Ausländische Vertragsarbeiter in der DDR mal ganz konkret

WEIMAR. (fgw) Immer wieder kocht in den Mainstream-Medien Medien das Thema „ausländische Vertragsarbeiter in der DDR“ hoch. Und dies stets verbunden mit solchen Anklagen zur Verunglimpfung der DDR: Ausbeutung billiger und rechtloser Arbeitssklaven, Verrichten nur niedrigster Arbeiten, Ghettoisierung, Ausländerfeindlichkeit, Rassismus usw. Aber nicht nur die Konzernmedien und die Einheitspartei CDUCSUFDPSPDGRÜNE bedienen diese Leier.


Leider fügen sich in den letzten Jahren auch vorgeblich linke Kräfte eifrig in diesen Chor ein, passend zur offiziellen Verteufelung der DDR als „Unrechtsstaat" durch die Spitzen der Thüringer Linkspartei. Erinnert sei nur an das stetige Agieren der Amadeu-Antonio-Stiftung oder an die seit 2012 laufende Ausstellung „Bruderland ist abgebrannt - Einwanderung, Rassismus, Antisemitismus und Neonazismus in der DDR", gestaltet von der Rosa-Luxemburg-Stiftung und einem „Zentrum für Demokratie Treptow-Köpenick".

 

Ein weiteres Beispiel ist der Rundbrief 1-2/2013 der BAG Antifaschismus der Partei DIE LINKE mit dem Schwerpunkt „Vertragsarbeit in der DDR". Neben durchaus sachlichen Informationen widmet sich diese Publikation aber vorrangig der DDR-Delegitimierung, insbesondere im Beitrag eines Dr. Patrice G. Poutros. Dieser Historiker setzt mit seinen Behauptungen den bürgerlichen Verleumdungen sogar noch eins drauf. Darauf soll hier aber nicht weiter eingegangen werden, auch soll hier zum Thema kein Grundsatz-Artikel verfaßt werden.

 

Interessanter dürfte wohl für jüngere Menschen und für Menschen, die nur die kapitalistische bundesdeutsche Realität kennen, sein, wie sich das Leben ausländischer Vertragsarbeiter aus Vietnam und Kuba ganz konkret gestaltet hat bzw. wie diese in der Öffentlichkeit wahrgenommen worden sind. Das soll anhand der Jahrgänge 1989 und 1990 einer Betriebszeitung dokumentiert werden. Die Betriebszeitung „Neues Schaffen" erschien alle drei Wochen im VEB Kunstseidenwerk „Clara Zetkin" Elsterberg, in dem etwa 1.600 Menschen arbeiteten. Elsterberg im Vogtland zählte damals knapp über 6.000 Einwohner. Der Verfasser dieser Zeilen arbeitete seinerzeit in diesem Betrieb als Fachgebietsverantwortlicher für Kultur. Er kennt also die Verhältnisse in einem industriellen Großbetrieb von innen und kann daher feststellen: Die Zitate aus dieser Zeitung sprechen für sich, sind keine schönfärberische Propaganda, und sollen daher auch weitgehend unkommentiert bleiben.

 

Das Aufmacherfoto auf Seite 1 in Nr. 3 vom Februar 1989 stellt die vorbildliche Brigade „Clara Zetkin" (Webkette/Konerei) vor. Zu den fünf Frauen gehört die Kubanerin Lourdes Diaz Lopez. Und in der Nr. 4 vom März 1989 ist auf Seite 2 eine „Ehrentafel" der zum Internationalen Frauentag für vorbildliche fachliche Arbeit ausgezeichneten 27 Frauen abgedruckt. Darunter die Kubanerin Lourdes Diaz Lopez (Abt. Webkette) und die Vietnamesin Ngan Tran Thi (Abt. Zwirnerei).

 

Kommunales Wahlrecht für Ausländer

Besonders aufschlußreich dürfte aber gerade für heutige Leser die Nr. 5 vom April 1989 sein: Auf Seite 1 melden sich zwei ausländische Arbeitskräfte „zum aktiven und passiven Wahlrecht in der DDR" zu Wort.

 

Die Vietnamesin Le Nhu Ky schreibt im Namen ihrer nationalen Einsatzgruppe u.a.: „Wir (...) haben mit Freude den Beschluß der Volkskammer der DDR aufgenommen, daß ausländischen Bürgern, die länger als sechs Monate ihren Aufenthalt in der DDR haben, das aktive und passive Wahlrecht gewährt wird. Das werten wir als eine Anerkennung der von uns erbrachten Leistungen an unseren Arbeitsplätzen in der DDR. Wir sehen in diesem Beschluß vor allem die weitere Durchsetzung der Menschenrechte in einem sozialistischen Staat, sehen die Möglichkeiten der weiteren gleichberechtigten Entwicklung der vietnamesischen Kolleginnen und Kollegen..."

