Ein Krimi in Thriller-Qualität: Greta R. Kuhns „Saarperlen“

WEIMAR. (fgw) Die gebürtige Saarländerin Greta R. Kuhn hat jetzt im Gmeiner-Verlag einen fulminanten Kriminalroman vorgelegt, einen Krimi in bester Thriller-Qualität. Insofern ist dem Klappentext nach erfolgter Lektüre ohne Einschränkung zuzustimmen. Denn in jenem Text heißt es u.a.: „In der idyllischen Weingemeinde Perl im nördlichen Saarland treffen Brutalität, Macht und Abhängigkeit auf blutige Racheglüste.“ Übrigens, diese Gemeinde Perl gibt es tatsächlich...


Wie es weiter heißt, geht es in diesem Roman um den ersten Fall der Kriminalhauptkommissarin Veronika Hart. Das läßt nicht nur darauf schließen, daß weitere Saar-Krimis folgen werden, das läßt sogar darauf hoffen.

 

Veronika Hart ist frisch nach Saarbrücken ans dortige Landeskriminalamt (LKA) versetzt worden und dort die jüngste Hauptkommissarin. Was bei ihren neuen Kollegen nicht unbedingt auf Freude trifft, hatten doch andere auf Beförderung auf diese Stelle gehofft. Und die junge Frau hat sich in ihrer Dienststelle noch nicht mal richtig einrichten können, da wird sie zu einem Fall, der es in sich hat, gerufen.

 

Das Bild, das sich in Perl bietet, ist mehr als grauenvoll. Denn dem Landwirt Gunnar Petersen ist bei Erntearbeiten eine Frau in die Klingen seines Mähdreschers geraten. In dem hohen Maisfeld hatte er aber nichts ungewöhnliches sehen können. Nur eigenartige Geräusche machten ihn darauf aufmerksam, daß Fremdkörper in die Maschine gelangt waren. Was Petersen nach dem Absteigen zu sehen bekommt, das versetzt ihn in tiefsten Schock.

 

Schockiert sind dann auch die Polizisten, als sie den Tatort zur Spurensicherung „unter die Lupe nehmen". Denn eine Leiche gibt es nicht zu sehen, dafür aber fast unzählbare Leichenteile. Als diese Teile später in der Pathologie zusammengefügt werden, ergibt sich ein bizarres Bild: Bei der Leiche muß es sich um eine Frau handeln, die etwa um die 30 Jahre alt ist, etwa 1,80 Meter groß und... etwa 180 Kilogramm schwer. Später entdeckt man an einer Körperstelle noch ein Brandzeichen in der Größe einer Münze, darin der Buchstabe „A".

 

So werfen die Todesumstände und mehr noch die Identität des Opfers Fragen auf, die lange Zeit nicht beantwortet werden können. War die Frau bereits tot, als sie in die Mähdrescher-Klingen geriet oder lebte sie noch? Und warum hatte sie ein solch extrem großes Körpergewicht? Selbst die Recherche in bundesweiten Vermißtenmeldungen führt zu keinem Ergebnis. Der Fall wird wohl zu den Akten gelegt werden müssen. Doch es vergeht eigentlich nur eine kurze Zeit, da wird wiederum im Perler Gemeindegebiet eine weitere monströse Frauenleiche aufgefunden. Allerdings nicht zerstückelt. Auch hier handelt es sich um eine jüngere, sehr große Frau mit einem enormen Körpergewicht. In der Pathologie wird dann bei genauerer Untersuchung ebenfalls ein Brandzeichen entdeckt, diesmal mit dem Buchstaben „B".

 

Es soll nicht bei diesen beiden scheinbar unlösbaren Mordfällen bleiben. Daß es sich um Mord handeln muß, das steht nun doch fest. Ist hier ein Serientäter am Werk? Welches könnte sein Motive sein? Handelt es sich etwa um Ritualmorde aus der Fetischszene? Denn wie sich weiter ergibt, waren die getöteten Frauen nicht immer extrem übergewichtig gewesen, sondern sind in erst ihren letzten Lebensmonaten auf brutalste Weise gemästet worden.

 

Bald gibt es einen dritten Fall und nunmehr gerät ausgerechnet Gunnar Petersen in Verdacht, der Täter zu sein. Ja, die Ermittler versteifen sich sogar darauf, nur in diese Richtung zu ermitteln. Zumal ja nach einer anonymen Anrzeige auf Petersens Hof dort Indizien gefunden werden, die diesen Verdacht scheinbar zweifelsfrei belegen.

