Anacharsis Cloots, der „Redner für die ganze Menschheit“

WEIMAR. (fgw) Gleich eingangs möchte der Rezensent bekennen, daß er bis zu dieser Schrift von Heiner Jestrabek (mit einem doch sehr sperrigen Titel) – trotz großen Interesses für die französische Aufklärung und Revolution – noch nie den Namen Anacharsis Cloots vernommen hatte. Um so spannender und informativer gestaltete sich für ihn die seit Februar 2016 vorliegende Lektüre.


Wer war nun dieser Anacharsis Cloots, der sich - unter Verzicht auf christlich geprägte Vornamen und seinen Adelstitel den Beinamen „Redner für ganze Menschheit" zugelegt hatte?

 

Geboren wurde die herausragende Geistesgröße am 24. Juni 1755 auf Schloß Gnadenthal bei Cleve als Joannes Baptista Hermanus Maria Baron Cloots von Gnadenthal (Jean Baptiste Baron de Cloots du Val-de-Grace) als Mitglied einer wohlhabenden holländisch-preußischen Adelsfamilie. Noch nicht 40jährig, wurde er auf Betreiben Robespierres nach kurzem Schauprozess am 24. März 1794 in Paris guillotiniert. Cloots war damit einer der ersten jener aufrechten Männer, auf die das Sprichwort „die Revolution frißt ihre Kinder" zutrifft.

 

Im Hauptteil der vorliegenden Schrift geht Heiner Jestrabek zunächst auf die Cloots'sche Biographie ein, benennt wesentliche Stationen des Lebenslaufes und auch die Personen, die Cloots in seiner Entwicklung persönlich prägten. Genannt werden sollen hier nur Jean-Jacques Rousseau, Voltaire, Benjamin Franklin oder Edmond Burke. Eingehende Studien, Bildungsreisen und die Debatten in philosophischen Salons und politischen Clubs trugen wesentlich zu Cloots' Entwicklung zum Philosophen, Religionskritiker und republikanisch-kosmopolitischen Revolutionär bei. Im folgenden soll auf einige seiner wesentlichsten Lebensstationen und Wirkungsfelder eingegangen werden.

 

Religionskritik

Schon sehr frühzeitig wandte der von der Aufklärung beseelte Cloots sich der Religionskritik zu. Bereits im Jahre 1780 erschien sein, unter Pseudonym publiziertes, philosophisches Hauptwerk „La certitude des preuves du mahométisme, ou Réfutation de l'examen critique des apologistes de la religion mahométane" („Gewissheit der Beweise des Mohammedanismus oder Widerlegung der kritischen Überprüfung der Apologeten der mohammedischen Religion"). Er positionierte sich damit auf Seiten der radikalen antiklerikalen Bekämpfer der Offenbarungsreligionen des Kreises um Holbach, dem konsequent-rationalistischen Flügel in der Nachfolge Voltaires und der Enzyklopädisten. Das Buch galt vordergründig der Kritik des Islam, war aber real eine Entgegnung auf antiaufklärerische christlich-klerikale Schriften.

 

Drei Zitate künden hierin deutlich von Cloots' gewonnener generell religionskritischer Einstellung: „... eine Religion muss für alle Menschen geschaffen sein. Deshalb muss sie auf Beweise gestützt sein, die allen Menschen zugänglich und verständlich sind. Die Beweise der Offenbarungsreligionen aber können nicht von den Unwissenden begriffen werden, d. h. von 3 ½ Vierteln des Menschengeschlechtes. Also kann man an keine Offenbarungsreligion glauben. (...) Das Priestertum ist eine Kalamität (...) sie sind Charlatane, deren vergiftete Dogmen das Hirn der Menschen ergreifen und zerstören. (...) Die Quellen der Religionen sind unrein. Sie haben die Lüge zum Vater und die Leichtgläubigkeit zur Mutter." (S. 24)

 

Später, nunmehr als Abgeordneter des Nationalkonventes, sollte Cloots sich besonders in der Dechristianisations-Kampgagne betätigen, erwies sich doch die Überzahl der Bischöfe, Priester und Mönche als aktive Feinde von Fortschritt, Revolution und Republik. Diese Kleriker stachelten massenhaft zu bewaffneten Rebellionen und Morden an Republikanern an.

 

Revolution und Nationalkonvent

Ende der 1780er Jahre befand sich Cloots, der wegen seiner antiklerikalen Einstellung aus Paris hatte fliehen müssen, auf ausgedehnten Auslandsreisen. Der Ausbruch der Revolution vom Juni 1789 veranlaßte ihn zur sofortigen und endgültigen Rückkehr in die französische Hauptstadt.

