Dem Ort ihrer Kindheit ein literarisches Denkmal gesetzt

WEIMAR. (fgw) Die ersten acht Lebensjahre verbrachte die renommierte Schriftstellerin Silvia Stolzenburg in dem kleinen Dörfchen Brenz an der Brenz (auf der Schwäbischen Alb gelegen). Nun hat sie dem Ort ihrer Kindheit und dem dortigen Schloß mit dem Roman „Die Meisterbanditin“ ein literarisches Denkmal gesetzt. Und sie vereint darin ihr meisterliches Können in zwei Genres: dem des historischen Romans und dem des Kriminalromans.


Silvia Stolzenburg führt den Leser in das Jahr 1721 zurück, genauer in die Monate August und September. Im Herzogtum Württemberg herrscht der Möchtegern-Sonnenkönig Eberhard Ludwig (1676-1733). Er herrscht nur und gibt sich lieber ausschweifenden Leidenschaften hin, das Regieren überläßt er daher weitestgehend seiner Mätresse, der aus brandenburgisch-mecklenburgischem Kleinadel stammenden Wilhelmine von Grävenitz (1685-1744). Zwischen 1707 und 1731 bestimmte sie als Frau (!) zweimal entscheidend über die Geschicke des Herzogtums. Doch diese durchaus positive Rolle wurde erheblich konterkariert durch ihre verschwenderische Lebensweise und persönliche Bereicherung, auch seitens ihrer Verwandten. Die Grävenitz stiegen durch geschicktes Handeln sogar zu reichsunmittelbaren Grafen auf. Ihre einflußreichen Gegner diffamierten Wilhelmine offensiv als „Landverderberin". Und diese Gegner aus den sogenannten Landständen setzten alles daran, sie zu vernichten. Keine Intrige, kein abstruses Gerücht war ihnen dafür zu schade.

 

Wilhelmine ist die eine Heldin des vorliegenden Romans und erfährt darin durch Silvia Stolzenburg eine ausgewogene, differenzierte Beurteilung. Für den heutigen Leser ist sie weniger die verruchte Mätresse, vielmehr die selbstbewußte, kluge Frau, ihrer Zeit eigentlich weit voraus. Mehr soll zur historisch verbürgten Person hier nicht vermeldet werden.

 

Die zweite Heldin ist natürlich eine erfundene Person, die 17jährige Kleinbauerntochter Marie aus Brenz. Vor dem Hintergrund der Geschehnisse um Wilhelmine steht sie im Vordergrund des gesamten Geschehens. Und das ist löblich: Einfache Menschen und nicht eine idealisierte Adelsgesellschaft in den Mittelpunkt eines historischen Unterhaltungsromans zu stellen.

 

Wilhelmine weilt im Sommer 1721 auf ihrem Schloß zu Brenz und verlustiert sich dort mit ihrem zeitweiligen Geliebten, dem jungen Hofjäger Hubertus (!). Sie muß da auch erfahren, daß eine ihrer Spioninnen auf dem Gut eines ihrer Feinde enttarnt und ermordet worden ist.

 

Marie erlebt die erste große Enttäuschung ihres Lebens, als sie erfahren muß, daß sie als Ehefrau für einen Mittelbauernsohn nicht gut genug ist. Sie soll stattdessen einen alten „Schweinebauern" heiraten und wird aus dem elterlichen Haus gewiesen. Sie entscheidet sich aber für eine Küchenmagdstellung im gräflichen Schloß und bekommt diese sogar. Aber sie ist dem Jäger Hubertus aufgefallen, der mehrfach versucht, sie zu vergewaltigen. Schließlich denunziert er die ihm Widerspenstige als Diebin. Ihr droht nun großes Ungemach.

 

Und wie der Zufall es will, kommt dies Wilhelmine zu Ohren, die sie vor die Alternative stellt: strenge Bestrafung oder aber Spionage für die Gräfin. Marie bleibt nichts anderes übrig und muß sich der Wandertheatertruppe des Prinzipals La Boneille anschließen. Dieser steht eben zu diesem Zwecke in Diensten der Gräfin, kommt er doch unverdächtig durchs ganze Land, auf Adels-Güter und ebenso in die Städte zu den einflußreichen Patriziern.

 

Die Analphabetin Marie lernt schnell, überwindet sogar ihre Scheu und brilliert bald in derben Bühnenstücken. Denn La Boneille bringt ihr bei, wie man sich gekonnt für die unterschiedlichsten Rollen verkleidet. Vor allem aber bildet er sie für die Rolle der Meisterdiebin in einem seiner Stücke aus, also als überaus geschickte Taschendiebin.

 

Unterdessen hat Wilhelmine ihren untreuen Liebhaber mit Schimpf und Schande aus ihren Diensten gejagt. Dieser sinnt nun auf Rache, begibt sich nach Ulm und bietet sich dort Wilhelmines Gegnern als williges Werkzeug an. Als die Theatertruppe in Ulm gastiert, stoßen Marie und Hubertus aufeinander, der nun endlich sein Mütchen an ihr kühlen will. Doch sie kann entkommen.

