Ein Krimi mit Thriller-Qualität und dazu noch realitätsnah

WEIMAR. (fgw) Mit Spannung erwartet wurde der zweite Roman über die Stuttgarter Oberkommissarin Tina Baumann. Diese ist inzwischen von der Kriminaltechnik ins Dezernat für Todesermittlungen, vulgo Mordkommission, gewechselt. Diesen Wechsel hat sie keinesfalls bereut. Auch wenn die neuen beruflichen Herausforderungen nicht nur anspruchsvoll sind, sondern nicht selten an die Grenzen der persönlichen Leidensfähigkeit führen. Davon erzählt der Roman „Puppenjagd“.


Nach dessen Lektüre muß der Rezensent schon gleich eingangs dies hervorheben: Silvia Stolzenburg ist nicht mehr nur Meisterin des historischen Romans. Nein sie hat sich mit diesem Band endgültig auch als Meisterin des zeitgenössischen Kriminalromans etabliert. Bescheiden nennt sie dieses Buch einen Kriminalroman. Das ist aber untertrieben, denn herausgekommen ist ein Thriller allererster Güte! Wobei es der Autorin nicht um den „thrill" an sich geht. Der ist glücklicherweise nur Mittel zum Zweck.

 

Ist es doch Silvia Stolzenburgs primäres Anliegen, die Arbeit von Polizei-Dienstzweigen, Rechtsmedizin, Justiz, Feuerwehr und anderen Rettungskräften so authentisch wie nur möglich darzustellen. Da mag es manch einen Leser stören, wenn in ihren Kriminalromanen so detailreich auf banale Abläufe in den komplexen Ermittlungen oder auf Bezeichnungen (siehe Abkürzungen und Erläuterungen im Text selbst) eingegangen wird. Aber es ist doch gerade der Realitätsbezug, der einen Krimi wirklich spannend, aufregend macht und ihn wohltuend von „billiger Konfektionsware vom Fließband" abhebt.

 

Gleich in einem der ersten Kapitel wird das geschickt von der Autorin selbst eingeflochten:

 

„'Sollten wir nicht die von der OFA dazuholen?', fragte Manni. (...) 'Du weißt, wie der Chef es handhabt', gab Tina zurück. 'Erst, wenn wir in eine Sackgasse geraten, kommen die Fallanalytiker ins Boot.' Sie erinnerte sich an eine Schimpftirade des SOKO-Leiters über die Profiler vom LKA. 'Die halten sich für die wichtigste Abteilung der Polizei', hatte er gewettert. 'Dabei kochen die auch bloß mit Wasser. Das kommt von den ganzen bescheuerten Fernsehserien.'" (S. 19)

 

Natürlich löst die Autorin die verwendeten Abkürzungen nicht nur auf, sondern erläutert kurz deren Begriffsinhalte.

 

Nach langer Vorrede nun zum Inhalt des vorliegenden Buches.

 

Drei jugendliche Skateboarder machen während ihres Trainings in einem Industriegelände eine grausige Entdeckung. Sie stoßen in einer abseitigen Ecke auf eine grausam verstümmelte Frauenleiche, die dazu noch auf groteske Weise wie eine Puppe zurechtgemacht ist. Damit endet der kurze Prolog und das nächste Kapitel führt in die Universität, wo sich die 19jährige Studentin Amelie Zeiner langweilt. Der Leser kann nur den Kopf schütteln, wenn er da so ganz nebenbei erfährt, daß eine Lingustik-Vorlesung in englischer Sprache abgehalten wird...

 

Also chattet Amelie in den vorgeblich sozialen Medien, hier Tinder, mit einem gewissen „Flo", eigentlich Florian. So richtige Erfahrungen mit Männern hat sie noch keine, fühlt sich daher von den Komplimenten des sich älter gebenden Mannes geschmeichelt. Damit ist im Roman ein Handlungsnebenstrang eröffnet. Ein Strang, der sich auf fatale Weise bald mit dem Hauptstrang, also Tinas Mordermittlungen, verknüpfen wird.

 

Die Tote aus dem Prolog kann recht bald identifiziert werden. Es handelt sich um die Prostituierte Tamara Reichert, die auf SM-Kunden spezialisiert war. Als er die Tote näher in Augenschein nimmt, verhält sich Tinas Kollege Manni jedoch mehr als eigenartig. Er muß diese Frau gekannt haben, will aber nichts dazu sagen. Es wird aber offenbarer, daß Manni eine Vergangenheit hat, aus der er ein Geheimnis macht.

 

In Verdacht gerät zunächst Tamaras Zuhälter, doch dem kann nichts nachgewiesen werden. Andere Spuren verlaufen ebenfalls im Nichts. Da wird bekannt, daß es sieben Monate zuvor schon einen ähnlichen Fall gegeben hat. Also eine ähnlich verstümmelte und zurechtgemachte Frau; die Studentin Julia Heitmann. Man kann aber keinerlei Verbindungen zwischen den beiden ermordeten Frauen und dem Zuhälter feststellen.

