„Blutfährte“ - ein formidabler Thriller von Silvia Stolzenburg

WEIMAR. (fgw) Formidabel – das kann zweierlei bedeuten. Zum einen: außergewöhnlich, erstaunlich, großartig, ungewöhnlich. Zum anderen: furchtbar, schrecklich. Und beide Bedeutungen treffen „wie die Faust aufs Auge“ auf Silvia Stolzenburgs neuesten Roman „Blutfährte“ zu.


Die erste Bedeutung von „formidabel" bezieht sich ohne Abstriche auf die Qualität dieses Buches. Die zweite auf den Inhalt dieses Buches, den Thrill um ein ungeheuerliches Verbrechen und dessen Aufklärung. Das soll schon eingangs in aller Deutlichkeit gesagt sein. Und auch noch das: Silvia Stolzenburg beweist mit diesem Werk, daß sie nicht nur meisterhaft historische Romane verfassen kann und auch nicht nur spannende „normale" Krimis. Sondern eben auch einen echten Thriller. Kompliment, liebe Silvia, das vermögen nicht alle Autoren.

 

Doch nun zum Roman selbst. Allerdings nur in gebotener Kürze, denn der Rezensent möchte ja dem Leseneugierigen nicht den Nervenkitzel rauben.

 

Da ist zunächst der etwas verstörende Prolog: Sind da „Spezialeinsatzkräfte" in einem Kriegsgebiet tätig? Man wird erst spät, sehr spät erfahren, was da warum vor sich gegangen ist... Und sich bis dahin immer wieder die Frage stellen, was denn dieses „besondere Vorkommnis" mit dem Kriminalfall zu tun haben könnte?

 

Die eigentliche (und wirklich nur fiktive) Handlung um die Hauptfigur Sanitätshauptfeldwebel Tim Baumann setzt am 19. Mai 2016 ein und zwar im Bundeswehrkrankenhaus Ulm. Baumann hat wieder einmal Nachtdienst und dies ist der vierte, in dem ein auf dem Transport verstorbener Unfallpatient eingeliefert wird. Und wie bei den vorhergehenden Fällen schickt ihn sein Chef, Oberfeldarzt Markus Silcher mit einer Nebensächlichkeit weg. Baumann kommt solches nun doch etwas „spanisch" vor und will herausfinden, was in solchen Nächten wirklich vor sich geht. Er fertigt Kopien von der Krankenakte des aktuellen Opfers an, wird dabei vom Oberfeldarzt erwischt und läuft weg - verfolgt von den anderen diensttuenden Pflegern. Auf der Flucht kommt Baumann ins unterirdische Kriegsfall-Lazarett, den „Atomkriegsbunker". Seine Vermutung: Der Oberfeldarzt betreibt einen lukrativen Organhandel...

 

Baumann kann seinen Verfolgern entkommen; der Oberfeldarzt erstattet daraufhin Anzeige gegen ihn wegen „unerlaubter Entfernung von der Truppe" und des „Verdachts des Drogenhandels". Daraufhin werden zuständigkeitshalber die Feldjäger, namentlich Oberleutnant Mark Becker, eingeschaltet. Die Verdachtsmomente gegen Baumann erhärten sich, auch wegen dessen früheren Auslandseinsätzen: Drogenhandel im Bunde mit der albanischen Mafia, so lautet nun der Vorwurf.

 

Wenige Tage später wird in einem Hotelzimmer, in welchem sich Baumann versteckt hatte, eine Leiche gefunden. Die Leiche eines albanischen Kriminellen. Das ist ein jetzt Fall für die Kripo und daher wird die junge Oberkommissarin Lisa Schäfer mit den Ermittlungen beauftragt. Weil alles auf Baumann als Täter hinweist, zieht die Kripo als Berater den Feldjäger Keller hinzu.

 

Zwischenzeitlich ist auch noch Baumanns Ex-Freundin Maria Frech spurlos verschwunden... Es stellt sich aber bald heraus, daß sie nicht dessen Komplizin sein kann, sondern Entführungsopfer ist. Aber warum?

 

Währenddessen ermittelt Baumann weiter auf eigene Faust, immer ausgehend von illegalem Organhandel. Die Kripo versteift sich derweil auf Baumann als Mörder, der mit seinen Drogenkomplizen in Konflikt gekommen sei. Und schon bald wird Becker von der Polizei wieder entpflichtet...

 

Doch bei Becker keimten recht bald Zweifel an der offiziellen Version und er bittet seinen Chef um Urlaub. Und er beginnt nun ebenfalls auf eigene Faust zu ermitteln. Becker sucht dabei - das ist das unerhörte - Kontakt zu Baumann; übers Internet, über F...b... Trotz allem Mißtrauens geht Baumann auf Beckers Treffangebot ein. Der Oberleutnant glaubt da schon nicht mehr an die Drogengeschichte und geht dem Verdacht des Organhandels nach. Gemeinsam wollen sie Fall klären.

