Anas und Clios Abenteuer bei den „Wilden“ auf Formosa

WEIMAR. (fgw) Heuer hat Tereza Vanek ihren dritten (historischen) China-Roman, „Die schöne Insel“, vorgelegt. Dessen Hauptschauplatz ist die Ende des 19. Jahrhunderts von Japan eroberte Insel Taiwan – im „Westen“ als Formosa bezeichnet. Doch dieser Roman, das sei schon vorweg gesagt – enttäuscht. Weil es ihm, im Gegensatz zu den ersten beiden Roman, einfach an Authenzität mangelt und er zu sehr dem Klischee eines „Herz-Schmerz-Frauen-Frauenromans“ entspricht.


Die Geschichte spielt im Jahre 1900 und beginnt in Shanghai. Haupt-Heldin ist Anastassia, noch nicht 18jährige Tochter russisch-jüdischer Emigranten, die sich in der Fremde als Kleinhändler durchschlagen. Als der Vater stirbt, stellt sich heraus, daß die Frau, die sie bislang als Mutter angesehen hat, nur ihre Stiefmutter ist. Und dies ist schon das erste Klischee: das der bösen Stiefmutter. Letztere will als Witwe mit ihrem eigenen Sohn nach Rußland zurückkehren, während sie Anastassia mit einem versoffenen Kneipenwirt zu verheiraten trachtet. Diese weigert sich aber und trifft durch Zufall auf das ebenso junge chinesische Mädchen „Cleo", das gerade aus einem Bordell geflohen ist. Beide Frauen tun sich zusammen. Anastassia kommt - auch wegen ihrer Chinesisch-Kenntnisse - als Verkäuferin in einem deutschen Handelshaus unter und verliebt sich in Felix, den Sohn des Inhabers. Der jedoch entwickelt Gefühle für „Cleo" (und das trotz ihrer geschnürten Füße?!). Die Chinesin, die aus Taiwan stammt und von ihrer Familie ins Bordell verkauft worden ist, hatte sich in ihrer Heimat aber in Nobu, einen jungen japanischen Offizier verliebt. Im weiteren Verlauf reisen „Cleo" und Anastassia gemeinsam mit Felix nach Taiwan, um diesen dort bei der Anbahnung von Geschäften zu unterstützen.

 

Wie es der Zufall so will, begegnen die beiden Frauen dort in ihrem Hotel auch Nobu (ganz elegant zivil gekleidet). Der aber wurde von seiner Familie bereits mit einer Japanerin verlobt. „Cleo" und Anastassia (die sich hier der Verständlichkeit wegen „Ana" nennt) bleiben auf der Insel und begeben sich mit christlichen Missionaren in ein Dorf der Ureinwohnern. Anastassia soll und will dort beim Aufbau einer Schule/Krankenstation helfen und lebt sich recht schnell in die fremde Dorfgemeinschaft ein. Und sie verliebt sich (kaum glaubhaft) in Difang, einen „Wilden". „Cleo" hingegen fühlt sich in diesem Milieu fremd - bis auch Nobu im Dorf auftaucht. Nobu gehört einer Einheit der Besatzungsarmee an... Und so kommen auch die beiden sich wieder näher. Doch ihre Liebesbeziehungen sind von allerlei Widrigkeiten bedroht, vor allem aber vom Agieren der Japaner. Da es nicht ausbleibt, daß sich die Einheimischen gegen ihre Unterdrücker und Ausbeuter wehren, spitzt sich das Geschehen sehr rasch und für viele mit tödlichen Folgen zu. Zumal die beiden Frauen und Nobu dabei von einem anderen Stamm erst ins Gebirge entführt werden, dann aber dort bleiben. Bis eine japanische Strafexpedition dort eintrifft, zu der auch Nobu gehört. Doch das ist noch lange nicht das Ende der Abenteuer der beiden jungen Frauen...

 

Aber wie schon oben gesagt, dies ist im Vergleich mit Tereza Vaneks ersten beiden China-Romanen kein historischer, kein authentischer Gesellschaftsroman, sondern leider nur ein, wenngleich gut geschriebener, Herz-Schmerz-Frauen-Roman vor exotischer Kulisse. Zu vieles ist da nicht stimmig, wie z.B. Namensgebungen in der russisch-jüdischen Familie Anastassias oder in den inneren Verhältnissen der Japaner vor Ort. Einfach nur unglaubwürdig. Vom Umgang der verschiedenen Kulturen miteinander ganz zu schweigen. Und auch weil zu viele der Charaktere einfach nur hölzern konstruiert sind.

 

Was aber ohne Einschränkung zu loben ist, das ist die Darstellung der aus Nordamerika stammenden christlichen Missionare. Denn diese Nebenfiguren sind als Charaktere, individuell wie kollektiv, durchaus glaubhaft gezeichnet. Zwar nur knapp, dafür um so deutlicher wird deren salbungsvoll-verlogene Missionarsüberheblichkeit gegenüber ihnen fremden Kulturen dargestellt.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Tereza Vanek: Die schöne Insel. Roman. 436 S. Klappenbroschur. Edition Carat im Bookspot-Verlag. München 2017. 14,80 Euro. ISBN 978-3-95669-050-1

 



 
06.08.2017

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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