachten." (S. 97)

 

Dennoch seien diese Priester denen anderer Nationen vorzuziehen, „die sich über die Gesetze erhaben glaubten, die sie dem unwissenden Volke vorschrieben, wenn sie im Müßiggange ihren Unterhalt von dem Schweiße der ärmsten Klasse forderten, wenn sie insgeheim Schätze zur Vergrößerung ihrer Macht aufhäuften, und öffentlich mit einer freiwilligen Armut und Verachtung zeitlicher Güter prahlten..." (S. 99)

 

Nun, wer erkennt in jenen „Priestern anderer Nationen" nicht primär die Kleriker aller Stufen der christlichen Religionen, insbesondere des Katholizismus...

 

Den dritten Abschnitt widmet Born der Freimaurerei, die er als Nachfolgerin positiver Inhalte der altägyptischen Religion ansieht. Er umschreibt das mit dieser Frage: „Ist Wahrheit, Weisheit und die Beförderung der Glückseligkeit des ganzen Menschengeschlechts nicht auch der eigentliche Endzweck unserer Verbindung?" (S. 128) Nun, das war leider nur eine Illusion, denn die noch heute real agierenden Freimaurer haben nichts zur Aufhebung der Umstände beigetragen, „in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist." (Karl Marx).

 

Dennoch, trotz solcher Illusionen, steht Born nicht nur für die Zusammenfassung des damaligen Wissens der Ägyptologie. Vielmehr, und darin ist Sorge zuzustimmen, ermöglicht Borns Redetext einen unmittelbaren Einblick in Denkweise und Wertvorstellungen eines wissenschaftlich gebildeten und der Aufklärung verpflichteten Freimaurers im 18. Jahrhundert.

 

Jürgen Sorge ist für die Publikation dieser Texte und seiner kommentierenden Vorbemerkung großer Dank zu sagen. Denn so können wir Heutigen besser nachvollziehen, wie sich geistes-wissenschaftliche Entwicklung und Kirchen-/Religionskritik gestaltet haben. Ohne Aufklärer wie Wieland und Born wäre unser kritisches Denken auf jeden Fall ärmer.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Jürgen Sorge (Hrsg.): Altägypische Mysterien. Texte aus der Zeit der Aufklärung von Christoph Martin Wieland und Ignaz von Born. 136 S. kart. Engelsdorfer Verlag. Leipzig 2016. 10,00 Euro. ISBN 978-3-96008-298-9

 



 
23.11.2016

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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