Auch das gehört zur Kriminalgeschichte des Christentums

WEIMAR. (fgw) Tübingen, Ende März 1408: "Die Nacht war wie geschaffen zum Töten. Tiefhängende Wolken verdeckten einen schwindsüchtigen Mond..." Mit diesen Prolog-Worten beginnt der neue historische Roman von Silvia Stolzenburg "Die Salbenmacherin".


Mit diesem Roman schlägt sie ein besonders makaberes, aber kaum benanntes, Kapitel in der "Kriminalgeschichte des Christentums" (Karlheinz Deschner) auf. Doch nach diesem mörderischen Prolog führt Silvia Stolzenburg zunächst nach Konstantinopel, die Hauptstadt des Oströmischen Reiches (Byzanz). Letzteres ist aber nur noch ein trauriger Rest seiner einstigen Größe und nur etwa zwei Generationen später wird Konstantinopel von den siegreichen Osmanen erobert werden.

 

Im Juli 1408 weilt ein Tübinger Handelsherr namens Laurenz in der Metropole am Bosporus, wo er Geschäfte mit dem dortigen Patrizier Philippos machen will. Dessen Tochter, die 16jährige Olivera, geht ihrer Großmutter, einer Salbenmacherin zur Hand, und durchlebt gerade ihr Erwachen als Frau. Als sie Laurenz erblickt, verliebt sie sich sofort mit allen Sinnen in diesen blonden Fremdling. Auch der ist von der überaus schönen Griechin mehr als angetan. Und so kommt es, daß Olivera alle Hebel in Bewegung setzt, daß ihr Vater dem Laurenz die Hand seiner Tochter anbietet. Dies nicht so sehr aus Liebe zu seiner Tochter, so sind die Zeiten damals nicht. Nein, weil eine solche Liaison günstig fürs eigene Fernhandelsgeschäft ist. Auch Laurenz folgt nicht nur seinen erotischen Gefühlen, sondern für ihn ist diese Ehe eine weitere Möglichkeit, in seiner Heimatstadt Tübingen in die bürgerliche Oberschicht aufzusteigen. Noch im Juli wird geheiratet und Laurenz kehrt mit den erworbenen kunsthandwerklichen Waren höchster Güte, seltenen Gewürzen und Olivera nach Süddeutschland zurück. In Oliveras Gepäck befinden sich dagegen ein Papagei, den Laurenz ihr als Zeichen seiner Liebe geschenkt hatte, und eine Reihe heilkundlicher Bücher aus der Sammlung ihrer Großmutter.

 

Denn kulturell ist das untergehende orthodox-christliche Oströmische Reich dem katholischen "Westen" immer noch weit überlegen. Nicht zuletzt auch auf dem Gebiet der Heilkunde, einschließlich des Wissens um Verhütung und Geburtshilfe. Dieser Fakt gehört für Stolzenburg, neben dem Thema "Reliquien" und den damit zusammenhängenden Verbrechen, zu den Inspirationen für diesen Roman. Kulturell überlegen, das zeigt sich für Laurenz darin, daß zum Beispiel Olivera und ihre Großmutter nicht nur Griechisch sprechen, sondern auch Latein perfekt beherrschen und dazu des Lesens und Schreibens kundig sind.

 

Daß die Reise in "den Westen" alles andere als ein Vergnügen ist, das zeigt sich in der ausführlichen Beschreibung durch Silvia Stolzenburg. Bis ins Detail geht sie auf die üblichen ganz alltäglichen Gefahren und Widrigkeiten für Handelsreisende im Mittelalter ein. Und dabei waren ja noch nicht einmal der Landweg oder die Reise übers Mittelmeer gewählt worden, sondern der scheinbar ungefährlichere Weg erst übers Schwarze Meer und dann auf der Donau bis nach Ulm. Erst in Schwaben ging es über Land von Ulm nach Tübingen. Mit ihrer Erzählkunst gelingt es Stolzenburg, eindrucksvoll, aber nicht übertreibend, diese Gefahren und Widrigkeiten darzustellen: Seeräuber, ebenso räuberische Zöllner, Diebe auch in jedem Hafen, Schmutz an Bord und in den Spelunken an Land, Seuchengefahren (Pest) und Unwetter. Und das alles lange acht Wochen dauernd. Olivera ist nach wie vor in Laurenz verliebt, aber sie macht sich dennoch auch schon erste Gedanken wegen seines mitunter absonderlichen Verhaltens.

