Berlin 1938: Malek und eine Mordserie in der Baubranche

WEIMAR. (fgw) Spielte Gruwes erster Roman um den Berliner Kriminalkommissar Erich Malek im Jahre 1928, also kurz vor Ausbruch der Weltwirtschaftskrise, so macht sein zweiter Roman gleich einen großen Sprung ins Jahr 1938. Das Nazi-Regime befindet sich auf dem Höhepunkt seiner Macht und plant den Umbau Berlins zur Welthauptstadt Germania. Malek ist in diesen zehn Jahren nicht befördert worden; er darf eher froh sein, noch bei der Kripo Dienst tun zu dürfen.


Was sich in den zehn Jahren zwischen den damaligen und den aktuellen Fällen in Maleks Leben privat und auch dienstlich getan hat, das erfährt der Leser nur häppchenweise nebenbei. Malek hatte mittlerweile seine damalige Freundin geehelicht, ist nun aber geschieden. Denn seine Frau ist Jüdin und mußte nach 1933 in die USA emigrieren. Er führt aber bei all seinen Ermittlungen fiktive Gespräche mit ihr. Und er ist der Nazi-Partei nicht beigetreten, wird aber seiner kriminalistischen Leistungen wegen im Dienst geduldet.

 

Gruwe hat der eigentlichen Romanhandlung einen Prolog „vorgeschaltet", der in die Zeit Ende Juni/Anfang Juli 1934 zurückführt. Auf den ersten Blick haben die dort geschilderten Begebnisse nichts mit dem Fall zu tun, mit dessen Aufklärung Malek 1938 beauftragt wird. Konkret: Am 2. Juni 1934 findet eine außerordentliche Sitzung leitender Herren des Baukonzerns Reicherberger AG im Privathaus des Zweiten Vorstandsvorsitzenden Hans von Kaltenberg statt; eine Sitzung, über die kein Protokoll geführt wird. Abwesend ist lediglich der Erste Vorsitzende, Maximilian Bierhof.

 

Dieser Prolog weist sehr direkt darauf hin, wer die Nutznießer des seit einem Jahr an der Macht befindlichen Nazi-Regimes, das sich als „Nationalsozialistische Arbeiter"-Partei tarnt, sind: Nicht die Arbeiter und auch um Sozialismus geht es nicht. Es geht um Maximalprofite der Großkonzerne, also des Kapitals. Und dafür sind diesen alle Mittel recht. Kaltenberg spricht es aus: „Und daß es Krieg geben wird, darüber sind wir uns ja wohl einig. Wozu sonst sollte der Führer eine Welthauptstadt Germania planen? Und dann, meine Herren, müssen wir an vorderster Front stehen!" (S. 10) Und bereits schon vor dem Krieg ist mit Großbauten sehr viel Geld zu verdienen; auch deshalb müssen Konkurrenten aus den eigenen Reihen ausgeschaltet werden.

 

Wer damit nicht konform geht, der muß „über die Klinge springen"; also wird der Tod des Ersten Vorsitzenden beschlossen. Wofür der angebliche „Röhmputsch" und seine Niederschlagung durch die SS eine ideale Gelegenheit bieten werden. Zumal diese Herren von der bevorstehenden SS-Aktion im voraus informiert worden sind...

 

Doch davon ahnt im Jahre 1938 Erich Malek absolut nichts. Er und seine Kollegen haben mit diversen alltäglichen kleinkriminellen Verbrechen alle Hände voll zu tun. Eines Tages aber werden sie auf eine Großbaustelle gerufen, auf der der Zimmermann Ludger Bernstengel, ein eifriger Nazi, zu Tode gestürzt ist. War es ein Unfall? War es eine Auseinandersetzung mit Todesfolge? War es Mord? Das bleibt lange im Ungewissen, alle Ermittlungen tragen nichts zur wirklichen Aufhellung des Falles bei. Irgendwann ergibt sich eine für seinerzeitige Verhältnisse politisch korrekte Lösung...

 

Nebenbei wird Malek hier erstmalig mit der Reichenberger AG konfrontiert, denn diese ist hier das ausführende Bauunternehmen.

 

Und dann... dann geschieht gleich eine ganze Reihe von mysteriösen Todesfällen. Zunächst kommt der schwule Leiter der Berliner Bauaufsichtsbehörde ums Leben. Kurze Zeit später der Wilhelm Americh, dessen Ehefrau die Aktienmehrheit an der Reichenberger AG hält. Bald darauf wird noch ein gewisser Herbert Leuthner tot aufgefunden, welcher in BDSM-Kreisen verkehrte. Malek kommt mit seinen Ermittlungen kaum noch hinterher. Die Mordwerkzeuge unterscheiden sich zwar und auch die Motive könnten verschiedene sein: Raubmord, Schwulenhaß, Nichteingehen auf Erpressungsversuche...

 

Als Malek sich jedoch näher mit den Lebensläufen der Ermordeten beschäftigt, stößt er auf eine Gemeinsamkeit: Alle Opfer waren zu Beginn des Jahrzehnts leitend bei der Reicherberger AG beschäftigt gewesen. Liegt darin die Mordserie begründet? Nachdem Malek das Ehepaar Leine - Herr Leine gehörte früher ebenfalls zum Baukonzern - befragt hatte, nahmen sich die Leines das Leben. Und schließlich kommt auch noch der Gärtner der Americhs ums Leben.

