Die Salbenmacherin und die Hure und dazu der „Werwolf“

WEIMAR. (fgw) Seit einigen Tagen ist der dritte Band von Silvia Stolzenburgs historischer Romanreihe um die Salbenmacherin Olivera, „Die Salbenmacherin und die Hure“, im Buchhandel erhältlich.


Die Handlung dieses Buches spielt nur ein gutes halbes Jahr nach Oliveras Abenteuern im Band zwei. Sie, inzwischen hochschwanger, und ihr Mann Götz haben sich in diesem kurzen Zeitraum doch recht gut in der Reichsstadt Nürnberg etablieren können. Er als respektierter Stadtapotheker, sie als anerkannte Salbenmacherin für diverse Bedürfnisse, medizinische wie kosmetische und sogar selbst kreiertes Konfekt, insbesondere der Patriziergattinnen. Darüber hinaus wirkt sie hilfreich unter den Siechen im Spital. Und Jona, der Bettlerknabe aus Band 2, geht als Lehrjunge beiden zur Hand...

 

So ist die Lage im heißen Juli des Jahres 1409. Doch nicht nur die unerträgliche Hitze ohne Regen und die wohl daraus resultierenden fiebrigen Erkrankungen machen die Nürnberger immer gereizter. Nein, es ist ein grausiger Fund, der das Faß zum Überlaufen bringt: Denn ein übel zugerichteter Leichnam - ohne Kopf und Hände und dazu noch fachmännisch ausgeweidet- wird just in diesen Tagen ans Ufer der Regnitz gespült.

 

Der Leser halte sich vor Augen, daß sich diese Geschehnisse zu einer Zeit zutragen, die wir heute als das „finstere Mittelalter" charakterisieren. Nicht nüchterne Überlegungen leiten die Menschen dieser Zeit, sondern vor allem der (christliche) Aberglauben. Kein Wunder, daß man da nur wenig später in den Wäldern rings um die Stadt einen Werwolf gesichtet haben will. Ängste werden so zur Massenpanik (auch wenn man damals diesen Begriff noch gar nicht kannte). Jeder setzt beim Weitererzählen der Gerüchte noch eins drauf: Dämonen, der Werwolf, der Teufel.

 

Es soll aber nicht bei dem einen so übel zugerichteten Leichnam bleiben. Schon beim ersten hatte der Rat eine Leichenschau angeordnet, an der neben dem Henker (dem „Nachrichter") auch Olivera teilnimmt. Sie als in medizinischen Dingen gebildete Byzantinerin ist die einzige, die einen klaren Kopf behält und von einem menschlichen Täter ausgeht. Doch das ruft vor allem den Stadt-Medikus auf den Plan, übrigens ein Neider des Apothekers. Er vor allem ist es, der die Nürnberger in Richtung Werwolf (und androhungsweise Hexen) aufhetzt. Götz kann Olivera nur sehr schwer daran hindern, sich um Kopf und Kragen zu reden.

 

Wie bereits gesagt, es bleibt nicht bei dem einen grausigen Leichenfund, trotz allen Weihrauchschwingens der Pfaffen. Eines Tages wird vor der Stadt ein Mann aufgegriffen, der das dem Hemd eines der Toten an hat. Der Mob schlägt ihn zusammen, die Stadtoberen unterziehen ihn eines peinlichen Verhörs (vulgo: der Folter) und unter gräßlichen Schmerzen gesteht dieser Mann alles. Was folgt ist die öffentliche Hinrichtung auf dem Scheiterhaufen. Dennoch geht die Mordserie weiter und auch die Werwolf-Panik...

 

Olivera steht zwar für den Hauptstrang in Silvia Stolzenburgs spannender und facettenreicher Geschichte, doch daneben gibt es zwei Nebenstränge, die allesamt gut und gekonnt miteinander verwoben sind:

 

Zum einen den mit Jona und seinem Freund Casper, die heimlich auf Werwolfjagd gehen. Zunächst ohne Erfolg, auch wenn sie den wirklichen Mörder recht bald sichten können. Erst spät erkennen sie aber, um wen es sich dabei handelt.

 

Zum anderen den mit der etwa 16jährigen Gerlin, einer „Hübschlerin" im „Frauenhaus" (vulgo: Prostituierte im städtischen Bordell), und ihrer „Kollegin" Eva. Eva muß nicht nur „Stundengäste" bedienen, sie hat sogar einen „Schlafmann" - also einen Freier, der sie sich für eine ganze Nacht leisten kann.