 

Und der Kubaner Reinaldo Figueroa Martinez schreibt namens seiner nationalen Gruppe u.a.: „Für uns ist die DDR zu einer zweiten Heimat geworden, hier arbeiten und leben wir mit unseren deutschen Freunden (...) Die Facharbeiternormen erfüllen und überbieten wir in Menge und Qualität beträchtlich (...) Wir alle schätzen es hoch, daß wir die gleichen Rechte und Pflichten haben wie unsere deutschen Kollegen in der DDR." Und auf Seite 5 wird der Vietnamese Le Duc Ngoc in einer Bildnachricht an seinem Arbeitsplatz vorgestellt.

 

Die DDR hatte somit allen ausländischen Bürgern mit mehr als sechs Monaten Aufenthalt das kommunale Wahlrecht eingeräumt! Als erster deutscher Staat überhaupt.

 

Dazu sei an dieser Stelle ein Verweis auf die damaligen bundesdeutschen Verhältnisse gestattet:

 

Durch Gesetz zur Änderung des Gemeinde- und Kreiswahlgesetzes vom 9. Februar 1989 wollte das Bundesland Schleswig-Holstein es Angehörigen der Staaten Dänemark, Irland, Niederlande, Norwegen, Schweden und der Schweiz, die seit mindestens fünf Jahren berechtigt im Inland leben, gestatten, an Gemeinde- und Kreiswahlen teilzunehmen. Das Bundesverfassungsgereicht erklärte dieses Gesetz mit Urteil vom 31. Oktober 1990 jedoch für unvereinbar mit dem Grundgesetz. Erst nach dem Vertrag von Maastricht und zur Umsetzung seiner oben genannten Bestimmungen fügte das Gesetz zur Änderung des Grundgesetzes vom 21. Dezember 1992 in den Art. 28 Abs. 1 GG folgenden Satz 3 bei: „Bei Wahlen in Kreisen und Gemeinden sind auch Personen, die die Staatsangehörigkeit eines Mitgliedstaates der Europäischen Gemeinschaft besitzen, nach Maßgabe von Recht der Europäischen Gemeinschaft wahlberechtigt und wählbar." Also, erst drei Jahre nach der DDR führte die Bundesrepublik das kommunale Ausländerwahlrecht ein, allerdings nur für Bürger der EG-Staaten. Nicht aber für Hunderttausende türkische Arbeiter in der BRD, die dort oft schon jahrzehntelang lebten, arbeiteten und Lohnsteuer zahlten!

 

Öffentliche Anerkennung für ausländische Kollegen

In Nr. 7 vom Mai 1989 ist auf Seite 2 die Ehrentafel der zum 1. Mai als „Aktivist der sozialistischen Arbeit" ausgezeichneten sieben Frauen und und sieben Männer abgedruckt, darunter die Ungarin Erszebet Fendrich (Leiterin der HO-Betriebsverkaufsstelle), der Bulgare Boris Borissow (Spinnbadschlosser) und der Kubaner Jorge Tamayo Rodriguez aus der Spinnerei-Abt. Und in Nr. 8 vom Juni 1989 wird Boris Borissow in einer längeren Bildnachricht („Fachlich engagiert und vorbildlich") vorgestellt. Borissow war zudem gerade als gewerkschaftlicher Vertrauensmann wiedergewählt worden. In Nr. 9 vom Juni 1989 folgt eine längere Bildnachricht über Jorge Tamayo Rodriguez unter der Überschrift „Stets zuverlässig und einsatzbereit". In der selben Ausgabe gibt es eine Bildnachricht über die Mitarbeiterinnen des Kollektivs „Konsumgüterproduktion". Neben sieben deutschen Frauen gehört auch die Vietnamesin Ha Le Thy dazu. Und schließlich ist hier auch noch die Siegertafel des 14. Betriebssportfestes abgedruckt. Zu den Erst- bis Drittplatzierten in den neun Disziplinen gehören auch mehrere ausländische Arbeitskräfte, so die Kubaner Jesus Quintana und Reinaldo Figueroa Martinez (jeweils Silber) sowie der Vietnamese Ky Le Nhu als Stadtmeister im Tischtennis.

