Am schlimmsten ist immer der Feind in den eigenen Reihen

WEIMAR. (fgw) V.S. Gerling (d.i. Volker Schulz) hat nun nach seiner formidablen Reihe um das Ermittler-Duo Eichborn&Wagner nun den ersten Band seines Thriller-Projektes „Die Ewigen“ vorgelegt.


Wirtschaftsunternehmen (konkret ihre Eigner und Manager) kennen - ebenso wie Staaten (ihre Herrschenden und Regierenden) - keine Freundschaften, sondern nur Interessen. Es sind diese Interessen, die zu oft die Freundschaften zwischen Menschen zerstören bzw. Menschen zumindest in extreme Bewährungssituationen stellen. Und genau davon handelt das neue Buch von V.S. Gerling. Das ist insbesondere an den hierin agierenden Charakteren, egal ob Haupt- oder Nebenfiguren, zu ersehen. Die Charaktere sollen, und ausnahmsweise mal nicht der Inhalt, im Mittelpunkt dieser Roman-Rezension stehen.

 

Zum Inhalt sei relativ kurz nur dieses gesagt:

 

Das Buch wird mit einem Prolog im Jahre 2018 eröffnet, dessen Inhalt sehr an einen Horror-Film, konkreter an einen sogenannten „Splatter", denken läßt. Doch so exzessiv-blutrünstig geht es nur kurz zu. Der Erste Teil führt zurück in das Jahr 2007. Der in der IT-Branche erfolgreiche und milliardenschwere Unternehmer Maximilian Kirchner muß miterleben, wie seine Frau eine Krebs-Erkrankung im Endstadium erleidet. Nur im Suizid kann sie einen menschenwürdigen Ausweg sehen. Und er erfährt, daß seine neunjährige Tochter Emma Gefahr läuft, im Erwachsenenalter ebenfalls unheilbar zu erkranken.

 

Daher will er sein weiteres Leben und geschäftliches Wirken nutzen, damit Forscher in kürzester Zeit ein wirksames Medikament finden und auf den Markt bringen können. Für sein Projekt braucht er neben dem eigenen Kapital insbesondere kompetente Mitstreiter. Sehr schnell stößt er auf einen in der Fachwelt umstrittenen Wissenschaftler, den Genetiker Professor Hubertus Krohn. Für den geschäftlichen Teil des neuen Unternehmens kann er seinen eigenen Finanzberater Robert Eppstein gewinnen. Und da das Ganze natürlich geheim vonstatten gehen muß, braucht er noch einen Sicherheitschef, als solchen kann er Patrick Faber engagieren. Zwischen Kirchner und Faber entwickelt sich sogar eine Freundschaft; zumal Faber von Emma kurzerhand zum „Ersatz-Papa" erkoren wird, weil der eigene Vater zu sehr mit dem Mammutprojekt beschäftigt ist. Alle Beteiligte sind sich bewußt, daß sie tatsächlich geheim forschen müssen. Denn ein wirksames Krebs-Heilmittel ist absolut nicht im Interesse der Pharmakonzerne. Schließlich ist an Prophylaxe ist nur wenig zu verdienen.

 

Es geht weiter mit dem Zweiten Teil: Einige Zeit ist verstrichen und man schreibt das Jahr 2014. Eine weltweite Finanzkrise greift immer weiter um sich und führt auch in Europa zu politischer Instabilität. Jetzt teilt Krohn den anderen mit, daß er ein Mittel gefunden habe, das zwar nicht den Krebs heilen, wohl aber den menschlichen Alterungsprozess aufhalten könne. Mittelbar sei das trotzdem ein Mittel zur Krebs-Bekämpfung. Kirchner ist zunächst enttäuscht und entsetzt; läßt sich aber anhand von Belegen überzeugen, Krohns Forschungen fortzusetzen. Es ist Eppstein, der erkennt, welche Möglichkeiten sich jetzt auftun könnten: Die Superreichen könnten unsterblich werden - und mit diesem Projekt könne man unendlich viel Profit einfahren.