 

Doch die Ereignisse spitzen sich zu, denn nun beginnt eine mörderische Jagd: Baumann, Maria und auch Becker sollen „ausgelöscht" werden. Von all dem wollen allerdings die Kripo und namentlich Lisa Schäfer nichts wissen. Zumindest bis kurz vor Schluß nicht...

 

Ja, worum ging es im Prolog? Und was ist das Geschäft des Oberfeldarztes Dr. med. Markus Silcher und seiner mafiösen albanischen Auftraggeber? Wer ist der mehrfach ominöse „Krye"? Welches Verbrechen kann noch perfider, inhumaner und profitabler sein als das Geschäft mit Drogen und Organen? Darauf kommt selbst ein analytisch vorgehender Ermittler wie Becker erst „fünf Minuten vor zwölf"... Am 31. Mai bzw. am 1. Juni endet die Geschichte...

 

Eine Geschichte, die bis zur letzten Zeile spannend, un- und außergewöhnlich ist. Eine Geschichte, die dazu noch sprachlich und erzählerisch von bester Qualität ist. Eine Geschichte, die trotz aller Fiktion dennoch überaus authentisch wirkt. Eine Geschichte, die nicht nur spannend ist, sondern zugleich unterhaltend und sogar bildend. Man denke nur an die dargestellten Strukturen und Gepflogenheiten in der Bundeswehr (Feldjägertruppenteil, Bundeswehrkrankenhaus). Daß auch dieses Buch von Silvia Stolzenburg so meisterlich geworden ist, das liegt an ihren akribischen bis ins Detail gehenden Recherchen „vor Ort" in Verbindung mit ihrer außergewöhnlichen Beobachtungsgabe. Und das liegt in ihrer „wortstellerischen" Begabung, die sich in der Plastizität der Beschreibungen von Charakteren, Situationen und Milieus in Gesellschaft und Natur zeigt.

 

Zu den Charakteren: Warum ein Arzt wie Silcher derart kriminell werden konnte, das soll sich der Leser selbst erschließen. Lisa Schäfer steht über lange Strecken für eine überdrehte, arrogante Emanze, die beamtenmäßig und zu sehr mit vorgefaßten Urteilen agiert. Baumann ist im Grunde eine ehrliche, aber naive Haut, der sich der Gerechtigkeit verpflichtet fühlt.

 

Und „unser" Hauptheld Mark Becker? Diese Figur ist die eigentliche Überraschung! Wie der als Berufsmilitär Zivilcourage beweist, und sich damit schwerster Insubordination schuldig macht, das macht ihn wirklich zu einem Helden. Ohne daß er sich selbst so sieht. Becker will, da ist er eben doch der unbefangene Ermittlertyp, nur die Wahrheit herausfinden und die Motive von Tätern und Opfern ergründen. Man lese dazu Beckers Empfindungen auf Seite 337.

 

Was die Bundeswehr angeht, ist die Autorin aber keineswegs unkritisch eingestellt, so wenn es auf Seite 29 heißt:

 

„Aber davon wollte Beckers Freundin Julia natürlich nichts wissen. Für sie waren Kinder und die Bundeswehr nicht vereinbar, da konnte die Verteidigungsministerin noch so sehr für ein familienfreundliches Umfeld werben. Ein Soldat zog in den Krieg. Basta. Das war alles, was für sie zählte."

 

Nicht zuletzt, auch das trägt zur Authentizität bei, läßt Silvia Stolzenburg ihren Mark Becker auf herrlich-herzerfrischende Weise „politisch unkorrekt" denken, empfinden und handeln. Emma-nzen und Genderwahnigen dürfte dies zwar nicht gefallen, aber... Beispiele dafür findet man u.a. auf den Seiten 41, 43, 121, 146 oder, 176-177.

 

Nicht unerwähnt bleiben soll, was Silvia Stolzenburg auf S. 333 (eher als Nebensatz) zum Bundeswehrkrankenhaus schreibt:

 

„Außer einem Kruzifix und einem Fernseher waren die Wände kahl, nicht einmal eines des typischen Blumenbilder war vorhanden.

(...)

Tim starrte zu dem Gekreuzigten, bis dieser anfing, vor seinen Augen zu verschwimmen. Warum die Leute der Anblick eines Menschen, den man zu Tode gefoltert hatte, beruhigen sollte, hatte er noch nie begriffen. Für ihn war das schmerzverzerrte Gesicht der Holzfigur einfach nur fehl am Platz in einem Krankenzimmer."

 

Silvia Stolzenburg hat zu ihrem Thriller ein Nachwort geschrieben, dessen letzter Satz so lautet: „... der mich darin bestärkt hat, daß man auch als Frau einen Action-Thriller schreiben kann." (S. 344)

 

Ja, und das soll abschließend nochmals hervorgehoben werden: Eine Frau wie Silvia Stolzenburg kann nicht bloß einen solchen schreiben, sondern vielmehr einen außergewöhnlich qualitativen!

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Silvia Stolzenburg: Blutfährte. Thriller. 346 S. Klappenbroschur. Gmeiner-Verlag. Meßkirch 2017. 15,00 Euro. ISBN 978-3-8392-2069-6

 



 
10.04.2017

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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