Betrachtungen über Albanien, das "Land der Skipetaren"

WEIMAR. (fgw) Allgemeinpolitisches, allgemein-parteipolitisches steht zwar nicht im Fokus dieses Portals, dennoch sollen mitunter Ausnahmen gestattet sein. Der Freigeist hat sich in vergangenen Zeiten intensiv mit dem Balkanstaat Albanien befaßt – so schrieb er 1986 seine kulturwissenschaftliche Diplomarbeit über die Filmgeschichte dieses Landes. Heuer interessiert ihn die Frage, was nach 1990 aus diesem ehemals sozialistisch orientierten Land geworden ist.


Hysni Milloshi (1946 - 2012) - Gründer der neuen KP

Die sowjetische Führung unter Nikita Sergejewitsch Chruschtschow verkündete Anfang der 1960er Jahre ein Verdikt gegen die unbotmäßig gewordene Partei der Arbeit Albaniens (PPSH) und Enver Hoxha (1908 - 1985), der von deren Gründung 1941 bis zu seinem Tode als Erster Sekretär des ZK fungierte. Dieses Verdikt kulminierte am 3. Dezember 1961 im einseitigen Abbruch der diplomatischen Beziehungen und aller anderen Beziehungen zur (Sozialistischen - ab 1976) Volksrepublik Albanien. Die DDR folgte der Moskauer Vorgabe jedoch nicht ganz: statt der Botschafter amtierten für rund 25 Jahre noch "zeitweilige" Geschäftsträger in den Hauptstädten Tirana und Berlin, wobei die DDR dennoch einer der größten Handelspartner dieses kleinen Landes an der Adria mit 1989 knapp 3,2 Millionen Einwohnern blieb. Für den DDR-Bürger war Albanien (Shqiperia - das Land der Adlersöhne) seither nur eine Terra incognita. Die Normalisierung der staatlichen Beziehungen DDR - SVR Albanien Mitte der 1980er Jahre änderte daran nicht mehr viel.

 

Die Restauration des Kapitalismus ab den Jahren 1989 - 1991 erfaßte trotz der Distanz Albaniens zur Sowjetunion letztlich auch Albanien. Mit ähnlichen Folgen wie beispielsweise in Bulgarien und Rumänien, nur noch gravierender. Es kam schließlich zu einem totalen Zusammenbruch von Industrie und Landwirtschaft, ja sogar der staatlichen Strukturen selbst. Die Armee zerfiel, die Waffenarsenale wurden geplündert. Das führte 1997 sogar zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Analphabetentum und Bandenkriminalität sowie die Blutrache erlebten nach einem halben Jahrhundert ihre Wiederkehr. Es kam zu einer massenhaften Emigration vor allem jüngerer Menschen. Etwa eine halbe Million Albaner soll seither auf Dauer im Ausland leben - meist als dort ungeliebte Billigstarbeiter. Das alles soll aber nicht Thema dieses Artikels sein.

 

Thema ist hier die Parteienlandschaft Albaniens, so wie sie sich in 25 Jahren Kapitalismus herausgebildet hat. Denn die unterscheidet sich doch erheblich von denen der Nachfolgestaaten der Sowjetunion und der anderen ehemals sozialistischen Staaten Europas.

 

Ähnlich wie dort "sozialdemokratisierte" sich auch die bislang herrschende Partei PPSH (mit 1989 knapp 150.000 Mitgliedern). Eine Zeit lang konnte sie nach ihrer Umbenennung in Sozialistische Partei (SP) noch weiterregieren. Doch bald übernahm die am 12. Dezember 1990 gegründete "Demokratische Partei" (DP) unter Führung Sali Berishas das Ruder. Seither wechseln sich beide Parteien in der Regierung ab. Doch mit den Wahlen zur Nationalversammlung im Jahre 2013 ergab sich etwas Neues: Von den etwa 70 bestehenden Parteien haben sich rund 60 zu zwei großen Blöcken zusammengeschlossen. Und beide Blöcke sind auch nach den Wahlen nicht zerfallen.

