Edda Lechner: „Jesus – Marx und Ich. Wege im Wandel.“

WEIMAR. (fgw) Die seit Anfang 2020 vorliegende Neuerscheinung von Edda Lechner: „Jesus, Marx und ich. Wege im Wandel. Eine Achtundsechzigerin in der Kirche“ erzählt die persönlich sympathische und spannende Geschichte, wie alles begann in einer sehr anschaulichen illustrierten Dokumentation.


Die Taten und Diskussionen der 1968er sind inzwischen schon Erinnerungen in den einen oder anderen Altenheimen. Über 50 Jahre nach einer bewegten Zeit, in der viele Zeitzeugen sich erinnern, den Muff der Adenauer-Ära hinter sich gelassen zu haben und sich auf zu neuenpolitischen und kulturellen Ufern machten. Vielerlei Anregungen empfing auch der Rezensent - damals für die 68er noch viel zu jung - in der südwestdeutschen Provinz. Eine Anregung war eine vom Sendler-Verlag 1974 in mehreren hohen Auflagen verbreitete Broschüre von Edda Groth und Helmut Lechner mit dem Titel »Religion Opium des Volkes«.

 

Der Rezensent, selbst bereits schon nichtkirchlich, wunderte sich damals über eine gewisse Naivität von evangelischen Pastoren, die Kommunismus und Kirche versucht hatten unter einen Hut zu bringen - und damit natürlich scheitern mussten. Die Broschüre rechnete auch mit „Christen für den Sozialismus", Dorothee Sölle u.a. ab und sahen das eigene lange Wirken innerhalb der Kirche („Parteiliche Gemeindearbeit") als inkonsequent an („Ohne es zu wollen, brachten wir der Kirche über unsere Gemeinde hinaus den Ruf ein, vielleicht doch auf der Seite der Arbeiterklasse zu stehen" - S. 39).

 

Was propagierten die Autoren dagegen als gesellschaftliche Alternative? Einen damals unkritisch rezipierten maoistischen Radikalismus, der in naher Zukunft voluntaristisch gesellschaftlich umgesetzt werden müsste? Es kam anders. Dennoch blieben Edda und Helmut Lechner - anders als viele ihrer sich damals radikal gebärdenden Zeitgenossen - politisch bis heute glaubhaft seriöser links - und deshalb auch wirkungsvoller.

 

Edda Groth, verheiratete Lechner, rechnet nicht mit ihrer Zeit ab. Sie stellt nüchtern fest, welche bedeutende Rolle die Achtundsechziger-Bewegung auch in der evangelischen Kirche der Alt-BRD gespielt hat.

 

Sie berichtet von ihrem eigenen Casus als Pastorin in der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche in Schleswig-Holstein. Erst 1967 war sie, nach einem gerade verabschiedeten Kirchengesetz, als erste Frau für dieses Amt ordiniert worden. Aufgewachsen war sie in den Nachkriegsjahren unter Bauern und Flüchtlingen in dem kleinen Dorf Rederstall in Dithmarschen. Ihre Sozialisation erfuhr sie durchaus traditionell, fromm und sozial. Ab 1959 studierte sie evangelische Theologie an verschiedenen Hochschulen und Universitäten. In ihrem Vikariat lernte sie erstmalig „antiautoritären Erziehung", soziologische und psychologische Theorien kennen. Ihr Pastoren-Amt in der Simeon-Kirche in Hamburg-Bramfeld, welches sie 1967 antrat, brachte sie in Kontakt zu Kindern, Jugendlichen und deren Eltern und ließ sie neue Prinzipien christlicher Erziehung erproben.

 

Impulse erfuhr sie beim Evangelische Kirchentag in Stuttgart 1969, der unter dem Motto „Hunger nach Gerechtigkeit" stattfand. Mit großer Unterstützung ihrer Gemeindemitglieder setzte sie sich für mehr Demokratie in der Kirche ein, unterstützte neue soziale Bewegungen und änderte Form und Inhalt ihrer kultischen Gottesdienste und Predigten. Sie thematisierte z.B. gegen den Krieg in Vietnam oder behandelte die Ausbildungssituation von Lehrlingen. Die Schwierigkeiten mit der kirchlichen Obrigkeit blieben nicht aus. Auseinandersetzungen folgten, oft in unfairer Weise und mit allen juristischen Tricks seitens des Kirchenvorstands und der Kirchenleitung, durch Pröpste und Bischöfe.

