Ein Loibelsberger-Krimi vom Feinsten, edel wie ein Diamant

WEIMAR. (fgw) Der Gmeiner-Verlag hat jetzt – nach gut zehn Jahren – Gerhard Loibelsbergers Kriminalroman „Die Naschmarktmorde“ in gediegener buchbinderischer Qualität neu aufgelegt.


Der Roman führt den Leser zurück in das Wien des Jahres 1903. Loibelsbergers Protagonist, der Inspector im kk-Polizeiagenteninstitut Joseph Maria Nachyba, ist Anfang 40, immer noch ledig. Dafür aber bereits recht gut arriviert in der Wiener Kriminalpolizei. Den Dienst nimmt er ernst, so wie alle Beamten der k.u.k. Monarchie. Wichtiger aber noch ist ihm das geregelte Leben mit Gabelfrühstück und Bier, oder die gehobene Konversation im Kaffeehaus, und dazu immer auch eine gute „Virginier". Nur, er ist immer noch Junggeselle. Da er aber einem besonderen Hobby, dem Kochen frönt, ist ihm sogar das Allein-Leben erträglich.

 

In diese trügerische Ruhe platzt immer mal wieder ein unspektakulärer Kriminalfall, den Nechyba ohne Hast zumeist erfolgreich lösen kann...

 

Doch dann ereignen sich auf einmal gleich mehrere Dinge, die indirekt durchaus miteinander zu tun haben, die Nechybas Leben gehörig aufstören.

 

Eines Frühmorgens wird auf dem Wiener Naschmarkt ein junge Gräfin tot aufgefunden. Sie wurde mit einem Seidenschal erdrosselt. Verdächtigt wird zunächst ein Fleischhauer-Geselle, dessen Gewalttätigkeit gegen Frauen marktbekannt ist. Nechybas Faktotum Pospischil verhaftet diesen Mann und prügelt ein Geständnis aus ihm heraus. Der Geselle kann es aber nicht gewesen sein. Zudem ist er Nechybas Lieblingsfleischlieferant. Der Inspector zweifelt also und setzt alles daran, daß der junge Mann bald wieder entlassen wird. - Nebenbei, es gibt Gerüchte, daß die junge Gräfin ein unstandesgemäßes Verhältnis, eine Mesalliance, mit einem noch Unbekannten gepflegt haben solle. Was aber auch wieder bezweifelt wird. Gerade dieser Mord bietet der Boulevardpresse Stoff für Sensationsberichterstattungen, was auf die Polizei zusätzlichen Druck ausübt.

 

Und eben jener oben erwähnter Geselle hat eine Bestellung Nechybas falsch ausgeliefert. An die Adresse des Hofrates Schmerda. Dessen Köchin, Frau Aurelia, schickt - anhand der dem Paket beigefügten Adresse - ihr Küchenmädchen Mizzi mit dem Fleisch zu Nechyba.

 

Kurz darauf wird diese Mizzi ebenfalls erdrosselt aufgefunden. Auf einem Hinterhof in der Nähe des Naschmarktes, vor der Bruchbude des dort hausenden Horoskop-Händlers Stanislaus Gotthelf. Nun gerät dieser in Verdacht, beide Frauen getötet zu haben. Doch Gotthelf ist für einige Wochen unauffindbar. Bis er dem Nechyba im wahrsten Sinne des Wortes in die Hände läuft. Aber hat Gotthelf beide Frauen ermordet oder doch nicht? Welches Motiv könnte er gehabt haben? Und warum war er wie vom Erdboden verschwunden? Fragen, die im Laufe der Ermittlungen beantwortet werden können. Ja, er war tatsächlich der Liebhaber der jungen Gräfin. Er hat aber für beide Morde Alibis - doch aus Diskretionsgründen schweigt er.

 

Derweil kommen sich Nechyba und Frau Aurelia langsam näher. Der beleibte Genießer-Inspector führt sich hier auf wie ein schüchterner Pennäler, der aber als Hobby-Koch und Gourmet das Wohlwollen dieser Frau findet.