 

Inzwischen ist Marie so weit, daß der Prinzipal sie in seine geheime Tätigkeit einbezieht. Dazu macht er sie sich sexuell gefügig, spielt ihr Liebe vor, die bei der so lange von Männern enttäuschten Marie auf fruchtbaren Boden fällt. Doch Marie bleibt als Spionin erfolglos. Und sie muß recht bald erkennen, daß La Boneille es ebenfalls nicht ehrlich mit ihr meint. Und so nutzt sie bei ihren Spionageeinsätzen das erworbene Können als Taschendiebin aus. Mit den so erbeuteten Geldern und Schmuckstücken will sie recht bald fliehen und sich ein Leben in Freiheit irgendwo in einer entfernten Stadt ermöglichen. Wobei sie eigentlich nur diejenigen „Herren" bestiehlt, die ihr an die Wäsche wollten.

 

Doch als einmal besonders erfolgreich ist, wird sie von einem fremden Herrn ertappt. Und... auch dieser stellt sie vor eine Alternative: Entweder Übergabe an einen strengen Richter oder aber künftig für ihn zu stehen... Notgedrungen willig sie ein und kann auch ihren ersten Auftrag, das Entwenden einer Schatulle, erledigen. Doch dabei belauscht sie einen Kreis von Anti-Wilhelmine-Verschwörern, wird entdeckt und muß fliehen...

 

In ihrer Not will sie zur Gräfin, die wieder in der Ludwigsburger Residenz weilt, denn nur diese kann sie retten. Just zu dieser Zeit ist der Schauspielerkollege Jost in der Nähe, der in sie verliebt ist und reiten gemeinsam davon. Doch die Verfolger kommen immer näher, die Flüchtenden werden sogar angeschossen... Was Wilhelmines Gegner vorhaben und ob es Marie überhaupt noch gelingt, lebend nach Ludwigsburg und da vor allem auch in die Nähe der Gräfin zu kommen, das soll hier nicht verraten werden. Nur so viel: Es bleibt bis zur letzten Minute spannend.

 

Und es bleiben Fragen offen! Was befindet sich in der Schatulle, die Marie stehlen sollte und die sie auf der Flucht bei sich behalten konnte? Und wer ist der geheimnisvolle Auftraggeber für diesen Diebstahl? Allein das schreit förmlich nach Fortsetzung. Zumal ja Wilhelmine noch mehr als zehn Jahre „regieren" konnte und ihre Gegner niemals aufgaben, so daß es für gräfliche Spione so genügend Aufträge geben mußte...

 

Silvia Stolzenburg stellt sich wie immer in ihren historischen Romanen dieser Frage: „Was ist Wahrheit, was ist erfunden?" Und der Rezensent fügt hinzu: „Wie weit darf künstlerische Freiheit im Umgang mit der Geschichte etc. gehen?"

 

Nun, da ist es legitim, wenn Maries Entwicklung quasi im Zeitraffertempo vonstatten geht. Ebenso legitim ist, Worte und Begriffe zu verwenden, die zu jenen Zeiten noch nicht gebräuclich waren, die jedem Heutigem aber mehr sagen als altertümliche Wendungen.

 

In zwei Details muß der Rezensent aber Bedenken anmelden: Liefen im ersten Drittel des 18. Jahrhunderts einfache Dörfler wie Marie sommers in Schuhen herum? Und was eine Taschenuhr ist, die sich damals nur wirklich Reiche leisten konnten, wie konnte Marie, die nie ihr Dorf verlassen hatte, so etwas kennen?

 

Um so besser ist es, daß Silvia Stolzenburg sehr deutlich auf die christlich-bigotten Moralvorstellungen und Standesfragen dieser Zeit eingeht. Auch Schauspieler zählten damals noch zu den nichtehrbaren Menschen, waren Außenseiter. Und sie beschönigt die einfachen Menschen in keiner Weise. Das wird insbesondere deutlich an den geschilderten internen Konflikten in La Boneilles Truppe. Von Interesse dürfte in diesem Zusammenhang für den heutigen Leser auch sein, wie vor rund dreihundert Jahren die darstellenden Künste ausgeübt wurden.

 

Insgesamt ist dieser historische Kriminalroman flüssig geschrieben, spannend und sogar amüsant zu lesen (es sei hier u.a. auf die erotischen Szenen oder auf das diverse Ballgeschehen verwiesen). Alle Charaktere sind „aus Fleisch und Blut" gezeichnet und agieren durchaus authentisch. Es handelt sich also um gute und kurzweilige Unterhaltungsliteratur, so daß der Leser mit Fug und Recht auf mindestens eine Fortsetzung hoffen darf.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Silvia Stolzenburg: Die Meisterbanditin. Historischer Kriminalroman. 316 S. Klappenbroschur. Gmeiner-Verlag. Meßkirch 2018. 15,00 Euro. ISBN 978-3-8392-2301-7

 



 
16.09.2018

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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