Die „junge Welt“ über den kirchlichen Sündenfall in der BRD

WEIMAR. (fgw) Vor 60 Jahren hat der Deutsche Bundestag ein Gesetz über die Betreuung der Soldaten der Bundeswehr durch protestantische Geistliche angenommen. Damit war die deutsche evangelische Nachkriegs-Militärseelsorge „geboren“ und wurde alsbald durch die der katholischen Kirche vervollständigt. Mit diesem Thema hat sich 26. Juli der Kirchenhistoriker Christian Stappenbeck in einem längeren Artikel in der Tageszeitung „junge Welt“ auseinandergesetzt.


Stappenbecks erhellender Artikel sollte übrigens besondere Aufmerksamkeit in der Partei Die LINKE (PDL) und beim Humanistischen Verband Deutschlands (HVD) finden. Warum? Weil die tonangebenden Apparatschiks der PDL auf ihrem kürzlichen Wahlparteitag einen bereits beschlossenen Antrag zur realen Trennung von Staat und Kirche, wie verfassungsmäßig seit 1919 geboten, mit Tricks und Demagogie wieder rückgängig machen ließen. Und weil die etablierten Funktionäre des Berlin-Brandenburger HVD-Landesverbandes mit aller Macht um die Etablierung einer weiteren Militärseelsorge, nämlich ihre eigene, kämpfen.

 

Und der normale Bürger, das normale Partei- bzw. Verbandsmitglied wissen zumeist gar nicht, worum es sich bei der sogenannten Militärseelsorge handelt. Daher hat Stappenbeck in seinem Themen-Artikel relativ weit ausgeholt und hier soll deshalb auch daraus etwas ausführlicher zitiert werden.

 

Stappenbeck schreibt u.a.:

 

...hier residiert das Katholische Militärbischofsamt, eine »dem Bundesministerium für Verteidigung nachgeordnete Bundesoberbehörde«, wie es amtlich heißt. (...) Die Dienststelle der protestantischen Militärseelsorge am Bahnhof Zoo, ebenfalls eine Bundesoberbehörde, kommt dagegen vergleichsweise schmucklos daher. (...) Sie existiert seit sechs Jahrzehnten. Am 26. Juli 1957 ratifizierte und verabschiedete der Bonner Bundestag das Gesetz zu einem Vertrag über die evangelische Bundeswehr-Seelsorge. Das war der erste Staatsvertrag zwischen der - damals noch und heute wieder gesamtdeutschen - Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und der Bundesrepublik. Für politisch wache Zeitgenossen hatte die amtliche Kirche damit eine rote Linie überschritten. Das blieb nicht ohne Langzeitfolgen.

 

Unterzeichnet hatten den Vertrag nach langen und geheim geführten Verhandlungen der westdeutsche Kanzler Adenauer und der Ratsvorsitzende der EKD, der Berlin-Brandenburger Bischof Otto Dibelius, bereits im Februar. Das offizielle Foto zeigt hinter den Unterzeichnern stehend: den Hitlergeneral Adolf Heusinger und den Kommentator der NS-Rassegesetze Hans Globke, beide eine Traditionslinie verkörpernd. Globke, wir erinnern uns, hatte 1938 dafür gesorgt, dass Juden zu Erkennungszwecken den Vornamen Israel oder Sara führen mussten. Dass die Bundeswehr direkter Nachfolger der Wehrmacht sein würde, war von Beginn an klar; sie war gleichzeitig Rechtsnachfolger, Kaderbecken und Geisteskind der alten Armee. (...)

 

Der paraphierte Vertrag, der keine Kündigungsklausel [alle Hervorhebung(en) im Text durch SRK] enthielt, brauchte eine Synodenbestätigung und musste gegen erhebliche Widerstände innerhalb der Kirche durchgesetzt werden. Er war nämlich faktisch, und die Beteiligten wussten das, ein kirchliches Gütesiegel. Eine Anerkennung der Adenauerschen Politik der »Wiederbewaffnung« und der NATO-Integration. (...)