 

Auch die Ausgabe Nr. 10. vom August 1989 (Im Juli wurde urlaubsbedingt keine Zeitung produziert.) räumt der Berichterstattung über die ausländischen Arbeitskräfte breiten Raum ein:

 

Auf der Titelseite wird in einer Bildnachricht die Brigade „Clara Zetkin" (Abt. Webkette/Konerei) vorgestellt, die Höchstleistungen in der Planerfüllung melden konnte. Sieben der zwölf Frauen kommen aus Vietnam. Und auf Seite 3 wurde unter der Überschrift „Klub International gebildet" über die betrieblichen Veranstaltungen zum kubanischen Nationalfeiertag berichtet: „Auf der Elsterberger Freilichtbühne boten Künstler ein mitreißendes Kulturprogramm. Ob Show-Tanz, Akrobatik, Magie, Schlangendressur oder Schnellzeichnen - jeder Beitrag der Showbühne Plauen wurde mit viel Beifall bedacht. Im Anschluß an das Programm feierten Kubaner, Deutsche und Vietnamesen ein stimmungsvolles Tanzfest unter freiem Himmel, ganz wie in der Heimat Kuba. Zum Fest gehörten auch kubanische Speisen vom Grill und Sangria." Getragen wurden sämtliche Veranstaltungskosten vom betrieblichen Kultur- und Sozialfonds und selbstverständlich war dieser Tag für die Kubaner ein zusätzlicher und bezahlter Feiertag. Im Artikel heißt es dann weiter: „Mit dem Klub International soll die freundschaftliche Verbundenheit der kubanischen, vietnamesischen und deutschen Kollegen gefördert werden. Dem Anliegen dienen Klubgespräche zu Themen aus Politik, Geschichte, Kultur, Küche, Mode und Kosmetik. Vorgesehen ist auch die regelmäßige Vorführung originalsprachlicher Filme im städtischen Kino. Gesellige und sportliche Vorhaben werden dabei nicht zu kurz kommen." Die finanziellen Mittel für all diese kostenlosen Veranstaltungen, und auch zum vietnamesischen Nationalfeiertag, kommen ebenfalls aus dem betrieblichen Kultur- und Sozialfonds. Und auf Seite 7 wurde dem Vietnamesen Son Dinh Truc zum fünfjährigen Betriebsjubiläum gratuliert.

 

Zeitung zeichnet aber keinesfalls ein Idealbild

Der Aufmacherartikel der Nr. 11 vom September 1989 war überschrieben mit „Vietnam - ein fernes, doch kein fremdes Land". Darin heißt es u.a.: „Die Ausbildung und die Arbeit der vietnamesischen Kollegen in unserem Betrieb ist Ausdruck konkreter gegenseitiger Wirtschaftshilfe. Wenn auch die Sprachen, Lebensgewohnheiten, Sitten und Bräuche sehr verschieden sind, so arbeiten wir doch gemeinsam für unser aller Wohl." Daß hier kein Idealbild propagiert wird, zeigt sich ganz offen im nächsten Absatz: „Leider gibt es aber immer noch einige Bürger, die das nicht so erkennen wollen. Wegen des Fremden, Ungewohnten schenken sie manchmal Gerüchten, die nicht auf dem Boden des Sozialismus gewachsen sind, Glauben." Mit Bezug auf die Veranstaltung zum vietnamesischen Nationalfeiertag am 2. September kommt auch der Vietnamese Le Dinh Binh zu Wort: „Ich stamme aus einer Bauernfamilie. Mein Freund war Soldat. Wir sind beide nach Elsterberg gekommen, um uns durch die Arbeit zu qualifizieren. Obwohl wir uns sehr umstellen mußten, angefangen von der Technik und der Arbeitsweise bis hin zum Klima, gewöhnen wir uns nach und nach an alles. Heute kann ich schon arbeiten wie meine deutschen Kollegen. Mit der Sprache habe ich noch Schwierigkeiten, aber das bringe ich auch noch, dabei helfen unsere Dolmetscher. Ich fühle mich im Betrieb und in der Stadt Elsterberg ganz wie zu Hause. Die Vietnamesen stellten an diesem Tag verschiedene heimische Gerichte, darunter Frühlingsrollen vor, und eine Deutsche berichtete mit einem Lichtbildervortrag über die Reise mit Jugendtourist nach Vietnam."