 

Von "Kommunisten" zu "Demokraten" gewandelt

Der erste Block mit der überaus demagogischen Bezeichnung "Allianz für Arbeit, Wohlfahrt und Integration" aus 25 Parteien, geführt von Berishas damals regierender DP, kann als "bürgerlich" bezeichnet werden. Er steht für engste neoliberale Anbindung an die NATO und das Streben in die EU, verbunden mit totaler Unterwerfung unter die US-Politik. Der Kardiologe Sali Berisha (geb. 1944) war übrigens seit 1968 (!) Mitglied der PPSH und fungierte u.a. als deren Parteisekretär der Medizinischen Fakultät der Universität Tirana sowie als persönlicher Arzt von Enver Hoxha. Auch die meisten Gründer und Führer der neuentstehenden Parteien des "demokratischen" Blocks waren zuvor als Akademiker bzw. Studenten Mitglied der PPSH bzw. des Sozialistischen Jugendverbandes; somit sind sogar diese Parteien indirekt Nachfolger der PPSH. Berishas Block bekam zur Wahl aber nur noch 40,7 % der Stimmen und 57 Mandate.

 

Bemerkenswerter für unsere Betrachtung ist jedoch der siegreiche zweite Block "Allianz für ein europäisches Albanien" aus 37 Parteien, geführt von der Sozialistischen Partei - dem juristischen direkten Nachfolger der PPSH (Vorsitzender ist derzeit Edi Rama, geb. 1964). Die Führer der ex-kommunistischen SP, die sich selbst als sozialdemokratisch definiert, wetteifern übrigens mit der DP darin, wer von ihnen wirklich am US- und NATO-hörigsten ist. Das teilen diese Renegaten mit denen der anderen ex-kommunistischen Parteien Osteuropas. Der Block erhielt 57,7 % der Stimmen und 83 Mandate - die Mandate gingen an vier seiner Mitgliedsparteien. Die übrigen 33 Parteien erhielten zusammen 4,5 Prozent und blieben ohne Mandat. Die restlichen Stimmen (mit null Mandaten) verteilen sich auf etliche weitere Parteien außerhalb der beiden Blöcke.

 

Einen Sonderfall in dem von der SP geführten Block stellt die 1991 gegründete Sozialdemokratische Partei (PSDSH) dar. Ihr Gründer und Vorsitzender Skënder Gjinushi (geb. 1949) war als Mitglied der PPSH ab 1987 letzter Volksbildungsminister der Volksrepublik, ein Dutzend Jahre später - unter anderen politischen Verhältnissen - amtierte er als Vizepremier und Sozialminister.

 

Was Albanien jedoch von den anderen Staaten Osteuropas unterscheidet: Dem von der SP geführten Block gehören sogar fünf weitere direkte und sich selbst als marxistisch-leninistisch definierende Nachfolgeparteien der PPSH an, die sich positiv zu jener bekennen. Sie sollen hier anhand albanischer Quellen vorgestellt werden.

 