 

Vorgeworfen wurde ihr und ihren Mitkämpfern vor allem die Angriffe in ihren Predigten gegen das kapitalistische System mit seinen unsozialen Folgen, die Propagierung eines alternativen Systems im Sozialismus. In den Kirchenstrukturen waren damals durchaus noch unmittelbar aus der Nazi-Zeit geprägtes Führungspersonal vorhanden.

 

Edda Groth-Lechner informierte eine breite Öffentlichkeit der Gemeinde durch eigene Publikationen Predigtnachdrucke, Broschüren und Flugblätter und unterrichtete darüber hinaus auch die Presse von ihren Vorstellungen. Provokativ war eine Konfirmations-Predigt im Jahr 1974, in der sie erklärt hatte, dass ihrer Ansicht nach „Mao mit allem, was er für das chinesische Volk getan habe, Gott näher stehe als alle Päpste und Bischöfe der letzten 1000 Jahre". Zeitnah gab sie auch einen „Offenen Brief zur Frage der Zusammenarbeit mit Kommunisten" heraus, in dem sie sich positiv mit dem Programm des Kommunistischen Bundes Westdeutschland (KBW) auseinandersetzte.

 

Es folgte die kirchliche Suspendierung. Ihre Reaktion war dann der Kirchenaustritt, weil sie zu der Erkenntnis gekommen war, „dass uns kein höh'res Wesen rettet, sondern wir uns aus dem Elend nur selber erlösen können" müssen. Mit ihr zusammen taten dies andere ehemalige Priester, u.a. auch ihr späterer Ehemann Helmut Lechner und Eckard Gallmeier.

 

Es folgten schwierige Jahre, denn gegen politisch Unliebsamen wurde damals - in Zeiten der Vollbeschäftigung - ein Berufsverbot verhängt. Kirche, Staat und Wirtschaft entzogen damals denen, die ihr System radikal in Frage stellten, die wirtschaftliche Berufsexistenz. Edda schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch, war vielen Repressalien ausgesetzt und gezwungen, langandauernde juristische Prozesse zu bestehen.

 

Edda und Helmut Lechner blieben unkorrumpiert und betätigten sich weiter politisch. Darin unterschieden sie sich von anderen 68ern, die mit zunehmender gesellschaftlicher Karriere ihre Radikalität einbüßten oder ganz und gar Reaktionäre wurden. 1990 bauten die Lechners in Norderstedt und Kiel die Partei DIE LINKE auf und waren in allen relevanten politischen und alternativen Bewegungen aktiv, u.a. gegen den § 218, gegen das AKW Brokdorf, den Jugoslawienkrieg, gegen Apartheit und koloniale Unterdrückung in Afrika - und sind bis heute maßgeblich an der Herausgabe politischer Zeitschriften beteiligt. Auch davon ist auf den über 420 Seiten des Buches die Rede.

 

Resümierend sieht Edda Lechner die eigene wie auch die durch die 68-Bewegung hervorgerufene politische Veränderung in unserer Gesellschaft als Erfolg an. In zahlreichen Exkursen reflektiert sie darüber und lässt uns teilhaben an geistigen Vorbildern ihres Denkens und Handelns: Jesus oder Marx, Albert Schweitzer oder Ernst Bloch, Martin Luther oder Mao Zedong. Hierzu schreibt sie: „Es kommt mir in dem provokativen Vergleich von Jesus, Marx und mir darauf an, wie sehr ich im Laufe meines Lebens von der lesenden Bauerntochter bis zur gegenwärtigen politischen Schriftstellerin stets durch neue Ideen einen sozialen und politischen Wandel vollzogen und die jeweils dazugehörige Praxis gelebt habe."

 

 

Heiner Jestrabek

 

 

Edda Lechner: Jesus, Marx und ich. Wege im Wandel. Eine Achtundsechzigerin in der Kirche. 416 S.m.Abb. brosch. Reihe Forum Religionskritik im LIT-Verlag. Münster 2020. 34,90 Euro. ISBN 978-3-643-14197-2

 



 
31.03.2020

Von: Heiner Jestrabek
 
 
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