 

Das resultiert auch daraus, daß Kirchner für sein Projekt trotz eigener Milliarden tatsächlich weitere Geldgeber braucht. Durch einen Zufall kann sich just zu dieser Zeit eine Hacker-Gruppe in die Server und Dateien des Projektes „einhacken". Die jungen Leute erkennen die Brisanz eines solchen Projektes, das von ihnen „Die Ewigen" genannt wird. Und sie machen es öffentlich, was einen weltweiten Skandal verursacht. Und schließlich zu Mordanschlägen auf potentielle Kunden des Projektes führt. Zugleich kommt auch der führende Pharma-Konzern, in den USA ansässig, auf die Spuren des geheimen Projektes. Man muß also ausweichen und findet einen Verbündeten in einem arabischen Potentaten. Dieser Emir ist ein alter Geschäftspartner Kirchners. Doch die klimatischen Verhältnisse dort sind nicht optimal. Auf der Suche nach einem geeigneten Standort wird man in Neuseeland fündig. Dort entsteht eine autarke Siedlung für das Forschungsunternehmen nebst Villen für die 300 auserwählten „Ewigen", die für ihre Therapie jeweils 25 Millionen Dollar einzuzahlen haben...

 

Doch es kommt bei diesen Therapien zu Nebenwirkungen, immer häufiger und extremer auftretend. Das führt unter den am Forschungs- und Therapieprojekt beteiligten Personen zu Problemen und Konflikten, die schließlich mit Intrigen und zuletzt sogar mit Waffengewalt ausgetragen werden. Insbesondere Eppstein unternimmt alles, um Kirchner zu neutralisieren und um vor allem Faber auszuschalten. Er will alleiniger Boss und finanzieller Nutznießer werden, strebt nach unendlichem Reichtum und grenzenloser Macht. Schließlich verkaufe er ja unendliches Leben. Und vorerst gelingt ihm das alles auch... Mehr dazu im Dritten und Vierten Teil.

 

 

Dieser Roman lebt weniger von der „Handlung an sich", auch weniger vom wirklich spannenden Thema, sondern in allererster Linie von den Charakteren und ständig wechselnden Konstellationen. Gerade die zwischenmenschlichen Probleme und Konflikte sorgen für den tatsächlich unter die Haut gehenden „Thrill" und nicht das „spritzende Blut" wie im Prolog.

 

Da sind die Protagonisten zu erwähnen, die wie erfreulicherweise auch die Nebenfiguren, sehr differenziert angelegt sind. Die Empathie des Autors für seine positiven Charaktere ist selbstverständlich erkennbar, dennoch sind die negativen nicht schwarz-weiß-schematisch grobgeschnitten, sondern werden ebenfalls in ihrer Entwicklung gezeigt. Alle entwickeln sie sich in den jeweiligen Konflikt- und Krisensituationen so oder so.

 

Da ist zunächst Maximilian Kirchner, ein korrekter Unternehmer alten Typs; zwar Milliardär, aber dennoch Mensch. Humanistisch gesonnen und zuverlässiger Freund, auch zur Selbstkritik fähig. Er ist alles andere als der heutige neoliberale Managertyp, der ohne eigenes finanzielles Risiko auf Kosten anderer reich und mächtig werden will. Auch wenn das Projekt zunächst rein egoistisch motiviert ist - die eigene Tochter soll nicht elendig sterben - so ist es doch im Endeffekt dennoch altruistisch. Kann es doch bei Reife vielen Menschen und in der Zukunft möglicherweise allen helfen.

