Die Schatten- und Kehrseiten der „Goldenen Zwanziger“ in Berlin

WEIMAR. (fgw) Zwei Jahre nach „Der weiße Affe“, Kerstin Ehmers erstem Kriminalroman, ist nun im Bielefelder Pendragon-Verlag dessen Fortsetzung, „Die schwarze Fee“, erschienen. Damit ist das zugleich der zweite Fall für ihren Protagonisten, den Kommissar auf Probe Ariel Spiro.


Kerstin Ehmer zeichnet auch in diesem erneut bemerkenswerten Krimi ein ansprechend/anschauliches Panoptikum der deutschen Metropole in den sogenannten „Goldenern Zwanzigern", also in der Mitte der 1920er Jahre. Die verheerende Inflation ist vorüber, das Geld wieder etwas wert. Und Berlin schickt sich an, Weltstadt zu werden/zu sein. Mit allen Glanzlichtern, aber mit noch mehr Schattenseiten.

 

Spielte der erste Roman noch überwiegend im bourgeoisen Milieu, so wendet sich die Autorin nun den Schatten- und Kehrseiten der sogenannten „Goldenen Zwanzigern" zu. Und so kommt auch die aufstrebende NSDAP, die faschistische deutsche Partei unter Führung Hitlers mit ins Bild. Noch aber dominieren in Berlin die SPD und die diversen bürgerlichen Parteien. Leider vermißt der historisch gebildete Leser hier Aussagen zur in Berlin ebenfalls starken KPD...

 

An einem heißen mitsommerlichen Sonntag wird Kommissar Spiro zu einem Müggelsee-Ausflugsdampfer gerufen. Dort hat man einen Toten aufgefunden. Ohne äußerliche Zeichen für eine Gewalttat. Wenige Tage später wird in ähnlicher Weise ein zweiter Toter auf dem Oberdeck eines Stadtbusses aufgefunden. Beide Männer können nicht identifiziert werden, es gibt auch keinerlei zu ihnen passende Vermißtenmeldungen. Die Kriminalisten stehen vor einem Rätsel, abgesehen von den Todesursachen. In beiden Fällen handelt es sich um Giftmord. Bald gibt es einen weiteren Todesfall: Eine aus Rußland stammende Ballerina hat sich in ihrer Wohnung erhängt. Für Spiro verdichten sich nun die Hinweise, die auf russische Emigrantenkreise zeigen könnten...

 

Zuvor aber erlebt der Leser mit, wie Anton auf einem verlassenen Industriegelände von Russen überwältigt wird, die ihn des Verrates verdächtigen. Anton wird hier als Anarchist vorgestellt, der sich aus dem familiären sozialdemokratischen Milieu entfernt hat. Anton wird schwer mißhandelt und alleingelassen... Der Weddinger Prolet Anton ist seit einiger Zeit mit Nike liiert. Nike ist die Tochter eines jüdischen Bankiers, der erst vor kurzem ermordet worden ist (siehe „Der weiße Affe"). Nike und Spiro hätten ein Paar werden können, es kam aber anders. Nike wacht aus ihrer großbürgerlichen Bequemlichkeit auf und betreibt nun ihr Medizinstudium intensiv. Während eines Praktikums traf sie auf Anton. Der führte sie als medizinische Hilfskraft in das wirkliche Leben der Masse der Berliner ein, also in die überbelegten und unhygienischen Hinterhofviertel. Nebenbei keimte zwischen den beiden so verschiedenen jungen Menschen Liebe. Als Anton spurlos verschwunden war, machte sie sich auf die Suche. Erst als diese erfolglos bleibt, wendet sie sich hilfesuchend auch an Spiro.

 

Und dann ist da noch der Kommissar Hartmuth Bludau von der „Sitte". Bei einem Restaurantfrühstück begegnet er Apollinaria Zwetkowa, die auf der Straße bedrängt wurde, und hilft ihr. Bludau verliebt sich auf den ersten Blick in diese Frau, die als Lehrerin einer russischen Schule tätig ist. Diese aber hält ihn auf Distanz. Der Leser erfährt derweil, daß sie mit einem Schwerkranken zusammenlebt.

