Edvard und Alva auf der Suche nach dem eigenen Glück

WEIMAR. (fgw) Es gibt sie tatsächlich noch. Die gediegen gemachten „Produkte“ deutscher Buchverlage. Also altmodisch gebundene Bücher, die dazu noch versehen sind mit Schutzumschlag und Lesebändchen. Und passend zu dieser Form noch ein adäquater Inhalt aus der Feder guter Erzähler/Schreibender. Diese Feststellung trifft ohne Abstriche auf den jetzt im ambitionierten Bielefelder Pendragon-Verlag erschienenen Roman „Noch alle Zeit“ von Alexander Häusser zu.


„Noch alle Zeit" erzählt die Geschichte zweier sehr unterschiedlicher Menschen. Da ist zum einen der etwa 60jährige Edvard, von Beruf Schriftsetzer, aus einem norddeutschen Kaff. Da ist zum anderen die halb so alte Berlinerin Alva, die eigentlich Bianca heißt und sich mehr schlecht als recht als freie Journalistin durchs Leben schlägt. Der biedere Edvard widmete sein Leben ganz der Mutter, einer einfachen Arbeiterin, die dann ein Pflegefall geworden war. Darunter litt - bis in die Gegenwart - seine Liebe zu Elsie. Sie kamen nie zusammen, führten ihre eigene Leben, obwohl sie eigentlich gut zusammenpaßten... Alva ihrerseits lebt auch keine normale Beziehung. Gestört sind diese vor allem zu ihrer Tochter, der fünfjährigen Lina. Aber auch zur eigenen Mutter und dem Kindesvater Tom. Aktuell hat sie eine Affäre mit ihrem Chef.

 

Nach dem Tod seiner Mutter entdeckt Edvard ein sorgsam verstecktes Sparbuch, ausgestellt auf seinen Namen. Im Laufe von rund 40 Jahren hat sich hier ein doch beachtliches Guthaben angesammelt. Mit Hilfe von Elsie, die Angestellte der Sparkasse ist, kann ermittelt werden, daß Edvards Mutter Monat für Monat Geldüberweisungen aus Norwegen auf dieses Sparbuch eingezahlt hatte. Und Edvard findet dazu noch ein Foto seines Vaters in Wehrmachtsuniform; an seiner Seite eine Frau, die aber nicht die Mutter ist. Edvard wuchs mit der Legende auf, daß sein Vater während einer Geschäftsreise verstorben sei. Doch einmal glaubte er, seinen Vater in Hmaburg gesehen zu haben.

 

Nun will er aber wissen, von wem genau die Überweisungen getätigt worden waren, ob dieser Mensch noch lebe und ob es sich um seinen Vater handele. Und vor allem will er Aufklärung, warum denn dieser Frau und Sohn verlassen habe.

 

Also hebt Edvard alles Geld ab, tauscht es in norwegische Kronen um und begibt sich auf Spurensuche. Hat doch Elsie herausbekommen können, in welchen Banken die Überweisungen nach Deutschland getätigt wurden. Mit Bahn und Fähre reist er, der nie eine Urlaubsreise gemacht hatte, nach Oslo. Dazu noch weltfremd ausgestattet.

 

Auf der Fähre begegnet er Alva, die in Nordnorwegen wegen mystischer Orte recherchieren will. Dieses Treffen - ein Besäufnis an der Bordbar - gestaltet sich dramatisch. Alva versucht dabei immer wieder per Smartphone Kontakt zu Lina zu bekommen. Dabei rutscht ihr später an Deck das Gerät aus Hand und fällt ins Meer. Da sie ja immer knapp bei Kasse ist, erleichtert sie heimlich Edvards „Brieftasche" um eine erkleckliche Summe - aber nur, um sich ein neues Smartphone kaufen zu können.

 

In Oslo angekommen, kann Edvard, der den Diebstahl inzwischen bemerkt hat, Alva nicht mehr sehen. Kurze Zeit später begegnen sie sich erneut unter doch etwas dramatischen Umständen wieder. Sie sprechen sich aus und beschließen, gemeinsam auf die Suche zu gehen. Man will sich dabei gegenseitig unterstützen. Während Alva durchaus magische Naturstätten finden kann, bleibt Erdvards Suche über lange Strecken ergebnislos. Und zwischen beiden sprühen oft die Funken, sind doch beide Menschen doch so verschieden.

 

Immer mehr entwickelt sich die Norwegen-Reise - immer vor dem Hintergrund der rauen norwegischen Landschaften - zu einer Suche nach sich selbst. Jeder der beiden reflektiert immer stärker das eigene bisherige Leben. Und so insbesondere die verpaßten Chancen in Bezug auf Liebe und Partnerschaft...

 

Werden Edvard und Alva nicht nur die magischen Stätten entdecken können, sondern auch Edvards Vater finden und vor allem eine Erklärung für dessen Verschwinden? Werden sie dazu vor allem zu den Menschen finden können, denen sie eigentlich verbunden sind? Worum geht es den beiden letztlich? Ganz einfach gesagt, sie sind auf der Suche nach dem eigenen Glück. Glück aber nicht monetär gesehen, sondern zwischenmenschlich begründet.

 

Insbesondere Edvard schaut immer wieder zurück auf Kindheit, Jugend und die Zeit des frühen Erwachsenen-Alters. Elsie spielt in allen Erinnerungen die größte Rolle. Diese Reflexionen hat Häussler gekonnt in das gegenwärtige Geschehen „eingebaut". Auch Alva bekommt Einblicke in Edvards Grübeln und ermuntert ihn, sich zu sich selbst zu bekennen, sein Leben neu zu ordnen und es endlich auch zu leben. Wird sie es aber selbst auch können? Die Frage stellt sich um so stärker, als während der Spurensuche die Nachricht eintrifft, daß Lina in Berlin spurlos verschwunden ist. Alva fliegt sofort zurück, denn das ist ihr wichtiger als der eigentliche Reiseanlaß, die journalistische Recherche.

 

Diese erzählerische Konstruktion, die Verknüpfung der so verschiedenen Leben der beiden Protagonisten und vor allem Edvards Reflexionen machen den besonderen Reiz dieses Romans aus. Der Titel „Noch alle Zeit" ist daher durchaus Programm! Es ist ja nie zu spät, sich zu besinnen.

 

Allerdings, so die Meinung des Rezensenten, dürfte dieses gut geschriebene Buch wohl eher eine weibliche Leserschaft ansprechen.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Alexander Häusser: Noch alle Zeit. Roman. 280 S. geb.m.Schutzumschl. Pendragon-Verlag. Bielefeld 2019. 24,00 Euro. ISBN 978-3-86532-655-3

 



 
26.09.2019

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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