Berlin-Krimi 1936: Wer bloß ist der „Teufel des Westens“?

WEIMAR. (fgw) Der Klappentext hatte doch neugierig gemacht auf Bernward Schneiders historischen Kriminalroman „Der Teufel des Westens“, handelnd im Berlin des Jahres 1936. Doch schon nach wenigen Seiten machten sich beim Rezensenten Ärger und Verdruß breit. Zu viel versprochen, zu wenig gehalten – so lautet das Fazit nach durchstandener Lektüre. Dabei hätte das Ganze doch ein fundierter Krimi werden können, wenn…


Doch zunächst zum Inhalt: Der Held, Eugen Goltz, ist Rechtsanwalt in Berlin und muß sich als linksliberaler Charakter im faschistischen Deutschland zurechtfinden. Die Olympischen Spiele des Jahres 1936 in der Reichshauptstadt liegen noch nicht lange zurück, da wird er von einer engen Freundin, der Natchtclub-Tänzerin Leni Ravenov, um Hilfe gebeten. In ihrer Wohnung liege ein toter Mann, ein sowjetischer Diplomat (!). Dieser sei von „denen" erschossen worden, es solle aber wie Selbstmord oder gar wie ein von ihr begangener Mord aussehen. Trotz aller Bedenken ist Goltz der Tänzerin dann beim Entsorgen der Leiche in einen Berliner Park behilflich.

 

Dann überschlagen sich die Ereignisse. Im „Mandarin", wo Leni ihre Auftritte hat, wird Goltz mit einigen Herren, Deutschen und US-Amerikanern angeblich aus der Filmbranche, bekannt gemacht. Und er begegnet hier auch einer alten Bekannten, Irene Varo, wieder, an die er nur ungute Erinnerungen hat.

 

Aber es kommt noch bunter: Leni offenbart sich Goltz gegenüber als Doppelagentin. Und nach ihrem Auftritt im Nachtclub verschwindet sie spurlos. Hat die Polizei sie verhaftet oder gar die SS in Schutzhaft genommen? Oder ist sie von den ominösen „die" entführt worden? Letztere sollen ja sogar mächtiger als die Institutionen des Reiches oder der Nazipartei/der SS sein.

 

Und bei Goltz meldet sich ein Exilrusse (!), der sich als Freund des toten Sowjet-Diplomaten vorstellt. Er, wie auch Leni zuvor, deuten an, daß es um geheime Dokumente gehe, die auf Verstrickungen des US-Kapitals (als Finanziers) mit der Nazi-Herrschaft gehe. Doch auch dieser Russe wird bald darauf tot aufgefunden, es sieht wieder wie Selbstmord aus.

 

Dann wird auch noch eine okkulte Geheimgesellschaft in die Story eingeführt, die „Brüder und Schwestern vom Licht", die mittels Sexualmagie geheime Macht in Staat und Gesellschaft ausüben würden. An deren Spitze stehe „Wilhelm", den aber niemand kenne und dann sei da noch der „Teufel des Westens", der die Strippen ziehe.

 

Irene Varo schlägt Goltz ein Geschäft vor: Wenn er sich ihr und ihren Totschlägern anschließe, würde er Leni lebend wiederbekommen. Leni hatte sich vor ihrem Verschwinden Goltz gegenüber geäußert, daß sie vom diesem ein Kind erwarte. Ein Grund mehr für den Anwalt, alles für Lenis Rettung zu tun. Also beteiligt er sich an einer Aktion, in der ein jüdischer Magnat, der seinen Besitz nicht zum Spottpreis veräußern will, ums Leben kommt. Das Ganze wieder als Selbstmord inszeniert.

 

Und dann ist da noch Goltz' Schwager, der einflußreiche SS-Mann Rudolf Mantiss. Welche Rolle spielt er? Kann er - will er - Goltz helfen? Recht bald kommt Goltz auch mit einem Mann namens Wilhelm Santor ins Gespräch; ist dies der geheimnisvolle Unbekannte? Welche Rolle spielen die Geschäftsleute Konrad Frank und Frederic Lammert? Goltz verstrickt sich immer mehr in das böse Spiel und gerät letztlich selbst in höchste Lebensgefahr, ja, zuvor soll er aber höchstselbst Leni „aufknüpfen"... Wird Goltz dabei noch erfahren, wer Wilhelm ist und wer sich hinter der Maske des „Teufel des Westens" verbirgt?

 

Ja, das Ganze hätte wirklich ein formidabler Krimi werden können, wenn „die Pferde nicht zu sehr durchgegangen wären" mit dem Autor: Darin wird einfach zu viel durch den Mixer gejagt: Geheimdienste aller Coleur, okkulte Geheimgesellschaften und -rituale, Verschwörungstheorien, Neid und Haß, ja selbst der Reichstagsbrand von 1933 wird hier hineinkonstruiert. Hätte sich Schneider konzentriert auf die sogenannten Arisierungsgeschäfte und die damit verbundene Staats- und individuelle Kriminalität, dann wäre das vielleicht wirklich ein Krimi vor realem historischen Hintergrund geworden.

 

Vor allem aber bemerkt man selbst bei nur oberflächlichem Lesen zu viele Unstimmigkeiten, was historische Hintergründe/Zusammenhänge und vor allem die gesellschaftlichen Gegebenheiten, Verhältnisse und Gepflogenheiten jener Zeit betrifft. Nebenbei, ist dies ein Krimi, in welchem die Kriminalpolizei zu keiner Zeit auftaucht und ermittelt...

 

Da hilft es letztlich auch nicht, daß Schneider seine überaus abstruse Geschichte doch wirklich spannend zu erzählen vermag.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Bernward Schneider: Der Teufel des Westens. Kriminalroman. 312 S. Paperback. Gmeiner-Verlag. Meßkirch 2017. 12,99 Euro. ISBN 978-3-8392-2074-0

 



 
20.06.2017

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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