Crane - ein anspruchsvolles Buch für anspruchsvolle Leser

WEIMAR. (fgw) Andreas Kollender hat sich einen Namen gemacht mit Romanen, die Bezug auf die Biographien außergewöhnlicher Männer nehmen. Erwähnt seien hier vor allem seine Bücher über Fritz Kolbe und Carl Schurz, erschienen im Bielefelder Pendragon-Verlag. In diesem Jahr nun ist seine Beschäftigung mit dem US-amerikanischen Schriftsteller Stephen Crane erschienen.


Anders als bei den vorgenannten Personen läßt Kollender seinen Helden nur acht Tage „agieren", läßt er die letzten Tage Cranes fiktiv Revue passieren. Und ebenfalls anders als bei Kolbe und Schurz führt der Autor hier ein antipodisches Geschehen von ebenfalls acht Tagen ein.

 

Wer war Stephen Crane? Crane (1871-1900) war Journalist, Kriegsreporter und Schriftsteller. Obwohl er nur 28 Jahre alt wurde, schuf er ein doch vielbeachtetes Werk, in dem sich auch sein unstetes und abenteuerliches Leben widerspiegelte. Bekannt wurde Crane insbesondere durch seinen Roman „Die rote Tapferkeitsmedaille" über einen jungen Soldaten im US-Bürgerkrieg. Im Gegensatz zu den meisten seiner Zunft verherrlichte er aber keineswegs den Krieg. Das zeigte sich besonders deutlich bei der „Verarbeitung" seiner eigenen Erlebnisse während der US-Eroberungskriege (Kuba und Puerto Rico) oder während des griechisch-türkischen Krieges um Kreta.

 

Crane litt schwer an Tuberkulose, die sich während seines Lebens in Großbritannien noch verschlimmert hatte. Linderung, vielleicht gar Heilung, erhoffte er sich von einem Kuraufenthalt in einem renommierten deutschen Sanatorium. Und so kam er Ende Mai 1900 nach Badenweiler im Schwarzwald.

 

Hier nun setzt der Roman ein. Allerdings 14 Jahre später, im zweiten Monat des I. Weltkrieges. Aus dem Lungensanatorium ist ein Lazarett geworden. Zu den eingelieferten Patienten gehört ein junger Leutnant, Bernhard Fischer. Nach zwei Schüssen in die Lunge ist er nur wenig ansprechbar, spricht auch selbst nicht, zeichnet dafür aber unentwegt Szenen aus dem Kriegsgeschehen in den Schützengräben. Betreut wird er von Oberschwester Elisabeth. Sie bittet er um ein Buch des Schriftstellers Stephen Crane.

 

Das ist der Auslöser für Elisabeth, sich an die Zeit mit Stephen Crane zu erinnern. Wie er litt, wie er im Fieberwahn delirierte. Sie selbst kannte all seine Werke, fühlte sich wegen einer schweren Brandverletzung zu ihm hingezogen. Elisabeth sah sich und Crane als Seelenverwandte. Kollender läßt beide in seinem Roman eine tiefe Liebesbeziehung entwickeln und leben. In diesen Passagen, wie in den Rückblicken 14 Jahre später, wird durch/über Elisabeth Cranes Leben und Schaffen plastisch dargestellt.

 

Doch weder die Ärzte noch ihre Hingabe können Cranes Leben retten. Und nun, zu Beginn des großen Krieges - Elisabeth ist mittlerweile Oberschwester, kommt mit Fischer wieder ein ähnlich junger Mann in ihre Obhut. Kann er genesen? Wird er möglicherweise das Lazarett als Krüppel verlassen? Oder muß er, kaum geheilt, wieder an die Front? Und dann doch elendig sterben?

 

Auf eine eigene Weise erzählt Elisabeth dem jungen deutschen Offizier von Crane und von beider gemeinsamen acht Tagen. In ihr reift ein Gedanke: Wenn ich schon Crane nicht retten konnte, dann doch wenigstens Fischer. Er soll dem Krieg entkommen! Doch wie das anstellen? Und will der junge Offizier das überhaupt?

 

Kollender läßt also seinen Leser erneut acht Tage eines Lebens Gestalt annehmen. Voller Empathie und knallhart realistisch erzählt er beide fiktive Geschichten, die er in diesem Roman auf gekonnte Weise verbunden, verknüpft, hat. Aus diesem Roman spricht nicht nur tiefster Humanismus, wie er durchaus auch in Kriegszeiten lebendig ist. Nein, dieses Buch ist ein richtig guter Antikriegsroman. In dem eben gezeigt wird, wie durch individuelle Zivilcourage so oder so, wenigstens ein Sandkörnchen ins mörderische Getriebe geworfen werden kann. Und daß jedes einzelne gerettete Menschenleben zählt.

 

Kollenders neuer Roman ist nicht unbedingt leicht zu lesen, denn es stellt als erzählerisch anspruchsvoll gestaltetes Buch durchaus auch Ansprüche an seine Leser: Denkt selber, denkt mit, denkt nach. Laßt euch nicht blenden von Kriegspopaganda und Heldengeschichten. Das wiederum haben alle biographisch geprägten Romane Kollenders gemeinsam.

 

Unbedingt erwähnt werden muß, daß der Verlag dieses Buch in gediegener, anspruchsvoller buchbinderischer Aufmachung herausgebracht hat.

 

Übrigens, Pendragon hat zeitgleich mit diesem Roman über Crane auch dessen bekanntestes Werk „Die rote Tapferkeitsmedaille" verlegt. Es empfiehlt sich, beide Bücher in engem Zusammenhang zu lesen, also zu erwerben!

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Andreas Kollender: Mr. Crane. Roman. 256 S. geb.m.Schutzumschl. Pendragon-Verlag. Bielefeld 2020. 24,00 Euro. ISBN 978-3-86532-685-0

 

 



 
23.10.2020

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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