Der Teufelsfürst ist zum Schluß aber noch lange nicht am Ende

WEIMAR. (fgw) Der Titel des letzten Bandes von Silvia Stolzenburgs Vlad Draculea-Trilogie, „Das Ende des Teufelsfürsten“, ist irreführend. Denn diese reale Persönlichkeit sollte die fiktive Handlung, Frühjahr 1463, um ein Dutzend Jahre überleben und sogar noch ein weiteres Mal auf den Thron der Walachei zurückkehren. Aber vielleicht ist der Titel ja selbstgesteckte „gelbe Karte“ für die Autorin, damit aus dem Stoff nicht womöglich eine Tetralogie erwächst...


Wie von Silvia Stolzenburg zu erfahren war, hatte sie den nun vorliegenden dritten Band aber gar nicht geplant, sondern ihn erst auf Drängen des Verlages geschrieben.

 

Erinnern wir uns, der zweite Band endete mit einem Blutbad: Vlad will seine Geliebte Zehra nach Jahren endlich offiziell ehelichen. Doch am Abend vor der Hochzeit wird die hochschwangere Frau ermordet. Das versetzt den Fürsten erneut in Raserei und er läßt den alten Bojaren-Adel massenhaft durch Pfählung ermorden. Die Hinrichtungswelle erstreckt sich mitleidslos auch auf deren Frauen und Kinder. Carol, der illegitime Sohn Vlads mit Zehra, war schon lange auf Distanz zu seinem Vater gegangen. Als der mit den Massenhinrichtungen beginnt, wird der Haß auf den Vater immer größer und er flieht zu seinem Onkel Radu, der dem Türken-Sultan dient. Dazu trug bei, daß Carol sich am Hofe seines Vaters mit der Tochter eines Bojaren, Floarea, angefreundet hatte, woraus eine heimliche Jugendliebe erwuchs. Zu Vlads Opfern zählte auch deren Familie...

 

Der dritte Band spielt einige Zeit danach, im Frühjahr 1463: Vlad ist wegen der Übermacht der Türken seines Thrones verlustig gegangen und befindet sich in Ungarn. Nicht als freier Mann, sondern als Gefangener des dortigen Königs Matthias Corvinus. Carol ist jetzt 15 Jahre alt und sinnt auf Rache. Sein Vater soll für all das Leid seiner Mutter, aber auch für das Schicksal Floareas büßen. Deshalb flieht er vom Hofe des Türken-Sultans und begibt sich auf den Weg nach Buda, der Residenz des Ungarn-Königs. Zumal alle Nachforschungen seine Hoffnungen zunichte gemacht haben, daß das Mädchen möglicherweise doch die Massenhinrichtungen überlebt haben könnte. Die Reise ist jedoch nicht ungefährlich: So wird er einerseits von den Häschern des Sultans verfolgt und er fällt andererseits in die Hände einer Räuberbande. Doch trotz aller Gefahren und Wirren überlebt er und trifft unter Aufsicht des Räuberhauptmanns Janos in Buda ein.

 

Floarea hat - wider Erwarten - durch einen glücklichen Umstand das Massaker auf der heimischen Burg überlebt, dies aber schwer verletzt. Und sie hatte es geschafft, nach Buda zu kommen, wo sie bei einer Tante Aufnahme fand. Die Bojarentochte Floarea, jetzt 14 Jahre alt, soll dem Wunsche ihrer Tante entsprechend, als Hofdame ins Gefolge der Königin Katharina eintreten. Obwohl sie keinerlei höfische Kenntnisse mitbringt, gewinnt das Mädchen aber die Gunst der Königin: Sie kann lesen und schreiben und wird daher mit der Aufgabe einer Vorleserin betraut. Doch wie groß ist Floareas Erschrecken, als sie dort plötzlich dem Mörder ihres Vaters gegenübersteht. Nun hat sie nur noch den einen Wunsch, Vlad zu töten. Doch aber wie?

 

Am ungarischen Königshof hält sich zu dieser Zeit Galeotto Marzio (eine historisch verbürgte Person) auf, der als Humanist, Arzt und Astronom gilt. Floarea sucht seine Nähe, indem sie vorgibt, sich für Heilkräuter zu interessieren. Dem Mann gefällt das Mädchen, das gar nicht so oberflächlich ist wie all die anderen Hofdamen. Floarea lernt schnell und schafft nebenbei einen ganzen Vorrat an giftigen Kräutern beiseite. Doch wie kann sie den giftigen Trank verabreichen? Da kommt ihr ein Umstand zugute: Vlad ist seit Jahren formal mit des Königs Cousine Ilona verlobt. Und die hat sich romantisch-naiv in Vlad als heldenhaften Ritter verliebt. Doch der 32jährige beachtet zunächst das junge Ding (sie ist gerade 17) nicht weiter. Also bittet Ilona Floarea um einen Liebestrank... Das ist die Gelegenheit. Doch der Anschlag mißlingt, die Aufregung am Hofe ist groß. Vlad vermutet feindliche Bojaren und Patrizier als Urheber, nicht aber ein junges Mädchen, das er gar nicht wiedererkannt hat. Dafür fällt nun Floareas Tante nach einer Beichte bei einem verräterischen Priester in Vlads Hände.

