Crissa Stone: „Dieser ganze Deal war Mist von Anfang an.“

WEIMAR. (fgw) Der Bielefelder Pendragon-Verlag hat in diesem Sommer - in deutscher Erstausgabe - einen Krimi der etwas anderen Art vorgelegt: Wallace Strobys Roman „Kalter Schuss ins Herz“. Dies ist ein US-Krimi, der ganz ohne „Detectives“ und „Cops“ auskommt, ein Krimi bewußt und ausschließlich aus der Sicht eines Berufsverbrechers geschrieben. Konkret aus der Sicht einer Berufsverbrecherin: Crissa Stone.


Diese wird dem Leser im Klappentext so vorgestellt: „Crissa Stone ist jung, attraktiv und ein knallharter Profi. Ihr Geld macht sie mit Raubzügen." Man beachte den zweiten Satz, diese Wendung mit dem Geld machen. Ja, in der kapitalistischen Gesellschaft macht man, sofern man kann, sein Geld... Und wenn es auf legale Weise, also durch Erwerbsarbeit, nicht möglich ist, dann eben auf illegale Weise, auf kriminelle!

 

Die knapp über 30jährige Crissa ist Zögling und Partnerin von Wayne, er deutlich älter als sie, und derzeit in einem texanischen Gefängnis einsitzend. Daher bildet nun Crissa gemeinsam mit zwei Männern eine temporäre Gang, die an der Ostküste „Geld macht". Die Geschichte beginnt mit einem Raub in einem Geldinstitut. Doch ihr Tippgeber hatte das Objekt nicht sorgfältig genug ausbaldowert, die Beute fällt deutlich geringer als erwartet aus. Sie wird wie üblich durch die Anzahl der Gangmitglieder geteilt, wobei Crissa dem Tippgeber von ihrem Anteil zehn Prozent „Informationshonorar" abgibt. Nach dem Beutezug trennen sich die Wege.

 

Und der Leser erfährt nun etwas mehr über Crissa. Diese legt „ihr Geld" per Gewährsmann gutbürgerlich in Papieren an, dazu plant sie den Erwerb eines Hauses für sich und Wayne. Und ein Teil der Beute ist für den Unterhalt ihrer kleinen Tochter bestimmt, die bei einer Verwandten aufwachsen muß. Doch Geld muß sie vor allem für die Freilassung ihres Freundes Wayne beschaffen. Ein geldgieriger, schmieriger Anwalt verlangt dafür insgesamt eine viertel Million, denn Prozesse und „Deals" mit Justiz kosten in den USA nun mal sehr viel Geld.

 

Wie gesagt, die Beute war diesmal äußerst gering ausgefallen. Da nun wird ihr ein Job angeboten, der unterm Strich wohl insgesamt eine Million einbringen soll. Crissa ist skeptisch, traut dem Tipp nicht, auch nicht dem neuen Gang-Mitglied Stimmer, der hierbei eine große Lippe riskiert. Es handle sich um eine leichte Nummer, die nur wenig Aufwand verlange und da es sich um das Ausrauben einer illegalen Pokerrunde handele, bräuchte man auch keine Polizei fürchten. Crissa bleibt skeptisch, aber Recherchen scheinen den Tipp zu bestätigen. Und gemeinsam mit bewußtem Stimmer und Chance (einem Komplizen aus dem zuerst genannten Überfall) starten sie den Coup. Doch... ausgerechnet dieser Überfall läuft unerwartet total aus dem Ruder, denn kurz vorm Verlassen des Schauplatzes fällt ein Schuß: Stimmer tötet einen Mann aus der Pokerrunde. Die drei können zwar unbehelligt entkommen, doch auch hier stellt sich bald Frust ein, denn die finanzielle Ausbeute ist nur halb so hoch. Nach der Teilung der Beute läuft es eigentlich so wie immer. Doch aber dann...

 

Der getötete Pokerspieler war der Schwiegersohn eines einflußreichen Mafiabosses. Der kann die Tat natürlich nicht auf sich sitzen lassen. Man hat ja einen Ruf zu verlieren. Also wird „Eddie der Heilige" engagiert. Eddie, ganz und gar kein Heiliger, sondern ein eiskalter Killer, ist gerade zu diesem Zeitpunkt aus der Haft entlassen worden. Mitsamt seinem etwas depperten Kumpel Terry begleicht Eddie zunächst aber alte Rechnungen, ehe er sich auf die Suche nach der Diebesbande macht. Er findet zunächst den Tippgeber, der unter Folter plaudert und so den Weg zu Stimmer weist. Auch Stimmer „singt". Sobald Eddie weiß, was er wissen will, tötet er seine Opfer eiskalt. Mit der Ermordung Stimmers wäre eigentlich der Auftrag des Gangsterbosses erledigt. Doch Eddie hat Blut gerochen, wittert noch mehr Profit. Von Geld- und Mordgier beseelt tötet er auf dem Wege zu Crissa weitere Menschen.

