Ein Name, dessen militärischer Ruhm nie verblassen wird

WEIMAR. (fgw) 72 Jahre nach dem Ende des größten Krieges der Weltgeschichte ist bei der Edition Berolina die Biographie des vor 43 Jahren verstorbenen, nach vielen Aussagen wohl talentiertesten und bekanntesten Heerführers dieses Krieges, erschienen. Der Autorenname ist allerdings nur ein Pseudonym eines britischen Historikers und Slawisten...


Der Name des Mannes, dessen militärischer Ruhm nie verblassen wird, wird sowohl im Buchtitel als auch im gesamten Text auf westdeutsch ebenso ignorante wie falsche Transkription mit „Schukow" wiedergegeben. Korrekt aus dem kyrillischen Alphabet transkribiert heißt dieser Mann aber Shukow, Georgi Konstantinowitsch.

 

Leider erst im letzten Drittel des Buches allerdings gibt Autor „Ewers" mit wenigen Sätzen den für den Leser notwendigen Blick frei auf den glanzvollen Höhepunkt des von ihm beschriebenen berühmten Soldatenlebens und damit auf die Größe der von diesem erreichten Stellung im Lande Stalins:

 

Der Kalender zeigte den 24. Juni 1945. Auf dem Roten Platz in Moskau sind die Truppen unter dem Kommando von Marschall Rokossowski angetreten. Auf der Tribüne des Mausoleums steht Stalin. Mit dem Glockenschlag 10 Uhr vom Spasski-Turm des Kreml reitet auf seinem ihm von Marschall Budjonny geschenkten weißen Hengst der Marschall der Sowjetunion Georgi Konstantinowitsch Shukow auf den Platz. Er, und nicht Stalin, ist Abnehmender der Siegesparade der Sowjetarmee nach ihrem unter bitteren Opfern errungenen Sieg im grö0ten, erbarmungslosesten Krieg der Weltgeschichte. Die Fahnen der Besiegten fallen in den Staub des Platzes. Und er, der 48-jährige Marschall, glanzvoller und jedem Kind im Land bekannten Held der Kriegsjahre, erlebt den ehrenvollsten Tag seines seit 1915 währenden Soldatenlebens.

 

Es gehört nicht nur Mut dazu, über eine solche Persönlichkeit eine Biographie zu schreiben, sondern auch der Mut, sich über die Stimmungen der Zeit hinwegzusetzen. Wer schreibt denn heute, in Zeiten von Trump, Stoltenberg oder der NATO, über einen Sowjetmarschall? „Philipp Ewers", diplomierter Historiker und Publizist, fand diesen Mut, schrieb ein Buch, das genau in die Zeit passt, und edition berolina fand den Mut zur Publikation. Denn: Erinnerung ist dringend erforderlich. Erinnerung an die Geschichte, an militärisches Abenteurertum, das nur mit noch gr0ßerer Waffengewalt zu bezwingen war. Und Warnung ist nötig, Warnung vor neuen Abenteuern.

 

Der Autor beschreibt das Leben des 1896 in einem Dorf unweit von Moskau geborenen, zum Kürschner ausgebildeten, begeisterten Kavalleristen und späteren Marschalls, sehr nüchtern, ohne Emotionen. Das Buch liest sich anders als die bekannten Memoiren aus der Feder ehemals hochrangiger Soldaten. Es folgt dem Lebenslauf der Titelperson und ist, nach Meinung des Rezensenten, eben nicht mit „dunkelroter Brille" geschrieben, wie in einer Rezension im Internet vermerkt.

 

„Ewers" beschreibt einfach das komplizierte, militärischen Notwendigkeiten und gesellschaftlichen Umbrüchen unterworfene Leben Shukows, vom Soldaten bis zum Marschall. Als Historiker gelingt ihm dabei auch, alle in der Lebenszeit des Marschalls in der Sowjetunion stattgefundenen, oft drastischen, aus heutiger Sicht nahezu unglaublichen, Veränderungen und Brüche glaubhaft darzustellen. Der Rezensent findet alles wieder, was ihm aus der Historie in Erinnerung blieb.

 

Es beginnt mit der selbst in der sozialistischen Militärgeschichte wenig gerühmten, für Shukow aber ganz bedeutenden und von ihm ideenreich vorbereiteten und gewonnenen Schlacht von Chalchin Gol im Sommer 1939. Jener aus Sicht des Autors vernichtenden Niederlage der Japaner, die maßgeblich dazu beitrug, dass Japan später nicht mehr gegen die Sowjetunion antrat und die Truppen aus Fernost im Winter 1941 die Angriffsspitze der von Shukow vorbereiteten sowjetischen Gegenoffensive vor Moskau bildeten.

 

Dort in der mongolischen Wüste begann sein kometenhafter Aufstieg, und mit diesem Sieg vielleicht auch sein Überleben in der Zeit der großen „Säuberung" in der Sowjetarmee, die hier deutlich beschrieben wird.