 

Auf Seite 4 wurde ausführlich in Wort und Bild über die sommerlichen Kinderferienlager berichtet. Darunter auch über den Austausch mit einem slowakischen Partnerbetrieb und über den von den DDR-Gewerkschaften finanzierten Durchgang für polnische Pfadfinder im betrieblichen Ferienheim am nahen Stausee. Und auf Seite 7 schließlich gab es zwei Notizen über den im Juli gebildeten Klub International, so die Ankündigung eines Dia-Vortrages „Kuba als Tourist erlebt" und der Abdruck eines vietnamesischen Rezeptes für „Huhn mit Lauch".

 

Der Aufmacherartikel der Nr. 12 vom Oktober 1989 vermeldet, daß die Brigade „Clara Zetkin" zur Jugendbrigade berufen wurde; von den zwölf Frauen kommen fünf aus Vietnam [siehe Ausriß; SRK] Auf Seite 2 gibt es einen kurzen Bericht über die Teilnahme mehrerer Kollegen am „Kulturfestival der kubanischen Werktätigen aus den Bezirken Gera und Suhl: So erreichte Amanda Gil Borges in der Sparte Rezitation einen 1. Platz und die Tanzgruppe einen 3. Platz in der Sparte Ballett. Schließlich werden in einer Bildnachricht noch zwei vorbildliche kubanische Arbeiterinnen aus der Abt. Kontinue-Seide vorgestellt: Alida und Milagros Perez. Hingewiesen wird auf Seite 7 auf eine Filmvorführung im örtlichen Kino für die Vietnamesen im Januar.

 

In Nr. 13 vom November 1989 ist die Ehrentafel der zum Tag des Chemiearbeiters als „Aktivist der sozialistischen Arbeit" ausgezeichneten Betriebsangehörigen abgedruckt, darunter der Kubaner Jose Castaneda Aguilero Anlagenfahrer in der Abt. Schwamm. Dieser wurde dann auch ausführlich in Wort und Bild vorgestellt.

 

Leben Tür an Tür

Inzwischen hatten auch in Elsterberg die ersten „Montags-Demonstrationen" stattgefunden, auf denen betriebsfremde Personen die angeblich elendige Lage ausländischer Arbeitskräfte thematisierten und in den schwärzesten Farben malten. Darauf wurde in der Nr. 14 vom Dezember 1989 reagiert. Diese Ausgabe wurde übrigens nicht nur an Beschäftigten des Betriebes abgegeben, sondern wegen der gestreuten Gerüchte auch außerhalb breit gestreut. Deshalb ist die gesamte Seite 3 dem Einsatz ausländischer Arbeitskräfte im Betrieb gewidmet. Das Interview mit der Direktorin Kader/Bildung Gabriele Ruß, ist überschrieben mit „Fern der Heimat, viele Einschränkungen und trotzdem zufrieden?"

 

Frau Ruß teilt mit, daß bereits seit Ende der 1960er Jahre ausländische Arbeitskräfte im Kunstseidenwerk beschäftigt sind. Zunächst Ungarn, Bulgaren... Dann Kubaner und Vietnamesen, aktuell 39 bzw. 124. Sie spricht die Regierungsabkommen an, auf deren Grundlage der Einsatz der „Vertragsarbeiter" erfolgt. Diese Abkommen basierten auf den Wünschen und Forderungen der jeweiligen Entsendeländer. In diesen Abkommen seien auch Unterkunft, soziale und kulturelle Betreuung, Qualifizierungen, tarifgemäße Vergütungen und Urlaubsansprüche sowie Sozialversicherungspflicht festgeschrieben. So sagt sie konkreter etwas zu den Wohnbedingungen. Die vier Wohnheime für Ausländer (ohne Pförtner!) liegen inmitten des Komplexes der Betriebswohnungen, die Monats-Mieten seien mit 20 Mark ebenso niedrig wie die der deutschen Ledigen oder Lehrlinge in deren Wohnheimen. Sie beschreibt auch die vom Betrieb finanzierte Ausstattung, einschließlich Kühlschrank, Waschmaschine, Kochherd, in den 1- und 2-Raum-Wohnungseinheiten. In der Regel seien zwei Personen pro Raum untergebracht.

 

In den Betriebswohnungen lebten übrigens sowohl Produktionsarbeiter als auch Mitglieder der Direktion Tür an Tür, selbst die Generaldirektorin (!) des übergeordneten Kombinates hatte dort ihr Heim.

 

Angesprochen wird ferner die Ausbildung bzw. Anlernung ausländischer Arbeitskräfte. Eine erste Arbeitsplatzqualifizierung und ein erfolgreicher Deutschkurs seien die Voraussetzung für eine reguläre Facharbeiterausbildung. Derzeit würden drei Kubaner sogar einen Meister-Lehrgang absolvieren.