 

Er wird Mitarbeiter fast aller bekannten Zeitschriften, hält öffentliche Reden und wurde so einem breiteren Publikum bekannt. Cloots engagierte sich dazu in den politischen Clubs (so als eines der ersten Mitglieder des Jacobinerclubs) und in girondistischen Kreisen. Bald sollte er auch seinen Adelstitel ablegen; Ende 1790 war auch der Zeitpunkt der berühmten Umtaufung. Den neuen Vornamen Anacharsis hatte er gewählt, weil dieser griechische Weise aus Wißbegierde seine gro- ßen Reisen unternommen hatte, um die Sitten und Gebräuche anderer Völker zu studieren, seine eigenen Wünsche oft der Untersuchung des menschlichen Geistes geopfert hatte und dessen Sehnsucht die Befreiung der Menschheit war, so die Begründung.

 

Zuvor schon hatte das Föderationsfest (Fête de la Fédération) auf dem Pariser Marsfeld (Champ de Mars) am 14. Juli 1790 zum ersten Jahrestag der Erstürmung der Bastille stattgefunden. Es sollte eines der wichtigsten Revolutionsfeste der Französischen Revolution überhaupt werden. Eine diesbezügliche Propagandaaktion, machte Cloots im ganzen Land berühmt: Eine Deputation von Ausländern wird im Nationalkonvent vorgelassen und Cloots als dessen Wortführer hält dort eine beachtete, aber auch umstrittene Rede, in der er sich zu einer universalen, laizistischen, (Welt-)Republik, deren Ausgangspunkt die französische Republik sein soll, bekennt. Konsequenterweise negiert dieser Anacharsis Cloots fortan sein nationales Herkommen und gibt sich den Namenszusatz „L'orateur du genre humain" („Redner der ganzen Menschheit").

 

Als Kosmopolit und Revolutionär ist Cloots aber auch französischer Patriot und unterstützt ideell und finanziell die Verteidigung der Republik gegen die Aggressionen der feudalen Mächte. Am 26. August 1792 ernannte die Legislative verdiente Nichtfranzosen ehrenhalber zu französischen Bürgern, wodurch Cloots nunmehr die Möglichkeit erlangte, sich in den Nationalkonvent wählen zu lassen.

 

Die Revolution zerstört sich selbst

Aber, Cloots gewann nicht nur hohes Ansehen. Er schuf sich auch neue Feinde, dort wo er es nicht vermutet hatte: in dem in religiös-deistischen Vorurteil befangenen Robespierre. Dieser hatte schon am 2. Januar 1792 begonnen, scharf gegen Cloots zu polemisieren.

 

Jestrabek konstatiert: „Klar wird hier der scharfe Gegensatz Robespierre vs. Cloots. Hier Nationalismus, da Internationalismus, hier ein fanatischer Anhänger von Rousseaus 'Glaubensbekenntnis des savoyardischen Vikars', dort aufklärerischer Atheismus und Laizismus. Dabei wäre die Lösung das laizistische Staatsmodell gewesen, die religiösen Kulte vom Staat zu trennen und den Bürgern Toleranz zu gebieten. Der Rigorismus unter dem Vorwand der Verteidigung der Republik sollte sich als selbstmörderischer Irrtum für die ganze Jakobinerbewegung erweisen. Robespierres blinder Fanatismus und Verfolgungswahn sollte alle Revolutionäre mit ausländischen Wurzeln diskriminieren." (S. 77)

 

Dennoch sollte Cloots' Eintreten für den Laizismus nicht zum Erliegen kommen. Trotz seiner Niederlage gegen den Moralapostel Robespierre, betonte er die Notwendigkeit der Aufklärung und der Durchsetzung laizistischer Prinzipien in der Republik in seiner Schrift „Induction publique. Spectacles" („Öffentliche Abhandlung. Schauspiele"). In dieser Grundsatzschrift über weltliche Erziehung und die Zurückdrängung des klerikalen Einflusses, bekennt er sich ungebrochen - mit Seitenhieb auf den bigotten Robesspierre - zur Tradition der Aufklärung.

 

Das läßt Robespierre und Anhänger nicht ruhen, Cloots wird in der Nacht vom 27. auf den 28. Dezember 1793 verhaftet und diverser Vergehen als Feind der Republik angeklagt. Am 21. März 1794 beginnt dann ein Schauprozess gegen Cloots und weitere 19 Angeklagte. Die Hinrichtungen finden noch am Tage der Verkündung des von vorn herein feststehenden Urteils statt. Bei Jestrabek heißt es dazu: „Nach der Ausschaltung seiner 'linken' Kritiker, richtete Robespierre einen Terror gegen die 'Gemäßigten'. Am 16. Germinal II (5. April 1794) wurden die bekanntesten Cordeliers, darunter Georges Danton (1759-1794) hingerichtet, am 24. Germinal II (13. April 1794) Pierre-Gaspard Chaumette, Héberts Witwe Françoise Goupil und 17 weitere. In diesem Germinal des Jahres II verlor die Revolution ihre besten Köpfe. Bald darauf wurde auch die 'Commune de Paris' aufgelöst." (S. 87-88)