 

Währenddessen kommt es in Tübingen zu weiteren ungeklärten Todesfällen. Der Leser erfährt schon frühzeitig, daß ein Schlachter nicht nur Schweine und Ochsen schlachtet. Sondern daß dieser auch Menschen fachgerecht zerlegt, deren Blut in Gefäßen auffängt und die Arm- und Beinknochen vom Fleische befreit. Gerüchte über Dämonen oder gar den Teufel höchstpersönlich machen sich - man lebt ja im finsteren Mittelalter - breit, aber dennoch entrinnt der tatsächliche Mörder nur um Haaresbreite den Stadtwachen. Der Leser erfährt auch: hier ist kein Kannibale am Werk, nein der Totschläger ist nur ein Auftragnehmer. Aber wer ist dessen Auftraggeber und warum werden diese Morde und Leichenschändungen in Auftrag gegeben? Nun, der Auftraggeber gehört zu städtischen Oberschicht. Seine Identität aber bleibt lange verborgen. Gewiß aber wird, daß diese Tübinger Untaten und Laurenzens Konstantinopeler Erwerbungen von wertvollen Behältnissen aus edlen Hölzern, Gold, Edelstein und teuerstem Kristallglas in engem Zusammenhang stehen.

 

Doch zurück nach Schwaben. Als Laurenz und seine Frau Anfang Oktober 1408 in Ulm bzw. Tübingen ankommen, herrscht hier ein für Olivera unbekanntes kaltnasses Herbstwetter. Nicht nur deshalb erleidet Olivera einen Kulturschock. U.a. deshalb: ganz im Gegensatz zu ihrer Heimat sind hier selbst die Behausungen der Wohlhabenden primitiv ausgestattet. Mehr noch aber trifft sie die offenkundige Fremdenfeindlichkeit: Man begegnet ihr nur wegen ihres dunkleren Teints verächtlich, so als sei sie nur eine Sklavin, schlimmer noch eine Heidin gar, die die Ursache allen Ungemaches sei. Gerade das befremdet Olivera, denn in Konstantinopel ist der Umgang mit Fremden aus allen vier Himmelsrichtungen und aus allen möglichen Religionen etwas ganz Alltägliches gewesen... Vor allem aber muß sie ein völlig verändertes Verhalten ihres Laurenz feststellen. Aus dem charmanten Liebhaber ist ein mal brutaler Herr, mal ein furchtsamer Kleingeist geworden. Sie kann es sich nicht erklären, führt das aufs Klima oder falsche Nahrung zurück.

 

Beim ersten Kirchgang lernt sie Laurenzens Bruder Götz kennen. Dieser ist nur ein Kleinhändler, Witwer dazu und Vater zweier Kleinkinder. Im Gegensatz zu Laurenz, der unbedingt nach oben will, ist Götz eineeinfache, ehrliche Haut. Er betätigt sich als Apotheker im Spital, von Olivera hat er vorerst keine gute Meinung. Sie ist für ihn nur ein oberflächliches Frauenzimmer mit einem schönen Lärvchen. Das sollte sich aber schon bald ändern, als er mit ihr in direkten Kontakt kommt, denn sie wird von reichen Spitalsbewohnern um ihre Dienste als Salbenmacherin gebeten. Zunächst keimt in Götz der Neid, er hält sie ja nur für eine geschäftstüchtige Quacksalberin, doch dann muß er erkennen, daß sie über weit größeres pharmazeutisches Wissen als er verfügt. Und so arbeiten sie schließlich zusammen, von Laurenz geduldet. Dieser ist froh, daß Olivera viel aus dem Hause ist und so nicht so leicht hinter sein dunkles Geheimnis kommen kann. Und Olivera genießt es, endlich wieder ihr Wissen und Können anwenden zu dürfen. Zwischen ihr und Götz keimt leise Freundschaft, ja sogar Zuneigung.

 

Doch in den wenigen Wochen nach dem Eintreffen von Laurenz und Olivera in Tübingen kulminieren dort die Ereignisse. Die Zahl der Ermordeten wächst, die Unruhe in der Stadt auch...

