Dunkle Geheimnisse einer gutbürgerlichen Wiener Familie

WEIMAR. (fgw) Der Gmeiner-Verlag hat heuer mit Günter Neuwirths Wien-Krimi „Die Frau im roten Mantel“ einen Kriminalroman der Spitzenklasse auf den deutschen Buchmarkt gebracht. Keinen vorgeblichen „Reißer“ von der Stange, wie sie sich auf Grabbeltischen leider zuhaufe tummeln. Nein, einen Qualitäts-Roman, der bei aller Sachlichkeit „hochemotional und psychologisch raffiniert“ angelegt ist – wie es im Klappentext zu Recht heißt.


Wien in der Vorweihnachtszeit. Dem wegen einer überstandenen Krebs-Operation noch immer krankgeschriebenen Inspektor Wolfgang Hoffmann fällt bei einer spätabendlichen Straßenbahnfahrt eine rätselhafte Frau - angetan u.a. mit einem roten Mantel und einer Sonnenbrille - auf, die offenbar von einem Jugendlichen verfolgt wird. Alle drei verlassen irgendwann die Straßenbahn und treffen am Donaukanal aufeinander. Plötzlich hält die Frau einen Revolver in der Hand, doch sie schießt nicht auf den Jungen und Hoffmann kann ihr die Waffe entreißen.

 

Diese Frau fasziniert Hoffmann als Mann, aber auch als „Kieberer", der er nun mal trotz der Beurlaubung ist. Mit „Kieberer" bezeichnet man in Österreich umgangssprachlich einen Polizisten.

 

Er bringt die Frau, die sich als Alice Berg vorstellt, in eine neurologische Klinik, später sucht sie ihn mit einen Koffer in der Hand zu Hause auf. Beide kommen sich da auch rein menschlich näher. Alice erzählt von ihrer Familie, von ihrem Mann und von ihren Kindern Corinne und Lukas, die alle seit Tagen verschwunden seien. Und sie bittet Hoffmann um Hilfe, er möge doch Nachforschungen anstellen, auch wenn er außer Dienst sei.

 

Wer ist Alice? Was wollte sie mit der Waffe? Warum ist sie in einem psychisch so desolaten Zustand? Warum ist sie auf einmal auch für Hoffmann wieder verschwunden? Der macht sich auf den Weg, stellt Erkundigungen u.a. im Geschäft der Bergs - eine renommierte Antiquitätenhandlung - an.

 

Parallel zu den Begegnungen zwischen Hoffmann und Alice wird die Geschichte des Jungen, er heißt Lukas, erzählt. Der 17jährige lebt auf der Straße bzw. in einem Autonomen Zentrum und ist auf der Suche nach seiner Freundin Corinne, der Tochter von Alice. Mit großer Empathie beschreibt Neuwirth die Menschen, die in diesem Zentrum leben. Keine Assis, wie von der herrschenden Meinung dargestellt, sondern gesellschafts- und zeitkritische, solidarische Menschen. Lukas wird da u.a. sogar zum autodidaktischen Lernen motiviert.

 

Ebenfalls parallel schildert Neuwirth das Alltagsleben in Hoffmanns einstiger Dienststelle, wo er übrigens sehr vermißt wird. Diese Kieberer erscheinen wie gemütliche Büromenschen. Aber nur auf den ersten Blick. Denn wenn's darauf ankommt, sind alle kompetent und engagiert bei der Sache.

 

Irgendwann kommt es zu einer Begegnung von Hoffmann und Lukas. Letzterer überwindet sein Mißtrauen und schüttet dem „Kieberer" sein Herz aus. Hoffmann ist doch etwas überrascht, eine ihm fremde Welt so anders als vermutet kennenzulernen und er schließlich bezeichnet Lukas anerkennde als „lebensklug". Beide suchen nun auf getrennten Wegen nach Alice, die immer mal auftaucht und dann urplötzlich verschwindet.

 

Nicht verschwunden ist jedoch Hildegard Berg, die bettlägerig und völlig verwahrlost im Oberschoß der Familienvilla dahin vegetiert. Diese Frau, Alicens Schwiegermutter, stellt für Hoffmann ebenfalls eine Überraschung dar, kann sie doch nach Einlieferung in eine Klinik von dort - auf eigenen Füßen - verschwinden.

 

Bis jetzt ist immer noch nichts geschehen, was konventionell für einen Krimi steht... Erst nach etwa einem Drittel der Handlung wird in Wien ein männlicher Leichnam mit drei Schüssen in der Brust und abgehackten Händen aufgefunden. Eher durch Zufall stellt sich heraus, daß der Tote einst Mitarbeiter im Geschäft der Bergs war. Lange bleibt dies aber nur eine unbedeutende Nebenhandlung.

 

Doch endlich zieht Hoffmann seine Kollegen ins Vertrauen. Denn er beginnt an Alice zu zweifeln - wegen des Revolvers und ihrer extremen Gemütsschwankungen. Langsam werden Zusammenhänge klarer Wer jedoch hat den Mann getötet und warum? Das bleibt offen.

 

Alice wird schließlich von Lukas in Innsbruck aufgespürt, Hoffmann eilt ebenfalls dorthin und zu dritt kehren sie nach Wien zurück. Hoffmann und Alice begeben sich zu deren Villa, während die Polizei dort mit Durchsuchungsbeschluß und Spurensicherung anrückt.

 

Erst jetzt, buchstäblich auf den letzten Seiten, wird der eigentliche Kriminalfall offenkundig. Ein Fall, der das dunkle Geheimnis dieser Familie darstellt. Der Leser wird davon vollkommen überrascht, denn ein solches Verbrechen dürfte er kaum vermutet haben. Auch nicht, wer dieses begangen hat und aus welchen Motiven heraus.

 

Insgesamt bröckelt dabei die Fassade von der vorgeblich heilen Welt des gutsituierten Bürgertums, dieser ominösen Mittelschicht mit der nach wie vor typischen Hausfrauen-Ehe. Da kann man durchaus verstehen, warum Corinne sich zu Lukas hingezogen fühlte und warum sogar Alice Anlehnung beim biederen Polizeibeamten Hoffmann suchte.

 

Wie schon eingangs festgestellt, Günter Neuwirths Buch ist ein Kriminal-Roman der Spitzenklasse, der - alles andere als vordergründig - ein eindrucksvolles und durchaus realitätsbezogenes Bild der spätbürgerlichen Gesellschaft zeichnet: Insbesondere durch den Kontrast Villenbewohner - „Außenseiter" im Autonomen Zentrum. Alle handelnden Figuren sind glaubhaft als individuelle Charaktere gezeichnet.

 

Was auch noch überzeugt bei der wirklichen spannenden Lektüre, obwohl es nirgends um Spannung der Spannung wegen geht, das - Germanisten mögen diese Formulierung verzeihen - ist, daß Neuwirth diese Geschichte erzählerisch und sprachlich schön geschrieben hat.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Günter Neuwirth: Die Frau im roten Mantel. Ein Krimi aus Wien. 314 S. Paperback. Gmeiner-Verlag. Meßkirch 2017. 13,00 Euro. ISBN 978-3-8392-2145-7

 



 
22.11.2017

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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