 

Es vergehen zwei Monate, es kommt wieder einiges zusammen, da ist Nechyba jedoch von der Unschuld des Gotthelf überzeugt. Davon überzeugt ist auch seine Kaffeehaus-Freundschaft, der Journalist Leo Goldblatt. Nach dem Ausschlußverfahren überlegend, kommen beide zum selben Schluß. Doch wie dem Mörder seine Taten beweisen? Welches Motiv, das bleibt noch offen? Eifersucht, Geldgier, Frauenhaß?

 

Und just in diesem Moment ereignen sich gleich zwei weitere Morde auf einmal: Eine Baronin, die Tante der Gräfin, und deren Dienstmädchen werden ebenfalls erdrosselt aufgefunden - in der Wohnung der Baronin. In welcher zuvor auch die junge Gräfin gelebt hatte. Tatwaffe ist wiederum ein Seidenschal. Einen besseren Beweis für die Unschuld Gotthelfs gibt es nicht. Doch der nunmehr ermittelte Täter ist flüchtig, alle Fahndungen verlaufen ergebnislos...

 

Wie schon in der Überschrift gesagt, hat Loibelsberger mit diesem Roman einen Krimi vom Feinsten, edel wie ein Diamant, vorgelegt. Da geht es nicht vordergründig um „action", Spannung, Verfolgungsjagden, wilde Schießereien oder Schilderung von Brutalitäten. Nein, es geht in diesem Gesellschaftskaleidoskop behäbig zu - eben wie in der sogenannten guten alten Zeit. Und natürlich muß auch hier alles vorschriftsmäßig-bürokratisch behandelt werden.

 

Wobei diese sogenannte gute alte Zeit keinesfalls verherrlicht wird. Nein, Loibelsberger ist da klar gesellschaftskritisch, wenn er seinen beamteten Inspector Nechyba mit Bezug auf den Wiener Bürgermeister Dr. Karl Lueger sinnieren läßt: „Den dumpfen, kleinbürgerlichen Geist, der das Weltbild der Christlich-Sozialen prägte, empfand er als bedrückend, ärgerlich und auch gefährlich." (S. 198)

 

Auf diese Weise wird die Zeit des Wien zu Anfang des 20. Jahrhunderts lebendig, die Morbidität des späten Kaisertums deutet sich an. Zeit- und Lokalkolorit sind also stimmig, was auch durch die altertümlichen Sprache noch unterstrichen wird. Stimmig sind ebenso die einzelnen Personen und deren Charaktere: egal ob Beamtenschaft, urbanem Adel, Dienstbotenschaft, Kleinbürgertum oder deklassierten Eelementen angehörend. Das führt auch zu nachvollziehbaren Milieuschildungen, dies bis ins Detail. Das ermüdet keinesfalls, sondern belebt die Geschichte sogar. Glaubhaft ist selbst die Mesalliance der jungen Gräfin. Liebte man doch in jenen Kreisen Extravaganzen aller Art.

 

Ja, sprachlich und erzählerisch bietet diese Lektüre einen echten Hochgenuß. Doch es ist nicht nur dieser Hochgenuß, der überzeugt und Appetit aufs Weiterlesen macht. Es sind die diversen lokaltypischen Rezepte aus der Küche des Hofrates, ebenso wie die kleine Wiener Kaffeespezialitäten-Kunde, die nicht nur für weiteren, zusätzlichen Hochgenuß sorgen, sondern die wohl nicht nur beim Rezensenten das sprichwörtliche Wasser im Munde zusammenlaufen lassen.

 

Danke, Gerhard Loibelsberger, nicht nur für diesen Roman, sondern für die gesamte Nechyba-Reihe. Danke auch dem Gmeiner-Verlag, daß er ein solches Buch neuaufgelegt hat.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Gerhard Loibelsberger: Die Naschmarktmorde. Kriminalroman, 1.Neuauflage. 278 S. geb. Gmeiner-Verlag. Meßkirch 2020. 17,50 Euro. ISBN 978-3-8392-2705-3

 

 



 
13.10.2020

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
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