Zersplitterung der kommunistischen Bewegung

Die bekannteste und aktivste von ihnen ist die Kommunistische Partei Albaniens (PKSH), seit 2012 geführt von Qemal Cicollari. Ihr Initiator war im Jahre 1991 (daher ein anfängliche Namenszusatz "1991") Hysni Milloshi (1946 - 2012), bis zu seinem Tode Erster Sekretär des ZK. Trotz deutlichem Bekenntnis zu Enver Hoxha ist im Parteistatut verfügt, daß ZK-Mitglieder der alten PPSH und Minister der Volksrepublik in ihr nicht Mitglied werden können. Dennoch wurde Hoxhas Witwe Nexhmije (geb. 1921) - als Gründungsmitglied der alten PPSH und langjährige Direktorin ihres ZK-Instituts für Marxistisch-Leninistische Studien - aufgenommen; später aber wieder ausgeschlossen. Auf einem Vereinigungskongress im Jahre 2006 schlossen sich dieser Partei weitere kommunistische Kleinstparteien an. Bei allen bisherigen Wahlen erhielt die KP stets deutlich weniger als 10.000 Stimmen - die Mitgliedschaft soll sich auf nicht mehr als 7.000 belaufen. Als einzige der marxistisch-leninistischen PPSH-Nachfolger leistet die PKSH internationale Arbeit und beteiligt sich sporadisch an den von der KP Griechenlands organisierten Treffen und Initiativen der kommunistischen und Arbeiterparteien.

 

Außergewöhnlich ist der Lebenslauf des Parteigründers Hysni Milloshi. Dieser absolvierte zunächst eine Offiziershochschule, erwarb dann an der Universität zivile Abschlüsse in Journalismus und Jura und arbeitete bis zum Ende der Volksrepublik im Verteidigungsministerium als Redaktionsleiter der Armeezeitung. Trotz seiner Kaderlaufbahn wurden aber alle seine Anträge, zehn an der Zahl, auf Aufnahme in die PPSH abgelehnt. Dennoch schloß er sich 1991 dann aber nicht der zur SP gewendeten Partei an, sondern setzte sich für die Wiedergeburt einer marxistisch-leninistischen Partei ein. Zeit seines Lebens galt für ihn die Devise, so berichten Genossen, daß er niemals Angst hatte, das jeweils herrschende System zu kritisieren - aber stets von kommunistischem Standpunkt aus. Besondere Verachtung habe er für Renegaten, "Wendehälse" und opportunistische Mitläufer empfunden.

 

Eine (neue) Partei der Arbeit Albaniens (PPSH) ging 2002 durch Fusion der 1999 ebenfalls durch Fusion mit einer Fraktion der PKSH entstandenen "Partei der vereinigten Kommunisten Albaniens" hervor - deren Quellparteien waren die "Kommunistische Partei - Wiederaufbau" und die "Neue Partei der Arbeit Albaniens". Erster Sekretär des ZK ist seit 1999 Muharrem Xhafa. Xhafa war zunächst Mitglied von Milloshis PKSH. Bei einer früheren Parlamentswahl kam die Partei auf einen Stimmanteil 0,22 Prozent.

 

Die Neuformierte Partei der Arbeit Albaniens (PPSHr) wurde erst im Juli 2007gegründet und ist aus der neuen PPSH hervorgegangen. Erster Sekretär des ZK ist Marko Dajti. Als Politischer Sekretär fungierte zeitweilig ihr prominentestes Mitglied Muho Asllani (geb. 1937) - langjähriger 1. Sekretär von Bezirksparteikomitees und dazu von 1981 bis 1990 Mitglied des Politbüros des ZK der alten PPSH. Asllani wurde allerdings 2013 aus der PPSHr ausgeschlossen und trat daraufhin der (neuen) PPSH bei. In der Partei war es zu dieser Zeit zu Differenzen wegen des beschlossenen Programmpunktes "Legalisierung der Homo-Ehe" gekommen. Für die PPSHr hat sich, wie zuvor schon für die (neue) PPSH, bei Wahlen u.a. Enver Hoxhas Sohn Ilir (geb. 1949) engagiert.

 

Über die von Preng Cuni geführte Kommunistische Partei Albaniens 8. November (PKSH-8N) ist nicht allzuviel bekannt. Sie soll im Jahre 2007 gegründet worden sein. Bei Kommunalwahlen in jenem Jahr hatte sie in drei Bezirksparlamenten je ein Mandat ein Mandat erhalten. Noch weniger ist über die Neuformierte Kommunistische Partei Albaniens (PKSHr) bekannt. Nur daß sie 1998 gegründet worden ist und von Rasim Brahimi geführt wird.

