Der katholischen Doppelmoral un-liebster Teufel „Sex“

WEIMAR. (fgw) Nicht mehr „ganz taufrisch“ ist Thomas Vaszelits' reißerisch aufmachtes Buch aus dem Jahre 2012 über die „verdammte Lust und die katholische Unmoral“; wobei dieses „verdammte“ durchaus doppeldeutig zu verstehen ist.


Nicht mehr „ganz taufrisch" ist Thomas Vaszelits' reißerisch aufmachtes Buch aus dem Jahre 2012 über die „verdammte Lust und die katholische Unmoral"; wobei dieses „verdammte" durchaus doppeldeutig zu verstehen ist.

 

Thomas Vaszelits wurde 1947 in Prag geboren und ist auch dort aufgewachsen. Seinen Vater schildert er als „bigott katholisch", seine Mutter als vom Judentum zum evangelisch-lutherischen Glauben konvertiert. Er selbst wurde vom Vater in die Hände eines katholischen Priesters gegeben - und das immerhin in der sozialistischen Tschechoslowakei. Darüber berichtet er in der Einleitung des vorliegendes Buches, überschrieben mit „Nach der Beichte Prügelstrafe":

 

„Später wurde mir klar. Die Religion wird einem in die Wiege gelegt. Man muß sie überwinden, um frei zu sein. Man muß die Methoden der Kirche hinterfragen, die Instrumente des Gottesglaubens prüfen. Das Ergebnis steht für mich seit meiner Jugend unerschütterlich fest: Religion ist Aberglaube." (S. 10) Und so wurde er, letzter Anstoß war wohl das Erlebnis im Beichtstuhl, zum Atheisten.

 

Irgendwann siedelte Vaszelits nach Westdeutschland über, wurde Journalist (u.a. für „Bunte" und „Quick". Eines ab blieb er: antikommunistisch verbohrt. Was in manchen Passagen seines Buches mehr durchschimmert als wirklich fundierte Kirchen- und Religionskritik (siehe einen Zwischentitel wie „Der Stasi-Blick der Jungfrau Maria"; S. 17).

 

Immer offenkundiger werdende Skandale, insbesondere in der katholischen Kirche und ihren „sozialen" und „pädagogischen" Einrichtungen, veranlaßten ihn zum Schreiben dieses Buches. Stichworte hierfür: sexueller Kindes-Mißbrauch, Prügelstraforgien, verschwiegene homosexuelle Affären unzähliger Kleriker, Inzest, Verdammnis von Verhütungsmitteln, Einmischung in das Intimleben der Menschen, um nur einige zu nennen. Für Vaszelits sind das Anhaltspunkte für eine lustfeindliche Sexualmoral. Diese will er hinterfragen, diese Doppelmoral und Scheinheiligkeit, ausgehend von biblischen Texten und Verkündigungen der sogenannten Kirchenväter und der sich Papst nennenden Bischöfe von Rom.

 

Doch schon in Kapitel 1 „Der Feind in meinem Kopf" wird klar, daß Buchtitel und Klappentext mehr versprechen als was der geschriebene Text hält. Allein daß er den Begriff Gott benutzt, ohne ihn in Anführungszeichen zu setzen oder zu präzisieren, daß er damit den lediglich Gott der Christen meint, ist bedauerlich. Ja, er will sich mit der katholischen Version des Christentums auseinandersetzten, aber das sollte im 21. Jahrhundert von einer universellen Weltsicht ausgehen und nicht die Sichtweise dieser einen Religion unter vielen unkritisch wiedergeben.

 

Und auch schon hier wird die Oberflächlichkeit des Autors sichtbar. Man braucht sich nur das Quellenverzeichnis am Ende des Buches anschauen: Einen Deschner hat er für seine Recherchen und Analysen nicht zur Kenntnis genommen. Auch nicht erste Werke von Bergmeier. Erst recht nicht Feuerbach oder Marx. Er befaßt sich so nur mit Erscheinungen, aber nicht mit dem Kern. Gesellschaftliche Verhältnisse, in denen die Kirche als vorzügliches Herrschaftsinstrument taugt, die kommen nicht vor. Auch nicht die Feststellung, daß ein freies Sexualleben selbständiger Individuen die Priesterkaste überflüssig macht. Daß mit der Herrschaft über die Köpfe und die Sexualität die Herrschaft über Gesellschaft und Staat beginnt. Mit der Folge, daß die christlichen Kirchen bereits im spätantiken Rom größte Großgrundbesitzer waren und auch heute mit zu den weltweit größten Wirtschaftsunternehmen zählen. Naja, kurz klingt das mit einem Hinweis aud Carsten Frerk an.

