Aufklärung in England: John Toland und die Free-Thinkers

WEIMAR. (fgw) Dem engagierten Heidenheimer humanistischen Freidenker Heiner Jestrabek ist als Herausgeber erneut ein großer Wurf gelungen: Mit der neuesten Publikation in der edition Spinoza erinnert er an den frühen irisch-englischen Free-Thinker (Freidenker) John Toland (1670 – 1722).


Sein Buch „Enlightenment & Free-thinker's" geht aber nicht nur auf Toland ein, sondern stellt diesen in den Kontext zu anderen frühen Aufklärern in England, Irland und Schottland. Jestrabek führt seine Leser damit in eine ganze Epoche der geistigen Befreiung der Menschheit ein, er berücksichtigt die Vorgeschichte der europäischen Aufklärung, die wichtigsten Denker und er stellt auch Strömungen der heterogenen Aufklärungsliteratur aus der Zeit zwischen den großen bürgerlichen Revolutionen des 17. und 18. Jahrhunderts in England und Frankreich vor. Es schließt sich ein kurzer Ausblick auf deren Nachwirkungen an.

 

Den Schwerpunkt aber bilden, darin eingebettet, das Leben und das Werk des irischen Weltbürgers John Toland. Jestrabek würdigt diesen als „radikalsten und reifsten Free-thinker und materialistischen Pantheisten" dieser Epoche. Der sich nicht nur als Religions- und Kirchenkritiker geäußert habe, sondern nicht minder auch als Menschenrechtler und Republikaner. Übrigens, Toland soll nach William Molyneux als erster die Begriffe „Freidenker" und „Pantheist" öffentlich verwendet haben.

 

Jestrabeks einleitender Aufsatz „Enlightenment und Free-thinker's - Aufklärung in England" geht zunächst auf Begriffliches ein, um dann diese Frage zu stellen: „Auf welche Teile der historischen Aufklärungsbewegung sollen wir [Heutigen; SRK] uns berufen?" (S. 11) Er beleuchtet dann den historischen Hintergrund, der England seinerzeit zum „Mutterland des freien Denkens" machte.

 

Belegt wird dies mit einem Überblick über die namhaftesten Akteure und deren wichtigste Werke, Erkenntnisse und Aussagen. Den Auftakt gibt John Wiclif (um 1320 bis 1384). Es folgen John Oldcastle, Francis Bacon, Edward Herbert, Thomas Hobbes, John Milton, Gerrard Winstanley, Samuel Butler, Isaac Newton, John Locke, Charles Blount, William Molyneux, Matthew Tindal, Thomas Woolston, Bernard de Mandeville, Anthony Ashley-Cooper, Anthony Collins, William Whiston, Jonathan Swift, Thomas Chubb, David Hume, Oliver Goldsmith, Joseph Priestley, Robert Burns, Thomas Paine, William Godwin, Mary Woolstonecraft und Tochter Mary Shelley sowie Robert Owen (1771 - 1858). Diese ausführliche Liste deshalb, weil uns Heutigen die meisten dieser Namen wohl unbekannt sein dürften. Jestrabek würdigt diese Denker durchaus kritisch, indem er z.B. feststellt, daß für sie die soziale Frage in der Regel keine Rolle gespielt habe.

 

Mit seinem zweiten Aufsatz „Free-thinker John Toland (1670 - 1722)" stellt Jestrabek dessen Leben und Werk vor. Auf die einzelnen Lebensstationen soll hier aber nicht näher eingegangen werden, wichtiger ist Werk und Wirken.

 

Zu Tolands Buch „Christentum ohne Geheimnis" (1696) schreibt Jestrabek: „In John Tolands Buch lag ein Tabubruch, denn das herrschende politische System benötigte seine Legitimation in der Integrität der Kirche und ihrer dogmatischen Religionsauslegung. (...) Deshalb wurde auch im Jahr 1697 das 'Gotteslästerungsgesetz' erlassen, welches Glaubenszweifel kriminalisierte." (S. 69)

 

Toland publizierte aber nicht nur, er betätigte sich auch als Herausgeber der Schriften von John Milton, James Harrington, Algernon Sidney und Giordano Bruno.

 

Ausführlicher geht Jestrabek auf Tolands Aufenthalte in Hannover und Berlin, seine Bekanntschaft und Korrespondenz mit „Serena" [d.i. Königin Sophie Charlotte v. Preußen aus dem Hause Braunschweig-Lüneburg /1668 - 1705/; SRK] ein.

 

Aus dieser Bekanntschaft resultiert Tolands Buch „Briefe an Serena" (1704) - eine Sammlung philosophisch-wissenschaftlicher Essays über seine Weltanschauung in Form von fünf Briefen. Die ersten drei behandeln die theologisch-religiösen Debatten der damaligen Zeit, die beiden letzten befassen sich mit Tolands Erörterungen zum Materiebegriff und zur Bewegung als einer wesentlichen Eigenschaft der Materie. Insbesondere hier bekennt er sich zu materialistischen Interpretationen und dialektischen Ansichten. Diese fußen zwar auf dem damaligen Stand der Naturwissenschaft, sie lassen aber dennoch den heutigen Leser staunen. Staunen darüber, welches naturwissenschaftlich-mathematisches, aber auch welches historisches und philosophisches Wissen seinerzeit doch schon vorhanden war. Leider mehr oder weniger aber nur im Verborgenen...

