Baab: Philosophie gefunden, aber nicht unbedingt Humanismus

WEIMAR. (fgw) Die Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Erfurt hat am 3. Juli 2015 ihren Erich-Kleineidam-Preis an Dr. theol. Florian Baab überreicht. Baab erhielt den Preis für seine Dissertation "Was ist Humanismus? Geschichte des Begriffes, Gegenkonzepte, säkulare Humanismen heute". Im Rahmen dieser Veranstaltung gab es auch eine von Baabs „Doktorvater“ Prof. Dr. theol. Eberhard Tiefensee moderierte Podiumsdiskussion mit dem Preisträger sowie Dr. theol. Andreas Fincke (Evangelische Erwachsenenbildung Thüringen / Hochschulpfarramt Erfurt) und Dr. phil. habil. Horst Groschopp (Kulturwissenschaftler / Humanistischer Verband Deutschlands - HVD - / Humanistische Akademien Deutschland und Berlin-Brandenburg).


Die Herren Tiefensee, Fincke, Baab und Groschopp (v.l.) auf dem Podium. (Foto: SRK)

Horst Groschopp wollte aber nicht der einzige Humanist unter lauter Theologen und deren Familienanhang sein und so hatte er seinerseits je zwei Mitglieder des HVD und der Giordano-Bruno-Stiftung (gbs) mitgebracht. Allerdings wähnten sich die Fakultätsvertreter nur unter ihresgleichen und nahmen daher in ihren Ausführungen „kein Blatt vor den Mund". Und gerade das war für die „Außenstehenden" von besonderem Interesse.

 

Zur Laudatio Tiefensees und dem Vortrag Baabs - darin ging es um dessen bereits als Buch veröffentlichte Dissertation - soll hier nichts weiter ausgeführt werden. Dazu hat Groschopp bereits in seiner diesbezüglichen Rezension ausführlich Stellung genommen.

 

Was während des ganzen Abends bei den drei agierenden Theologen besonders auffiel, das waren deren immer wieder vorgetragenen harschen Angriffe gegen die gbs. Und auch, daß stets nur von „Konfessionslosen" die Rede war. Konfessionslos als menschlicher Makel. Dabei wäre doch „Konfessionsfreie" oder besser noch „Religionsfreie" der korrektere und vor allem konkretere Begriff.

 

Auf dem Podium

In der Podiumsdiskussion selbst ging es um drei Fragestellungen:

1. Was ist "Humanismus" - eine Weltanschauung, eine Konfession oder anderes?

2. Gibt es so etwas wie eine "atheistische" Spiritualität?

3. Welchen Herausforderungen müssen sich Humanisten und Christen gemeinsam stellen und in welcher Weise?

 

Sehr deutlich wurden die beiden Katholiken und der eine Lutheraner hier, wenn es um den Humanismus (der als solcher von Tiefensee sogar bezweifelt wurde) ging: Ostdeutschland ist Missionsgebiet und deshalb ginge es darum, die Menschen „wiederzugewinnen, die sich von der Kirche entfernt haben". Welch ein Wunschdenken, das mit der Lebenswirklichkeit der hier lebenden Menschen nur wenig zu tun hat. Wobei der Lutheraner Fincke geschickter argumentierte als seine katholischen Amtsbrüder, wenn er hier für eine Umarmungsstrategie plädierte und sich sogar zu der Aussage verstieg, daß „selbst Atheisten keine Probleme mit den christlichen zehn Geboten hätten, vielleicht abgesehen vom ersten". Nein, Herr Fincke, noch größer sind die Probleme mit dem zehnten Gebot, das die Sklaverei für gottgegeben hält, das Frauen und Sklaven auf eine Stufe mit dem Nutzvieh stellt... Einig waren sich die Theologen in ihrer Hoffnung, daß der HVD so bleiben möge, wie er sich jetzt zeige: also handzahm und ungefährlich und deshalb vor allem auf jede Kirchen- und Religionskritik verzichten möge. Um so mehr wurden die gbs-ler des „Krawall-Atheismus" geziehen...