 

Unterdes war aber auch ein Wunder geschehen: Carol und Floarea waren aufeinander getroffen. Während er sie sofort erkennt, kann sie nicht glauben, daß Carol das Wüten seines Vaters überlebt hat. Aber es dauert nicht lange, da wird alles offenbar und sie gestehen sich gegenseitig ihre Rachepläne. Doch zuvor muß die Tante gefunden und befreit werden. Dabei kommt es zu einem Zweikampf zwischen Vater und Sohn. Carol bringt es jedoch nicht fertig, seinen Vater zu töten. Also bleibt den beiden jungen Leuten mitsamt Tante nur noch die Flucht. Aber wohin bloß? In Ungarn können sie nicht bleiben, in die Walachei zurück erst recht nicht. Überall droht ihnen die Todesstrafe. Und die Häscher sind ihnen bald auf den Fersen...

 

Mehr soll zum Geschehen und den Handlungssträngen nebst einigen Verwicklungen nicht gesagt werden.

 

Was an diesem Buch aus Silvia Stolzenburgs Feder am meisten besticht, ist weniger die spannende Geschichte mit den fesselnden Schicksalen der Protagonisten. Nein, es sind die vielen Details, die die Verhältnisse der damaligen Zeit plastisch lebendig werden lassen. Und es sind die Figurenzeichnungen, die Charaktere, sowohl der historisch verbürgten als auch der fiktiven Personen.

 

Wie bereits gesagt, sind Vlad 32, seine Verlobte Ilona 17 Jahre alt; Floarea und Carol 14 bzw. 15 Jahre jung. Die Königin Katharina zählt sogar erst 14 Jahre. Solche Allianzen waren seinerzeit im Hochadel üblich. Die Königin sollte aber bereits im Jahr darauf bei der Geburt ihres ersten Kindes sterben.

 

Interessant und aufschlußreich sind die Mitteilungen über das damalige medizinische Wissen. Wobei man von Wissen eher weniger reden kann. Vieles ist lediglich Quacksalberei und Aberglauben, um es auf den Punkt zu bringen. Beispiele hierfür liefern die Rezepturen für einen Liebestrank oder für den Fruchtbarkeitstest bei Mann und Frau. Auch ist Marzio eher Astrologe als Astronom. Angedeutet werden ebenfalls politische Schachzüge, wie Heiratspolitik und Religionswechsel.

 

Nun zu den Charakteren. Alle Figuren werden nicht eindimensional gezeichnet, sondern differenziert, „mit Ecken und Kanten". Vlad ist nicht nur der brutale „Pfähler", sondern er kann auch ganz der zärtliche Liebhaber sein. Die erotischen Szenen mit Vlad und Ilona sprechen dafür. Aber das Hochgefühl kann sofort umschlagen, als er nur wenig später seine Ilona brutal auspeitscht. Ilona ist eine zeitlose 17jährige („Mit 17 hat man noch Träume, da wachsen noch alle Bäume in den Himmel der Liebe hinein", wie es in einem schon etwas älteren Schlager heißt). Sie himmelt ganz naiv einerseits Vlad an und kann es nicht glauben, daß er ein brutaler Massenmörder sein soll. Und andererseits erträgt sie masochistisch und hörig seine sadistische Bestrafung.

 

Gut gezeichnet ist ferner die Figur des Räuberhauptmannes Janos, der irgendwann einmal gegenüber Carol seine Lebensgeschichte offenbart: Es sind die Zwangsarbeiterverhältnisse schon für Kinder, die Menschen wie ihn in die Wälder und zu den Räubern fliehen ließen. Auch der verfressene, intrigante und heuchlerisch-verräterische katholische Priester wird mehrfach trefflich charakterisiert, so wenn Silvia Stolzenburg z.B. dies schreibt: „Der Priester lachte und klopfte sich auf den fetten Bauch. 'Anders als meine Glaubensbrüder bin ich nicht der Ansicht, daß der Verzicht einem dem Barmherzigen näher bringt.' Vlad verstand..." (S. 126)

 

Bemerkenswert noch dies: Das Buch, aus dem sich die ungarische Königin vorlesen läßt, das sind die „Märchen aus Tausendundeiner Nacht". Und das zu einer Zeit, in der die Türken schier unaufhaltsam in Südosteuropa auf dem Vormarsch sind und der Papst zum Kreuzzug gegen die Ungläubigen aufgerufen hat...

 

Silvia Stolzenburg bestätigt mit diesem Fortsetzungsband, daß man sie mit Fug und Recht eine „Königin des historischen Romans" nennen darf. Nicht wegen spannender, exotischer Abenteuer an sich und ihrem Erzähltalent. Nein, vor allem deshalb, weil sie es hervorragend versteht, durch glaubhafte Verknüpfungen von Fiktion und Realität sowie durch akribische Recherchen Geschichte mit-erlebbar zu machen. In diesem konkreten Fall wird so die vampirige Dracula-Mär vom Kopf auf die Füße gestellt.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Silvia Stolzenburg: Das Ende des Teufelsfürsten. Roman. 314 S.geb.m.Schutzumschl. Edition Aglaia im Bookspot-Verlag. München 2016. 16,95 Euro. ISBN 978-3-95669-065-5

 



 
15.01.2017

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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