 

Nebenbei, erst durch Jestrabeks Buch hat der Rezensent erfahren, daß einer der von ihm hochgeschätzten Hochschullehrer an der Berliner Humboldt-Universität, Erwin Pracht (1925 - 2004), bereits im Jahre 1959 im DDR-Akademie-Verlag eine Werkausgabe der „Briefe an Serena" besorgt hatte.

 

Ferner stellt Jestrabek Tolands späte Schriften vor, insbesondere das „Pantheistikon" aus dem Jahre 1720. Heiner Jestrabek beläßt es aber nicht dabei, er läßt John Toland dann selbst - und ungekürzt - zu Wort kommen. Für diesen Band ausgewählt wurden:

 

Die „Briefe an Serena" - Brief 1 („Der Ursprung und die Macht von Vorurteilen") - Brief 2 („Geschichte der Unsterblichkeit der Seele bei den Heiden") - Brief 3 („Der Ursprung des Götzendienstes und die Gründe des Heidentums"). Toland beleuchtet darin die Entwicklung der Religionen, insbesondere die des mediterranen Raumes, ausgehend von Naturreligionen/Totenkulten über die Polytheismen hin zum (christlichen) Monotheismus. Schonungslos deckt er die negative Rolle der Priesterkasten in Klassengesellschaften auf. Diese drei Briefe dürften daher auch für Laizisten, Kirchen- und Religionskritiker im Hier und Heute von Interesse sein. Bringt Toland doch - und dies vor gut 300 Jahren schon - Erkenntnisse, Standpunkte und Forderungen zum Ausdruck, die immer noch auf der Tagesordnung stehen.

 

Daher soll daraus etwas ausführlicher zitiert werden:

 

„...Das Schwanken des menschlichen Geistes zwischen Hoffnung und Furcht ist eine der Hauptursachen für den Aberglauben. (...) Das führt leicht dazu (...), daß man sich jeden Ratschlags bemächtigt und Propheten und Astrologen befragt. (...)

Das Gottesgnadentum, das in letzter Zeit von einigen christlichen Königen beansprucht wurde, und der bedingungslose und geduldige Gehorsam, den man ihnen schuldig sei, wie ihre schmeichlerische Geistlichkeit vorgab, ist (...) ein besseres Mittel zur Unterstützung der Tyrannei, als es die Heiden hatten (...)

Diese Dinge aber wurden später von den Priestern ausgenutzt, um die Wertschätzung ihrer vorgeblich guten Bekanntschaft mit dem Himmel zu steigern, mit der Absicht, Einkünfte für sich zu erhalten (...) Und die Mehrheit der Riten diente in nicht geringem Maße dazu, das Volk zu unterhalten und davon abzulenken, über manche Dinge nachzudenken. (...)

Außerdem bestand manchmal ein gegenseitiges Übereinkommen zwischen Fürst und Priester, demzufolge sich ersterer verpflichtete, dem letzteren alle diese Vorteile zu sichern, wenn dieser als Gegenleistung die absolute Macht des Fürsten über das Volk predigte, dessen willigen Geist der Priester jederzeit in einer ihm genehmen Richtung beeinflussen konnte. (...)

...beherrschen die christlichen Priester, mit Ausnahme sehr weniger protestantischer Länder, die Regierung und bestimmen überall uneingeschränkt das geistige Leben der Laien. (...)

Wir sollten auch nicht vergessen, daß diese neue Götzenanbeterei der Christen, wie die der antiken Heiden (...) erst durch die List der Priester allmählich auf diese Höhe gebracht worden ist. Die Priester verlocken andere unter Hinweis auf diese Vorbilder dazu, ihren Anweisungen zu folgen, welche immer dazu dienen, ihren eigenen Rum, ihre Macht und ihre Einkünfte zu erhöhen. (...)

...soll er sich nur überlegen, auf welche Weise in vielen großen Ländern die einfache Lehre Jesu Christi zu den absurdesten Doktrinen, zu unverständlichem Jargon, zu lächerlichen Gebräuchen und unerklärlichen Mysterien ausarten konnte und auf welche Weise fast überall in der Welt Religion und Wahrheit in Aberglaube und Pfaffenlist verwandelt werden konnten." (S. 128 - 150)

 

Wenn man diese Aussagen liest, könnte man tatsächlich meinen, John Toland würde hier über das Bundes-Deutschland des Jahres 2015 und der hierzulande agierenden katholischen deutschen Bischofskonferenz (DBK) sowie der evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) schreiben.

 

Heiner Jestrabek läßt diesen „Briefen an Serena" einen Auszug aus „Giordano Bruno - Die Vertreibung der triumphierenden Bestie" sowie in voller Länge das „Pantheistikon" folgen. Eine Bibliographie sowie eine Übersicht über Literatur zur Aufklärung in England runden dieses Buch in gelungener Weise ab.

 

Siegfried R. Krebs

 

Heiner Jestrabek (Hrsg.): Enlightenment & Free-thinker's. Aufklärung in England - John Toland. 212 S. kart. edition Spinoza im Verlag freiheitsbaum. Reutlingen und Heidenheim 2015. 15,00 Euro. ISBN 978-3-922589-56-3

 



 
28.10.2015

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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