Ein Erwachsenwerden in der Fremde – als Soldat im Breisgau

WEIMAR. (fgw) Von Gérard Scappini liegt mittlerweile der dritte Roman über den jungen Südfranzosen Pascal Napolitano vor: „Ankunft in der Fremde – Von Toulon nach Freiburg“. Dieser Pascal ist das literarische „alter ego“ des Autors; das darin Erzählte ist somit eine autobiographische Selbstreflexion.


Scappini versteht es erneut, seinen ganz besonderen Erzählstil eines „lyrischen Romans" zu pflegen. Seine flüssig geschriebenen Texte sind durchaus Gedichte, sind lyrische Prosa. Dabei ist der Autor ja gebürtiger Franzose, der Deutsch erst nach seinem 20. Geburtstag zu erlernen begann.

 

„Ankunft in der Fremde" behandelt eine wichtige, wenngleich nur kurze, Episode im Leben Pascals, den 16monatigen Wehrdienst in Freiburg/Breisgau. Zugleich wird hier Zeitgeschichte aus einem für Deutsche ungewöhnlichen Blickwinkel heraus erzählt. Im ersten Buch, „Ungeteerte Straßen", ging es um eine Kindheit in einer Arme-Leute-Familie (angesiedelt in den Jahren 1952 bis 1958). Das zweite Buch, Am anderen Ende der Stadt", beschäftigte sich mit den Jugendjahren Pascals, also Hoffnungen, Erwartungen und Enttäuschungen in den Jahren 1958 bis 1966.

 

Der Ernst des Lebens beginnt für Pascal mit der Einberufung zum Wehrdienst. Diesen soll er aber nicht in der Heimat ableisten, sondern bei den Truppen in der ehemaligen französischen Besatzungszone im benachbarten Deutschland.

 

Was ist Deutschland für ihn? Was erwartet ihn in Deutschland? Dazu heißt es u.a. auf Seite 7:

 

„Ich jongliere mit drei Namen:

Goethe

Hitler

und

Beckenbauer."

 

Dieses Deutschland lernt er im beginnenden Winter kennen. Schnee kennen zwar auch die Südfranzosen, aber nicht langliegende Schneemassen bei eisigen Temperaturen. Mit dem Wehrdienst beginnt auch das langsame Erwachsenwerden Pascals, der ja bisher nichts rechtes zustande gebracht hatte. Abgesehen von seiner Leidenschaft fürs Rugby. In seinem Schlafsaal finden sich nun junge Männer aus verschiedenen Regionen Frankreichs zusammen; zudem unterschiedlich in Bildungsgrad und beruflicher Entwicklung. Welch ein Kontrast zur engen provinziellen Kindheit und frühen Jugend.

 

Über lange Strecken erzählt Scappini vom öden Dienstalltag in der Truppe. Diese Tristesse des Kasernenalltags kann erschlagen. Zumal es erst nach Monaten den ersten Ausgang geben wird. Zum Glück ist da aber noch der Rugby-Sport. Hier bedeutet Rugby nicht nur für ihn Freiheit, denn auf dem Spielfeld sind die Rangunterschiede zwischen Rekruten, Unteroffizieren und sogar Offizieren - wenngleich nur temporär - aufgehoben.

 

Die jungen Rekruten beginnen sich aber bald diese eine Frage zu stellen: „Warum sind wir hier?"

 

Daß man inzwischen NATO-Verbündeter (West-)Deutschlands ist, kommt nirgends zum Ausdruck. Nach wie vor versteht man sich ausschließlich als Besatzungssoldat im besiegten Deutschland. Dennoch, kaum gibt es Ausgang, sucht nicht nur Pascal den Anschluß an die Menschen dieser Stadt. Diverse Tanzveranstaltungen in Discotheken bieten gute und zwanglose Möglichkeiten für private Kennenlernen. Unser Held lernt nicht nur Gymnasiasten kennen, mit denen er irgendwie sprachlich radebrechen kann. Sondern auch Mädchen, in die er sich rasch verliebt. Auch das gehört zu seinem Erwachsenwerden dazu.

 

Wegen schlechter Schießergebnisse zieht Pascal aber das „große Los". Er wird abkommandiert zum Anwesen des Generals, wo er mit zwei anderen Rekruten fürderhin als „Dienstbote" zur Verfügung zu stehen hat. Pascal ist nun ausschließlich als Chauffeur für die Ehefrau des Generals tätig. Auch so etwas kann man sich heute kaum noch vorstellen: Daß Soldaten ihren großen Chefs für deren private Angelegenheiten zur Verfügung stehen müssen. Diese jungen Rekruten freut es aber, daß sie nach vier Monaten der Grundausbildung nicht mehr in der Kaserne hausen müssen, sondern fast wie privat in einer Wohnung leben dürfen.

 

Eines Tages kommt Pascal auf die Idee, Deutsch zu lernen. Mit Hilfe eines einfachen Wörterbuches macht er erste unbeholfene Schritte. Seine Mädchenbekanntschaften helfen ihm dabei, die fremde Sprache wirklich zu ergründen. Und er muß lernen, daß zwischen dem (Hoch-)Deutsch und dem im Freiburg gesprochenen alemannischen Dialekt himmelweite Unterschiede bestehen.

 

Nach Uschi und Martina lernt Pascal dann Verena kennen und verliebt sich in sie. Und diese Liebe macht ihn leichtsinnig. Aber sie macht ihn auch erwachsen. Letzteres wird deutlich, als er für seinen ersten Heimaturlaub Verena zu sich einlädt. Wie seine Eltern das Mädchen behandeln, das läßt ihn fliehen. Zurück in Deutschland verleitet die Liebe ihn aber auch dazu, das Auto der Generalsgattin für eigene private Zwecke zu nutzen. Und flugs wird er von der Militärpolizei erwischt. Acht Monate des „Lotterlebens" sind abrupt vorbei. Nach vierwöchigem Arrest muß er für den Rest seiner Dienstzeit Strafdienste in der Kaserne ableisten. Doch er kann den Kontakt zu Verena halten.

 

Sein Wehrdienst - und damit dieser Roman - endet damit, daß Verena ihm mitteilt, daß sie schwanger sei. Für Pascal steht fest ohne Zweifel und Zögern fest, daß er in Freiburg bei Verena und dem Kind bleiben wird. Damit ist er nun tatsächlich in der Fremde angekommen.

 

Wenn man an die holprigen Beispiele von Pascals autidaktischem Deutschlernen denkt, dann muß man mit Hochachtung festellen, daß Gérard Scappini diese Sprachen inzwischen meisterhaft beherrscht. Und daß er die deutsche Gegenwartsliteratur durch seinen eigenwilligen Stil der „lyrischen Prosa" auf lesenswerte Weise bereichert.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Gérard Scappini: Ankunft in der Fremde. Von Toulon nach Freiburg. Gedichte. 216 S. Klappenbroschur. Pendragon-Verlag. Bielefeld 2021. 17,00 Euro. ISBN 978-3-86532-734-5

 



 
26.10.2021

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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