Dreizehn Voodoo-Erzählungen aus dem grotesken Absurdistan

WEIMAR. (fgw) Der nunmehr 60jährige Gary Victor ist Haitis populärster Schriftsteller und sein bekanntester literarischer Protagonist ist der Inspektor Dieuswalwe Azémar. Doch Victor schreibt nicht nur Kriminalromane, sondern veröffentlichte auch eine Reihe unterschiedlichster Kurzgeschichten. Heuer hat nun der Litradukt-Verlag eine Anthologie seiner Voodoo-Erzählungen vorgelegt, passenderweise dreizehn an der Zahl.


Mit Haiti verbinden wohl die meisten West- und Mitteleuropäer sowie Nordamerikaner den Begriff Voodoo und schwelgen dabei in Hollywood-basierten Horror-Phantasien. Doch der Voodoo-Kult hat damit, abgesehen von Äußerlichkeiten, kaum etwas zu tun. Dieser Kult ist vielmehr eine Reaktion der in die „neue Welt" verschleppten Sklaven aus Westafrika. Auch eine Antwort auf das aufgezwungene und die Sklaverei befürwortende Christentum. Mit diesem, auf alten afrikanischen religiösen Traditionen gründenden, Kult versuchten die Sklaven ihre Identität zu wahren und die Erinnerungen an die Ahnen lebendig zu halten.

 

Auch wenn im Laufe des 19. Jahrhunderts die Sklaverei in den amerikanischen Kolonien abgeschafft worden sind, so hat sich dennoch bis heute an der mißlichen Lage der meisten Afro-Amerikaner nur wenig geändert. Auch nicht auf Haiti, in dem vor mehr als 200 Jahren der einzig siegreiche Sklavenaufstand der Geschichte stattfand. Die neokoloniale Abhängigkeit hat stattdessen sogar noch zugenommen und zu Macht gelangte Schwarze agieren nicht anders als die früheren christlich-weißen Kolonialherren.

 

Man kann es also mit Ehrlichkeit, Kompetenz und eigener Arbeit/Tüchtigkeit kaum zu etwas bringen. Und natürlich gelingt den „Guten" auch in privatesten Dingen selten Glückliches. Also hilft da nur eines: Die Kraft der Magie, des Zaubers, die Macht der alten Kulte, also des Voodoo... Und selbst aufgeklärte Zweifler können dem noch etwas abgewinnen, wenn sie meinen: Ob es was nützt, weiß man nicht, aber schaden kann es (einem selbst) aber wohl auch nicht.

 

Und eben mit dieser Einstellung sollte man die Geschichten dieser Anthologie lesen, die sich verschiedensten Facetten der fantastischen Literatur zuwenden. Mal sind sie wirklich gruselig, schockierend oder wenigsten für hiesige Leser befremdlich, mal mysteriös, manchmal sogar makaber, mal satirisch, mal doch voller Komik oder letzlich im doppelten (und wahrsten) Wortsinne „schwarzer Humor". Auch wenn man das Original nicht lesen kann, so bringen wohl dennoch die beiden Übersetzer Victors Intentionen auf gelungene Weise zur Geltung.

 

Oberflächlich könnte man meinen, die Haitianer lebten in einem grotesken Absurdistan. Ja, so scheint es auch, wenn man Victors kurze Erzählungen nur unter dem Aspekt eines erhofften Thrills liest. Aber ist nicht das Leben vieler Menschen nur im Suff zu ertragen? Oder in der Weltflucht? Oder in irrationalen Kulten? Zumal wenn die elenden sozio-ökonomischen Verhältnisse Haitis in diesem Jahrhundert noch durch verheerende Erdbeben und Epidemien verschärft worden sind?

 

In allen dreizehn Geschichten spiegeln sich die Alpträume eines geschundenen Volkes, des geschundenen Individiuums wider. Ja, Voodoo ist hier wahrlich das „Opium des Volkes" (Karl Marx), das vielleicht das Leben doch erträglicher macht und vielleicht sogar einem wenigstens das kleine Glück schenkt. Oder aber möglicherweise anonymen „feindlichen Mächten" und sogar realen Feinden/Konkurrenten das Handwerk legen könnte.

 

Auf die Geschichten soll aber im einzelnen nicht tiefer eingegangen werden, könnten doch detaillierte Analysen den Lesegenuß schmälern.

 

Mit einem Schmunzeln nimmt man, wenn man Gary Victor schon kennt, die erste Erzählung, „Der Stößel", zur Kenntnis. Wie könnte es anders sein, sie handelt von Dieuswalwe Azémar... Dieser berichtet hier einem jungen Kollegen vom ersten Fall in seiner Kriminalistenlaufbahn, einer überaus mysteriösen und unerklärlichen Mordserie. Die Untaten erinnern an einen Teufelspakt um der eigenen Karriere willen. Azémar gibt deshalb dem jungen Kollegen eine Weisheit mit auf den Weg: „Wenn sich eine angebliche Vernunft zum Dogma erhebt, kann die Realität unerklärlich werden." (S. 11) Oder anders gesagt: „An allem ist zu zweifeln, wenn man zur Erkenntnis kommen will."