 

Absoluter Gegenpol ist Robert Eppstein. Er steht für die übelste Sorte Managertyp, der nicht nur intrigiert und andere ausschaltet, der im wahrsten Sinne über Leichen geht. Skrupellos, gewissenlos. Sogar der von ihm angeheuerte Auftragskiller Marko zeigt im Gegensatz zu Eppstein mitunter humane Züge - das will was heißen. Und Eppstein ist außerdem noch extrem kleinlich, dazu mit einer perversen Leidenschaft für Prostituierte.

 

Patrick Faber ist die durch und durch positive Figur in diesem Ensemble, auch wenn er wie jeder Mensch mal Schwächen zeigt und Fehler macht. Er kann sich aber korrigieren. Vor allem aber ist er eine ehrliche Haut, in jeder Hinsicht zuverlässig und loyal zu seinem Auftraggeber.

 

Hubertus Krohn wiederum ist eine äußerst widersprüchlich Figur. Er steht für den Typ Wissenschaftler, der sich für seine Forschungen sogar an den Teufel verkaufen würde. Und deshalb ist er auch unehrlich Kirchner gegenüber, braucht er doch diesen für seine genetischen Forschungen, belügt ihn also, wenn er über Krebsbekämpfung doziert. Und Krohn steht auch für solche Akademiker, die nicht fragen, wem ihre Forschungen nutzen, wie denn die Ergebnisse zustandekommen und ob diese nicht mißbraucht werden könnten. Die Figur Krohn kann durchaus auch für reale Figuren wie seinerzeit die KZ-Ärzte stehen. Dennoch ist er nicht grundsätzlich schlecht...

 

Dann sind da noch die Nebenfiguren. So der Emir - ein paternalistischer Herrscher, der trotz Herkunft und Reichtum auf der Seite der „Guten und Ehrlichen" steht, der zum Glück aber auch Typen wie Eppstein zu durchschauen vermag und der letztlich Kirchner und sogar Faber eine helfende Stütze ist.

 

Dann ist da die Hackergruppe zu nennen, die zunächst aus altruistischen Motiven agiert. Deren Mitglieder sich aber zunehmend ausdifferenzieren. Einige erliegen der Geldgier, andere radikalisieren sich und werden zu mörderischen Attentätern. Individueller Terror hat aber mit Fortschritt und Humanismus nichts zu tun und ändert nichts am System. Im Gegenteil.

 

Gleich zwei Mal kommt William Gibson ins Spiel. Einmal kontaktiert er Kirchner, später Faber - jeweils unter vier Augen. Gibson ist der Gründer und Boss des Pharma-Konzerns, für den Krohn ursprünglich arbeitete. Man trennte sich dort von ihm, weil Krohns Forschungen nur schlimmste Nebenwirkungen zeitigten. Dieser Gibson ist eine zwiespältige Figur. Zum einen warnt er Kirchner und Faber, zum anderen will er selbstverständlich die positiven Forschungsergebnisse für sich und sein Unternehmen haben.

 

Und schließlich ist da noch die rätselhafte Kathleen Martin. Faber lernt sie zufällig bei einem Berlin-Aufenthalt kennen. Der aufmerksame Leser wird sich aber bald fragen, ob diese Begegnung wirklich Zufall ist und was diese Kathleen wirklich im Schilde führt. Es geschieht aber - man ahnt es - etwas ungeplantes: beide verlieben sich ineinander. Was schließlich zu dramatischen Ereignissen führen wird.

 

Und so kommt es wie es kommen muß. Nichts entwickelt sich geradlinig. Und da, wie eingangs gesagt, Unternehmen und Staaten keine Freundschaften führen, sondern ausschließlich von Interessen geleitet werden, kommt es zu immer wieder zu überraschenden Allianzen mit Figuren, die oftmals auf der gegnerischen Seite stehen. Natürlich nur zu zeitweiligen Zweck-Allianzen. Doch nur mit solchen kann ein Typ wie Eppstein aufgehalten werden. Wie V.S. Gerling das gestaltet, das ist durchaus glaubhaft und wirkt nicht konstruiert.

