Die Salbenmacherin und der vorgebliche Stein der Weisen

WEIMAR. (fgw) Silvia Stolzenburg läßt die gefährlichen Abenteuer der aus Konstantinopel stammenden und inzwischen in Nürnberg lebenden Salbenmacherin Olivera in die schon fünfte Runde gehen. Die von Olivera aufgenommenen Menschen, der Bettlerknabe Jona und die Hure Gerlin, haben zwar ihr früheres Leben hinter sich lassen können, doch auch sie müssen sich erneut heiklen Situationen stellen.


Die Handlung des nun vorliegenden Romans „Die Salbenmacherin und der Stein der Weisen" spielt im Mai des Jahres 1410. Olivera hat den Anschlag auf ihr Leben überstanden und vor allem ihr Kind, Lukas, gesund zu Welt bringen können. Inzwischen ist sie wieder bei Kräften und will endlich wieder im Spital tätig werden.

 

Just zu dieser Zeit trifft in Nürnberg der Adept Alphonsius ein, der vorgibt, im Besitz des Steins des Weisen zu sein. Mithilfe dieses Steines könne er unedle Metalle in Gold verwandeln und außerdem eine Wundermedizin gegen alle Krankheiten und Gebrechen herstellen. Alphonsius wird von vier bulligen Leibwächtern begleitet sowie von einem schwarzhaarigen jungen Mann, der ihm zur Hand geht. Der Leser erfährt aber schon im Prolog, daß dieser Jüngling - er wird später als Markos vorgestellt - auf Rache sinnt.

 

Der Adept sorgt sofort in Nürnberg für Aufsehen. Alle Welt, insbesondere die gutbetuchten Bürgersleut, steht vor seinem Zelt Schlange. Man bringt ihm zuhauf Silbermünzen, die Alphonsius über Nacht zu Gold machen soll. Und selbst im Spital ist nichts mehr wie vorher. Die reichen Pfründner verschmähen jetzt Oliveras Salben, Tinkturen und Kräuter, sondern geben lieber Unsummen für die wundersame Medizin des Adepten aus. Selbst die ärmeren Stadtbewohner lassen sich von dieser Gier anstecken.

 

Nur Olivera nicht. Sie zweifelt nicht bloß; sie weiß als naturwissenschaftlich Begabte, daß es keinen wundersamen Stein der Weisen geben kann. Doch selbst ihr Mann Götz läßt sich bei einer Begegnung mit dem Adepten von diesem blenden und so setzt auch beim der Verstand aus. Obwohl der erworbene Zauberspruch nicht funktionieren will, so läßt er sich nicht entmutigen und schiebt das nur auf ungünstige Umstände. Also vergräbt er die Schatulle mit dem Zauberspruch im Keller seines Hauses. Dabei wird er von Jona beobachtet, der seine Neugier kaum befriedigen kann. Und so nimmt auch schon das Unheil seinen Lauf. Doch nur in einem Nebenstrang des Geschehens.

 

Größer ist das Unheil, das aus der überraschenden Ermordung des Adepten erwächst. Einige Bürger haben inzwischen mitbekommen, daß die angeblich in Gold verwandelten Münzen nicht echt sind. Einer der vier Leibwächter konnte den Anschlag schwer verletzt überleben und befindet sich im Spital. Dort kümmert sich auch Olivera um dessen Genesung, obwohl nicht viel Hoffnung besteht. Gerlin geht ebenfalls wieder ihren Diensten als Magd im Spital nach. Dort entdeckt sie ein dunkles Geheimnis, was sie einige Zeit später fast das Leben kosten wird.

 

Wer könnte den Adepten ermordet haben? Und was hat es mit den Worten, die wie „Baumgarten" klingen, auf sich haben? Sowohl der Adept als auch sein Leibwächter haben diese Worte gemurmelt. Gewiß wird auch noch, daß Alphonsius einen Partner in der Stadt haben muß. Denn nur mit einem solchen konnte der Einstieg ins große Geschäft gelingen.

