Ein an sich guter Krimi mit schlimmen historischen Fehlern

WEIMAR. (fgw) In den Jahren 1939 bis 1941 ereignete sich in Berlin ein Serienverbrechen, bei dem in S-Bahnen Richtung Osten sowie in nahegelegenen Laubenkolonien über 30 Frauen überfallen, vergewaltigt und in mindestens acht Fällen auch ermordet wurden. Als Täter konnte ein Hilfsweichenwärter der Reichsbahn ermittelt und überführt werden. Diese Mordserie wurde bereits mehrfach in der Literatur, in Film und Fernsehen thematisiert. Nun hat auch Uwe Klausner dieses Verbrechen zum Anlaß für einen eigenen mehrteiligen Roman genommen.


Klausner hat diesen Roman „Operation Werwolf" genannt, dessen erster Band, „Blutweihe" nunmehr vorliegt. Allerdings rekapituliert er die damalige Mordserie nicht, sondern erzählt in freier Fikionalität eine doch ganz andere Geschichte.

 

Diese beginnt mit einem Prolog, angesiedelt in Polen in der ersten Kriegswoche im September 1939. Hier jagt ein SS-Unterführer aus einer sogennanten Eisatzgruppe auf eigene Faust ein jüdisches Mädchen, will es schließlich in einem Kühlhaus erst vergewaltigen, dann töten. Doch es kommt anders, das Mädchen kann dem Mann mit einem Schlachtmesser eine Hand abhacken und entkommen.

 

Der eigentliche Roman beginnt dann Ende September 1940 im S-Bahnhof Rahnsdorf, Berlin-Köpenick. Da wird zu spätnächtlicher Stunde in einem leeren S-Bahn-Wagen eine junge Frau von einem Mann in Eisenbahner-Uniform überfallen, vergewaltigt, auf übelste Weise verstümmelt und schließlich aus dem fahrenden Zug geworfen. In schneller Folge geschehen im Juli drei ähnliche Morde. Dann ein fünftes Verbrechen; das aber am Bahndamm, auf dem Weg zu einer Laubenkolonie.

 

Die Polizei tappt im Dunkeln. Angst und Schrecken breiten sich unter den Frauen aus, die ja mittlerweile sogar in Schichten in der Industrie arbeiten müssen. Und das ist der Kriegsbegeisterung der Bevölkerung überaus abträglich; sodaß jetzt auf höchste Weisung neben der Kriminalpolizei auch die politische Geheime Staatspolizei, die berüchtigte Gestapo, eingeschaltet wird.

 

Im Mittelpunkt des Romans steht aber nicht der Serienverbrecher, sondern der junge, gerade erst zum Kommissar beförderte, Tom von Sydow und sein Assistent Erich Kalinke. Sydow stammt aus altem märkischen Adel, ist von eigenwilligem Charakter und fühlt sich in der noch existierenden Halbwelt der Nachtbars und Kokotten wohl. Dazu legt er sich immer wieder auch mit den „Schwarzuniformierten" an. Insbesondere geht er seinem vorgesetzten Kriminalrat, einem strammen Nazi, auf die Nerven. Der will Sydow unbedingt loswerden. Doch dessen Vater ist ein „hohes Tier" im Reichsaußenministerium und dazu noch mit dem Berliner Polizeipräsidenten befreundet. Also ersinnt der Kriminalrat eine perfide List: Sydow soll innerhalb kürzester Zeit die S-Bahn-Morde aufklären... und dabei scheitern. Sodaß er in die Wüste, sprich an die Ostfront, geschickt werden kann.

 

Sydow und Kalinke werden somit erst in Zusammenhang mit dem vierten Mord eingeschaltet. Gerade ein bald folgender fünfter Mord gibt ihnen Rätsel auf. Und damit endet im Prinzip der erste Teil.

 

Klausner versteht es, eine fiktive Geschichte wirklich gut zu erzählen, Spannung aufzubauen und dazu noch seine Figuren lebensecht zu charakterisieren. Insbesondere das Psychogramm des Serienmörders läßt aufmerken, ist es doch facettenreich und damit überzeugend geschildert. Dieses Buch könnte damit eigentlich ein Krimi der Spitzenklasse sein.

 

Wenn da nicht unzählige Unstimmigkeiten wären. Unstimmigkeiten in Form schlimmer historischer Fehler. Unstimmigkeiten und Fehler, die einem Autor, der einst Geschichte studiert hatte, aber nicht unterlaufen dürfen. Machen sie doch diese fiktive Geschichte trotz deren Realitätsnähe unglaubwürdig. Denn so werden das reale Leben, die Verhaltens- und Denkweisen sowie die Sprache im faschistischen Deutschland nicht widergespiegelt.

 

So träumt beispielsweise der bewußte SS-Unterführer Anfang September 1939 vom „Eichenlaub mit Schwertern und Brillanten zum Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes". (S. 25-26) Aber das Ritterkreuz war bis weit in den Weltkrieg hinein eine Auszeichnung nur für Offiziere und die hier erwähnten weiteren Stufen wurden erst 1940 und 1941 gestiftet. Später heißt es bei der Beschreibung Himmlers, daß der als Reichsführer-SS die Schulterstücke eines Generalfeldmarschalls trug. (S. 240) Falscher gehts nimmer...

 

Unglaubwürdig wird es auch, wenn sich reichsdeutsche Beamte bundesdeutscher Ausdruckweisen, wie „Job machen" oder „Teenager", bedienen. Oder wenn man sich mit Detektiven aus Chandlers Romanen vergleicht - wurde doch Chandler erst 1950 in Deutschland veröffentlicht. Ein anderes Beispiel aus der Negativliste: Da ist die Rede davon, daß das eine Opfer in einer „Datsche" wohnt. Das muß wohl nicht extra kommentiert werden, da genügt das Kopfschütteln über einen der zu vielen „Besserwessis"...

 

Schade, denn Klausner ist doch eigentlich ein renommierter Autor. Aber hier mangelt es ihm einfach an Sorgfalt.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Uwe Klausner: Operation Werwolf - Blutweihe. Kriminalroman. 284 S. Taschenbuch. Gmeiner-Verlag. Meßkirch 2020. 13,00 Euro. ISBN 978-3-8392-2745-9

 



 
03.10.2020

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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