Bauernkrieg, Reformation und „Hexen“-Wahn im Südwesten

WEIMAR. (fgw) Der rührige humanistische Freidenker Heiner Jestrabek hat jetzt eine kleine, reich bebilderte heimatgeschichtliche Informationsbroschüre über wesentliche Ereignisse vom Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts vorgelegt. Diese dürfte aber nicht nur für Leser in Ostwürttemberg und Schwaben von Interesse sein, sondern insbesondere auch für Leser im mitteldeutschen Raum.


Denn Bauernkrieg, Reformation und der Hexenwahn waren keinesfalls lokal oder regional beschränkte Ereignisse, sondern erfaßten große Teile des sogenannten Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation.

 

Der Autor hat seine Broschüre in vier Kapitel gegliedert. Das erste behandelt den „großen Bauernkrieg", einschließlich seiner Vorgeschichte u.a. mit den Aufständen des „Bundschuh" und des „Armen Konrad". Passend dazu leitet Jestrabek dieses Kapitel mit dem heute noch bekanntesten Lied aus dieser Zeit ein: „Des Geyers schwarzer Haufen". Aussagekräftige Illustrationen (Holzschnitte) über die damaligen gesellschaftlichen Verhältnisse folgen.

 

Zur Bundschuh-Verschwörung heißt es, daß die Aufständischen u.a. die Aufhebung der Leibeigenschaft und die Verteilung der Kirchengüter an das einfache Volk gefordert haben. Denn...

 

„...die gewaltige Empörung der armen Leute im ganzen Reich entzündete sich zunächst immer wieder an den immer offensichtlicher werdenden Missständen der Kirche und des Klerus. Während die einfache Bevölkerung immer ärmlicher lebte, wurden die Kirche und die Klöster immer reicher, profitierten auch von den Erbmassen und von Stiftungen zugunsten des (vorgeblichen) Seelenheils." (S. 19)

 

Jestrabek weist noch auf ein wichtiges Dokument aus jener Zeit hin, wenn er schreibt:

 

„Eine Zusammenfassung und Niederschrift der Forderungen der Bewegung finden wir in den 'Zwölf Artikeln' aus Memmingen. Hier hatten sich 50 Vertreter der oberschwäbischen Bauerngruppen (Baltringer Haufen, Allgäuer Haufen, Bodensee-Haufen) vom 6. bis 20. März 1525 zusammengefunden, um sich über das gemeinsame Auftreten gegenüber dem Schwäbischen Bund zu beraten und deren Forderungen in zwölf Artikeln zusammenzufassen. Diese 'Zwölf Artikel' gelten somit als die erste Niederschrift von Menschen- und Freiheitsrechten in Deutschland und wurden dank der neuen Drucktechniken in 25.000 Exemplaren gedruckt und verbreitet in allen Aufstandsgebieten." (S. 22)

 

Auf die einzelnen Schlachten, Niederlagen der aufständischen Bauern (zu denen sich nicht wenige plebejische Stadtbürger, verarmte Ritter und sogar etliche Angehörige des niederen Klerus - wie z.B. Thomas Müntzer - gesellt hatten) und die Repressalien seitens der siegreichen Fürsten sowie die politischen Auswirkungen jener Kämpfe soll hier nicht näher eingegangen werden. Jestrabek ist es aber wichtig, dieses deutlich herauszustellen:

 

„Die Erhebungen der Bauern verliefen in der Regel unblutig. Das Wort von den 'räuberischen und mordenden Bauernhorden' von Luther hatte also keine Richtigkeit. Blutrünstig wurde es erst, als die weltlichen und geistlichen Herren grausam zurückschlugen." (S. 24)

 

Jestrabek geht abschließend ausführlich auf den Autor des dreibändigen Geschichtswerkes „Der große deutsche Bauernkrieg", Balthasar Friedrich Wilhelm Zimmermann (1807-1878) ein.

 

Das zweite Kapitel ist der Reformation, einschließlich der damaligen Kirchen- und Sozialkritik, gewidmet. Hierauf soll nicht näher eingegangen werden, denn angesichts des Luther-Hypes von 2017 ist dazu seitens der freigeistigen Organisationen schon viel gesagt worden. Jestrabek stellt in diesem Kapitel aber drei damalige herausragende Kirchenkritiker aus dem südwestdeutschen Raum vor: Johann Eberlin von Günzburg, Heinrich von Kettenbach und Hans Jakob Wehe (allesamt übrigens Theologen!) sowie deren wichtigste Flugschriften. Sogar ein Bezug zu Thüringen ist da zu vermerken, denn Eberlin wirkte 1524-25 als Prediger auch in Erfurt und Ilmenau...

 

Besonders interessant ist hier etwas anderes: Auch Thüringer Regierungslinke ergehen sich heutzutage katzbuckelnd vor der Reformation und preisen vormalige evangelische Landesherren unkritisch als beispielhafte Förderer der Volksbildung. Mit solcher Lobhudelei wird jedoch in dieser Broschüre aufgeräumt und die damaligen Verhältnisse werden vom Kopf auf die Füße gestellt:

 

„Im evangelischen Württemberg wurden nach 1649 die Volksschulen, mit allgemeiner Schulpflicht, eingeführt. Die Schulen unterstanden der evangelischen Kirche. Die Schulmeister waren die Bediensteten des Pfarrers, wenig geachtet und mit einem Hungerlohn ausgestattet. Noch heute ist die württembergische evangelische Kirche besonders stolz auf diese schulische Pionierleistung.