 

Außerhalb des Blocks existiert mindestens noch eine weitere marxistisch-leninistische Partei, die "Partei der Arbeit Albaniens - neu" (PPSH-e re), geführt von Xhevdet Pataj.

 

Programmatisch unterscheiden sich alle genannten Parteien kaum voneinander: Strategisches Ziel ist der Sozialismus, also die Wiederherstellung sozialistischer Produktionsverhältnisse in Industrie, Bergbau und Landwirtschaft und die Wiedererrichtung der Volksmacht. Sie treten für eine unabhängige, also blockfreie, Außenpolitik ein. Was den albanischen Weg zum Sozialismus in den Jahren 1944 bis 1991 angeht, so werden mehr oder minder die doch sehr erheblichen Deformationen dieser Zeit nicht konkret genug benannt.

 

Und auch für Albanien gilt das in vielen anderen Ländern in Ost und West übliche: Die meist zahlreichen kommunistischen Klein- und Kleinstparteien sind, trotz der Mitgliedschaft in einem Wahlblock, untereinander überaus heftig zerstritten und verschleißen ihre Kräfte zu oft in Fraktionskämpfen. Vergangenheitsdebatten beherrschen noch zu sehr das Parteileben - das führt eben zu den diversen Spaltungen und Fusionen sowie zu Parteiwechseln. Das Eingehen auf aktuelle Probleme der Bevölkerung kommt dabei zu kurz. So hatte, wie albanische Medien mitteilten, einzig die PKSH am 1. Mai 2015 zu einer Kundgebung für Arbeiterrechte aufgerufen. Was dann dazu führt, daß die Resonanz der linken Parteien unter der Bevölkerung trotz ansonsten doch oft guter Parteiprogramme sinkt. Um so erfreulicher ist daher eine weitere Besonderheit für ein ehemals sozialistisches Land:

 

Eine albanische Besonderheit

Aus Anlaß des 70. Jahrestages Befreiung Gjirokastras, der Geburtsstadt Enver Hoxhas, durch die von ihm geführte Antifaschistische Nationale Befreiungsarmee fand dort im September 2014 eine öffentliche Großveranstaltung statt - organisiert von Stadtverwaltung. Dieser Aufmarsch im Stadtzentrum ging an einer Tribüne vorbei, auf der ganz offiziell Mitglieder der "sozialistischen" Regierung Edi Ramas standen, wie Jugend- und Sozialminister Erjon Veliaj, Wirtschaftsminister Arben Ahmetaj (beide SP) sowie Vize-Agrarminister Bledi Cuci standen. Sie hatten keine Berührungsängste gegenüber der ansonsten diffamierten volksrepublikanischen Vergangenheit. Auf der Tribüne standen zudem der italienische und der griechische Konsul.

 

Es waren aber nicht bloß einige der wenigen noch lebenden hochbetagte Veteranen des antifaschistischen Befreiungskampfes erschienen, sondern Menschen aller Altersgruppen. Die bürgerlichen Medien tobten in ihrer Berichterstattung über den angeblichen Skandal deshalb nicht nur über die Regierungsvertreter auf der Tribüne, mehr noch darüber, daß an der Demonstration neben unzähligen Angehörigen von Regierungsinstitutionen, von Polizei und Armee auch Hunderte Schüler teilnahmen. Alle Demonstranten hatten sich symbolisch rote Pionierhalstücher umgebunden. Mitgeführt wurden ferner rote Fahnen, Spruchbänder mit Losungen wie "Lavdi vepres së Enver Hoxhes" (Es lebe das Werk Enver Hoxhas) sowie unzählige Hoxha-Porträts. Böse vermerkten dazu die Medien, daß gerade dieser Teil der Demonstration den Applaus der Einwohnerschaft erhalten hatte.

 

Siegfried R. Krebs

 



 
14.08.2015

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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