Auch Wallace Strobys neue Figur ist wieder eine starke Frau

WEIMAR. (fgw) Günther Butkus, Gründer und Inhaber des Bielefelder Pendragon-Verlages, hat seit nahezu 40 Jahren immer wieder ein „glückliches Händchen“, wenn es um das Finden und Gewinnen guter, ja sehr guter, Autoren geht. Das betrifft sowohl deutsche als auch US-amerikanische. Zu letzteren zählt u.a. der 1960 geborene Wallace Stroby.


Nach der deutschen Erstausgabe von Strobys bravouröser vierteiliger Serie um die außergewöhnliche Kriminelle (und dennoch liebenswerte!) Crissa Stone ist bei Pendragon jetzt ein Roman erschienen, in dessen Mittelpunkt erneut eine junge starke Frau steht. Aber diesmal eine Frau auf der anderen Seite des Gesetzes: Sara Cross ist Polizistin in einem Kaff irgendwo in Florida.

 

Sara wird eines Nachts zu einer abgelegenen Straße gerufen. Gerufen von ihrem Ex-Freund und Kollegen Billy. Er habe einen Mann in Notwehr erschossen, als dieser während einer Verkehrskontrolle eine Waffe gezogen habe, sagt er. Sara inspiziert sofort nach ihrer Ankunft auch sofort den Tatort. Neben dem Toten, es ist ein Schwarzer, liegt tatsächlich eine Pistole. Und ein späterer Blick in den Kofferraum seines Wagens scheint Billys Handeln noch zu bekräftigen. Denn dort befinden sich gleich mehrere automatische Waffen. Was aber in Saras Augen doch ungewöhnlich ist, das ist ein Kindersitz im Auto. Natürlich finden gleich am nächsten Tag interne Untersuchungen statt, Sara macht ihre Aussage, sie will an Notwehr glauben. Und für Sheriff und Staatsanwalt ist damit die Sache klar. Aber irgendwie nagen in Sara Zweifel.

 

Diese verstärken sich, als die Witwe im Ort erscheint. Nach ihren Worten war ihr Mann ein schüchterner Akademiker, aber kein Gangster. Sie macht gehörig Druck, wird aber außer von Sara von niemandem ernst genommen.

 

Doch der Leser ist bald schlauer. Man erfährt, daß der Tote der tatsächlich unbescholtene Neffe eines üblen Gangsterbosses aus dem Norden ist. Er war lediglich benutzt worden, um ein großes Geschäft abzuwickeln. Und natürlich in nichts eingeweiht worden. Aber bevor es zum „Deal" kommen konnte, wurde er auf dem Wege von Billy erschossen.

 

Worum ging es? Billy sollte den Wagen mitsamt des Geldes an einem bestimmten Platz abstellen und im Gegenzug mit einem anderen Auto voller Drogen zurückkehren. Bei den Drogenlieferanten handelte es sich um eine Bande von Haitianern.

 

Der Gangsterboss beauftragt nun den alternden Berufskiller Morgan - er ist ebenfalls ein Schwarzer, sich entweder das Geld oder die Drogen zu beschaffen und die Störenfriede zu eliminieren. Morgan, so erfährt man, ist schwer krank und benötigt dringend eine teure Operation. Also willigt er ein, als ihm die Höhe der Erfolgsprämie genannt wird.

 

Und nun beginnt eine verwickelte Jagd: Sara ist auf der Suche nach der Wahrheit und gerät dabei immer mit mit Billy aneinander. Und vor allem mit dessen neuer Geliebten, einem echten zwielichtigen Miststück. Morgan selbst recherchiert anhand von Fall-Akten, die die Witwe des Getöteten erhalten hatte. Er begibt sich insbesondere auf die Spuren von Billy und Sara. Doch zugleich werden auch noch die Haitianer aktiv.

 

Es kommt zu merkwürdigen Begegnungen, brutalen Überfällen und Schießereien, denen etliche Personen zum Opfer fallen. Und Sara ist immer mittendrin, steht stets zwischen allen Fronten. Dabei sind sowohl die Wahrheit als auch das verschwundene Geld immer zum Greifen nah...

 

Mehr soll zur Handlung nicht gesagt werden. Außer, daß diese sehr gekonnt aufgebaut ist, stets die Spannung hält, sie eben stetig steigert und dazu noch immer wieder für kleine Überraschungen und Arrangements gut ist.

 

Was das eigentlich besondere und hervorhebenswerte dieses Romans ist, das sind zwei Figuren. An erster Stelle natürlich Sara. Die ist kein schießwütiger, rassistischer Cop, sondern eine korrekte Beamtin, die sich der ganzen Wahrheit, die sich Recht und Gesetz verpflichtet fühlt. Und sie ist liebende alleinerziehende Mutter mit einem kranken, pflegedürftigem Sohn. Letztes spielt schließlich keine unwichtige Rolle.

 

Und da ist andererseits Morgan, der zwar ein eiskalter Berufskiller ist, aber dennoch ein Mann mit Prinzipien und „Ganoven-Ehre". Morgan verfolgt bei diesem Auftrag eine eigene Agenda, nicht nur weil er seinem Auftraggeber mißtraut. Und so benimmt er sich in bestimmten Situationen mehr als merkwürdig, eigentlich menschlich - auch wenn dies angesichts seines Tötens seltsam erscheinen mag.

 

Dieser Krimi mit besten Thriller-Qualitäten unterscheidet sich wohltuend von der Masse US-amerikanischer Bücher bzw. Filme „von der Stange". Nicht nur wegen des handwerklichen Könnens Strobys. Mehr noch wegen der doch klischeefreien Beschreibung der gesellschaftlichen Wirklichkeit seines Landes. Und daher sind die Charaktere dieses Romans, nicht nur die Protagonisten, keinesfalls schwarz-weiß - im zweifachen Bedeutungssinne - gezeichnet, sondern lebensecht „mit Ecken und Kanten" dargestellt.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Wallace Stroby: Zum Greifen nah. Kriminalroman. A.d.Amerikan.v.Bernd Gockel. 358 S. Klappenbroschur. Pendragon-Verlag. Bielefeld 2020. 18,00 Euro. ISBN 978-3-86532-674-4

 



 
31.03.2020

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
<- Zurück zu: Freigeist Weimar

Das könnte auch andere interessieren? Informieren Sie Ihre Freunde:

meinVZ