 

Während eines achtwöchigen Einführungskurses, noch ohne praktischen Arbeitseinsatz, werde der Mindestlohn von 400 Mark gezahlt. Danach erfolgt die Eingruppierung in die jeweiligen Tariflöhne. Zusätzlich erhalten alle Ausländer noch ein Trennungsgeld von vier Mark pro Tag. Allerdings müßten Kubaner und Vietnamesen einen Teil ihres Nettolohnes in ihre Heimat zur Gutschrift auf Sparkonten überweisen; sie würden aber nicht in „konvertierbarer Währung" entlohnt. Dafür dürften z.B. Vietnamesen während ihres Einsatzes in DDR pro Person zwei Mopeds, fünf Fahrräder, zwei Nähmaschinen und zwei Radios transferieren. Insgsamt dürften sie Waren im Wert von 50 Prozent ihres Netto-Einkommens ausführen.

 

Einkommen und Kosten kein Geheimnis

Und welche Kosten entstehen dem Betrieb für Ausbildung, Unterkunft usw.? Neben laufenden Kosten für die Ausbildung und die Unterhaltung der Wohnheime entstünden darüberhinaus einmalige bzw. feste Kosten: „...für Flugtickets für An- und Rückreise sowie für eine Urlaubsreise (pro Person Vietnam 6.400 Mark, Kuba 5.000 Mark), einmalige Einkleidungsbeihilfe in Höhe von 500 Mark, Trennungsgeld in Höhe von 1.460 Mark pro Jahr, Mindestlohn für den achtwöchigen Einführungskurs (800 Mark) dazu aus dem betrieblichen Kultur- und Sozialfonds pro Person und Jahr 100 Mark für eigene nationale Kulturveranstaltungen, Exkursionen u.ä."

 

Da in den DDR-Betrieben die Arbeitseinkommen kein Geheimnis waren (allein schon wegen der Beittragskassierung für die Gewerkschaften) kann der Autor aus eigener Anschauung sagen, daß nahezu alle ausländischen Produktionsarbeiter ein höheres Netto-Einkommen hatten, als viele deutsche Angestellte mit Hochschulabschlüssen.

 

Auch in den Ausgaben des Jahres 1990 gibt es in der Betriebszeitung „Neues Schaffen" noch viele Nachrichten, die ausländischen Kollegen betreffend: So die Auszeichnungen der Ungarin Katalin Marasus und der Kubanerin Odalis Zamora zum Internationalen Frauentag, eine Information der Personalabteilung, daß im Jahre 1989 nur drei der 66 Kubaner und nur acht der 125 Vietnamesen Fehlstunden verursacht haben (insgesamt 110 Fehlstunden dieser elf Personen - übrigens unter dem Durchschnitt aller Betriebsangehörigen liegend), kleine Porträts, Platzierungen beim Betriebssportfest oder Rezepte aus Kuba...

 

In der April-Ausgabe findet sich ein umfangreiches Interview mit dem Gruppenleiter und Dolmetscher der Vietnamesen, überschrieben mit „Elsterberg - unser zeitweiliges Zuhause". Darin wird u.a. auf die unterschiedlichen Eßgewohnheiten eingegangen, die vom örtlichen Handel nicht immer berücksichtigt worden sind. Angesprochen wurde ebenfalls, daß Vietnamesen für ihre hohen Netto-Löhne in Größenordnungen Nähmaschinen, Fahrräder oder Mopeds kauften und diese ihren Familien geschickt haben. Gruppenleiter Le Nhu Ky schließt seine Ausführungen mit den Worten: „In jedem Volk gibt es ehrliche und unehrliche, fleißige und faule, kluge und dumme Menschen. Deshalb sind Vernunft, gegenseitige Achtung und Verständnisbereitschaft notwendig. Das fordern doch einhellig Christus, Buddha und Konfuzius."

 

Bis zum Herbst des Jahres 1990 kehrten dann die Kubaner und Vietnamesen auf Forderung ihrer Regierungen in ihre jeweiligen Heimatländer zurück. Sie wurden feierlich verabschiedet - von ihren Vorgesetzten ebenso wie von den deutschen Kollegen am unmittelbaren Arbeitsplatz. Auch hierüber wurde in der Betriebszeitung ausführlich berichtet. Und auch dies sei noch erwähnt: Ausländerfeindliche Kundgebungen oder tätliche Angriffe auf die ausländischen Arbeitskräfte hat es in Elsterberg in den Jahren 1989 und 1990 nicht gegeben.

 

Siegfried R. Krebs

 



 
26.12.2014

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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