 

Eher durch Zufall stoßen die Ermittler auf einen 30 Jahre zurückliegenden Fall, der gewisse Übereinstimmungen mit den aktuellen Morden aufweist. Doch der damalige Täter ist in der Haft verstorben. Dennoch geht die SOKO von einem Serientäter aus, der dazu noch psychisch gestört sein muß. Obwohl man für die grausige Präsentation der Opfer kein Motiv erkennen kann.

 

Mittlerweile geht die Chat-Affäre Amelies mit Flo weiter, wird bald real. Amelie ist ob des so einfühlsamen und erfahrenen Mannes so verliebt, daß sie alles andere darüber vergißt. Doch bald schon zwingt Flo die junge Frau zu harten SM-Spielchen und filmt diese auch noch. Als Amelie das mitbekommt, trennt sie sich in aller Öffentlichkeit von „Flo". Kurz darauf verschwindet sie spurlos. Eine WG-Mitbewohnerin meldet das der Polizei. Und da Amelie vom Äußeren her den beiden Mordopfern ähnelt, gilt nun höchste Gefahrenstufe. Es gelingt sogar, diesen „Flo" aufzuspüren, der in Wirklichkeit gar nicht so heißt. Er ist zwar höchst verdächtig, aber er beteuert seine Unschuld. Es wird offenbar, daß der gut verdienende Mann unter Minderwertigkeitskomplexen leidet. Er macht sich deshalb übers Internet an junge Frauen heran, verführt diese und verkauft dann die angefertigten Amateur-Porno-Videos im Internet.

 

Wie aber kommt der Mörder an seine Opfer? Das Internet ist da ein wichtiger Hinweis. Denn die Prostituierte warb ja im Netz für sich und auch Amelie tummelte sich via Tinder dort. Tina bietet jetzt an, sich als Lockvogel zur Verfügung zu stellen. Da ja auch sie den Opfern in gewisser Hinsicht ähnelt. Und man müsse doch davon ausgehen, daß der Täter in immer kürzeren Abständen morden würde. Amelie sei also in höchster Lebensgefahr. Und hier kommt wieder die Realitätsnähe zutage: Der SOKO-Leiter lehnt Tinas Ansinnen ab.

 

Derweil erfährt der Leser von Amelies Martyrium, die tatsächlich von dem Serienmörder entführt worden ist. Die Beschreibungen lassen durchaus das Blut in den Adern erstarren. Silvia Stolzenburg schenkt einem da nichts.

 

Es kommt aber noch schlimmer. Denn nun wird Tina tatsächlich ebenfalls entführt... Wie wurde der Mörder auf sie aufmerksam? Nun, es darf verraten werden. Heutzutage ist es ja üblich, daß berufliche und Möchtegern-Paparazzis die Medien aller Couleur mit Fotos von Tatorten versorgen. Der Mörder las Zeitung und kam so zu allem nötigen Wissen über Tina und ihren Arbeitsplatz.

 

Die Stuttgarter Polizei arbeitet auf Hochtouren. Nicht nur Kollege Manni, der inzwischen sein Geheimnis gelüftet hat. In die Suche schaltet sich ebenfalls Tinas Lebensgefährte Tom ein, obwohl in einem ganz anderen Dienstzweig tätig.

 

Aber alles bleibt erfolglos, weder Amelie noch Tina tauchen tot oder lebendig wieder auf. Und wieder sind es die alten Fallakten von vor 30 Jahren, die in die richtige Richtung weisen. Doch auch da gerät zunächst ein völlig falscher Mann ins Visier. Aber der kann, sich an die damalige Zeit erinnernd, endlich einen brauchbaren hinweis geben. Unterdessen spitzt sich die Lage für Amelie und Tina zu...

 

Natürlich geht es für Tina gut aus, denn ein Folgeband ist ja bereits avisiert. Kann aber Amelie überleben? Was wird aus „Flo", der immerhin genügend Dreck am Stecken hat? Was aus dem Zuhälter? Und vor allem, warum hat der Mörder jetzt - 30 Jahre nach dem ersten Verbrechen - (wieder) zugeschlagen? Welches ist sein Motiv? Was der Auslöser für diese grausamen Haß-Verbrechen? Und - warum hat er seine Opfer als Puppen zurchtremacht?

 

Alles in allem: Eine gut komponierte und gut erzählte Geschichte. Außergewöhnlich, dennoch glaubhaft. Die Spannung erwächst durch eine gekonnte Dramaturgie, Aufbau und Reihung der Kapitel und die fabelhafte Verknüpfung der zwei Handlungs- und Erzählstränge Tina und Amelie.

 

Bravo, liebe Silvia Stolzenburg. Bleiben Sie dran und schenken Sie bitte Ihren Lesern noch viele 1a-Krimis!

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Silvia Stolzenburg: Puppenjagd. Kriminalroman. 320 S. Klappenbroschur. Weltbild-Verlag. Augsburg 2019. 12,99 Euro. ISBN 978-3-95973-997-9

 



 
18.03.2019

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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