Ein gut konstruierter Krimi. Mit einem kleinen „ja, aber“

WEIMAR. (fgw) Einen wirklich gut konstruierten, gut fabulierten Krimi hat jetzt die gebürtige Neustrelitzerin Jana Jürss mit „Ostseekiller“ vorgelegt. Allerdings muß diese Wertung durch ein kleines „ja, aber“ eingeschränkt werden.


Das Urteil „gut konstruiert" bezieht sich auf die Straftat, eine Reihe von Serienmorden im beschaulichen Rostocker Ortsteil Warnemünde. Real dürfte ein solches Verbrechen in ganz Deutschland noch nicht vorgekommen sein und wohl auch niemals vorkommen werden. Es handelt sich um eine reine, also hypothetische, Kopfgeschichte nach dem Motto „Was wäre wenn...", also das Durchspielen eines außerordentlich makabren Verbrechens. Bei der Lektüre fühlt man sich sehr deutlich an das Genre des sogenannten Splatter- bzw. Gore-Horrorfilms erinnert. Auch wenn die eigentliche Bluttat hier - zum Glück - nicht vorkommt, sondern nur das Ergebnis: „to gore" - englisch für durchbohren, aufspießen. Und all dieses höchstwahrscheinlich Unmögliche wird von der Autorin gut erzählt und sie läßt ihre Leser bis fast zum letzten Moment im Dunkeln, was Täterschaft und Motiv angeht. Trotz der extremen, ja absurden Fiktion ist die Fabel dennoch logisch aufgebaut und sorgt nicht nur für Spannung, sondern durch die deutlich werdende Horror-Geschichte auch noch für richtig „Thrill". Allerdings nur bis zur Seite 208. Ab da gehen mit der Autorin die sprichwörtlichen Pferde durch, wenn sie die alte Schimären „Stasi" und „IM" satteln muß. Das ist im Hier und Heute nicht bloß peinlich, das ist vor allem absolut unnötig.

 

Lobenswert ist, daß alle Figuren in dieser Fiktion nicht holzschnittartig gezeichnet sind, sondern als Menschen mit glaubhaften „Ecken und Kanten" 'rüberkommen. Lobenswert sind ebenfalls die gelungenen Dialoge, auch die eingeschobenen Monologe bestimmter Charaktere.

 

Worum geht es im Roman neben dem Verbrechen an sich noch? Vor allem um ein kompliziertes Vater-Sohn-Verhältnis, das sich im Laufe des Geschehens entspannt: Der Stuttgarter IT-Spezialist Hannes Liebermann hat sich von seiner exzentrischen Lebensgefährtin Liliana getrennt und sucht Abstand. Abstand - trotz alledem - bei seinem in Warnemünde lebenden Vater Johannes, genannt „Jo". Dieser ging nach 1990 nach Rostock und wurde dort als Wessi-Kriminalhauptkommissar den einheimischen „Ossis" vorgesetzt. Inzwischen ist er pensioniert und betreibt mit seiner neuen Lebensgefährtin Dorothea Wilke, einer Schauspielerin, eine kleine Pension für Urlaubsgäste. Aber ihm fehlt etwas... Das aufregende Leben als Kriminalist. Und kaum ist Hannes eingetroffen, zoffen sich Vater und Sohn, ohne daß Dorotheas Vermittlungsversuche fruchten.

 

Hannes will nun schnell zurück nach Stuttgart. Doch zuvor machen Vater und Sohn einen ausgedehnten, der Versöhnung hoffentlich dienenden, Spaziergang am Strand. Und hier stoßen sie unversehens in der Nähe des Hotels „Neptun" auf des Vaters ehemalige Kollegen. Denn in Hotelnähe ist ein Frauenkopf aufgefunden worden, aufgespießt auf einen Dreizack. Vom Rest des Körpers ist nichts zu sehen. Der alte Liebermann mischt sich ungefragt in die Tatort-Arbeit ein und gerät dabei auf das heftigste mit seiner Nachfolgerin, der Oberkommissarin Wilma Leopold, aneinander.

 

Bereits am Tag darauf wird an einem FKK-Strand ein weiterer aufgespießter Frauenkopf aufgefunden. Und so geht es weiter. Alle getöteten Frauen (sieben an der Zahl) müssen um die 50 gewesen sein. Lediglich ein Opfer, mitten in der Serie, war wohl gerade erst 18 geworden. Das alles läßt des alten Liebermanns Jagdinstinkt erwachen, zumal die Polizei ewig im Dunkeln tappt und unter der Bevölkerung Panik um sich greift. Vater und Sohn raufen sich zusammen und wollen privat ermitteln, wobei sie ihre sepzifischen Fähigkeiten miteinander kombinieren wollen. Handelt es sich bei der Serientat etwa um einen Fall von Ritualmord? Und warum sind ausgerechnet nicht mehr junge Frauen die Opfer? Derweil hat sich die die überforsche Oberkommissarin gegenüber einem Polizeimeister im wahrsten Sinne des Wortes übergriffig benommen und wird vom Dienst suspendiert. Eine SoKo des Landeskriminalamtes übernimmt nun, doch ebenfalls erfolglos. Aber auch Wilma ist mit Haut und Haaren Kriminalistin und führt ihre Ermittlungen „privat" weiter. Sie springt über ihren Schatten und tut sich nun endlich mit Vater und Sohn Liebermann zusammen. Selbst Dorothea betätigt sich jetzt als Unterstützerin der Ermittlungen.