 

Er kann Crissa auch aufspüren, doch diese will sich nicht so einfach umbringen lassen und plant ihre Verteidigung. Dabei eilt ihr schließlich Chance als guter Freund, und nicht bloß krimineller Komplize, zu Hilfe. Doch Crissas Plan geht nicht ganz auf, denn Eddie kann beide überraschen. Die Ereignisse überschlagen sich. Crissa, die noch nie in ihrem Leben geschossen hatte, kann Eddie schließlich doch ausschalten und vom „Schlachtfeld" entfliehen. Doch da es dort gebrannt hatte, kommt nun trotz aller benutzten Pseudonyme doch die Polizei auf ihre Spur, auf ihr aktuell benutztes Pseudonym. Sie kann daher nicht mehr in ihr Appartement zurück, doch zum Glück hatte sie die Schlüssel zu einigen Bankschließfächern rechtzeitig in Sicherheit bringen können. So daß sie mit wenigstens etwas Geld und vor allem mit den Papieren für ein anderes Pseudonym ihr bisheriges Umfeld verlassen kann. Auf den Weg nach Süden.

 

Der Roman endet so: „Irgendwann würde sie von irgendwo weit weg (...) herausfinden, wie viel Schaden angerichtet worden ist, wie die in Dinge in Texas standen. Irgendwie würde sie das alles herausfinden und ins Reine bringen. (...) Aber sie hatte einen [neuen; SRK] Namen, einen Koffer voll Geld, ein Auto und eine Pistole. Es war ein Anfang." (S. 339) Dieser Schluß deutet darauf hin, daß es bereits Fortsetzungen gibt, die Pendragon hoffentlich recht bald in deutscher Übersetzung vorlegen möge.

 

Die Geschichte ist hier zwar recht ausführlich wiedergegeben, dennoch wird das eigentlich Wichtige hier nicht verraten: War der tödliche Schuß nur Zufall? Wenn nein, warum wurde er abgegeben? Welche Rolle spielt der Gangsterboß, also Eddies Auftraggeber? Das bleibt lange im Unklaren; und das ist Crissa zunächst auch gar nicht bewußt. Die Erkenntnis kommt spät, siehe die Überschrift dieser Rezension, die als Zitat auf Seite 241 zu finden ist. Und selbst der aufmerksame Leser braucht dafür etliche Seiten aufmerksamer Lektüre. Dieses ist der eine Spannungsmoment für diesen Krimi der etwas anderen Art.

 

Der andere Spannungsmoment bildet das Duell zwischen zwei Kriminellen, das Duell zwischen Crissa und Eddie. Beide sind auf ihre Art durchaus intellektuell und können, zwar auf unterschiedliche Weise, logisch vorgehen und handeln. Auch wenn Eddie immer stärker dem Blutrausch verfällt. Gerade dieses Kräftemessen zweier sehr unterschiedlicher Charaktere macht die Spannung bis zum Schluß aus. Dieses Kräftemessen läßt den Leser aber auch mit Crissas Schicksal mitfiebern.

 

Diese junge Frau wird dabei eigentlich so gar nicht als Berufskriminelle wahrgenommen. Viel mehr als Frau, die sich in der US-Gesellschaft eben nicht anders behaupten kann. Wenn das gutbürgerliche Leben eben nicht auf „anständige" Art und Weise gesichert werden kann, dann wenigstens „anständig" anders: Durch Raubzüge bei denen, die in Geld schwimmen und dieses meistens auch nicht auf ehrliche Weise erworben und gemehrt haben.

 

Es ist auch nicht so sehr die „action", die für Spannung sorgt. Nein, für Spannung sorgen ganz besonders die vielschichtigen Charakterzeichnungen, was sich wohltuend vom leider zu oft üblichen Schwarz-Weiß-Schema abhebt. Auch Kriminelle muß man differenziert darstellen, sind doch auch sie Menschen aus Fleisch und Blut, Menschen mit Empfindungen und individuellen Schicksalen. Gerade das ist Stroby mit diesem Roman richtig gut gelungen. Und daneben versteht er es zu erzählen. Zumindest deutet die ansprechende Übersetzung darauf hin.

 

Wallace Stroby hat mit „Kalter Schuss ins herz" nicht nur einen spannungsvollen Roman geschrieben, er hat hier auch eine nicht unerhebliche Facette des US-"Way Of Life" in den Fokus gerückt. Die Kritik an dieser krank zu nennenden Gesellschaft fällt schärfer aus als die an Crissa. Diese ist zwar Täterin, aber mehr noch ist sie Opfer dieser gesellschaftlichen Umstände. Und man kann es auch so sagen, im Gegensatz zu Eddie & Co. hat sie Ehre im Leib, wenngleich dies (nur) eine Ganovenehre ist. Das wirft die Frage auf, wie wird Crissa das in dieser Geschichte Geschehene wieder ins Reine bringen?

 

Zu den Hintergründen für diesen Roman und für diese Romanfigur soll hier nichts weiter gesagt sein, denn das hat der Autor mit einem kurzen Vorwort schon getan. Und das wird auch im Nachwort des Übersetzers Alf Mayer (= Interwiew mit dem Autor) bestens deutlich.

 

Es bleibt also nur, dem Verlag, seinen Lektorinnen Eike Birck und Eva Weigl sowie dem kongenialen Übersetzer Alf Mayer zu danken, daß sie Wallace Stroby und „das beste bad girl der Kriminal-Literatur" für den deutschen Leser entdeckt haben.

 

Siegfried R. Krebs

 

Wallace Stroby: Kalter Schuss ins Herz. Kriminalroman. A.d.Amerikan.von Alf Mayer. 352 S. Klappenbroschur. Pendragon-Verlag. Bielefeld 2015. 15,99 Euro. ISBN 978-3-86532-487-0

 



 
03.10.2015

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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