 

Wenn man die seinerzeit erhobenen Anklagen, die Gerichtsfarcen mit der sofortigen Vollstreckung der Todesstrafen genauer betrachtet, dann kann man durchaus deutlich erkennen, daß diese das Vorbild für die Schauprozesse der 1930er Jahre in der Stalin'schen Sowjetunion waren. Die Ausfälle des damaligen sowjetischen Generalstaatsanwaltes Andrej Januarjewitsch Wyschinski (übrigens Sohn eines hohen zaristischen Beamten polnisch-katholischer Herkunft) unterscheiden sich kaum von jenen Robespierres.

 

Jestrabek schlußfolgert diesbezüglich: „Paranoia und deistischer Fanatismus, sowie persönlicher Ehrgeiz Robespierres sorgten dafür, daß die Revolution ihre eigenen Kinder fraß. Darin sind Tragödie und wichtige Ursachen des Sturzes der Jakobiner zu sehen. Beim Sturz Robespierres am 9. Thermidor des Jahres II (27. Juli 1794) waren die einstigen Kampfgefährten ermordet. Die Konterrevolution des Thermidor hatte leichteres Spiel, weil die Jakobiner sich selbst isoliert hatten. Die Revolutionäre künftiger Zeiten konnten daraus nur lernen: wer die eigenen Genossen ermordet, betreibt das Geschäft der Konterrevolution." (S. 88)

 

Rezeption und Nachwirkungen

Hier schreibt Jestrabek über die weltgeschichtliche Bedeutung der bürgerlichen französischen Revolution („Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit") und deren sehr widersprüchliche und gegensätzliche Rezeption, ja von Revolutionen überhaupt, bei französischen und deutschen Historikern. Hierauf soll nicht näher eingegangen werden. Jestrabeks Resümee lautet, nicht nur auf Historiker bezogen: „Lehren aus der Geschichte zu ziehen, heißt deshalb die Forderungen von Demokratie und Laizismus zu erfüllen. Als einer der ersten europäischen Politiker dafür eingetreten zu sein, gebührt Anacharsis Cloots. (...) Seither [mit Gesetz von 1905; SRK] ist Frankreich ein laizistischer Staat und seine Verfassung wurde Vorbild vieler neu entstandener Republiken. Der Weg des Laizismus steht Deutschland, dem Mutterland von Anacharsis Cloots, noch bevor." (S. 100-102)

 

Cloots im Wortlaut

Jestrabek schreibt nicht nur über Cloots, er referiert nicht nur Berichte und Meinungen anderer, er präsentiert dem heutigen Leser auch fünf Originaltexte aus der Feder von Anacharsis Cloots; neu aus dem Französischen übersetzt von Prof.em.Dr. Theo Bergmann. Davon sollen besonders hervorgehoben und zur ausführlichen Lektüre empfohlen werden: Die Konventsreden „Für das Komitee der Ausländer" (1790); „Die Religion ist das größte Hindernis" (1793) und „Die Spektakel oder Einfluß auf die öffentliche Erziehung" (1793).

 

Laizismus und Parteienkämpfe

In einem weiteren Aufsatz geht Heiner Jestrabek auf „Die Parteienkämpfe der französischen Revolution um den Laizismus" ein. Er stellt hier zunächst Wegbereiter und Weggefährten des Anacharsis Cloots sowie deren wichtigste Werke vor, so u.a. Jean Meslier, Jacques Roux (der nicht bei der Kirchenkritik stehen blieb, sondern auch schon die soziale Frage stellte), die Frauenrechtlerin Olympe de Gouges und Jacques-René Hébert. Letzterer wird - ausführlich - mit diesen Aussagen zitiert:

 

