Debatte über Prostitution, „Sex-Arbeit“ oder was sonst?

WEIMAR. (fgw) Die Prostitution ist so alt wie die Klassengesellschaft. Man redet zwar in der sogenannten guten Gesellschaft nicht drüber, aber die Prostitution ist nicht nur ein Thema für Moral und Ethik, sondern vor allem eines für den Humanismus/die Humanität. Daher müssen zuvörderst die Fragen nach den Ursachen für diese besondere Form der zwischenmenschlichen Beziehung und nach dem Umgang von Staat und Gesellschaft mit dieser gestellt werden. Und nicht zuletzt die Frage, ob und wie es eine menschenwürdige Lösung für das Problem geben kann. Darüber sinniert Thomas Schroedter in seinem jetzt vorgelegten Buch „Das unmoralische Andere“.


Um tiefer in das Thema, in Verbindung mit der Lebensphase Jugend sowie dem Komplex Kasernierung und Krieg, einzudringen, hat Schroedter sein Buch in drei Teile gegliedert. Im ersten geht es um die verschiedenen Definitionen in bezug auf Prostitution und „Sexarbeit" und im zweiten zeichnet er in aller Kürze die historische Entwicklung des sogenannten „ältesten Gewerbes" nach. Der dritte Teil bezieht sich auf aktuelle Debatten rund um die Prostitution. Der Autor betont in allen drei Teilen aber immer wieder, daß er zwischen Prostitution und Sexarbeit unterscheiden würde. Und er bekennt, daß er auf eine globale Sicht verzichtet habe und sich auf den eurozentristischen bzw. mediterranen Fokus beschränken würde.

 

Eine seiner ersten Fragen lautet, warum sich vorwiegend junge, ja sehr junge, Frauen prostituieren würden. Zur derzeitigen Situation in Deutschland schreibt er u.a.: „Sie unterscheidet zwischen einem kriminalisierten Bereich, einem nichtkriminalisierten Bereich, der Gelegenheitsprostitution und fügt dem einen vierten Bereich unter den Stichworten 'Kinderprostitution/Beschaffungsprostitution/Frauenhandel' hinzu." (S. 37) Diesbezüglich hebt er an anderer Stelle hervor: „Es ist ein Unterschied, ob sich jemand aus freien Stücken für die Prostitution entscheidet, sich gezwungen sieht, in die Prostitution zu gehen, um den Lebensunterhalt oder die Sucht zu finanzieren oder durch Zuhälter in die Prostitution gezwungen wurde." (S. 39)

 

Schroedter idealisiert jedoch die Gruppe der sich aus freien Stücken heraus prostituierenden Frauen, die mit größter Wahrscheinlichkeit jedoch die kleinste Gruppe ausmachen dürfte. Auch sein (neumodischer) Lieblingsbegriff „Sexarbeiterin" dürfte eher unpassend sein, insbesondere dann, wenn er ihn mit Blick auf frühere Zeiten verwendet.

 

Die Ursache für die Prostitution sieht er allein im Patriarchat, nicht jedoch in der Klassenspaltung in konkreten Gesellschaftsordnungen, die mit dem Herausbildung des Privateigentums an den Produktionsmitteln begann und bis heute andauert. Und das, obwohl er sich nicht selten in seinem Buch auf Marx beruft.

 

Leider zu kurz streift er das durchaus interessante Thema der Tempelprostitution im antiken Mesopotamien und pharaonischen Ägypten.

 

Bezüglich des protestantischen Christentums schreibt er: „Bis zur Reformation war 'Hure' ein Schimpfwort für Ehebrecherinnen. Im 16. Jahrhundert verwendete Martin Luther diesen Begriff, um die Sexarbeiterinnen zu diffamieren. Der bis dahin gängige Begriff 'Dirne' war ihm als Schimpfwort wohl zu schwach." (S. 43)

 

Die sexuelle Doppelmoral in christlich geprägten Gesellschaften nimmt bei Schroedter insgesamt einen relativ breiten Raum ein, siehe insbesondere die Seiten 74 bis 88. Ein weiterer Abschnitt beschäftigt sich mit „Kirchen und Abolitionismus" (S. 95 - 100).

 

Weitere Themen sind die „Hurenbewegungen", „Sexarbeit und Migration" oder der „Frauenhandel". In einem weiteren Kapitel wendet sich Schroedter neueren Entwicklungen im EU-Europa zu. Hier nennt er an erster Stelle die Gesetzesverschärfungen, die sich fast ausschließlich gegen die sich prostituierenden Frauen richten. Hier setzt Schroedter sich nicht nur mit abolitionistischen bürgerlichen „Emanzen" wie Alice Schwarzer auseinander, sondern noch mit den sehr ähnlichen Positionen der auch in Deutschland stärker werdenden evangelikalen Sekten.

 

Das abschließende Kapitel ist vielleicht auch deshalb mit „Wer von 'Prostitution' redet, darf zur [bürgerlichen; SRK] Ehe nicht schweigen" überschrieben. Allein schon dieser Titel sagt sehr viel über deutsche Zustände vom Kaiserreich bis zur größer gewordenen Bundesrepublik aus. Hierin betont Schroedter, daß für ihn „Sexarbeit" und Prostitution eine Ungleichung sind. Falsch verstandene Frauenrechte und Emanzipation macht er sehr deutlich bei Alice Schwarzer aus: Sie und ihresgleichen würden nicht Armut als eine wesentliche Prostitutionsursache bekämpfen, sondern einzig die „Prostituierten".

 

In diesem Sinne setzt sich Schroedter sehr detailliert mit dem bundesdeutschen Prostituiertenschutzgesetz vom 1. Juli 2017 auseinander. Für ihn, mehr noch aber für die Betroffenen, ist dieses Gesetz Ausdruck für die Diskriminierung von Frauen und Ausdruck eines „autoritären Staates": „Dieser autoritäre Staat kommt zunehmend auch im religiösen Gewand daher, das an die Verteufelung der Sexarbeit durch die Reformatoren des 16. Jahrhunderts erinnert." (S. 158) Für den Autor ist das letztlich verbunden mit anderen „Disziplinar- und zunehmenden Kontrollmechanismen zur Aufrechterhaltung der kapitalistischen Ordnung" (S. 162).

 

All dies ein deutlicher Fingerzeig, daß für menschenwürdige Lösungsansätze auch in diesem Bereich realer Lebensverhältnisse nicht zuletzt die organisierten Humanisten gefordert sind.

 

Zu bemängeln an Schroedters ansonsten lobenswerten Arbeit ist, daß er in seinem Buch kaum eigene Erkenntnisse vorstellt, sondern leider fast ausschließlich nur die Werke anderer Autoren auswertend referiert.

 

Was aber wirklich ärgerlich ist, das ist die oftmals schwere Lesbarkeit des Textes, die dem massenhaften Gebrauch des genderwahnigen Sternchen geschuldet ist. Übrigens, wie spricht man solche Sternchen eigentlich aus?

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Thomas Schroedter: Das unmoralische Andere. Eine kleine Geschichte der Prostitution und Auswege aus einer festgefahrenen Debatte. 184 S. Taschenbuch. Schmetterling-Verlag. Stuttgart 2019. 14,80 Euro. ISBN 978-3-89657-154-0

 



 
11.08.2019

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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