Der Oberst Bronstein zeigt im Ständestaat Zivilcourage

WEIMAR. (fgw) Andreas Pittlers Kriminalromane um den Polizei-Oberst David Bronstein spiegeln österreichische Geschichte zwischen 1913 und 1938 wider. Den Hintergrund für die einzelnen Fälle, die der Oberst und sein Assistent Major Cerny aufzuklären haben, bilden daher stets reale politische Ereignisse.


Pittlers Roman über Bronsteins vergessenen Fall führt in die Zeit von März bis Juli 1936. Den Hintergrund bildet hier der sogenannte Sozialistenprozess, der den Höhepunkt der Verfolgung der illegalen Arbeiterbewegung zur Zeit des Austrofaschismus nach den österreichischen Februarkämpfen von 1934 bildete. Vor dem Wiener Landesgericht waren 28 Funktionäre der nach dem 1934 ausgesprochenen Verbot der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei im Untergrund agierenden Revolutionären Sozialisten und zwei kommunistische Parteifunktionäre wegen Hochverrats angeklagt. Zu den Angeklagten gehörte Bruno Kreisky (1911-1990), der später von 1970 bis 1983 als sozialdemokratischer Bundeskanzler in der Wiener Hofburg regieren sollte.

 

Dieser Prozess stieß jedoch im Ausland auf großes Interesse. Nicht zuletzt aufgrund des internationalen Medienechos fielen die Urteile am 24. März daher vergleichsweise milde aus.

 

Doch mit diesem Hochverratsprozess selbst hat der aktuelle Fall nichts zu tun. Bronstein und Cerny werden in ein heruntergekommenes Mietshaus gerufen, wo man einen gewissen Hans Binder tot - erschossen - aufgefunden hat. Binder war einfacher Arbeiter, Funktionär - zeitweise sogar als Lokalpolitiker - der verbotenen Sozialdemokraten und gerade erst aus politischer Haft entlassen worden.

 

Deshalb fällt der Verdacht zunächst auf einen jugendlichen Nazi. Doch dann stellen sich immer mehr Fragen, auf die die beiden Kriminalisten partout keine Antworten finden können. Fragen wirft vor allem die Tatzeit, 5 Uhr in der Früh, auf. Denn seinerzeit war es so, daß nicht alle Mieter über einen Hausschlüssel verfügen durften. War der Täter etwa Mit-Mieter? Aber mit welchem Motiv? Und wenn der Mörder von außen stammte, wie kam denn der ins Haus? Und warum sollte Binder ihn freiwillig zu solch ungewöhnlicher Zeit in seine Wohnung gelassen haben?

 

Vorrangig bleibt bei all diesen Fragen der Ermittlungsansatz, daß dem Mord ein politisches Motiv aus Nazi-Kreisen zugrunde liegen könne. Bronstein schließt jedoch auch andere Motive, wie „ökonomische" oder rein private, nicht mehr aus. Aber Binder war als grundehrlicher Mensch bekannt, dem auch keine Affären nachgesagt werden. Könnte er aber unbewußt Mitwisser von etwas geworden sein, und wurde deshalb vorsorglich als unliebsamer potentieller Zeuge ausgeschaltet?

 

Bronstein und Cerny führen ihre Befragungen nicht nur im Wohnhaus durch, sondern auch in nahen Gaststätten, bei einer politischen Freundin Binders sowie schließlich beim Hausbesitzer und dessen Verwalter. Doch nirgends zeichnet sich ein halbwegs realistischer Lösungsabsatz ab.

 

Aber wen interessieren im damaligen Österreich ein Arbeiterleben und der Mord an einem sozialistischen Funktionär? Und so wird Bronstein vom Polizeipräsidenten persönlich beauftragt, „den Akt abzuschließen" und sich stattdessen ins Landesgericht zu begeben. Dort solle er, wie andere „Exekutivbeamte" (also Polizisten) auch, Publikum im Schauprozess gegen die oben erwähnten Revolutionären Sozialisten simulieren. Nicht zuletzt, um unliebsame Bekundungen aus dem realen Publikum sofort unterbinden zu können.

 

Bronstein war bis dahin ein loyaler Staatsbürger und Beamter - trotz aller Bedenken über die seit einigen Jahren herrschenden politischen Zustände im „Ständestaat" austrofaschistischen Zuschnitts. Was er aber da seitens der Anklagebehörde miterleben muß - abstruse Anklagebehauptungen ohne belegbare Beweise, dazu unglaubwürdige Zeugen aus Polizeikreisen und nicht zuletzt die ganz offene Beugung der Strafprozess-Ordnung - all das erschüttert den letzten Rest seines Vertrauens in den Rechtsstaat. (Bronstein sinniert: „Die Regierung redete um so mehr von Werten, je weniger diese ihr etwas bedeuteten." S. 109) - Leider kennen wir solches Gerede auch im Hier und Heute.)

 

Bronstein sinniert weiter über die Zustände in Österreich und über den Zweck dieses Schauprozesses:

„Jahrhundertelang beruhte die Herrschaft der Mächtigen nur darauf, daß das Volk dumm genug war, sie als gottgegeben zu akzeptieren. All das war in den letzten Jahrzehnten ins Wanken geraten, und daher sehnten sich die Befürworter des Ständestaates in genau die Zeit zurück, wo der Herr Herr und der Knecht Knecht war. Darum ging es in dieser Auseinandersetzung in Wirklichkeit. Nur darum." (S. 176) Und nur darum geht es in jedem Faschismus, egal welcher Couleur, und egal wie er sich demagogisch zu tarnen vermag!