 

Doch der wirkliche Täter macht nun Fehler und so müssen die Ermittler feststellen, daß es sich bei den Toten um einst erfolgreiche „Models" handelt. Nicht nur dies hat diese aber verbunden, sondern - das wird auch bekannt: diese hatten allesamt Online-Flirts gehabt mit einem, der sich da „Teacher" nannte. Und durch einen solchen Fehler, der aber ganz woanders begangen wird, kommt die Kripo schließlich sogar dem wirklichen Täter auf die Spur - mit Name und Anschrift... Doch welches Motiv ihn einerseits zum Mästen, andererseits zum Töten trieb, das bleibt immer noch verborgen.

 

Greta R. Kuhns „Dramaturgie" der Handlung ist exzellent, ist genial. Neben dem Ermittlungsstrang und dem Strang um Gunnar Petersen und seine Frau Magda hat sie darin noch einen weiteren Handlungsstrang mit zwei Polen verwoben. Da ist zum einen der Täter; ja es ist ein Mann, der hier immer nur als „er" agiert. Dieser „er" steht aber per eMail und Skype (!) in Kontakt mit einer „SIE" (ja, es ist auch real eine Frau), die für ihn aber im wahrsten Sinne immer im Halbdunkel bleibt. Der Täter ist dieser Frau total verfallen. „SIE" will, daß er mästet und mordet. „SIE" will, daß er Rache übt an den Frauen, die sie für „IHR" schlimmes Schicksal mitverantwortlich macht.

 

Zunächst bleiben Leser wie auch die Ermittler diesbezüglich im Dunkeln. Dann aber ist der Leser bald im Vorteil, denn Puzzle-artig teilt die Autorin ihm Detail für Detail zur Person des Täters mit. Selbst die „SIE" betreffend werden dem Leser schließlich winzige Details zur Person und zur Motivation geliefert.

 

Nach schlimmen Stunden, ja Tagen der Verdächtigungen und Verhöre, kann Gunnar endlich aufatmen. Denn auch Dank des Einschreitens seiner Frau Magda kann seine Unschuld zweifelsfrei festgestellt werden. Doch dafür gerät nun Magda in Lebensgefahr.

 

Da aber „er" zu viele Fehler gemacht hatte (welche und warum, das soll hier aber nicht verraten werden), läßt „SIE" ihn gnadenlos fallen. Denn „er" war für sie nur willfähriges Werkzeug, dem er durch geschickte Manipulation aus verblendeter Liebe hörig geworden war.

 

Aber es ist dann doch noch nicht vorbei. Es MUSS also einen Folgeband geben, denn noch weiß - außer dem Leser - niemand um die Identität dieser „SIE".

 

Ja, dieser außergewöhnliche Kriminalfall/-roman ist Greta R. Kuhn sehr gut gelungen. Nicht nur, weil die Spannung bis zuletzt erhalten bleibt, ja, sich sogar noch steigert. Sonder auch weil ihre Figurenzeichnungen, ihre Charaktere, gut „ausgearbeitet" sind. Das betrifft zum einen die Protagonistin Veronika Hart, die sich hier bewähren muß, und die zu ihren Mitarbeitern finden muß. Das betrifft zum anderen die Psyche des „er": Warum und wie kann ein Mensch (das betrifft aber auch die „SIE") seelisch so verkrüppelt sein, daß dieser an extrem sadistischer Grausamkeit Gefallen finden kann? Und dann geht es um die uralte Frage von Macht, Abhängigkeit, Hörigkeit...

 

Für all das findet die Autorin gute erste Antworten, so daß der Leser nicht bloß Konsument eines Buches ist, sondern zum eigenen Nachdenken über solche leider durchaus realen Tatbestände angeregt wird. Dabei schont Greta R. Kuhn ihre Leser nicht, denn die Beschreibungen des Umgangs des Täters, also des Mästens und der Verhöhnung seiner Opfer, sind wahrlich nichts für schwache Nerven. Aber nur so ist dieses Verbrechen in Serie auch glaubhaft und aufrüttelnd dargestellt.

 

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

 

Greta R. Kuhn: Saarperlen. Saarland-Krimi. 312 S. Klappenbroschur. Gmeiner-Verlag. Meßkirch 2019. 14,00 Euro. ISBN 978-3-8392-2500-4

 



 
06.09.2019

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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