Carl Schurz – ein wahrhafter Demokrat und Revolutionär

WEIMAR. (fgw) Andreas Kollenders Buch „Libertys Lächeln“ ist wirklich nur ein Roman, auch wenn beim Lesen durchaus der Eindruck entstehen kann, es handele sich hier um die authentische Lebensbeschreibung des Deutsch-Amerikaners Carl Schurz (1829-1906).


Wobei dieser packend geschriebene Roman durchaus auf Schurzens eigenen Lebenserinnerungen basiert. Kollenders Verdienst ist es jedoch, daß er die wichtigsten Stationen in Leben und Wirken von Carl Schurz durch glaubhafte fiktive Erlebnisse gekonnt zu illustrieren vermag. Dessen Lebensweg liest sich ja tatsächlich wie ein Abenteuerroman.

 

Dazu sollte man sich vor Augen halten, daß es in jeder Revolution, in jedem Bürgerkrieg, in jedem nationalen Befreiungskampf neben aufrechten und ehrlichen Kämpfern für die gute Sache immer auch andere gibt: Zum Beispiel Abenteurer, also durchaus mutige Leute, für die ein solcher Kampf tatsächlich aber nur ein Abenteuer darstellt und denen es nur um einen besonderen „Kick" geht. Sie wenden sich früher oder später anderen „Herausforderungen" zu und lassen die ehrlichen Kämpfer dann im Stich. Und nicht zuletzt finden sich da auch immer wieder Strauchdiebe ein, sowohl gewöhnliche Kriminelle als auch skrupellose Geschäftemacher und Halsabschneider. Für sie ist die „Sache" nichts anderes als raffinierte Tarnung für eigene Ziele, die rein gar nichts mit dieser zu tun haben...

 

Das mußte gesagt werden, um die charakterliche Größe eines Mannes wie Carl Schurz würdigen zu können. Schurz war zeitlebens aufrechter ehrlicher Revolutionär und Demokrat im wahrsten Sinne des Wortes, eine in jeder Hinsicht ein integre Persönlichkeit.

 

Bereits als 20jähriger Student kämpfte er als junger Leutnant im badisch-pfälzischen Aufstand für die Ziele der bürgerlich-demokratischen Revolution von 1848/49. Dem mörderischen Terror der siegreichen preußischen Soldateska konnte er glücklicherweise entkommen. In der Nacht vom 6. auf den 7. November 1850 befreite er in einer gewagten Aktion seinen Freund und verehrten Professor Gottfried Kinkel aus dem Zuchthaus in Berlin-Spandau. Es folgten Exil in London (1852) und dann nach seiner Eheschließung die Übersiedlung in die USA. Hier versuchte er sich zunächst als Farmer, Anwalt und Journalist. Doch schon früh führte ihn sein Weg in die Politik. Zunächst als Wahlkämpfer für Abraham Lincoln, bald darauf stand er ab 1862 als General im Bürgerkrieg auf Seiten der Nordstaaten. Hier sah er blutiges Sterben auf beiden Seiten. Nach dem Sieg des Nordens setzte er sich für einen friedlichen Ausgleich der Menschen in Nord und Süd ein, also für Integration und Menschenrechte und nicht für das Recht des siegreichen Stärkeren. Damit machte er sich jedoch beide Seiten zum Feind. Und im Gegensatz zur Mehrheit der Mitbürger sollte für ihn die Sklavenbefreiung kein formaler Akt bleiben. Dafür setzte er -als jeweils erster Deutsch-Amerikaner- sich später als Senator von 1869 bis 1875 und später sogar als Innenminister von 1877-1881 ein. In jenem Amt versuchte er sogar, den indianischen Ureinwohnern das Existenzrecht im eigenen Land zu sichern. Auch hier mußte er scheitern. Denn die US-amerikanische Gesellschaft und der Staat wurden bereits damals von den oben erwähnten „Strauchdieben" bestimmt und beherrscht. In seinen letzten Lebensjahren engagierte sich Carl Schurz zusammen u.a. mit seinem Freund Mark Twain in der „Antiimperialistischen Liga". Damit stand er in Opposition zu den US-Kriegen seiner Zeit, aus denen die USA als Kolonialmacht (Kuba, Puerto Rico, Philippinen u.a.) hervorgingen.

 

Für jede dieser prägnanten Lebensstationen hat Kollender treffende, aussagekräftige fiktive Erlebnisse und Begegnungen Schurzens mit Menschen unterschiedlichsten Standes „erfunden". Und diese Fiktionen kommen lebensecht daher.

 

Alles beginnt damit, daß Carl Schurz im Spätsommer des Jahres 1901 auf einer Parkbank mit Blick auf den New Yorker Hafen und die Freiheitsstatue „Lady Liberty" sitzt. Hier wird er verbal und sogar körperlich von zwei Typen angegriffen. Sie werfen ihm sein politisches und journalistisches Engagement vor; für sie ist er ein Relikt aus der Steinzeit, das sie und andere „echte Amerikaner" nur stört. Kollender läßt diese Typen u.a. sagen:

 

„Man kann viel erreichen in diesem Land. Wir hier, mein Freund und ich, wir sind schon weit gekommen. Und wir wollen noch weiter. Immer weiter, verstehen Sie? Über die Grenzen hinaus. (...) Freiheit, Demokratie, Gerechtigkeit? (...) Sie stören. Ihr ganzes anti-imperialistisches Gequatsche stört uns und unsere Geschäftspartner. Ihre moralinsauren Zeitungsartikel. Amerika wird größer und größer. Stellen Sie sich uns nicht in den Weg. Nicht diesem Land." (S. 7-9)

 

Und so wie einst, so tönt es in „Gottes eigenem Land" noch immer und sogar immer stärker. Wenn man sich die US-Geschichte beginnend im 16. Jahrhundert mit Invasion, Landraub, Genozid an den Ureinwohnern und Negersklaverei anschaut, dann ist wohl die trampelnde Politik des „America first" unserer Tage noch lange nicht das Ende...

