Ein neuer Kriminalroman vom Meister des Worte-Setzens

WEIMAR. (fgw) Michael Böhm war in seinem ersten Leben als exakter Schriftsetzer-Meister tätig. Und in seinem zweiten Leben hat er sich zu einem subtil-kreativen Wortesetzer-Meister entwickelt. Dafür steht neben seiner Trilogie um den „Herrn Petermann“ unbedingt auch sein neuester Krimi „Die zornigen Augen der Wahrheit“.


Schon der Klappentext hat es in sich und verspricht dem neugierigen Leser zweierlei: Zum einen eine spannende Geschichte, ein „kriminologisches Gesellschaftsporträt" und zum anderen einen stilistischen Lesegenuß aufgrund „leiser Töne". Und das Buch aus Böhms Feder hält tatsächlich auch, was dieser Verlagstext verspricht.

 

Womit beginnen? Mit der erzählten Geschichte? Oder mit der Komposition dieser Geschichte? Dem kongenialen Wortesetzer entsprechend soll der Anfang mit der Struktur gemacht werden. Michael Böhm hat seinen Roman in acht Kapitel mit aussagekräftigen, nachdenklich stimmenden Überschriften unterteilt. Sieben dieser Kapitel sind dazu dreigeteilt: Sie beginnen stets mit „Der Skribent" - das ist der Ich-Erzähler, der dem Leser seine Beobachtungen und Wertungen des Geschehens mitteilt. Es folgen dann - allgemein erzählt - „Der Arzt" und „Der Fotograf". Lediglich das letzte Kapitel läßt nur den Skribenten zu Wort kommen. In fünf Kapiteln gibt es jeweils noch eine weitere Erzählebene mit zunächst rätselhaften Titeln. Später erfährt man, daß diese Titel dem „Pentagramm des Pythagoras" entnommen sind. Übrigens, in jeder dieser fünf Einschübe kommt ein Mann zu Tode. Was zunächst stets nach einem Unfall aussieht, gerät bald zur Serie, die nicht mehr nur nach Unfällen aussieht. Sondern nach Morden...

 

In den Abschnitten von Arzt und Fotograf wird dazu noch breit deren privates berufliches und amouröses Leben erzählt, was das „kriminologisches Gesellschaftsporträt" sogar „runder" und glaubhafter macht.

 

Was aber geht ab in „der Stadt"? Der Skribent, „Gauß" genannt, kehrt aus den USA - nach 40jähriger Abwesenheit - aus den USA wieder in diese ungenannte Heimatstadt zurück. Warum, das bleibt unklar. Kaum angekommen, trifft er auf den Arzt, ehedem Mitschüler im Gymnasium gewesen. Dieser Arzt gehört neben weiteren sechs akademischen Honoratioren zur geheimen und doch gar nicht so nicht geheimen Bruderschaft „CC"- die Congregatio Cicero. Diese lenkt mehr oder weniger offen das politische und geistig-moralische Geschehen in der Stadt (siehe S. 31 und 128). Zumindest bis in die Jetzt-Zeit. Denn in der Stadt brodelt es neudings. Es brodelt, weil es bei der jüngsten Kommunalwahl Manipulationen bei den Briefwahlunterlagen gegeben haben soll. Hinter diesen soll ein gewisser Birgmann stehen, ein „Baulöwe", Immobilienspekulant und vor allem ein skrupelloser Emporkömmling. So stehen sich in der Stadt die alte „gottgewollte Ordnung" und der Machtanspruch des neureichen Neoliberalismus gegenüber (siehe S. 131).

 

Der Skribent beobachtet all dies über Monate hinweg, sucht Gespräche mit den Honoratioren, anderen Bürgern und ganz besonders welche mit dem Fotografen, der ebenfalls das Geschehen mit wachen Augen beobachtet und in dieses mitunter sogar eingreift.

 

Aber weder der Skribent noch der Fotograf können sich das Geschehen - angebliche Wahlmanipulation und die fünf Todesfälle - erklären. Wie hängt das beides zusammen? Denn nichts verbindet die zu Tode gekommenen Männer... Diese waren Vorsitzender des städtischen Bauausschusses, Personalmanager des Flughafens, dann sogar der Stadtpfarrer (Mitglied der Bruderschaft!), ein Landwirt (Cousin des Pfarrers) und schließlich noch der Stadtgärtner.

 

Obwohl es sich bei diesem Roman um einen Krimi handelt, agieren hier keine Kommissare, wird der Leser in keiner Weise mit polizeilichen Ermittlungen konfrontiert. Nur eben mit den Beobachtungen und Mutmaßungen von Skribent und Fotograf. Der Skribent trifft sich übrigens schließlich sogar mit dem Baulöwen zu einem Gespräch.

 

Wie geht das alles aus? Klärt sich alles auf? Wie klärt sich alles auf? Da die Todesfälle tatsächlich Morde waren, wer war der Täter? Hatte dieser einen Auftraggeber? Und wo lag das Motiv bzw. die Motive?

 

Und auch noch dies dürfte den Leser berühren: Wer eigentlich ist „Gauß", der Skribent? Warum kehrte er ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt aus den USA zurück? Umgibt ihn etwa selbst ein „dunkles Geheimnis"? Was treibt ihn nun hier in der alten Heimat um? Und warum kehrt er nach Monaten ebenso plötzlich wieder in die USA zurück? Schließlich, gibt es Gerechtigkeit, gibt es Bestrafung? Diese Frage stellt sich angesichts der Gewißheit des Skribenten, daß niemand der Strafe des Himmels entkomme...

 

Lieber Michael Böhm, vielen Dank für dieses intellektuelle, schöngeistige Buch.

 

 

Siegfried R. Krebs

 

 

Michael Böhm: Die zornigen Augen der Wahrheit. Roman. Klappenbroschur. 182 S. Edition 211 im Bookspot-Verlag. Planegg 2020. 12,95 Euro. ISBN 978-3-95669-133-1

 



 
16.02.2020

Von: Siegfried R. Krebs
 
 
<- Zurück zu: Freigeist Weimar

Das könnte auch andere interessieren? Informieren Sie Ihre Freunde:

meinVZ