 

Aber wie sah diese Erziehung aus? Der Fächerkanon umfasste, nach der für Württemberg gültigen Schulordnung von 1729, in erster Linie das Memorieren von Bibelsprüchen, Gesangbuchliedern, Katechismus-Stücken und Gebeten. Im Jahr 1800 waren trotz Schulpflicht immer noch 80 % (!) der Bevölkerung Analphabeten.

 

Die Schule diente also nur nebenbei der Wissensvermittlung. Ihr Hauptziel war vielmehr die Erziehung zu gehorsamen Untertanen. Erst nach der Revolution von 1848/49 gelang es, den Religionsunterricht auf 6 bis 7 Stunden wöchentlich zu verkürzen. Erst ab dieser Zeit konnte vermehrt Naturwissenschaft und wirkliche Bildung vermittelt werden." (S. 37-38)

 

Das dritte Kapitel geht der Frage nach, was und wer Martin Luther war: „Fürstenknecht oder Reformator?" Auch hierauf soll nicht näher eingegangen werden, siehe Bemerkung zum Luther-Hype oben.

 

Für Jestrabek ist die damalige Zeit in Europa vorrangig das Zeitalter der Renaissance und nicht das der Reformation, siehe dazu auch den Abschnitt „Der Thesenanschlag" auf S. 44. Er stellt deshalb kurz andere wichtige reformatorische Strömungen vor. Nicht fehlen darf ein Hinweis auf die seinerzeit auch in Erfurt kursierenden „Dunkelmännerbriefe" - „der berühmten antiklerikalen satirischen Kampfschrift der Humanisten wider die mönchische Unwissenheit und Rohheit." (S. 45)

 

Auch wenn Luther sich um die deutsche Schriftsprache und eine reformierte christliche Lithurgie verdient gemacht habe, so würden doch seine negativen Seiten überwiegen, meint der Autor: Antijudaismus, Teufels- und Hexenwahn und vor allem seine Fürstenhörigkeit. Dazu zitiert er aus Luthers Schrift „Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern" (in Martin Luther: Werke. Berlin, Weimar 1975, S. 256ff.):

 

„Drum soll man sie erschlagen, würgen und stechen, heimlich oder öffentlich, wer da kann, und gedenken, dass es nichts Giftigeres, Schädlicheres, Teuflischeres geben kann, als einen aufrührerischen Menschen, den man ebenso wie einen tollwütigen Hund totschlagen muss... Ich meine, dass kein Teufel mehr in der Hölle sein kann, sondern alle sind in die Bauern gefahren ...

 

Denn ein Fürst oder Herr muss jetzt bedenken, dass er Gottes Amtmann und seines Zornes Diener ist (Römer 13), dem das Schwert über solche Buben befohlen ist und sich ebenso hoch gegenüber Gott versündigen würde, wo er nicht straft und wehrt und sein Amt nicht vollführen würde... Es soll auch nicht Geduld oder Barmherzigkeit möglich sein. Es ist jetzt des Schwerts und des Zorns Zeit und nicht Zeit der Gnade. So soll nun die Obrigkeit getrost fortfahren und mit gutem Gewissen dreinschlagen, solange sie eine Ader regen kann." (S. 47)

 

Auch mit Blick auf Luther geht Jestrabek im vierten Kapitel anhand konkreter Beispiele auf den Hexenwahn und die bestialischen Hexenverfolgungen in der Region ein. Es ging damals aber nicht um (von denen da oben geschürte) Hirngespinste, sondern primär um ganz etwas anderes, denn

 

„...die Verfahrenskosten hatten die Familien der Opfer zu bezahlen, was in der Regel eine Enteignung ganzer Bevölkerungskreise zugunsten der Obrigkeit darstellte. Ein offizielles Schuldeingeständnis der Kirchen oder Entschädigungen unterblieben." (S. 52) - Ein nicht geringer Teil des „unantastbaren Kirchenvermögens" stammt eben aus genau solcher Quelle.

 

Abgerundet wird diese Broschüre durch einen Überblick über weiterführende Literatur sowie durch Empfehlungen für entsprechende Museumsbesuche im südwestdeutschen Raum.

 

Nur nebenbei sei dies angemerkt: So lobenswert Jestrabeks Broschüre inhaltlich ist, so zeigt sich in dieser doch auch das Dilemma unabhängiger Kleinstverlage: Sie haben schlichtweg nicht das Geld für eine hochwertige technische Ausstattung, so daß mitunter gravierende typographische Fehler wohl leider unvermeidbar sind (S. 28/29) Aber das sollte nicht vom Erwerb dieser Publikation abhalten!

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Heiner Jestrabek (Hrsg.): Bauernkrieg, Reformation und „Hexen"-Wahn in Ostwürttemberg/Schwaben. 62 S. m.Abb. brosch. edition Spinoza im Verlag freiheitsbaum. Reutlingen und Heidenheim 2018. 7,00 Euro. ISBN 978-3-922589-69-3

 



 
06.05.2018

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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