 

Malek geht nun in die tiefer in die Vergangenheit und stellt fest, daß von der alten Konzernspitze ein Herr vor Jahren verstorben ist und ein anderer, Karl Wiener, völlig senil seine alten Tage in einem Pflegeheim verbringt. Im Zuge der Ermittlungen kommt Malek mit Wieners Tochter in Kontakt und lernt über diese noch den 17jährigen Sohn Bierhofs kennen. Nach dem Tod des alten Bierhof wurden Mutter und Tochter vom NS-Regime repressiert, während Kaltenberg - inzwischen Konzernchef - den Sohn, Rainer-Maria, unter seine Vormundschaft nahm.

 

Jetzt endlich führen die Wege Maleks wiederholt ins Haus Kaltenberg. Wie hier die Befragungen ablaufen, wie sich der Konzernchef gegenüber dem subalternen Beamten benimmt, das ist meisterhaft - nicht nur in den Dialogen - dargestellt. Ja, dieser Kaltenberg gibt schließlich sogar mehr oder weniger deutlich zu verstehen, wie und warum der alte Bierhof (und dessen Chauffeur) am 2. Juni 1934 sterben mußten. Doch dieses Wissen kann Malek nicht verwenden.

 

Interessant ist in diesem Zuammenhang eine Bemerkung Kaltenbergs gegenüber Malek: „Bevor er [der alte Maximilian Bierhof; SRK] dieser weinerlichen Gefühlsduselei anheimgefallen war. Maximilian hatte die Absicht, den Betriebsrat wieder einzuführen - als Vertrauensrat. Und außerdem eine Belegschaftsbeteiligung am Gewinn des Unternehmens. Stellen Sie sich das einmal vor. Das wäre das Ende der Reicherberger AG gewesen." (S. 318-319) - Ja, das hätte die Profite der Aktionäre geschmälert und die Allmacht der Manager, seinerzeit Wirtschaftsführer genannt, eingeschränkt. Und so etwas können weder das Kapital noch ein ihm dienstbares Regime dulden!

 

Bei Gruwe heißt es dann sehr deutlich weiter, indem er zu seinem Protagonisten dies schreibt:

 

„In diesem Moment hatte Malek wirklich verstanden, warum der [erste; SRK] Weltkrieg angezettelt und verloren gegangen war und warum das gegenwärtige Deutschland dem Untergang geweiht war. So lange Menschen vom Range eines Hitler, eines Görings oder eines Goebbels an der Macht waren, so lange konnte ein Land nicht zur Ruhe kommen und mit seinen Nachbarn friedlich leben. Aber diese Menschen waren Diktatoren und früher oder später würden sie wieder verschwinden. Sei es durch eine demokratische Wahl oder durch einen Aufstand des Volkes, das sich von den Tyrannen befreite.

 

Aber wenn Magnaten wie Hans von Kaltenberg die wirtschaftlichen Geschicke eines Landes leiteten, da mußte der Weg unweigerlich in den Abgrund führen. Und niemand, kein Volk der Welt, könnte sich vor solchen Verbrechern schützen." (S. 321)

 

Solch Kapitalismuskritik pur ist wohl das Bemerkenswerteste an diesem Kriminalroman!

 

Nach diesem Zusammentreffen mit Kaltenberg beginnen sich jedoch die Todesfälle zu klären: Irgendjemand nimmt ganz persönliche Rache an den Männern, die für den Tod des alten Bierhof verantwortlich sind. Ein politisches Motiv scheidet dabei eindeutig aus. Aber wer kann der Mörder des Jahres 1938 sein? Verschiedene Zeugenausssagen haben auf einen jungen Mann mit Bart und in Uniform mit Mütze hingewiesen, der sich an den Tatorten aufgehalten habe. Doch diese Uniform deckt sich mit keiner der seinerzeit bekannten.

 

Da meldet sich eines Tages ein junger Mann, der Chauffeur Leuthners namens Kurt Weinert, bei Malek und gesteht bereitwillig alle Taten. Nur mit Tod des Zimmermanns habe er nichts zu tun. Weinert ist der Sohn des Mannes, der zusammen mit dem alten Bierhof von Nazi-Schergen getötet worden war. Aber so bereitwillig und im Detail er auch gesteht, so stellt sich jedoch für Malek die Frage: Woher rührt das Wissen des jungen Mannes um die Vorfälle von 1934? Er kann doch als Außenstehender nichts wissen, sondern muß vielmehr geschickt manipuliert worden sein und ist somit nur das Werkzeug eines anderen. Schließlich dämmert es Malek, wer dieser andere ist. Aber wird es Malek gelingen, diesen Anstifter auch beweiskräftig zu überführen? Die Zeiten sprechen dagegen...

 

Nach der Lektüre dieses spannenden Kriminalfalles vor einem ganz besonderen historischen Hintergrund stellt sich nun die Frage, ob Gruwe seinem Protagonisten einen dritten Roman widmen wird? Möglicherweise wiederum zehn Jahre später, also 1948? Das wäre zu wünschen!

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Renegald Gruwe: Mord in Germania. Kriminalroman. 348 S. Taschenbuch. Gmeiner-Verlag. Meßkirch 2018. 14,00 Euro. ISBN 978-3-8392-2233-1

 



 
11.05.2018

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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