Ein Antikriegsbuch aus der Sicht eines einfachen Soldaten

WEIMAR. (fgw) Der Pendragon-Verlag hat in diesem Jahr Stephen Cranes grandioses Meisterwerk „The Red Badge of Courage“ (1895) in neuer deutscher Übersetzung („Die rote Tapferkeitsmedaille“) herausgebracht. Diese Neuübersetzung wird komplettiert durch die Kurzerzählung „Der Veteran“, ein Nachwort von Thomas Schneider und ein in die Tiefe gehendes Crane-Porträt von Rüdiger Barth.


Es ist gerade Schneiders Nachwort, das es dem Rezensenten schier unmöglich macht, diesen Roman zu besprechen. Denn dieses Nachwort ist eigentlich eine kongeniale Besprechung des Buches, dem man tatsächlich fast nichts hinzufügen kann. Schneiders Würdigung von Werk und Autor beinhaltet all das, was der Rezensent auch sagen will.

 

Was dem Rezensenten aber wichtig ist zu sagen, das sind zwei Anmerkungen: Zum einen, daß Crane an keiner Stelle seines Romans den vorgeblichen Grund für den US-amerikanischen Bürgerkrieg, die Sklavenbefreiung, anspricht. Er geht stattdessen einmal dezidiert auf den Krieg als solchen ein. Dazu unten mehr. Zum anderen, daß Gockels Übersetzung sprachlich wie erzählerisch von allererster Güte ist. Dieser - unter die Haut gehende - deutsche Text eines eindeutigen Antikriegsbuches dürfte wohl jeden Leser anrühren und zum Mit- und Weiterdenken anregen.

 

Kurz zum Inhalt, auf den im Untertitel „An Episode from the American Civil War" hingewiesen wird. Allerdings handelt es sich um eine rein fiktive Episode an einem fiktiven Ort und ohne nähere Zeitbestimmung. Man kann allerdings erkennen, daß der Zeitrahmen nur wenige Tage erfaßt.

 

Mit einer sehr lyrischen Naturbeschreibung beginnt der Roman. Doch darin eingebettet ein soldatisches Feldlager. Während der Leser noch in schönster Natur schwelgen kann, breitet sich unter den Figuren des Romans ein Gerücht aus. Bald soll endlich das inzwischen monatelange primitive Biwakieren im Freien ein Ende haben und der Feldzug beginnen. Die hier lagernden Soldaten sind frisch einberufen, haben nur eine minimale Ausbildung erhalten. Auch deshalb finden solche Gerüchte bereitwilliges Gehör. Doch wie schon vorher bleibt es beim Gerücht. Bis endlich tatsächlich ein Marschbefehl erteilt wird und sich das Regiment in Bewegung setzt. Doch noch kommt es nicht zum Kämpfen. Man marschiert mal dort hin, mal anderswo hin. Immer wieder heißt es, an diesen Orten Stellungen zu graben. Doch das ist nur - modern ausgedrückt - Beschäftigungstherapie.

 

Held des Romans ist „der Junge". Der Leser erfährt, daß dieser bereitwillig zu den Fahnen der Armee der Nordstaaten geeilt ist. „Der Junge" ist intelligenter als seine Mit-Soldaten und so philosophiert er monologisch in den langen, ereignislosen Stunden über historische Schlachten und über siegreiche Strategien.

 

Mit ihm werden einige weitere Soldaten in das Geschehen eingeführt, so „der Lulatsch" oder „der Schreihals", also Charaktertypen von der äußeren Erscheinung her. Über „den Jungen" erfährt man bald, daß seine Mutter ihn Henry rief. Erst viel später wird auch sein Familien-Name bekannt: Fielding. Crane zeichnet im Laufe des Romans ein umfassendes Charakterbild dieses jungen Soldaten, mit all seinen „Ecken und Kanten". Auch die o.g. Typen erhalten im Laufe des Geschehens ein Gesicht, werden zu Charakteren, werden als Individuen erkennbar. So werden aus der grauen respektive „blauen" Masse lebendige Menschen...

 

Endlich kommt es zu einem ersten Scharmützel mit der kämpferisch überlegenen Armee der Südstaaten, das für Fieldings Regiment zu einem Fiasko wird. Wie so viele andere flieht er voller Panik, wirft sogar seine Waffe weg. Unterwegs stößt er, der eigentlich Fahnenflüchtige und Umherirrende, auf unzählige Verwundete und Sterbende. Seine Beobachtungen führen ihn zu neuen Erkenntnissen über militärische Strategien: Weglaufen, Desertieren statt Kämpfen und Sterben. Dies einerseits, andererseits aber auch dies: »Es gab Momente, in denen er geradezu neidisch war auf die Verwundeten.Vor allem Männer mit völlig zertrümmerten Gliedmaßen mußten in seinen Augen doch absolut glücklich sein. Er wünschte sich sehnlichst, selbst eine Wunde sein Eigen nennen zu können, die rote Medaille der Tapferkeit.« (S. 97-98)

 

Auf seiner schier endlosen Flucht, die real nur wenige Stunden dauert, wird er auch in etliche Gespräche verwickelt. Aus einem solchen entwickelt sich ein Streit, bei dem er sich im Gesicht eine blutige Schramme holt. Irgendwie gelangt er doch wieder zu seiner Einheit. Da gilt er als durch einen feindlichen Streifschuß verwundeter Held und wird von seinen Kameraden mit menschlicher Hingabe gepflegt. Natürlich klärt er das Mißverständnis nicht auf. Dann kommt es endlich zur ersten richtigen Schlacht. Das Kriegsglück wogt hin und her. Henry Fielding wächst dabei über sich hinaus. Dabei spielt eine Fahne eine nicht unwichtige Rolle. Er gilt nun als Held...