 

Für Oberflächlichkeit stehen nicht minder die „flotte Schreibe" und die Geschwätzigkeit, die aus seiner Sicht wohl für Humor und Provokation stehen sollen. Einher damit gehen schlimme sachliche Fehler, die für mangelnde Geschichstkenntnisse des Autors stehen. Einige Beispiele mögen genügen:

 

Am gravierendsten hierfür ist die falsche Wiedergabe des Reichsdeputationshauptschlusses von 1803 (mit denen heutzutage die sogenannten Staatsleistungen begründet werden) auf S. 33. Da plappert Vaszelits - wie fast alle Politiker, Kirchenjuristen und Journalisten hierzuland - gedankenlos klerikale Behauptungen nach. Man sollte den Originaltext sich immer wieder vor Augen halten - er ist problemlos im Internet abrufbar.

 

Weitere historische Fehler: Auf S. 62 heißt es „Paulus beschimpfte Muslime" - und das rund 600 Jahre vor Mohammed und dem Aufkommen des Islam... Oder wenn er auf S. 215 den Sklavenaufstand unter Spartacus ins „alte Griechenland" verlegt. Oder wenn er grundsätzlich von Amerika schreibt, wenn er lediglich die USA meint...

 

Besonders schlimm wird es auch, wenn er zwischen dem einstigen feudalen Kirchenstaat, dem Vatican und dem heutigen „Staat der Vatican-Stadt" (seit 1929) absolut nicht zu unterscheiden weiß. Ein Blick in seriöse Nachschlagewerke wäre da hilfreich gewesen.

 

Und bei solchen Fehlern fragt sich der kritische Leser möglicherweis, ob denn dann etwa andere Aussagen des Thomas Vaszelits wirklich stimmig sind. Mit solchen Schludereien arbeitet er schließlich doch auch den „Kopflangern" der Priesterkaste zu, liefert ihnen Steilvorlagen...

 

Seine Auseinandersetzung mit der katholischen Sexualmoral hat Vaszelits in 19 Kapitel gegliedert, auf die aber nicht im einzelnen eingegangen werden kann.

 

In Kapitel 4 geht er der wichtigen Frage nach, warum ausgerechnet im Christentum die Ehe zum Sakrament gemacht wurde. Kapitel 6 und 7 befassen sich u.a. mit den „Lehrsätzen" des Wojtyla-Papstes, also dessen insgesamt 10.963 Druckseiten umfassende „Theologie des Leibes" und dessen Vorliebe für den Marienkult.

 

Im Kapitel 9 analysiert er kurz die Verbalerotik im sogenannten Alten Testament der Bibel, auch im 11. Kapitel geht es um dortige erotische Geschichten. Im 12. Kapitel setzt er sich mit den zur Zeit seiner Niederschrift bekannt gewordenen Kindesmißbräuchen in Regensburg auseinander. Dabei geht er ausführlich auf die diesbezügliche Rabulistik des Ratzinger-Papstes ein, wenn er dort formuliert: „Sind die Mißbrauchopfer selbst schuld?" (S. 129) Von da ist es nicht weit zur Fragestellung in Kapitel 13: „Warum sich Pfarrer oft zu Knaben hingezogen fühlen" (S. 138).

 

„Teufel, Sex und Inzest - wie die katholische Kirche den Menschen retten will" - so ist das 15. Kapitel überschrieben und mit „Die gnadenlose Axt Gottes - Wie 'Franziska die Germanen zum Christentum zwang" das 16. Kapitel.