 

Gerlin bekommt mit, daß dieser „Schlafmann" Eva mißhandelt. Der heutige Leser weiß, daß jener an Eva nur seine extremen sado-masochistischen Gelüste abreagiert. Der Schlafmann hat Eva aber auch umgarnt, um sie als Mittel für einen zunächst noch unbekannten Zweck zu mißbrauchen. Als Eva eines Tages derart schwer verletzt worden ist, geht Gerlin mit ihr ins Spital, um dort Olivera um eine Heilsalbe zu bitten. Gerlin bekommt aber auch mit, was der unbekannte Mann mit Eva beredet und so beschließt sie, die in ihm den ominösen Werwolf vermutet, ihm zu folgen. Die Spur führt sie zu einem bestimmten Haus, doch sie mißdeutet die Person. Als Gerlin eines Nachts beobachtet, wie der „Werwolf" einen Sack mit Leichenteilen entsorgt, eilt sie hilfesuchend zu Olivera...

 

Doch noch immer klärt sich nichts auf, dafür geraten die Werwolfsucher ins Lebensgefahr. Und keiner von der Stadtobrigkeit will den Stimmen der Vernunft und den mitgeteilten Beobachtungen glauben, bis es endlich zum wirklichen Mordanschlag kommen sollte. Wie sich dann der Knoten löst, wer hier wer ist - das alles klärt sich erst auf den letzten Seiten.

 

Erst zum Schluß, es ist nur einen Monat später nach dem ersten Leichenfund, erfährt der Leser, wem das mörderische Treiben des „Werwolfes" - für den die ersten Toten nur „Fingerübungen" darstellten und mit denen er zugleich mörderische Sado-Maso-Gelüste stillte - galt. Nur ganz kurz wird auch genannt, wer sein Auftraggeber war und angedeutet, was diesen zu einen ganz konkreten Mordauftrag veranlaßt hatte.

 

Zusammenfassend soll noch dies gesagt werden: Wie stets sind die historischen Romane (und wie in einigen Fällen: historischen Kriminalromane) Silvia Stolzenburgs nicht nur spannende und bestens erzählte Unterhaltungsliteratur auf höchstem Niveau. Die Geschichten kommen - bei aller Fiktion - überaus authentisch herüber und vermitteln unterhaltsam bildend - realistische Blicke auf längst vergangene Zeiten. Von Mittelalter-Verklärung ist hier nichts zu spüren und wohl gerade deshalb lesen sich ihre Bücher immer wieder neugierig machend, mitfühlend und nicht zuletzt beklemmend.

 

Das betrifft u.a. die Beschreibungen des „Frauenhauses", seiner Insassinnen und derer Kunden, inklusive der offenbaren Doppelmoral der „ehrbaren" Bürger.

 

Noch mehr trifft das auf die „Gerichtsverfahren", d.h. die grausamen Folterungen und Hinrichtungen, zu, die zur Verdeutlichung bis ins Detail geschilder werden. Da wird alles Gerede von christlicher Barmherzigkeit, Nächsten- und gar Feindesliebe, zu Makulatur und hervor kommt die brutalste Menschenverachtung jener Religion als bestes Herrschaftsinstrument in diversen Ausbeuterordnungen.

 

Interessant ist aber auch zu erfahren, daß ein Henker durchaus als Heilkundiger wirken konnte/durfte. Und der da mehr Sachkenntnis an den Tag legte als der „hochstudierte" Medikus, der eigentlich nicht mehr war, als nur ein Quacksalber und „Gesundbeter", und dazu eher sogar eine Gefahr für Leib und Leben seiner ihn teuer bezahlenden Patienten. Kein Wunder, daß solchen Leuten heil- und kräuterkundige Frauen suspekt waren; die von ihnen gerade deshalb als Hexen denunziert wurden.

 

Beklemmend sind nicht zuletzt die von Silvia Stolzenburg aufzeigten Gefühlswelten und Denkweisen jener Zeit; bedingt durch von der christlichen Obrigkeit gewolltes Unwissen, Glauben und Aberglaube (wobei ja zwischen Glauben und Aberglauben eigentlich keine Grenze besteht). Und inzwischen glaubte die Obrigkeit 900 Jahre nach dem Untergang Roms sogar das selbst alles... Aber trotz alledem gab es auch damals immer wieder einige fragende und nachdenkende Menschen, die uraltes Wissen bewahrten und weitergaben. So wie eben die Byzantinerin Olivera und ihre Großmutter, die aus antiken Wissen in überlieferten Schriften in Verbindung mit guter Beobachtungsgabe schöpfen konnten.

 

Was noch zu sagen/zu fragen wäre: Wird es einen vierten Band geben? Denn nicht alle Geheimnisse sind wirklich aufgeklärt worden, auch anderes ist noch offen.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Silvia Stolzenburg: Die Salbenmacherin und die Hure. Historischer Roman. 374 S. Hardcover. Gmeiner-Verlag. Meßkirch 2017. 15,00 Euro. ISBN 978-3-8392-2157-0

 



 
23.08.2017

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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