 

Götz hat inzwischen Jona vom Grundstück verjagt, dem er die Schuld für die verschwundene Schatulle gibt. Nach wie vor ist sein Verstand vernebelt.

 

Und wo nun ist der Stein der Weisen? Viele machen sich auf die Suche. Wer den besitzt, der muß ja Alphonsius' Mörder sein. Da taucht in der Dunkelheit Markos im Anwesen von Olivera und Götz aus. Beide vermuten in ihm den Mörder, was der junge Mann aber abstreitet. Doch das ist es nicht allein. Olivera erkennt Markos, der wie sie aus Konstantinopel stammt. Was will er aber in Nürnberg und was will er ausgerechnet von Olivera? Es ist da vor allem Götz, der sich jetzt nicht blenden läßt und mißtrauisch bleibt.

 

Und schließlich wird Oliveras Sohn eines hellichten Tages entführt. Man fordert von ihr den Stein der Weisen. Andernfalls werde Lukas sterben. Wer ist aber der Entführer? Und warum glaubt dieser, daß der Stein ausgerechnet bei Olivera zu finden wäre? Vielleicht hat jemand ja beobachtet, daß sich Markos in ihr Anwesen geflüchtet hatte.

 

Und so machen sich Olivera und Götz, aber auch Gerlin und Jona auf die Suche nach dem entführten Kind. Letztere auch auf die Suche nach dem Entführer, dem Partner des Adepten. Denn sie haben die gemurmelten Worte „Baumgarten" inzwischen richtig deuten können. Aber niemand will ihnen glauben. Als man schließlich doch das entführte Kind findet, stellt sich da auch Markos ein und es kommt zu handgreiflichen Auseinandersetzungen. Werden Olivera und ihr Kind diese überleben? Wird nun offenbar, was Markos beabsichtigt? Kommt Rettung zur rechten Zeit? Es wird auf jeden Fall spannend.

 

Was aber durchaus verraten werden darf: Bezüglich etlicher dieser Vorkommnisse und der Person Markos muß Olivera zur Lüge greifen, um sich nicht wieder selbst in Bedrängnis zu bringen. Aber werden da nun Jona und Gerlin mitspielen?

 

All dies erzählt Silvia Stolzenburg auf gewohnte, also gute, Weise. Sie geht nicht nur auf die „unerhörte Begegebenheit" ein, wie sie in der Vergangenheit das Auftauchen eines Besitzers des Steines der Weisen darstellte. Also nicht zuletzt, wie angesichts solcher Verheißungen bei fast allen Menschen deren Verstand aussetzte, wie die Geldgier sie blind machte. Und wie sie dann die Schuld für ihre Verluste bei anderen suchten. Und nicht zuletzt spielen auch in diesem Buch die seinerzeitige Heilkunde sowie Moralvorstellungen keine geringe Rolle.

 

Bei der Lektüre gerade dieses Bandes stellen sich beim aufmerksamen Leser wohl auch einige weitergehende Überlegungen ein: Nein, nicht allein vor 600 Jahren haben sich Menschen vom vorgeblichen Stein der Weisen blenden lassen. Heute ist es doch nicht viel anders! Nein, mit solch einem Stein kommen heute Betrüger und Abzocker jedoch nicht mehr ins Haus. Aber aus Wenigem viel Geld machen zu können, das funktioniert noch heute! Da werden Leuten von vorgeblichen Finanzexperten Anlagegeschäfte aufgeschwatzt, bei denen sie zehn oder gar zwanzig Prozent Rendite erzielen könnten. Und wieder setzt bei nicht wenigen Leuten, insbesondere Mittelschichtlern, da der Verstand aus. Mit bösem Erwachen meist schon bald. Aber da ist alles futsch... Oder wieder andere geben viel Geld für mit lautesten Worten angepriesene wunderheilsame homöopathische Mittelchen aus...

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Silvia Stolzenburg: Die Salbenmacherin und der Stein der Weisen. Historischer Roman. 346 S. Hardcover. Gmeiner-Verlag. Meßkirch 2020. 15,00 Euro. ISBN 978-3-8392-2706-0

 



 
30.08.2020

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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