 

Groschopp ließ sich im Spiel „drei gegen einen" nicht in die Enge treiben - auch dann nicht, wenn insbesondere Tiefensee rundweg in allen Menschen Religiosität (sprich christliche) sehen will. Hier reagierte und argumentierte der Kulturwissenschaftler als solcher: sachlich wissenschaftlich, aber durchaus mit Humor, Ironie und Augenzwinkern. Er wies u.a. darauf hin, daß viele angeblich „christliche Werte" sehr viel älteren und anderen Ursprungs seien. Sogar was den Begriff „Seelsorge" angeht. Und was die inkrimierte Kirchenkritik betreffe, so würden Humanisten nicht den Glauben oder den einzelnen Gläubigen kritisieren oder gar angreifen. Nein, humanistischer Kritik gehe es um die Kritik des politisch-institutionellen Geflechts, das den Postulaten von Weimarer Reichsverfassung und Grundgesetz widerspreche.

 

Humanistisches Statement

Man konnte Groschopp nicht vorführen, denn er nutzte sein Recht, als erster auf dem Podium das Wort ergreifen zu dürfen. So ließ er sich nicht auf Sophistereien ein, sondern erklärte zu Baab und zu Tiefensees Fragen Grundsätzliches. Daher sollen sein „Statement" - und die darin zum Ausdruck kommende humanistische Weltanschauung, die nicht unbedingt an den HVD als Verband gebunden ist - hier im Wesentlichen wiedergegeben werden:

 

>> Ich möchte mit einem Bezug auf Florian Baab beginnen. Er hat etwas anderes abgeliefert, als sein Doktorvater im Vorwort ausführt und das wohl seine Intention war, ein solches Thema zu vergeben: Der Marxismus-Leninismus „setzt ... offensichtlich einen Teil seiner DDR-Geschichte unter dem werbewirksamen Markenzeichen ‘Humanismus' fort." (S. 5) Davon ist im Buch nicht viel zu erkennen, weil der Autor sich in die geistigen Realien eingearbeitet hat.

 

Herr Baab stand vor einem Berg, denn wer kann schon, dazu als junger Doktorand, ein so umfassendes Thema „Was ist Humanismus?" bewältigen. Er hat sich geschickt aus der Affäre gezogen. Er fragte nach philosophischen [!] Positionen im Schrifttum des in Deutschland besonders im HVD und der gbs organisierten Humanismus. Dabei hat er einige Protagonisten schön analysiert: Frieder Otto Wolf, Joachim Kahl und Michael Schmidt-Salomon.

 

Und weil Baab stringent analysiert, kommt er zu dem Schluss, ich spitze zu: Er hat Philosophie gefunden, nicht unbedingt Humanismus. Ich würde hinzufügen, er konnte auch den Begriff Humanität nicht finden, ohne den Humanismus aber nicht definierbar ist. Aber er stieß auf Gita Neumanns alte Kritik aus den frühen 1990ern am „säkularen Humanismus", dem sie berechtigt Kälte unterstellt.

 

Das Konzept des „säkularen Humanismus" ist aber, das wurde mir selbst erst im Frühjahr 2014 klarer, eine Zwischenstation gewesen auf dem Weg der Hinwendung derjenigen Freidenker zum Humanismus, die dann im Januar 1993 den HVD gründeten. Viele sind da gedanklich stehen geblieben, weil dieser Humanismus nun ergänzt wird durch einen philosophischen Naturalismus. Im Kern hält dieses Konzept Religions- und Kirchenkritik für wichtiger als praktischen Humanismus, wie er sich etwa in den Konzeptionen in Holland und Belgien findet, dort sogar universitär als „Humanistik" gelehrt wird.