 

Auf der beschließenden EKD-Synode 1957 missbilligten sie [die pazifistische gesinnten Widersacher; SRK] , dass der Militärgeneraldekan und sein Amt direkt dem atomwaffenfreudigen Verteidigungsminister Franz Josef Strauß untergeordnet werde und dass die Geistlichen Bundesbeamte seien. Sie meinten, nicht Militär-, sondern Zivilpfarrer der Ortsgemeinden wären die richtigen Seelsorger. (...)

 

Wie verhielten sich die Abgeordneten des Bundestags? Für den Staatshaushalt bedeutete der Vertrag immerhin eine millionenschwere Mehrbelastung an Personal- und Sachkosten. Das Parlament kümmerte das nicht. Das Gesetz passierte alle drei Lesungen ohne jede Wortmeldung, was den Verdacht gewisser Absprachen aufkommen ließ. Es war die Zeit des Kalten Krieges.

 

Aus der Sicht der Militärs ist das markante Zitat eines Führungsoffiziers des Nordatlantikpaktes überliefert. General Alfred Gruenther äußerte sinngemäß: Die Streitkräfte der NATO brauchten einen moralischen Kitt, und dieser Kitt müsse das Christentum sein. Ob der Satz nun so oder ähnlich gefallen ist, er beschreibt genau die Bedeutung einer Sache namens Militärseelsorge. Denn Militärpfarrer hatten und haben von jeher ihre Funktion bei der moralischen Zurüstung des Heeres. Der Soldat »mit getröstetem Gewissen«, so meinte man, sei der bessere Soldat.

 

Diese Aufgabe hatte die Seelsorge in der Wehrmacht, dem Bundeswehr-Vorgänger, »gewissenhaft« erfüllt. (...) Genau zehn Tage vor dem deutschen Überfall auf Polen bekräftigte ein »Merkblatt über Feldseelsorge«, dass die seelische Stärke eines Heeres entscheidend sei, denn sie ziehe »ihre Kraft in erster Linie aus einem festen Glauben. Die Feldseelsorge ist daher ein wichtiges Mittel zur Stärkung der Schlagkraft des Heeres«.

 

Auf die bewährte Quelle für seelische Kraft und soldatische Leistung wollte denn auch das sogenannte Zentrum innere Führung der Bundeswehr in Koblenz nicht verzichten. Ganz unverblümt stellte sie die religiöse Seelsorge als Teil der psychologischen Taktik und Konsolidierung dar. (...) Die Soldaten-Seelsorge nahm also ihren Gang, folgendermaßen:

 

Neben Gottesdienst und Kasualien (Beerdigungen etc.), Rüstzeiten und Einkehrtagen galt und gilt der Lebenskundeunterricht als eine wesentliche Aufgabe der Pfarrer in der Bundeswehr. Sie erteilen ihn getrennt für Soldaten, für Unteroffiziere und für Offiziere, von Rechts wegen unabhängig; er ist aber Bestandteil des Ausbildungsprogramms und natürlich der Dienstzeit. Eine Abmeldung von der Teilnahme ist möglich, jedoch erschwert. Die Lehrstunden sind ausdrücklich kein Religionsunterricht, vielmehr eine lebenspraktische Unterweisung, die gerade in der schwierigen »Einsatzsituation« den Soldaten stärken soll. Soweit die Beschreibung.

 

Nach dem unerfreulichen Kasernendrill bedeutete die vergleichsweise lockere Lehrstunde sicher eine Erholung. Dies war aber nicht ohne Hintersinn. Die Dienstvorschrift von 1959 (ZDv 66/2) regelte, dass der Unterricht dem Soldaten Hilfe für sein tägliches Leben zu geben und damit die Förderung der sittlichen, geistigen und seelischen Kräfte zu leisten habe. Man kann getrost davon ausgehen, dass die seelisch-sittliche Kräftigung gegen den gottlosen Gegner im Osten nicht minder stark als vor 1945 im Blick gewesen ist.

 

Für die weiterhin vertrauensvolle Zusammenarbeit von Kirche und Militär gab es jüngst im Mai ein Zeichen an zentraler Stelle. Am zweiten Tag des großen evangelischen Kirchentages fand in der überfüllten Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, gesichert von Militärpolizei, eine gottesdienstliche Veranstaltung statt, und die Predigt hielt im Dialog mit dem Militärbischof: Ministerin Ursula von der Leyen. Kirche und Staat im Verbund bei einem polizeigeschützten Gottesdienst! (...) Bundeswehr!«.

