Der Schlüsselsatz: „Denn ein Mörder war auch mal ein Kind.“

WEIMAR. (fgw) Für den Rezensenten, als gebürtigem Mecklenburger, war es von besonderem Reiz das zu besprechende Buch zu erwerben. Denn die Vorderseite ziert ein Foto des Märchenschlosses seiner Kindheit, das des Großherzogs in Schwerin, und im Titel taucht eine Figur auf, die ihm aus Spukgeschichten noch in Erinnerung ist, das Petermännchen.


„Die Rache des Petermännchens", so nennt sich ein Kriminalroman von Marc Kayser, der seinen Anfang im Schweriner Schloßgarten nimmt, des weiteren aber nicht nur in Schwerin handelt, sondern auch in der Hansestadt Wismar und auf der ihr vorgelagerten Insel Poel. Ebenfalls Orte, die dem Rezensenten aus früheren Zeiten in Erinnerung sind.

 

Es ist April und eine Gruppe aus dem Kindergarten „Schloßgeister" (!) nutzt das Frühlingswetter zu einem Ausflug in den Schloßpark. Man spielt Verstecken. Doch das heitere Spiel nimmt ein böses Ende, denn der vierjährige Tarek verschwindet - und das vor den Augen der beiden Erzieherinnen. Diese informieren überraschend früh die Polizei und so wird die Oberkommissarin (ja es gibt eben nicht bloß die in bundesdeutschen Krimis allgegenwärtigen Hauptkommissare) Eva Lindenthal beauftragt, sich des womöglichen Entführungsfalles anzunehmen. Denn Tarek ist der Sohn eines Mecklenburgers und einer Iranerin. Der Vater ist als als Anlageberater einer in unsaubere Geschäfte verwickelten Bank tätig. Könnte das ein Entführungsmotiv sein? Nebenbei stellt sich heraus, daß der Junge an einer schweren Krankheit litt. Doch schon bald wird klar, daß der Junge nicht wegen Lösegeld entführt worden ist. Denn seine Leiche taucht in einem nahen Moorgebiet auf, auf dem Gesicht eine undefinierbare Maske. Die eines Clowns oder so ähnlich.

 

Nahezu zeitgleich verschwindet in Wismar ebenfalls am hellichten Tage der elfjährige Friedrich, Sohn eines Hafenmeisters. Da der Junge Diabetiker ist, läßt die örtliche Polizei - namentlich Oberkommissar (!) Toni Kielmann (!) - keine Zeit verstreichen. Doch erfolglos, bis eher durch Zufall die abgelegte Leiche Friedrichs gefunden wird. Auch Friedrich ist eine schauerliche Maske übergestreift worden, und er ist wie Tarek erwürgt worden.

 

Diese Gemeinsamkeiten, beide Jungen litten an schweren Krankheiten, beide trugen beim Auffinden sonderbare Masken, führen zur Bildung einer ortsübergreifenden Sonderkommission unter Leitung der beiden Oberkommissare. Gleich zwei Kindsmorde - zumal vor der beginnenden Urlaubssaison - das läßt Politik und Polizeiführung Druck auf die Ermittler ausüben. Die verfolgen zunächst viele mögliche Spuren, doch keine scheint plausibel zu sein. Bei einem Besuch von Eva bei Tonis Familie geben dessen Sohn und Tochter aber interessante Hinweise: Bei den Masken könnte es sich um eine japanische Manga-Figur oder um das legendäre Petermännchen oder gar um einen Mix aus beiden handeln. Doch nach wie vor sind keine Motive für die beiden Kindsmorde zu erkennen. Es werden zwar viele Hypothesen aufgestellt, doch keine ist überzeugend.

 

Schließlich wird auch noch Kielmanns Sohn Jan entführt. Allerdings stellt sich die Sache nun anders dar, denn unmittelbar danach gibt es eine Lösegeldforderungen. Die beiden Oberkommissare ermitteln meist getrennt, was den Erkenntnisfortschritt hemmt. Dennoch wird immer offensichtlicher, daß wegen der Masken die Petermännchen-Legende mit der Zahl „drei" eine große Rolle spielt. Aber welche? Schließlich weisen alle Spuren und Befragungen auf Ereignisse in die Vergangenheit zurück, denn die Väter der drei Opfer waren einmal Schulfreunde. Die an ihrer Schule eine üble Gang waren und dort insbesondere einen bestimmt Mitschüler gemobbt haben...

 

Etwa zur Hälfte des Romans dürfte der aufmerksame Leser, im Gegensatz zu den nach wie vor im Dunkeln tappenden Oberkommissaren, erkannt haben, welches das Motiv (also Rache und wofür) des bis dato selbst namentlich noch gar nicht eingeführten Täters ist. Erst mit Jans Entführung kommt dieser als handelnde Person ins Spiel, das sich nun rasant und dramatisch steigert. Erst auf der Insel Poel, dann in einem Moor bei Schwerin...

 

Dieser Krimi, der das Tabuthema Kindsmord - ja Serienmorde an Kindern, aufgreift, tut dies nicht sensationsgeil und effekthascherisch, sondern auf einfühlsame Weise. Eltern, Verwandte, Zeugen und auch Ermittler sind nicht bloß Figuren auf einem Spielfeld, sondern realistisch gezeichnete Charaktere mit Ecken und mit Kanten. Hierzu paßt vor allem ein überaus bemerkenswerter Satz, den Evas Freund Paul sagt: „Denn ein Mörder war auch mal ein Kind." (S. 43) Und mit diesem ist eigentlich der wichtigste Hinweis gegeben worden - in einer scheinbar unwichtigen Nebenhandlung. Übrigens, zwei Nebenhandlungen könnten sogar noch Stoff für ganz andere Bücher geben: Das Liebesleben, die erotischen Phantasien der Eva Lindenthal und mehr noch die Pubertät und die keimende, suchende Sexualität des Jungen Jan.

 

Marc Kayser ist - mit kleinen Einschränkungen - ein guter, weil emotional unter die Haut gehender und zugleich sachlich bleibender, Kriminalroman gelungen. Dieser lebt nicht nur sehr von seiner flotten Schreibe und den authentischen Figurenzeichnungen, sondern nicht minder von dezenten Hintergrundinformationen über die Arbeit von Ermittlern, der Spurensicherung oder der Rechtsmedizin. Allerdings kommt leider auch zu oft zum Ausdruck, daß Kayser ein sich selbst überschätzender Autor ist, was u.a. zu etlichen Unstimmigkeiten und Schludereien geführt hat. Das schließt unzählige und vor allem unnötige Amerikanismen ein. Unnötig und überflüssig ist außerdem, daß Kayser in diesem Buch seinem ganz persönlichen DDR-Haß hier „Zucker geben" mußte.

 

Abgesehen von diesen minimalen Einschränkungen ist dieser Krimi jedoch wirklich lesens- und empfehlenswert.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Marc Kayser: Die Rache des Petermännchens. Ein SCHWERIN-Krimi. 200 S. Paperback. Verlag Bild und Heimat. Berlin 2017. 9,99 Euro. ISBN 978-3-95958-087-8

 



 
13.07.2017

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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