Die Geschichte von Quasimodo wird neu und anders erzählt

WEIMAR. (fgw) Wohl den meisten Deutschen ist die Pariser Kirche „Notre Dame“ (und deren fiktiver Glöckner Quasimodo) ein Begriff. Sei es durch Victor Hugos Roman (1831 erschienen) oder durch etliche Verfilmungen, so insbesondere die mit Anthony Quinn aus dem Jahre 1956 oder eine neuere aus den Walt-Disney-Studios. Oder zumindest durch die Nachrichten vom April 2019, als die Medien groß über die dortige Brandkatastrophe berichteten.


Beides - der Roman insbesondere, aber auch der Brand - dürfte die Wienerin Karoline Toso veranlaßt haben, sich heuer ebenfalls mit dem Thema literarisch auseinanderzusetzen. Und so ist bereits Ende 2019 ihr Roman „Esmeraldas Blick" erschienen. Wie es vom Verlag heißt, als erster Band einer geplanten Trilogie.

 

Das ist ein wichtiger Hinweis: Während im Original das Schicksal der Protagonisten „Don Frollo", „Esmeralda" und „Quasimodo" ja schon nach kurzer Zeit besiegelt ist, läßt Frau Toso deren Entwicklung anders verlaufen. Allerdings tut sie das mit einem Kunstgriff - mit und innerhalb einer Rahmenerzählung im Hier und Heute: Es ist deren Protagonist Albert Alden, ein Wiener Romanistik-Dozent, der sich angesichts des Brandes, intensiv mit Hugos Roman auseinandersetzt. Dabei hinterfragt er vieles des von Hugo erzählten, indem er sich eines anderen Blickwinkels bedient. Aus ersten Notizen wird bald eine neue, eine eigene Erzählung. Die Geschichte gerät unvermittelt nicht nur neu, sondern tatsächlich gänzlich anders. Darin bekommen die bekannten Figuren nicht bloß andere Charakterzüge, sondern sogar gänzlich andere Lebensläufe - entwickeln sie schließlich ein Eigenleben. Ja, was wäre wenn... Ja, wenn es eben doch andere Handlungs-Optionen, sogar Alternativen, gegeben haben könnte.

 

Zur Handlung soll hier nichts weiter gesagt werden, außer: Während Dom Frollo bei Victor Hugo ein fanatischer Priester/Hexenjäger und Alchimist ist, stellt Karoline Toso ihn konträr da. Äußerlich ist Dom Frollo dieses zwar, doch in seinem Innern weicht er immer mehr vom Glauben ab, zweifelt an Inquisition, Kirche und sogar dem Christentum selbst. Denn das barbarische Agieren der Inquisition einerseits und seine Studien der Natur andererseits lassen ihn im Laufe der Jahre an allen religiösen Dogmen zweifeln. Und schließlich entzieht er sich - gekonnt - sogar seinen Pflichten bei Verhören. Auch andere Charaktere zweifeln an Kirche und Christentum, was für diese Zeit - das letzte Viertel des 15. Jahrhunderts - durchaus bemerkenswert ist. Bemerkenswert ist ferner, das solches ausgerechnet eine Religionspädagogin zu Papier bringt. Religionspädagogin - das ist Frau Toso im Hauptberuf.

 

Auch bei diesem historischen Roman stellt sich die Frage nach der Authentizität. In dieser Hinsicht äußern manche Leser gerade in Online-Foren unrealistische Forderungen. Zu antworten ist aus Sicht des Rezensenten: Unrealistisch, weil sich in mehreren hundert Jahren sowohl die Sprache (Begriffe etc.) als auch Umgangsformen sehr stark verändert haben. Und der heutige Leser soll ja verstehend lesen.

 

Bei aller literarischen Freiheit sollten historische Romane dennoch „stimmig" gestaltet sein. Und daran mangelt es hier leider. Das hätte ein sorgsameres Lektorat aber durchaus ausbügeln können, müssen. Wobei die Autorin, ebenso wie ihr alter ego (also Albert Alden), einige Fehler hätten vermeiden können.

 

Hierauf soll im weiteren mehr als auf den Inhalt selbst näher eingegangen werden. Da bemerkt eine Figur, daß eine andere „rot wie eine Tomate" wird. Nur, Tomaten waren seinerzeit in Europa noch unbekannt. Ein anderer Vergleich wäre stimmiger gewesen. Schlimmer ist da schon, daß der Priester seinen König mit „Eure Majestät" anredet. Denn die Anrede französischer Monarchen war grundsätzlich „Sire". Schlimm ebenfalls, wenn von „Freidenkern" und „frei denken" die Rede ist. Diese Begriffe kamen jedoch erst 200 Jahre später auf. Korrekter, ja stimmig, und auch damals wie heute verständlich wäre hier der Begriff „Ketzer". Ketzerisches Denken, ketzterische Bewegungen, gibt es übrigens seit der Kirchwerdung des Christentums.

 

Ganz schlimm aber wird es, wenn Dom Frollo in einem kleinen bretonischen Dorf sich Bücher, Papier und Schreibzeug kauft. Das ist nun wirklich in höchstem Grade ahistorisch. Seinerzeit dürfte solches selbst in Paris nicht so einfach zu kaufen gewesen sein.

 

Abgesehen von diesen unstimmigen Details ist der Roman dennoch gut geschrieben und schon nach wenigen Seiten wird man neugierig, wie sich denn die Geschichte - anders erzählt - entwickeln könnte. Lobenswert ist nicht zuletzt die Idee, eine solche Neuerzählung in eine heutige Rahmenhandlung einzubinden. Und selbst diese hat ihren eigenen Reiz. Was aber dennoch etwas zu stark durchscheint, das ist die doch zu starke Betonung von „Herz-Schmerz". Naja, ein „Frauenroman" eben, könnte man meinen. Ist er aber eigentlich nicht.

 

Positiv hervorzuheben sind ein ausführliches Personenverzeichnis, welches reale historische Personen, die Figuren aus Hugos Roman und die von Frau Toso erfundenen umfaßt, sowie der Anhang mit Begriffserläuterungen.

 

Das Ende des ersten Bandes hat keinen Schlußstrich; etliche Fragen bleiben unbeantwortet. So daß der geneigte Leser neugierig gemacht wird auf Fortsetzungen, die dann kaum noch etwas mit Hugos Version gemein haben dürften.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Karoline Toso: Esmeraldas Blick. Roman. 400 S. Klappenbroschur. Edition Aglaia im Bookspot-Verlag. Planegg 2019. 14,80 Euro. ISGN 978-3-95669135-5

 

 



 
29.01.2020

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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