 

Für doch eher heiteren schwarzen Humor stehen z.B. die Geschichten „Ein Uhr Siebzehn", in der ein ignoranter US-Amerikaner einem Voodoo-Zauber zum Opfer fällt; „Der Atem", in dem sich - wie in „Der Finger" - Alptraumhaftes ereignet, oder „Venezolanischer Tanz", in der eine Wunderheilung mit tödlichen Folgen stattfindet.

 

Obskur und makaber geht es zu in „Nacht der Chancen": Ein Senatsanwärter will seinen Wahlsieg sicher machen, indem er sich einem ganz besonderen Ritual unterzieht: Er muß in einer Neumondnacht auf einem Friedhof eine Bettlerin ansprechen und mit dieser in Friedhofsnähe Sex machen... Und doch kommt gerade in dieser für uns abstrusen Geschichte haitianische Realität, der ganz normale haitianische Wahnsinn zutage: „Kerou wachte drei Tage später in einem Krankenhaus von Port-au-Prince auf. Er hatte den Verstand verloren. Aber in einem Land, in dem der Irrsinn die Regel ist, fiel das niemandem auf. Er wurde in den Senat gewählt und nahm sehr bald einen wichtigen Posten im Büro ein..." (S. 49/50)

 

Gruseliges, Horror, Widersinniges findet statt in Geschichten wie „Der Einsatz". Hier bekennt der Ich-Erzähler: „Ich bin ein richtiger Jäger, ein professioneller. Niemals landet auf meinem Teller ein Wildschwein, Perlhuhn oder Taube. Ich bin strenger Vegetarier. Ich jage ausschließlich für das Vergnügen an der Jagd und am Töten." (S. 71) Oder in Geschichten wie „Verirrte Verwünschung" oder „Ein Ehrenmann".

 

Ähnlich und versetzt mit einem gehörigen Schuß drastischer Erotik voller Obsessionen ist „Die Zunge" zu lesen. Da geht es aber weniger um Liebeszauber, sondern um einen durchaus krankhaften Sex-Zauber.

 

Überaus köstlich ist „Das Schaf", die Geschichte des Mannes, der sich von einem Zauber zu befreien vermag, den die Schwiegermutter (obwohl tiefgläubige Katholikin) über ihn herbeigeführt hatte... Dazu heißt es: „Bei der Beichte gab Madame Honoré natürlich nicht zu, daß sie gelegentlich zum Hexenmeister ging, und erst recht nicht, daß sie zwei Männer behext hatte, ihren Ehemann und den ihrer Tochter, um sie zwei perfekten Schafen zu machen, das heißt zu zwei Ehemännern unter Fuchtel ihrer Frauen." (S. 87) Zu seiner Errettung serviert der Mann den Schwiegereltern, obwohl seine Angetraute verhindert ist, eines Tages als Abendmahl ein seltenes Gericht, Schaf mit Auberginen, mariniert in Wein mit Lalo (= Juteblätter). Ja, was war der Schwiegermutter wohl zunächst so bekömmlich, dann aber gräßlich auf die Därme schlagend?

 

Was ist Glaube, was Aberglaube? Wie wehrt man sich gegen fremde Missionierungsversuche und -zwänge, einschließlich politischer Bevormundungen durch vorgeblich humanitäre Interventionen zur Durchsetzung der Menschenrechte oder zwecks „Entwicklungshilfe" ? Vielleicht am besten auf die gut haitianische Art, die todsicher funktioniert... Das ist Gegenstand der dreizehnten Erzählung „Der Oberschenkelknochen". Darin heißt es u.a. (für den jordanischen Moslem könnte durchaus auch ein US-amerikanischer Evangeliker stehen!):

 

„Der jordanische Hauptmann Abdul Mussa, Mitglied der UN-Mission in Haiti, mochte die Haitianer nicht. Erstens, weil sie Neger waren. Zweitens, weil sie Ungläubige waren. Und drittens, weil sie zuviel Unzucht trieben. Er verpaßte keine Gelegenheit, es die Wilden spüren zu lassen, mit denen er verkehren mußte. Der einzige Haitianer, der in seinen Augen ein wenig Nachsicht verdiente - Geld verpflichtet -, war ein Bandenchef aus dem Slum, der ihn mit fünfundzwanzig Prozent an den Lösegeldern aus Entführungen beteiligte..." (S. 131)

 

Oder: „Er wußte, daß seine Männer nachts manchmal Frauen ins Lager kommen ließen. Es kümmerte ihn nicht. Diese Frauen waren sowieso keine echten Frauen. Es waren Negerinnen, Huren, Ungläubige. Wenn seine Männer sich austoben wollten, sah er daran nichts Schlechtes." (S. 135)

 

Nicht nur hier kommt Gary Victors Gesellschaftskritik an den herrschenden Verhältnissen, an der Realität in und um Haiti sehr deutlich zum Ausdruck. Sichtbar gemacht in der „Ausleuchtung der Abgründe des Lebens und des Menschen", wie es so treffend im Klappentext heißt. Und das alles spannend und mit hintergründigem Humor erzählt - also sehr lesenswert.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Gary Victor: Dreizehn Voodoo-Erzählungen. A.d.Französ.v.Ingeborg Schmutte u.Cornelius Wüllenkemper. 144 S. Taschenbuch. Litradukt-Verlag. Trier 2018. 9,00 Euro. ISBN 978-3-940435-27-9

 



 
21.10.2018

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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