 

Es ist nicht selten, dass Verfassungsrecht und Verfassungswirklichkeit auseinanderklaffen. Was im Streit um die Militärseelsorge der Bundeswehr von Anfang an kaum eine Rolle spielte, war ein verfassungsrechtliches Bedenken. Die vorige Weimarer Verfassung hatte nämlich - und dies galt und gilt im Grundgesetz weiter - lediglich die Zulassung der Seelsorge an Soldaten gefordert. Nicht aber die staatliche Einrichtung einer quasi Militärgemeinde. Etwas Derartiges kann mit dem Gebot der Trennung von Staat und Kirche nicht vereinbar sein. Grundlegend ist von Rechts wegen bis heute der Verfassungssatz: Soweit im Heer und öffentlichen Anstalten das Bedürfnis nach Gottesdienst besteht, sind die Religionsgesellschaften »zur Vornahme religiöser Handlungen zuzulassen, wobei jeder Zwang fernzuhalten ist« (Artikel 141, Weimarer Verfassung). Wohlgemerkt: »zuzulassen«; nicht aber zu veranstalten und zu bezahlen.

 

Zulassung der Soldatenseelsorge bedeutet, so formulierte vor Zeiten schon der Staatsrechtler Erwin Fischer, »dass die Aufgabe des Staates sich darauf beschränken muss, auf ihm zustehende Rechte (befehlsmäßiger Unterbindung) zu verzichten und sich der ungestörten Religionsausübung nicht in den Weg zu stellen«. Das Besolden von Militärpfarrern ist etwas anderes. »Wenn daher der Staat (...) den organisatorischen Aufbau der Militärseelsorge auf Staatskosten übernommen hat«, so resümierte Fischer, »so ist dies verfassungswidrig.« (...)

 

Es ist allerdings kein Fall bekanntgeworden, in dem ein Militärpfarrer seinem Gemeindeglied das Gewissen schärfte gegen völkerrechtswidrige Angriffskriege. Die biblische Maxime »Schwerter zu Pflugscharen«, oft genug gegen die DDR bemüht, hat beim Predigen und Lebensunterricht doch stets gefehlt, so wagen wir zu behaupten.

 

Eine weitere Tatsache kommt hinzu: Neben dem Bischof arbeitet das »Evangelische Kirchenamt für die Bundeswehr« mit einem Handlungsbereich Seelsorge. Dieses Amt ist, analog zum katholischen Pendant, verantwortlich für die gesamte organisatorische Arbeit, geleitet von dem erwähnten Militärgeneraldekan, der wiederum direkt dem Minister bzw. der Ministerin unterstellt ist. Und dies ist der ausführende, der exekutive Apparat, er regelt den Einsatz, den Ablauf der Arbeit. Wer den Apparat in der Hand hält, hat meist das Heft in der Hand.

 

Und wie war es im Osten mit der Nationalen Volksarmee (NVA) als dem Gegenpart zur Bundeswehr? Eines ist klar: Das Christentum als moralischen Kitt wollten die Verantwortlichen der DDR durchaus nicht, und das war gut so für die Kirche und ihre Verkündigungsfreiheit. Also keine Militärkirche, keine beamteten Seelsorger, kein Militärbischof. Trennung von Kirche und Staat.

 

Für die evangelischen, katholischen oder freikirchlichen Soldaten in der NVA blieb (nur) die Möglichkeit, bei der Heimatkirche oder der Standortgemeinde den Gottesdienst zu besuchen und Seelsorge wahrzunehmen. Was die Politoffiziere und Vorgesetzten nolens volens, sicher ungern und manchmal quertreibend, geschehen zu lassen hatten...

 

 

Anmerkung des Freigeistes: Auch heute gibt es noch Pfarrer beider Konfessionen, die eine solche „Militärseelsorge" ablehnen und deren Abschaffung fordern. Wozu sich leider PDL und HVD nicht aufraffen können. Man möchte ja, wenn auch nur am Katzentisch hockend geduldet, dazu gehören.

 

 

(SRK)

 

 

 



 
26.07.2017

Von: Christian Stappenbeck / SRK
 
 
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