Bemerkenswertes über die Freidenkerbewegung in Zeulenroda

WEIMAR. (fgw) Der Kreisverband Greiz des DFV-Landesverbandes Thüringen hat im Jahre 2020 eine Broschüre mit dem Titel „810 Jahre Greiz – Aufbruch in die Zukunft“ herausgebracht. In dieser Publikation erinnert auf den Seiten 21 bis 26 der langjährige Zeulenrodaer Kommunalpolitiker Herbert Jende (geb. 1934) an die Freidenkerbewegung in seiner Heimatstadt, die seinerzeit etwa 11.000 Einwohner hatte.


Das frühere Zeulenrodaer Freidenker-Vereinsheim um 1969 als Jugendherberge "Philipp Müller". (Bildquelle: ddr-postkartenmuseum.de)

Wie Jende mitteilt, trafen sich am 17. Januar 1920 an die 100 Männer und Frauen, die aus der Kirche ausgetreten waren, im Gewerkschaftshaus in der Grünstraße (heute Dr. Gebler-Straße). Man sprach sich in dieser Versammlung für die Gründung eines Vereines aus, der ihre Interessen vertreten sollte. 95 Personen trugen sich auch gleich in eine Mitgliedsliste ein und wählten einen zehnköpfigen Vorstand, Vorsitzender wurde Rudolf Mothes.

 

Diese Gründungsversammlung habe sich für den Namen „Freidenkerverein Zeulenroda" ausgesprochen. Als solcher sei er bereits am 17. Februar 1920 beim örtlichen Amtsgericht registriert worden.

 

Jende zitiert im weiteren aus der Vereinssatzung:

„...Der Zweck des Vereins ist die Pflege einer von allen Offenbarungsglauben freien Religiosität (...) Eine Festlegung auf bestimmte Glaubenssätze ist damit ausgeschlossen." Seine Ziele wollte der Verein, so heißt es weiter, erreichen u.a. durch eine eigene Fest- und Feierkultur sowie durch Bildungs-veranstaltungen.

 

Bereits am 4. Juli 1921 habe mit 18 Teilnehmern die erste Jugendweihefeier stattgefunden. 1929 seien es sogar 64 Teilnehmer gewesen.

 

Durch viele Spenden und freiwillige Arbeitsstunden haben die Zeulenrodaer Freidenker sich wegen großer Nachfrage ein eigenes Vereinsheim erbauen können, das bereits am 3. September 1922 eröffnet werden konnte. Und das in den Folgejahren sogar noch erweitert wurde.

 

Jende berichtet aber auch, daß sich ab 1925 zwei konträre Strömungen, die von außen hineingetragen worden seien, entwickelt hätten. Durchsetzen konnte sich die Strömung, die von der Hauptversammlung am 5. August 1929 die Liquidierung des Vereins beschließen ließ. Dennoch habe der Freidenkerverein noch bis 1933 organisierte Veranstaltungen durchgeführt.

 

Herbert Jende läßt diesbezüglich einen Hans Rauscher zu Wort kommen, der zusammen mit etwa 15 anderen Jungen und Mädchen - unter Bedingungen der Illegalität - am 25. März 1933 die Jugendweihe erhalten konnte. Diese hätten als Gabe das Buch „Laßt uns Kameraden sein" vom URANIA-Freidenker-Verlag erhalten.

 

Erstaunliches wird dann berichtet:

 

Erst am 29. Januar 1938 sei beim Amtsgericht die Löschung des Vereins aus dem Register beantragt worden. Die amtliche Löschung erfolgte aber auf dem Fuße am 4. März 1938.

 

Wegen aufgelaufener Schulden ging das Freidenkerheim bereits am 1. November 1932 in den Besitz einer örtlichen Brauerei über und firmierte als „Sommerfrische Pfefferleite". Nach unterschiedlichen weiteren Verwendungen wurde das Gebäude ab Mitte 1951 als Jugendherberge genutzt. Seit 1993 ist das ehemalige Freidenkerheim das „Schullandheim Zeulenroda" in städtischer Trägerschaft.

 

Jende erwähnt in seinem Bericht über die Zeulenrodaer Freidenker auch einige Namen: So Erich Weinert, der zur Zehnjahresfeier seine Gedichte vorgetragen habe. Oder Walter Riedel (1899-1950), der seinerzeit als Lehrer in Zeulenroda dort auch Freidenkerunterricht erteilt habe. Nach der Befreiung von Faschismus und dem Überleben der KZ-Haft wirkte Riedel u.a. zunächst als Direktor der Pädagogischen Fachschule Greiz und später als Oberregierungsrat im Thüringischen Volksbildungsamt.

 

Jendes kurzer Bericht über die doch sehr eigene Geschichte der Zeulenrodaer Freidenker wirft aber auch einige Fragen auf:

 

- Wirkte der Zeulenrodaer Freidenkerverein unabhängig von der in Thüringen dominierenden „Gemeinschaft proletarischer Freidenker" (später „Deutscher Freidenkerverband")?

- Oder gab es doch Verbindungen zu dieser Organisation? Und wenn ja, welche? Daß es welche gegeben haben muß, darauf deutet zumindest das Jugendweihe-Buch aus dem URANIA-Verlag hin.

- Und nicht zuletzt: Gab es seinerzeit noch weitere ähnliche Freidenkervereine andernorts in Thüringen?

 

 

Siegfried R. Krebs

 



 
04.11.2020

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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