 

Als dann im Gerichtsfoyer eine Arbeiterin von Polizisten - die sich offen als Nazis bekennen - zusammengeschlagen wird, schreitet er ein. Und wird - obwohl deutlich höheren Ranges - als Jude ebenfalls bedroht. Als der Prozess mit den milden Urteilen endet, zeigt Bronstein erneut Zivilcourage. Dem Gerichtspräsidenten gegenüber, dem er sich mit Name und Dienststellung vorstellt.

 

Das hätte er als Beamter aber nicht tun dürfen. Flugs wird er zum Polizeipräsidenten einbestellt und gehörig verdattert. Zumal sich noch herausstellt, daß Bronstein keinesfalls die Ermittlungen in der causa Binder eingestellt hatte, sondern noch auf eigene Faust weiterermittelt. Bronsteins Strafe, eine Kaltstellung, fällt jedoch typisch österreichisch aus: Er muß sich täglich im Büro einfinden, darf sich aber mit nichts beschäftigen... Naja, er darf die Stunden mit Zeitungslektüre und Kaffeegenuß verbringen. Cerny wird ebenfalls bestraft, mit einem sechswöchigen Weiterbildungslehrgang in Salzburg.

 

Letzteres soll sich aber bald als gar nicht so ungünstig erweisen. Denn in Salzburg, wo fast ausschließlich Nazi-nahe Polizisten anwesend sind, wird ganz offen über Politisches gesprochen. Cerny schnappt dabei einen Satz auf, den er alsbald Bronstein mitteilt. Und so folgt Bronstein insgeheim der „Spur des Geldes" und kommt so - teils über kleine Umwege - dem Mörder doch noch auf die Spur. Und dessen Motiv. Ja, es handelte sich beim Mord an Binder um keine politische Tat. Es ging ganz schnöde um großangelegten Betrug und vorgezogene „Arisierungen". Und ausgerechnet Binder stand mit seiner Grundehrlichkeit dieser Person so sehr im Wege, daß der ohne Skrupel zum Mörder wurde. Im Kern also eigentlich doch ein politisches Verbrechen.

 

Bronstein und Cerny können den Täter sogar überführen und vor Gericht bringen, wo der tatsächlich verurteilt wird. Doch die Zeiten sind nicht so, wie sie in diesem Falle noch scheinen... Und so wirft im Epilog der bevorstehende „Anschluß" Österreichs an Hitler-Deutschland (1938) bereits seinen Schatten voraus.

 

Was der bundesdeutsche Leser wissen sollte, seinerzeit rangen in Österreich zwei Fraktionen des Faschismus um die Macht im Staate. Diese hatten nach der Niederschlagung der Arbeiterbewegung zunächst die sich an Mussolini orientierenden Austrofaschisten (Symbol war das sogenannte Krukenkreuz) inne, die Österreich in einen Ständestaat umfunktionierten. Sie bekämpften die sich an Hitler orientierenden „Nationalsozialisten" ebenso wie die Linke. Aber als Mussolini sich auf Hitlers Seite schlug, ließ er die Krukenkreuzler bedenkenlos fallen...

 

Erfreulich ist bei Pittler nicht nur die reiche Verwendung Wiener Dialekte, die der Bundesbürger dank eines umfangreichen Glossars auch verstehen kann. Erfreulich ist daneben, daß der Österreicher Pittler sich nicht der bundesdeutschen Sprachregelung unterwirft und die Dinge beim Namen nennt, so wie sie auch genannt worden sind. Er schreibt nicht von Nationalsozialisten - wie hierzulande - mit Betonung auf Sozialismus, sondern von Nazis, von Faschisten und bezüglich des Austrofaschismus wird dieser durchaus zu recht als „christlicher Faschismus" definiert. Obwohl, die Vokabel katholisch trifft es in diesem Fall noch präziser.

 

Bemerkenswert ist auch eine Erkenntnis, die er Bronstein gewinnen läßt, nachdem dieser in der Straßenbahn einem Gespräch unter Arbeitern lauschen konnte: „Die beiden Arbeiter konnte er gut verstehen. Auch er selbst wäre nie auf die Idee gekommen, diesen verschrobenen Anwalt [gemeint ist der austrofaschistische Bundeskanzler Kurt Schuschnigg; SRK] jemals zu wählen. Aber da er mit dieser Haltung bei weitem nicht alleine dagestanden hatte, hatten die Christlichen die Wahlen ja auch abgeschafft. (...) 'Wennst dich mit Politik beschäftigen willst, dann hättest du nicht Polizist, sondern Pfarrer werden müssen.'" (S. 144-145)

 

Fazit: Auch wenn hier ein Mord, die kriminalistische Arbeit eher nur Nebensache sind, handelt es sich bei Pittlers Roman dennoch um ein mit großer Spannung zu lesendes Buch. Eben weil die Einbettung der Fiktion in die Realität auf meisterliche Art gelungen ist.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Andreas Pittler: Bronstein. Sein vergessener Fall. Roman. 282 S. Klappenbroschur. Gmeiner-Verlag. Meßkirch 2019. 15,00 Euro. ISBN 978-3-8392-2436-6

 



 
24.05.2019

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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