 

Oft verengt sich gerade in philosophischen Diskursen über Humanismus der Blick und erhebt sich förmlich über Humanität. Dabei haben die Wörter Humanismus und Humanität in humanitas einen einheitlichen lateinischen Wortursprung, der die enge Bindung beider Ausprägungen von Beginn an in sich trägt, auch wenn es in der Geschichte des Humanismus zu konzeptionellen Ablösungen von der Humanität kam, etwa durch Vereinseitigungen von Bildung oder zeitliche Beschränkung auf die Antike.

 

Wenn es um Humanisierungen geht, um Aneignungen des Humanismus, bedarf es, zugespitzt gesagt, gar nicht der Säkularisierungstheorie. Denn was am Humanismus ist „säkularisiert"?

 

Wichtig ist erstens, dass humanitas gerade keine philosophische Kategorie war und wohl auch nicht ist. Ich zitiere den Altphilologen Friedmar Kühnert: Humanitas wurde verwendet „im Sinne von ‘verzeihender Liebe' (clementia), ‘Barmherzigkeit' (misericordia)". Das Wort erscheint um 80 v.u.Z. in der Schrift „Rhetorica ad Herennium" eines unbekannten Autors.

 

Zweitens. Wenn also Humanismus und Humanität sich von humanitas herleiten, dann heißt das (jetzt zitiere ich den Religionswissenschaftler und Humanismushistoriker Hubert Cancik): „die Menschheit (das Menschengeschlecht: genus humanum), Entrohung (e-ruditio, Bildung) und Barmherzigkeit. Das gute deutsche Wort ‘Barmherzigkeit' ist ebenfalls ein Lehnwort, nämlich die genaue Übersetzung von miseri-cordia").

 

Barmherzigkeit ist also der Leitbegriff jeder praktischen Humanität. Logisch, dass solches Herangehen auch „Spiritualität", etwa bei der humanitären Sorge um Kranke, besonders bei der Sterbebegleitung, anders denken lässt als die traditionelle Freidenkerei oder die philosophische Erkenntnistheorie, wo es vorrangig um Vernunft und Rationalität geht, weniger um Anteilnahme, Milde, Mitgefühl, Nachsicht oder Wohltätigkeit.

 

Hubert Cancik, Frieder Otto Wolf und ich sind Herausgeber eines im nächsten Jahr bei de Gruyter erscheinenden Handbuches mit dem Titel „Humanismus: Grundbegriffe". Das Konzept, auf das wir uns verständigt haben, lautet im ersten Satz:

 

„‘Humanismus' ist eine kulturelle Bewegung, ein Bildungsprogramm, eine Epoche (Renaissance), eine Tradition („klassisches Erbe"), eine Weltanschauung, eine Form von praktischer Philosophie, eine politische Grundhaltung, welche für die Durchsetzung der Menschenrechte eintritt, und ein Konzept von Barmherzigkeit, das humanitärer Praxis zugrundeliegt."

 

Humanismus als „Konfession" bewegt sich auf einer ganz anderen Ebene der Debatte. Dabei geht es um die strategische Orientierung des HVD, der eben - faktisch, nicht im Bewusstsein der meisten Funktionäre - keine freidenkerische Organisation mehr ist, die den Laizismus verficht, also für „säkularen Humanismus" kämpft, sondern eine positive Weltanschauungsgemeinschaft nach dem Grundgesetz, den Religionsgesellschaften gleichgestellt, also - deshalb meine Zuspitzung - letztlich konfessionell handelt wie die Kirchen.

 

Dass der HVD mit dem Konfessionsbegriff keinen Blumentopf im „Volksatheismus" gewinnen kann, ist auch mir klar. Aber es geht darum, zu begreifen, wer man faktisch ist und was daraus folgt, dass man nicht Religionsunterricht ablehnen und gleichzeitig Lebenskunde anbieten kann als Weltanschauungsunterricht, nicht als Ethik allgemein.<<

 

All dies war den meisten christlichen Zuhörern eigentlich unbekannt; um so größer war dann deren Aufmerksamkeit und lebhafter Beifall für den Humanisten Horst Groschopp.

 

Siegfried R. Krebs

 

 



 
04.07.2015

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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