„Der erste, der Priester wurde, war ein wenig maulfertiger als die anderen Wilden, mit denen er zusammenlebte. Er hatte eines Tages bemerkt, daß sich seine Katze jedes Mal die Schnauze rieb oder sein Esel mit den Ohren wackelte, bevor das Wetter umschlug. Stolz wie Oskar auf diese große Entdeckung, bediente er sich ihrer, um die anderen auf den Leim zu locken und sie zu bestehlen; er teilte ihnen mit, der Ewige Vater oder sogar der Teufel hätten ihm ins Ohr geflüstert,um ihm Regen oder Schönwetter anzukündigen. Es ist allseits bekannt, dass es auf den ersten Schritt ankommt, verdammt. Nachdem der Betrüger und Hochstapler erst einmal seine Dummen gefunden hatte, verfiel er auf anderes abgeschmacktes Zeug, um die Dumpfbacken, die ihm zuhörten, weiter zu verblöden. Er tat sich dann mit anderen Strolchen zusammen, die ihm als Hanswürste zu Diensten standen und sich weitere Kniffe ausdachten, um Sand in die Augen zu streuen. So und nicht anders, zum Henker, war der wirkliche Ursprung des Pfaffenberufs, der sich so vorteilhaft auswirken sollte für all jene, die ihn ausübten, und so verhängnisvoll für die Völker, die sich von diesen Gauklern zum Besten halten ließen. Und das Ganze nur deshalb, Sack und Asche, weil ein paar trostlose Gaffer, die arm im Geiste waren, nicht untersucht hatten, warum die Katzen sich kratzten, weil sie von der ganzen Wissenschaft keine Ahnung hatten, die im Ohrenwedeln eines Esels begründet ist - nur deshalb hatten sie Priester, und nur deshalb hat das Krebsgeschwür des Fanatismus so lange das Menschengeschlecht zerfressen." (S. 134)

 

Das dürften sogar noch heute Kleriker und die ihnen devot zugeneigten Politiker und Journalisten besonders in Deutschland als billige kirchenfeindliche Hetze abtun wollen. Doch Jestrabek zeigt auch auf, wie es im vorrevolutionären Frankreich, als der Katholizismus noch Staatsreligion war, tatsächlich ausgesehen hat, welche sozio-ökonomischen Verhältnisse unter dem Dach der vorgeblichen Kirche der Armen, der vorgeblichen Kirche der Nächstenliebe geherrscht haben:

 

„Vor der Revolution stellte der katholische Klerus mit 130.000 Personen (Welt- und Ordensgeistliche, rund 0,5 % der Bevölkerung) im Ständestaat Frankreich den Ersten Stand dar (der Adel war der Zweite Stand mit 350.000 Angehörigen, rund 1,5 %; das Bürgertum der Dritte Stand - und alleiniger Zahlmeister - stellte 98 % der fast 25 Millionen Einwohner). Die hohen Würdenträger des Klerus - lediglich ca. 4.000 Personen - stammten ausnahmslos aus der Aristokratie (...) Die Bauern stellten die größte Gruppe - rund 20 Millionen und ernährten das ganze Land. (...) Ein Viertel des Pariser Stadtgebietes war in Kirchen- und Klosterbesitz. Der Klerus hatte immense Einnahmen und zog den Zehnten von der Bauernschaft ein, war aber selbst von Abgaben befreit (...) Dem Klerus gehörten 10-15 % des fruchtbaren Ackerlandes Frankreichs." (S.138-139)

 

Kommentar überflüssig. Nein, nicht ganz! Wie sieht es eigentlich heute mit dem Besitz (Grund und Boden, Immobilien, Unternehmensbeteiligungen, Bankguthaben etc.) der katholischen und anderer christlichen Kirchen in Deutschland aus, wie mit ihren Privilegien, z.B. steuerrechtlicher Art?

 

Kurz benennt Jestrabek im weiteren die einzelnen Parteien und Etappen der Revolution. Ferner stellt er den von 1792 bis 1806 geltenden „Republikanischen Kalenders" vor. Er wirft aber auch sehr prononciert die Frage auf, warum Robespierre seinerzeit in der Sowjetunion und in der DDR so unkritisch gesehen wurde, warum er sogar „so sehr mit einem Heiligenschein bedacht" worden war. (S. 150)

 

Heiner Jestrabek hat sich bei seinen Recherchen zu Cloots auf zahlreiche heutzutage eher unbekannte Quellen stützen können. Hiervon sei insbesondere die im Jahre 1914 publizierte Dissertation der deutsch-jüdischen Historikerin Selma Stern (1890-1981) erwähnt. Weitere finden sich im Verzeichnis der weiterführenden Literatur.

 

Es bleibt zu wünschen, daß diese Würdigung eines zu Unrecht vergessenen Mannes möglichst viele Leser finden möge. Denn sein Werk, seine Forderungen haben im Europa des Jahres 2016 kaum etwas an Aktualität eingebüßt.

 

Siegfried R. Krebs

 

Heiner Jestrabek: Der Ausgang des siècle des Lumières, dem Jahrhundert der Aufklärung & Anacharsis Cloots, der „Redner für die ganze Menschheit". 166 S. m. Abb. Klappenbroschur. edition Spinoza im Verlag freiheitsbaum. Reutlingen und Heidenheim 2016. 14,00 Euro. ISBN 978-3-922589-61-7

 

 

 



 
12.02.2016

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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