Ein Feuerwerk der Fabulierkunst und der Situationskomik

WEIMAR. (fgw) Vom Bielefelder Pendragon-Verlag ist man ja wirklich gute Kriminalliteratur gewohnt, egal ob von Klassikern des Genres oder von noch unbekannten Autoren. Doch in diesem heißen Sommer haben sich Günther Butkus und seine Mitstreiterinnen noch übertroffen mit Richard Wiemers „Mord in der Tuba“.


Knöcherne Literaturwissenschaftler werden sich wohl nicht entscheiden können, ob sie diesen Roman als (Kriminal-) Komödie, Groteske, Humoreske oder Parodie „einsortieren" sollen oder gar als „Absurdes". Nun, Wiemer hat in seinen Krimi von allem etwas einfließen lassen. Und auch der Wortwitz in Dialogen, aber auch in der Erzählung kommt nicht zu kurz. Herausgekommen ist so ein brilliantes Feuerwerk der Fabulierkunst und der Situationskomik, wo Skurriles bzw. Schräges, was die einzelnen Charaktere und Milieus angeht, zur Hochform auflaufen darf.

 

Natürlich geht es auch bei Wiemer um Mord. Aber schon der Fundort der ersten Leiche ist absurd: Aus einer monströsen Tuba schauen Unterschenkel und Füße heraus. Die eines Mannes. Und als ein Handwerker vorsichtig das Musikinstrument aufschneidet, kommt darin der langjährige Bürgermeister einer nordrhein-westfälischen Kleinstadt zum Vorschein. Der Todesfall ereignete sich im Anschluß an eine großkotzige Geburtstagsfeier des Bürgermeisters. Die Polizei schließt einen Unfall aus und tippt auf Selbstmord und legt also diesen ungewöhnlichen Fall rasch zu den Akten. Warum der Bügermeister sich umgebracht haben könnte, diese Frage wird gar nicht erst gestellt.

 

Nur dem über 70 Jahre alten und nur 162 Zentimeter hohen Gemeindeboten Willi Struck schwant nichts gutes. Für ihn kann es sich bei diesem ungewöhnlichen Todesfall nur um Mord handeln. Seinen Verdacht teilt er mit der städtischen Beamtin Vanessa. Unter Einbeziehung ihrer Freundinnen, der Friseuse Marion und der Buchhändlerin Anneke, bilden sie eine „Task Force". Die vier bekommen zwar vieles zu hören, doch leider nichts Beweiskräftiges. Die drei Frauen kleiden und schminken sich übrigens nicht nur - um es vorsichtig so zu nennen - extravagant, sondern frönen auch noch der Esoterik.

 

Und zugleicht wabert die Gerüchteküche, jeder weiß mehr als der andere über den Bürgermeister und seine Witwe... Da meldet sich eines Tages ein Instrumentenbauer bei Vanessa, die sofort mit Struck zu diesem fährt. Der Instrumentenbauer legt höchst umständlich, aber schlüssig dar, daß man mit seiner Tuba keinen Suizid begehen könne - es kann sich also wirklich nur um einen Mord handeln. Und dann kommt noch das Mitglied des örtlichen Fanfarenzuges ums Leben, diesmal allerdings in freier Natur. Jetzt läuft die Polizei zur Höchstform auf und macht für beide Todesfälle die weltweit organisierte Kriminalität verantwortlich. Sondereinsatzkommandos machen die Kleinstadt unsicher. Nur normale polizeiliche Ermittlungsarbeit wird nicht geleistet.

 

Dafür fällt bei Struck und Vanessa der sprichwörtliche Groschen und sie stellen dem vermuteten Täter eine Falle. Und genau in diese stößt das Sondereinsatzkommando hinein... und verhaftet Struck. Weil er (unbewußt und aus besonderem festlichen Anlaß) wie Klischee-Mafia-Gangster einen Nadelstreifenanzug angezogen hat. So die Polizeisicht. Doch schließlich und endlich kommen Täter und Motiv zutage - und das sogar mit einem offenherzigem Geständnis.

 

Und der Leser darf ob dieser Auflösung mehr als überrascht und verblüfft sein und kann mit einem herzhaften Schmunzeln diese überaus kurzweilige Lektüre beenden.

 

Interessanter und spannender noch als die Morde und die Aufklärung derselben sind die von Wiemers gezeichneten Charaktere, Milieus und Situationen.

 

Neben den bereits o.g. Personen wären da unter anderem ein Schmierenjournalist und dessen Elaborate und ganz besonders die Lokalpolitiker. Wenn man sich die nach dem Tode des Bürgermeisters angesetzten Fraktionssitzungen (man muß ja neu wählen) liest, dann kann man sich vor Lachanfällen kaum noch retten. Und man zieht unwillkürlich Parallelen zur Bundespolitik, wo es nicht selten auch so provinziell zugeht. Wiemer nimmt auch die ausufernde „politisch korrekte" Genderei aufs Korn resp. auf die Schippe, wenn er „seine" Politiker mehrfach von „Ratsmitgliederinnen und Ratsmitgliedern" schwafeln läßt.

 

Nicht minder köstlich die Proben des örtlichen Fanfarenzuges (da ist übrigens ein jeder zugleich Vorstandsmitglied!), die vor Unmusikalität nur so strotzen - und ebenso vor unbekümmertem Selbstbewußtsein. Da muß man unwillkürlich auch an die vielen sogenannten Experten denken, die sich beispielsweise im Fernsehen tummeln. Die Krone setzt Wiemer hier mit dem Stargast zum anstehenden Stadtfest auf: dem aus Funk und Fernsehen bekannten, also abgetakelten, Schlagerstar Dimitri Akropolis: Als sich der im örtlichen Frisiersalon „Haarsträubend" einfindet, wird der vom Sondereinsatzkommando gestürmt. Sieht doch dieser Mann so südosteuropäisch aus, also wie einer aus der organisierten Kriminalität. Noch köstlicher zu lesen ist die Passage, in der der Sänger eine Probe mit dem Fanfarenzug versucht...

 

Der Rezensent kann diesen ungewöhnlichen Kriminalroman nur wärmstens empfehlen. Zu den oben genannten Gründen möchte er noch diesen hinzufügen: Wiemers ist eine überaus fulminante Gesellschaftssatire der Bundesrepublik gelungen. Die Geschichte handelt zwar in der realen Kleinstadt Altenbeken, aber fast alles andere ist absolut fiktiv. Doch: Altenbeken kann durchaus überall sein.

 

Und nochmals sei - neben dem Autor - dem Verlag ein großes Dankeschön für dieses köstliche Lesevergnügen gesagt.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Richard Wiemers: Mord in der Tuba. 344 S. Pendragon-Verlag. Bielefeld 2018. 13,50 Euro. ISBN 978-3-86532-623-2

 



 
02.09.2018

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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