 

Aber wie es in dem Geschehen weitergeht, wie die weiteren Lebenswege von Olivera und Laurenz, von Götz, vom mörderischen Schlachter und dessen Auftraggeber verlaufen, das soll hier nicht offenbart werden. Nur so viel, bereits im Dezember des Jahres 1408 endet die Geschichte um den mörderischen Reliquienhandel (eigentlich der Reliquienproduktion) in Tübingen.

 

Während sich die Geschichten in Silvia Stolzenburgs Romanen bislang meist über Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte, entwickelten, so geht es in diesem historischen Kriminalroman um ganze sechs Monate im Leben der jungen Olivera. Auch wenn der Leser von Anfang an weiß, wer hier tötet und auch recht bald, warum er tötet, so ist dennoch die Geschichte von Anfang an spannend erzählt. Es ist der Autorin sehr gut gelungen, den Leser in die damalige Welt, ins Leben und Denken der Menschen dieser Zeit einzuführen. Einfühlsame und ausdruckstarke Milieu- und Naturschilderungen sowie Personenbeschreibungen unterstützen die "story". Gerade das Teilhabenlassen an den Gedankengängen Oliveras und der beiden so ungleichen Brüder zeugen von Stolzenburgs Erzähltalent.

 

Interessant ist, daß die Autorin vor allem ihrer jungen hochintelligenten (aufgeweckt und naiv zugleich) kirchenkritische Gedanken "in den Mund legt". Dies mögen einige Zitatbeispiele belegen, die auch für damalige primitive Lebensverhältnisse stehen.

 

Als ihre Großmutter und sie in Konstantinopel zu einer Risikogeburt gerufen werden, heißt es: "Hätte sie daran geglaubt, daß Gott sich auch nur im Entferntesten für ihre Belange interessierte, hätte sie ein Stoßgebet zum Himmel geschickt. Allerdings war sie sich aufgrund des eben erst mit angesehenen Leidens der Gebärenden aufs neue sicher, daß dem Allmächtigen das Los der Frauen vollkommen gleichgültig war." (S.98)

 

Als Olivera sich dann im Tübinger Spital auch um die ärmsten der Insassen kümmert, da bekommt sie von den Nonnen dies zu hören: "Armut und Krankheit sind eine Strafe Gottes. Was du tust, ist gotteslästerlich." (S. 329)

 

Sie wird wegen ihrer Hilfeleistungen als Salbenmacherin auch weiterhin angegiftet, was sie sich denn erlaube und daß sie sich wegscheren solle... Dazu heißt es: "War es nicht die Pflicht eines jeden Christen, den Kranken zu helfen und das Leid der Sterbenden zu mindern? Sollte das nicht auch die Pflicht der Ordensmitglieder sein?" (S. 349)

 

Schließlich, als Laurenz unbarmherzig eine schuldlose junge Dienstmagd ins Elend entläßt: "Claras Elend machte ihr auch heute das Herz schwer. Wenn Gott doch nur nicht so entsetzlich ungerecht wäre!, dachte sie wütend. Wo war die Barmherzigkeit, die alle immer priesen? Wo die Gnade und göttliche Milde? Sie biß die Zähne aufeinander. Wie leid sie es war, sich anhören zu müssen, daß Gottes Wege unergründlich waren. Sie blinzelte die lästerlichen Gedanken beiseite und ergriff Claras Hand." (S. 445)

 

Deutlicher kann das jahrhundertealte Geschwurbel der Priesterkaste von der vorgeblichen "Kirche der Armen" und vom "allerchristlichsten Wert Nächstenliebe" nicht entlarvt werden!

 

Hervorzuheben ist unbedingt noch das informative Nachwort, in dem die Autorin u.a. auf den seinerzeit einträglichen Handel mit (massenhaft gefälschten) Reliquien eingeht. Und wer mehr über diese Zeit sowohl in Tübingen als auch in Konstantinopel wissen möchte, der bekommt in einer mehrseitigen Bibliographie einschlägige Fachliteratur empfohlen.

 

Und - empfehlen kann der Rezensent ehrlichen Herzens dieses ganz aktuelle Buch von Silvia Stolzenburg, das mehr ist als nur eine mittelalterliche Liebesgeschichte vor dem Hintergrund mörderischen Geschehens.

 

Siegfried R. Krebs

 

Silvia Stolzenburg: Die Salbenmacherin. Historischer Roman. 508 Seiten. Hardcover. Gmeiner-Verlag. Meßkirch 2015. 14,99 Euro. ISBN 978-3-8392-1731-3

 



 
12.08.2015

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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