 

Diese unerfreuliche Begegnung, in der ihm lediglich ein einziges Ehepaar zu Hilfe kommt, führt zu einem Rückblick auf sein eigenes Leben und läßt ihn dabei immer wieder fragen, ob es denn wert war, daß so viele Menschen in Freiheitskämpfen ihr Leben lassen mußten? Schurz zweifelt sogar an sich selbst. Doch er hat die Gewißheit, daß ohne solche Kämpfe die gesellschaftlichen Verhältnisse noch viel schlimmer seien.

 

Und schon 1848/49 mußte er die Erfahrung machen, daß an der Spitze der Konterrevolution auch immer die christlichen Pfarrer stünden und daß deren Haß auf den Fortschritt keinen Funken von behaupteter Nächstenliebe kennt... Religionskritik bei Schurz schimmert noch an anderer Stelle durch, wenn er eine Frau aus der Oberschicht folgendermaßen beschreibt: „Eine attraktive Frau, gebildet, aber erzkatholisch. Da ist dann Hopfen und Malz verloren." (S. 204)

 

In den USA muß er schon bald erleben, daß er dieses aufstrebende Land vorher nur mit „rosaroter Brille" gesehen hat. So bekommt er schon bei seiner Ankunft den Rat, er möge sich eine Waffe besorgen. Er sei jetzt in Amerika... Kein Wunder, wenn Schurz dann in einem Brief nach Europa dies schreibt:

 

„Was sehen wir in diesem wunderbaren Land? Wir sehen individuelle Freiheit, das ist gut. Wir sehen allerdings auch religiösen Fanatismus in einigen Bevölkerungsteilen, der sich wie eine Fessel um das legt, was man Entfaltungsmöglichkeiten nennen sollte." (S.90)

 

Später äußert sich Schurz noch deutlicher:

 

„Ich habe wütende Artikel geschrieben gegen den aufkommenden Imperialismus. Ich habe Präsident Mc Kinley geschrieben, daß wir ein Land der Freiheit und Gerechtigkeit sind, oder zu sein haben. Und das lasse sich kaum damit vereinbaren, Militär auf fremdes Territorium zu schicken. Dieses Land ist so dermaßen selbstbewußt geworden, daß der Großteil der Bevölkerung meint, wir seien dazu da. Glück auf der Welt zu verteilen, mit der Waffe in der Hand." (S. 201)

 

Das was die Mächtigen und Regierenden der USA für das „Glück" halten, das wird zwar nicht ausgesprochen, ist aber wohl deutlich erkennbar: Gemeint ist der grenzenlose Profit des US-Big Business, siehe die obigen Auslassungen der Typen gegenüber Schurz...

 

Der Carl Schurz dieses Romans schaut bei seinen Besuchen am Hafen innierend immer wieder auf die Freiheitsstatue. Er meint deren Lächeln zu erblicken, muß aber bei einer aufmerksameren Betrachtung erkennen:

 

„Carl wußte, daß die türkisfarbene Lady da drüben, mit dem hoch erhobenen Arm und der Fackel und dem Kranz um die Stirn für viele Einwanderer das Symbol für Freiheit und des Geschaffthabens geworden war. Die ganze Welt kannte diese Statue. Wie ein Magnet zog Amerika Menschen aus aller Herren Länder an. Aber Lady Liberty sah sie nicht an, sie sah über sie hinweg." (S. 183)

 

Der letzte Satz spricht für die Desillusionierung des aufrechten Demokraten, Humanisten und Menschenrechtlers Carl Schurz am Ende seines Lebens, was die realen gesellschaftlichen Verhältnisse in den USA und die Ideologie des weltweit propagierten „American Way Of Life" angeht. Dennoch resignierte er nicht und setzte sich bis zuletzt für seine Ideale ein.

 

Erzählerisch und sprachlich von höchster Qualität, dazu voller philosophisch-historischer Betrachtungen - das macht Kollenders Buch so lesens- und empfehlenswert.

 

Und der Rezensent kommt nicht umhin zu erwähnen, daß er diesen Roman mit besonderem Interesse gelesen hat. Bekam er doch bereits Mitte der 1970er Jahre in der DDR die Lebenserinnerungen des Carl Schurz, erschienen im Ost-Berliner „Verlag der Nation", in die Hände und war von diesen überaus fasziniert..

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Andreas Kollender: Libertys Lächeln. Roman. 304 S. geb.m.Schutzumschl. Pendragon-Verlag. Bielefeld 2019. 24,00 Euro. ISBN 978-3-86532-642-3

 

 

 



 
09.04.2019

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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