 

Man begegnet im Buch allen wichtigen Ereignissen und Persönlichkeiten des Großen Vaterländischen Krieges. Shukow gehörte - als Stellvertreter des Obersten Befehlshabers, zur „STAWKA", dem politisch-militärischen Führungsgremium „für Alle und Alles". Und er war persönlich an allen Brennpunkten, ob an der Westfront, in Leningrad, Stalingrad, bei Kursk, der Operation „Bagration" und schließlich als Oberbefehlshaber der 1. Belorussischen Front am Berliner Reichstag.

 

„Ewers" setzt jedoch auch Zwischentöne, nennt Dinge, die in bisherigen Büchern fehlen. So beschreibt er, wie nebenbei, das Familienleben des Kriegshelden, nicht immer ganz linear, immer kompliziert, am Ende gar tragisch. An manchen Stellen der Biographie fehlen ein wenig die Emotionen. War der Autor jemals vor Moskau, sah die Barrikaden am heutigen Stadteingang? Hatte er so wenigstens eine Vorstellung, wie knapp hier der Sieg war in den eisigen Tagen und Nächten im Frühwinter 1941?

 

War er in Wolgograd und sah er, dass die Armeegefechtsstände im westlichen Stellhang der Wolga nur 300 Meter hinter der Hauptkampflinie lagen und dahinter der kilometerbreite, vereisende Strom? Hatte er damit eine Vorstellung davon, dass der Befehl, in dieser Stellung auszuharren, notgedrungen gegeben werden musste und es eben des eisernen, erbarmungslosen Willens Shukows bedurfte, diesen Befehl durchzusetzen?

 

Beschimpft wurde er dafür auch als „Bluthund", schreibt der Autor. Lobend spricht der Historiker über den T-34, nennt ihn die wohl entscheidende Waffe auf sowjetischer Seite.

 

Und spricht ausführlich über die Entwicklung der „Operativen Kunst", ein Begriff, der heutigen „Strategen" wohl eher suspekt, wenn nicht gar unbekannt, sein dürfte.

 

Viel Raum gewährt Ewers der Zeit Shukows nach dem Krieg. Der Autor führt den Leser durch die spannungsgeladene Zeit nach 1945 und die Wirren nach Stalins Tod 1953:

 

Der Sieg hat immer viele Väter, und der gefeierte Held dieses Sieges somit auch einflussreiche Neider. Und - auch ein Shukow soll „Beute" gemacht haben, in seiner Funktion vielleicht noch mehr als andere. Der Abstieg ist zunächst drastisch. Mit der Rehabilitierung erfolgt ein erneuter Aufstieg. Nur noch als Stellvertreter des Verteidigungsministers erlebt der einstige Held vom Chalchin Gol das neue Zeitalter der Kriegführung, die erste Truppenübung mit realen Atomwaffen in Troizkoje.

 

Shukow wird nach weiteren Querelen schließlich Verteidigungsminister und Mitglied des Präsidiums des Zentrakomitees der KPdSU, gehört damit gegen Ende seiner Dienstzeit zum höchsten Machtzirkel des Landes. Das Ende dieser wahrlich glanzvollen Karriere deutet Ewers mit der Ablösung Schukows als Verteidigungsminister an. Der Held des Krieges, so neue Intrigen, hätte einen Spalt zwischen Armee und Partei getrieben - ein Vorwurf, dem in jener Zeit und auch in späteren Jahren niemand gewachsen war.

 

Der Autor beschreibt, tatsächlich berührend, das Leben des Pensionärs und die schließlich glanzvolle, von ihm noch vor seinem 1974 erfolgten Tod erlebte Ausgabe seiner Memoiren, redigiert und begleitet von einer Gruppe von Militärs, deren Namen nochmals die Geschichte dieser Zeit dokumentiert.

 

„Ewers" vergisst nicht zu erwähnen: Der Name des Helden jenes Krieges wurde in der Sowjetunion (und in Russland) trotz aller zeitbedingten Verwerfungen im Land und in der Bevölkerung immer in Ehren gehalten. Ungeachtet der großen Anzahl tapferer Generale dieses unvergleichlichen Krieges, so der Autor, stand und steht der Name Shukow immer an deren Spitze, ein Vermächtnis, das sicher auch heute noch nicht zu unterschätzen ist.

 

Das Buch bringt Geschichte beklemmend nahe, dokumentiert sachlich den Weg des größten Militärs jener Zeit, eben „des Mannes, der Hitler besiegte". Man sollte es gelesen haben. Der Rezensent erlaubt sich hinzuzufügen: Unbedingt lesen!

 

 

Martin Kunze

 

 

Philipp Ewers (Pseud.): Schukow. Der Mann, der Hitler besiegte. 316 S. geb. Edition Berolina. Berlin 2017. 14,99 Euro. ISBN 978-1-95841-060-2

 

 



 
27.01.2018

Von: Martin Kunze
 
 
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