 

Das besondere an Cranes Roman ist, daß er wohl erstmals den Krieg aus der Sicht eines einfachen Soldaten schildert. Zuvor teilten sich ja nur Feldherren oder Offiziere mit. Das Elend des „Gemeinen", dessen individuellen Gefühle spielten da nie eine Rolle. Also ist auch die Sprache der einfachen Soldaten in Cranes Roman eine andere, denn er läßt diese so zu Wort kommen, wie „ihnen der Schnabel" gewachsen ist. Ihnen gelten akademische Theorien nichts, nur das Überleben und das „Fressen, das vor der Moral kommt".

 

Aber mehr noch als das kommt in einigen Momenten etwas wirklich Wichtiges und in der bisherigen Literatur eher Unbekanntes zum Ausdruck. Wird doch Henry mehrfach Ohrenzeuge von Gesprächen und daraus resultierenden Befehlen seiner Generale und Obersten. Er erkennt, daß diese keine Strategen sind, sondern überwiegend nur inkompetente Machtmenschen. Aber noch mehr noch als das ist ihm noch eine andere Erkenntnis: Er und alle andere Soldaten, egal ob Rekruten oder kampferfahren, sind für diese Leute nur „Kanonenfutter", hier Maultiertreiber genannt:

 

»Der Offizier legte die Finger an die Kappe, riß sein Pferd herum und galoppierte davon. „Gehen Sie mal davon aus, daß die wenigsten Ihrer Maultiertreiber überleben!", rief ihm der General noch nach. Der Offizier brüllte ein paar unverständliche Worte zrück und grinste.

Zu Tode erschrocken eilten der Junge und sein Freund zurück zu ihrem Regiment.« (S. 174-175).

 

Was Henry nun um so mehr übers Weglaufen (Desertieren) philosophieren läßt, heißt es doch später auch noch:

 

»Die beiden Parteien hatten offensichtlich die langfristigen Ziele einer Schlacht längst aus den Augen verloren. Sie waren damit zufrieden, solange aufeinander einzuschlagen, bis am Ende beide Widersacher am Boden lagen.« (S. 206).

 

Eben drum spricht Crane wohl auch an keiner Stelle von der vorgeblichen Sklavenbefreiung als Bürgerkriegsgrund und dieses gegenseitige Abschlachten der beiden Bürgerkriegsarmeen.

 

Es besticht, mit welch Sprachgewalt und zugleich Feinfühligkeit Stephen Crane Milieus, Situationen, Verhaltensweisen sowie Gefühle und Stimmungen realitätsnah zu beschreiben vermag. So als wäre er selbst dabei gewesen. Dabei war er erst Anfang 20, als er diesen Roman schrieb, und das rund 30 Jahre nach dem Bürgerkrieg, außerdem hatte selbst nie Kriegsdienst geleistet. Hier verbinden sich seine journalistische und seine literarische Begabung kongenial. Was sicherlich auch zu der ungeahnten Resonanz auf sein Buch unter Lesern und ebenso unter anderen Schriftstellern beigetragen hat. Darauf gehen Nachwort und Porträt u.a. ein.

 

Daß der Verlag die Kurzerzählung „Der Veteran" dem Roman hinzugegeben hat, ist erfreulich. In dieser ist Henry Fielding, der den Bürgerkrieg überlebt hat, für alle - auch für seinen Enkel - ein Held. Niemand weiß um die tatsächlichen Ereignisse damals. In der Gegenwart kommt es nun auf der Farm zu einer Brandkatastrophe. In dieser Situation erweist sich der alte Mann - als Zivilist - als wahrer Held.

 

Es ist nun am Leser, aus all dem von Crane Erzählten selbst Schlüsse zu ziehen und sich eben nicht zum manipulierten Kanonenfutter machen zu lassen. Es ist ja leider heute nicht viel anders als damals, nur die Kriegsvorwände haben sich geändert. Deshalb ist ein Antikriegsbuch wie dieses von Stephen Crane nach wie vor unverzichtbar.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Stephen Crane: Die rote Tapferkeitsmedaille. Roman. A.d.US-Amerikanischen v. Bernd Gockel. 320 S. geb.m.Schutzumschl. Pendragon-Verlag. Bielefeld 2020. 24,00 Euro. ISBN 978-3-86532-686-7

 

 



 
21.11.2020

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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