 

Letzteres beginnt mit der „im Westen" gedankenlos-bornierten Frage: „Glauben Sie an Gott?" (S. 178). Und leider kontert Vaszelits mit der in solchen Fällen eigentlich immer notwendigen Gegenfrage: „Welchen der vielen Götter der Menschheit meinen Sie denn?!?" In diesem Kapitel nähert sich Vaszelits jedoch mal ganz kurz dem Kern der verlogenen christlichen Sexualmoral, wenn er schreibt:

 

„Der Glauben an Jesus Christus wurde in erster Linie erfunden, um den Teufel Sex zu bezwingen und die dämonischen Kräfte der Sexualität einzudämmen. Aber auch den Schwächeren Angst einzuflößen, der Kirche unbegrenzte Macht zu verleihen..." (S. 185) Aber nachfolgend plappert er jedoch klerikale Verklärungen nach: Die Kirche habe Fortschritt, Bildung, Kultur und Wissenschaft, Humanität und Herzensgüte in das Leben der Menschen gebracht. - Schlimm!

 

Durchaus mit Humor, als Satire, kann man das 17. Kapitel, „Zehn Gebote, zehn Verstöße - über die gescheiterte Steuerung der Weltmoral", lesen. Aber leider geht er hier wieder einmal klerikalen Verfälschungen auf den Leim, wenn er das originäre 5. Gebot „Du sollst nicht morden" als mit „Du sollst nicht töten" wiedergibt. Köstlich dagegen sein Kurzkommentar zum 7. Gebot „Du sollst nicht stehlen".

 

Mehr als bedauerlich, daß er das Gebot „Du sollst nicht begehren Deines Nächsten..." nicht wirklich auseinandernimmt und ausgerechnet hier mehr als üblich an der Oberfläche verharrt. Denn gerade hier werden ja Frauen, Sklaven und Nutzvieh eindeutig auf eine Stufe gestellt! - Also Antihumanismus und Unmoral pur!

 

Durchaus lesenswert und vielleicht zum Nachdenken über das Christentum insgesamt anregend, trotz aller Verkürzungen, ist das 18. Kapitel über „Die 25 Gesichter von Jesus, dem Mann, der niemals lebte". Doch auch hier scheut Veszelits letzte Konsequenzen... Dafür beschert er mit dem Schlußabsatz des 19. Kapitels ein kabarettreifes Fazit:

 

„Hat die Bibel also doch recht. Niemand liefert einen besseren Beweis, daß Befruchtung ohne Sex möglich ist, als die Jungfrau Maria. Allerdings ist sie auch die einzige, bei der diese Methode geklappt hat." (S. 241)

 

Als schwach, intellektuell schwach, und weltfremd, muß man dagegen das Nachwort einschätzen. Damit ist noch nicht einmal die Lobhudelung auf Joachim Gauck (den Freiheitsapostel) gemeint, auch nicht auf seine „Lichtgestalten" Gorbatschow oder Obama.

 

Nein, schlimm wird es, wenn er hier wie an anderen Stellen zuvor, als Lösung für das Problem katholische Kirche vorschlägt, daß doch besser eine Frau auf dem „Heiligen Stuhl" sitzen sollte. Oh, hat dieser Mann sich nicht wenigstens einmal vor Augen geführt, was Frauen auf Stühlen der politischen Macht (von ökonomischen soll ausnahmsweise nicht die Rede sein) angerichtet haben, was sie anders, also besser, humaner, als Männer getan haben? Nein, sie haben allesamt genau wie Männer aggressive politische Macht zugunsten der ökonomisch Herrschenden ausgeübt, oft sogar noch drastischer als Männer. Wenn wir wir mal Bundes-Deutschland außer Betracht lassen, fallen einem da sofort Namen wie Thatcher oder Clinton ein...

 

Zur Abrundung hat der Autor noch ein „Teufel-Sex-Lexikon" von A bis Z angefügt sowie seine Quellen aufgelistet.

 

Insgesamt hat Thomas Vaszelits leider aber nur eine „weichgespülte Kirchenkritik" vorgelegt, so wie z.B. eine Frau Käßmann für ein „weichgespültes Christentum" steht: wohlfeile Worte so oder so, jeweils nur an Erscheinungen kratzend, dafür aber das Wesen mehr oder weniger absichtsvoll außer Betracht lassen.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Thomas Veszelits: Der Teufel Sex.Über die verdammte Lust und die katholische Unmoral. 286 S. Klappenbroschur. Rotbuch-Verlag. Berlin 2012. 14,99 Euro. ISBN 978-3-86789-168-4

 



 
20.12.2018

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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