 

Ab jetzt verbinden sich diese einzelnen Handlungsstränge, ohne daß die jeweiligen Akteure davon wissen, daß alles und alle irgendwie zusammenhängen. Man läuft sich immer wieder über den Weg, mißtraut einander, ist dann aber wieder blind gegenüber der Realität. Derweil trifft Spiro noch auf Ana, eine androgyne exaltierte Künstlerin. Im Gegensatz zu Bludaus Annäherungsversuchen bei Apollinaria entwickelt sich zwischen Spiro und Ana eine Affäre.

 

Schließlich sind da noch Antons Mutter Hedwig und ihr zweiter Mann, Antons Stiefvater. Beide wissen nichts von Antons Anschluß an die Anarchisten. Sie vermuten vielmehr, daß Anton einem Anschlag der Nazis zum Opfer gefallen sei... Und dann sind da noch der minderjährige Arbeiterjunge Fred und dessen Clique. Fred wird im Verlauf des Geschehens wichtige Hinweise zu Antons Verschwinden geben können. Er war zwar kein Zeuge, doch einige seiner eher zufälligen Beobachtungen bringen Spiro auf die richtige Spur. Dennoch bleibt es dramatisch, gibt es einen weiteren Giftmordanschlag, gerät selbst Spiro ins Visier...

 

Nicht alles wird auserzählt, dem aufmerksamen Leser fallen so doch einige Andeutungen auf einen möglicherweise/hoffentlichen dritten Band auf.

 

Was an Kerstin Ehmers Kriminalroman besonders und positiv besticht, das ist das realitätsnahe Gesellschaftsbild jener Zeit, das sind die detail- und nuancenreichen Personen- und Milieuschilderungen. Der heutige Mensch kann sich dieses Hinterhof-Elend gar nicht (mehr) vorstellen. Wer weiß denn, was z.B. seinerzeit „Schlafburschen" waren? Breiten Raum nimmt auch die mehr als mangelhafte Hygiene dieser Slums ein. Diese wie auch das nicht immer gesunde Unter- und Halbweltleben waren mit die Ursachen für seinerzeit grassierenden Geschlechtskrankheiten. Breiten Raum nehmen daher in diesem Roman die an Syphilis Erkrankten ein, egal ob Proletarier, Akademiker, bourgeoise „Freier" oder russische Emigranten.

 

Lobenswert nicht zuletzt die Schilderung der exilrussischen Gruppen, die politisch und weltanschaulich von ultrarechts bis ultralinks positioniert sind und sich überwiegend sogar untereinander bekämpfen. Allerdings idealisiert die Autorin die im Roman keine unwesentliche Rolle spielenden (ukrainischen) Machno-Anarchisten. Lobenswert und besonders hervorhebenswert ist die fast durchgehende gute alte deutsche Transkription russischer Namen. Man kann so diese im Gegensatz zu den heute üblichen abenteuerlichsten (US-basierten) Transkriptionen auch richtig lesen/aussprechen.

 

Zu bemängeln gibt es aber auch einiges, allerdings nur wenig, was die sowjetischen Gegebenheiten jener Zeit angeht. Da wird die Autorin historisch ungenau, fehlerhaft, ist einiges unstimmig: So lebte zur Zeit der Roman-Handlung z.B. Lenin nicht mehr und der Titel „Held der Sowjetunion" wurde erst 1934 geschaffen...

 

Warum aber gab Kerstin Ehmer ihren Roman einen solch märchenhaft erscheinenden Titel? Beim Sinnieren darüber fällt einem schon mal ein, daß sich ein angesagtes Getränk in der Bar seines Pensionsmitbewohners die „Grüne Fee" nannte.

 

Alles in allem ist dieser Krimi gut „komponiert" und spannend geschrieben. Er fesselt durch die verschiedenen Haupt- und Nebenstränge sowie durch überraschende Erkenntnisse und Wendungen bis zur letzten Seite. Ein Tip, nebenher werden dem Leser, aber nur diesem, einige dunkle Geheimnisse offenbart. Und nicht zuletzt wird eine längst vergangene Zeit hier lebendig, fernab jeder verlogenen Klischees über diese achso gute alte Zeit. Ja, Pendragon-Verleger Günther Butkus hat mit der Gewinnung dieser Autorin wieder einmal ein sehr glückliches Händchen gehabt.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Kerstin Ehmer: Die Schwarze Fee. Kriminalroman. 398 S. Klappenbroschur. Pendragon-Verlag. Bielefeld 2019. 18,00 Euro. ISBN 978-3-86532-656-0

 



 
28.08.2019

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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