 

Im Gegensatz zu der SoKo kommen sie voran. Vor allem, als sich Hannes an ein Erlebnis auf der Fahrt nach Rostock erinnert. Kurz vor Rostock war er von einer Anhalterin angesprochen worden, die ihm gegenüber wirres Zeug gefaselt hatte. Ihm fallen diese Stichworte ein: Neptun, Liebe, Treue, ein beschworenes Versprechen. Damit sind sie endlich auf der richtigen Spur. (Auch wenn diese Begegnung an sich doch zu konstruiert wirkt - denn solche Zufälle dürfte es ja wohl eher selten geben.) Aber wie hängt alles zusammen? Wer ist zu solchen Untaten fähig? Und wo geschahen diese? Wo sind die Körper der ermordeten Frauen? Handelt es sich um einen Einzeltäter? Gibt es nicht wenigstens einen Komplizen? Jetzt kommt Hannes intuitiv der richtige Gedanke, wenngleich nicht bis in letzter Konsequenz...

 

Dann geschieht noch etwas. Eine Kollegin vom Theater, die hochschwangere Cosntanze, bittet Dorothea um Hilfe: Ihr Ehemann, Frank List, sei spurlos verschwunden. Den „Privatermittlern" offenbart sich bei einem Besuch im Hause List, daß dieser vor rund 30 Jahren Musiker in einer Band namens „Poseidon" war und dort den Spitznamen „Neptun" hatte. Er war - und ist es heute noch - ein Mann mit vielen Liebschaften. Polizei und auch die Liebermanns & Co. (Wilma ist inzwischen rehabilitiert, kooperiert aber nach wie vor geheim mit Vater und Sohn) suchen nun konzentriert nach List, dem Hauptverdächtigen. Die Ereignisse spitzen sich weiter zu. Und wie in einem guten Krimi üblich erweist sich schließlich vieles als das: Es ist nicht alles so, wie es auf den ersten Blick aussieht. Worum ging es bei den Serienmorden? So viel kann gesagt werden: Um sexuelle Obsessionen, krankhafte Hörigkeit und Eifersucht, späte Rache, Einbildungen und Wahnvorstellungen... Wie sich aber alles auflöst, wie die offenen Fragen nach der Täterschaft und dem Tatort Beantwortung finden, das soll jedoch hier nicht verraten werden.

 

Was eigentlich gar nicht zu Geschichte gehört, was aber den Rezensenten besonders anspricht, das sind einige Vater-Sohn-Dialoge über leidige, heutige Zustände in der verbalen und schriftlichen Kommunikation:

 

„'Ach, lass mich mit diesen ständigen sogenannten Events bloß zufrieden. Jede Woche ein anderes Highlight.' Jo sprach beide englischen Wörter langsam und so aus, wie sie geschrieben wurden. Was große Verachtung bedeuten sollte." (S. 32)

 

„Johannes faßte sich an den Kopf. 'Die spinnen. Erst die schwarzen Uniformen, dann mußten die Strefenwagen andere Farben bekommen und jetzt wollen sie Sheriff wie in Hollywood spielen mit Flasher und Yelp.' Wieder spuckte er die englischen Wörter überdeutlich aus, wie sie geschrieben werden." (S. 34)

 

„'Connections?' Jo sprach es der Schrift entsprechend aus. 'Was hast du gegen die gute alte deutsche Sprache? Kontakte, Verbindungen. Wir haben genügend eigene Bezeichnungen für eine Sache.'" (S. 75)

 

Gerade für diese deutliche Kritik an der um sich greifenden Denglish-Manie, also der Verhunzung der doch so ausdrucksreichen deutschen Sprache (auch unter Autoren), ist Jana Jürss besonderer Dank zu sagen. Und wenn man vom kleinen „ja, aber"-Befund absieht, ist ihr ein verdammt guter (rein hypothetischer) Krimi gelungen.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Jana Jürss: Ostseekiller. Kriminalroman. 250 S. Taschenbuch. Gmeiner-Verlag. Meßkirch 2018. ISBN 978-3-8392-2244-7. 12,00 Euro

 



 
11.04.2018

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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