 

Dennoch: Freundschaften zerbrechen, einige (eigentlich harmlose) Menschen kommen ums Leben. Wobei einer gerettet werden kann - dank einer solchen „Allianz" Fabers mit der militantesten Hackerin... Auf der Gegenseite „bescheißt jeder jeden", spielt mit falschen Karten, gegen die oft nur sehr schwer anzukommen ist. Aber so ist nun mal der real existierende Kapitalismus: bei entsprechender Maximalprofit-Erwartung existiert kein Verbrechen, das er nicht bereit ist zu riskieren. Obwohl die Neoliberalen unserer Zeit absolut nicht ihr eigenes Geldvermögen riskieren, sondern im von ihnen verantworteten Mißerfolgsfall sogar noch Abfindungsmillionen verlangen... und erhalten. In dieser Situation - man lese den Vierten Teil - fragt Faber sich immer wieder, wer wem überhaupt noch vertraue, ob man überhaupt vertrauen könne. Doch da es, wie im Leben, immer wieder einige Aufrechte und Ehrliche gibt, ist die Hoffnung nicht verloren...

 

Dem offenen Ausgang folgt noch ein Nachwort zur Geschichte der Genforschung. Die Chronologie beginnt im Jahr 1865 und Mendels Vererbungsgesetzen. Vielleicht sollte man dieses Nachwort sogar als erstes lesen. Denn diese Auflistung zeigt, daß so etwas wie Krohns Forschungen durchaus irgendwann einmal real werden könnten.

 

 

Bei allem Lob für dieses fabelhafte Buch muß jedoch auch ein „Aber" angemerkt werden. Volker Schulz ist eigentlich als Perfektionist bekannt. Bei ihm muß jedes noch so kleine Detail, auch im Fiktiven, stimmig und glaubhaft sein. Doch dieses Mal hat ihn wohl der „gute Geist" verlassen, wohl weil wesentliche Teile der Handlung im Vorderen Orient und schließlich sogar in Ostasien spielen. Die dort üblichen Konventionen, Namensgebungen, Verhaltensweisen, Umgangsformen, gar die höfischen Etiketten werden in diesem Buch leider total mißachtet und lassen den anspruchsvollen Leser ärgerlich werden. So flapsig wie hier mögen vielleicht Mittelschichteuropäer oder US-Amerikaner miteinander umgehen, aber keinesfalls Araber oder Chinesen. Und diese erwarten, gerade als hochrangige Personen, auch, daß sich „Gäste und Besucher" an solche Konventionen halten. Da hätte das Lektorat hilfreich eingreifen müssen, was leider nicht geschehen ist. Aber nicht nur das läßt zu wünschen übrig. Auch das Korrektorat hat versagt, tummeln sich doch im Text zu viele „Tippfehler", Rechtschreibfehler. Man kann nur hoffen, daß solches im Folgeband nicht mehr vorkommt.

 

Abgesehen von dieser Nicht-Nebensächlichkeit ist Volker Schulz mit diesem Thriller-Projekt erneut ein wirklich großer Wurf gelungen, der sich nicht zuletzt durch gut komponierte dramatische Situationen, jähe und oft überaus verblüffende Wendungen u.a. Spannungselemente auszeichnet. Und - was in diesem Buch noch bloße Fiktion ist, das könnte in gar nicht so ferner Zukunft schon Realität sein. Aber für wen? Wirklich für jeden Menschen egal welcher Hautfarbe? Oder nur für die wenigen superreichen Mächtigen? Man denke nicht nur bei dieser Frage mal an die auch in Deutschland grassierenden Verheißungs- und Heilsbotschaften der sich selbst so nennenden (und real existierenden) Transhumanisten aus dem Silicon Valley!

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Volker Schulz: Die Ewigen. Thriller. Klappenbroschur. 472 S. Bookspot-Verlag. Planegg 2018. 14,80 Euro. ISBN 978-3-95669-104-1

 



 
12.07.2018

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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